Die Erkenntnis von der wesenhaften Natur

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Eine rationale Weltauffassung verlangt, von einer materialistisch-atheistischen Philosophie Abstand zu nehmen. Das behauptet diese dreiteilige Artikelserie mit Karl Heinz Haag. Der erste Teil war der Religionskritik gewidmet, dieser zweite wendet sich der Ökonomiekritik zu, der dritte wird die Quersumme ziehen und eine organisationspolitische Schlussfolgerung versuchen. Deutlich sollte geworden sein: Der Text verhandelt kein innerphilosophisches, vielleicht für Fachleute interessantes Thema, sondern es geht ihm um die Krise der Gegenwartsgesellschaft. Deren Umwelt ist in einem Maße ramponiert, das den Begriff der Krise wahrlich nahelegt. Die Verheerungen der äußeren Natur, deren Zeuge wir sind, gehen aus der auf Privateigentum und Warenaustausch basierenden Ökonomie hervor. Der Analytiker dieser Kategorien, Karl Marx, war voller Hochachtung für die Rationalität der Naturwissenschaften; sein Hauptwerk wollte er ursprünglich Charles Darwin widmen. Dem Atheismus seiner Frühschriften ist er in seinem reifen ökonomischen Werk treu geblieben. Haags Behauptung „daß es einen Gott gibt,“ hätte er wohl kaum unterschrieben.

Haags Zitat geht weiter: „Diese Gewissheit ist erreichbar – in logischer Strenge jedoch nur auf dem steilen Pfad zu der physikalisches Wissen transzendierenden Erkenntnis, daß kosmische Prozesse ein gestaltendes Prinzip voraussetzen: eine allmächtige Vernunft, die konstitutiv ist für die Auswahl und Koordination der Gesetze, die in jenen Prozessen wirksam sind.“1 Für logische Strenge wiederum hatte der Kritiker der politischen Ökonomie sehr viel übrig.

Liest man die mit dem allgemeinen Arbeitsprozess befassten Stellen des Marxschen Werks, stößt man auf den von Giambattista Vico übernommenen Gedanken von der Naturgeschichte, die kein Produkt der Menschen ist, im Unterschied zu ihrer Geschichte.2 Dem Arbeitsvermögen kommt nicht die Schöpferkraft zu, den bearbeiteten Naturstoff selbst hervorzubringen; die menschliche Arbeit wird nicht als der säkulare Gott präsentiert. „Zieht man die Gesamtsumme aller verschiednen nützlichen Arbeiten ab, die in Rock, Leinwand usw. stecken, so bleibt stets ein natürliches Substrat zurück, das ohne Zutun des Menschen von Natur vorhanden ist.“3 Die erste Natur ist mit menschlicher Arbeit vermittelt, aber Vermittlung gibt es nicht ohne Unmittelbares. Die Marxsche Dialektik ist keine Hegelsche; die gegenständliche Natur ist keine Entäußerung des Geistes.

Natur, die sich an Natur abarbeitet

Der Gebrauchswerte erzeugende, unabhängig von seiner historisch-bürgerlichen Form betrachtete Arbeitsprozess, ist eine ewige Naturnotwendigkeit, ein zwischen menschlicher und äußerer Natur vor sich gehender Prozess, in den beide geformt eingehen. Der Mensch mit seinem „Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan usw.4 der jeweilige Naturstoff mit seinen spezifischen Qualitäten. Natur, die sich an Natur abarbeitet: Man hatte sich einmal angewöhnt, aus solchen Sätzen eine materialistische Ontologie herauszulesen. Es wäre eine paradoxe Ontologie, denn über das Wesen der Materie, bevorzugter Gegenstand einer überhistorischen Wesenslehre, gibt sie keine Auskunft. Marx belässt es dabei, von der „immanente(n) Form seiner Substanz5 zu schreiben, wenn er beispielhaft über den Naturstoff Holz spricht. („…das Holz erhält sich als Baum in bestimmter Form, weil diese Form eine Form des Holzes ist; während die Form als Tisch dem Holz zufällig ist, nicht die immanente Form seiner Substanz.“6 Diese Form zu bestimmen, unterlässt er jedoch. Einen Subjekt und Objekt übergreifenden materialistischen Monismus wird man bei ihm nicht finden.7 Marx zeigt, worin die Verdinglichungen der kapitalistischen Ökonomie ihre Ursache haben, er hat nicht den Ehrgeiz, zu zeigen, worin die geformte Natur gründet.8

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In der immanenten Form verborgen ist das Gesetz der Produktion und Reproduktion der Naturstoffe. Mit dieser Form ist das produktive Vermögen der ersten Natur, nicht das der zweiten, der bürgerlichen Ökonomie, thematisch.9 Auch ist die immanente Form eines Naturstoffes mit den physikalischen Gesetzen, denen er gehorcht, nicht identisch. Die Form setzt der technischen Verfügung Grenzen und der theoretischen Durchdringung der Naturstoffe ebenso. Das sich dem menschlichen Begriff Entziehende deshalb für null und nichtig anzusehen, fällt dem Kritiker der politischen Ökonomie nicht ein. Unter nachmetaphysisches Denken lässt sich seine Kritik nicht subsumieren. Seine Analyse unterscheidet sich von der der klassischen Nationalökonomie durch ihren Bezug auf den Wesensbegriff. Der bürgerlichen Wissenschaft hält er ihr Weltverständnis vor, denn ihr sei die wesenlos gedachte Natur doch „rein Sache der Nützlichkeit.“10 Er macht dagegen ein „An-Sich-Höheres, Für-Sich-Berechtigtes“11 aus, und sieht es verletzt im Dasein der zur Arbeitskraft herabgewürdigten Proletarier wie der „erschöpften Erde“.12

Die Marxsche Analytik durchdringt den Arbeitsprozess als allgemeinen, ewig-notwendigen wie auch als historisch-spezifischen. Der dem Kapitalprinzip unterworfene Arbeitsprozess gilt einem Ding, dessen Gegenständlichkeit bloßer Schein ist. Geld und Kapital sind keine Naturgegenstände wie ein Apfelbaum. Der Baum trägt jedes Jahr neue Früchte; dass aus Geld mehr Geld wird, entspringt jedoch keinem Naturstoff. Geld als vermeintliches Naturding: Marx destruiert diesen Schein, indem er ihn bis zu seinem Ursprung zurückverfolgt.

Das An sich ist nur ein Für uns

Um eine Produkt A gegen ein Produkt B auszutauschen, muss man von seinem Gebrauchswert abstrahieren. „Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich Ding. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit,“13, sondern das Produkt einer Abstraktion: menschliche, in Zeit gemessene Arbeit. Die gibt es in der Natur aber so wenig, wie es den Obstbaum neben dem Apfel-, Birnen- oder Kirschbaum gibt. Die Zeit ist kein im Raum stehender, sinnlich wahrnehmbarer Körper. Die zur Produktion einer Ware notwendige Arbeitszeit ist es, die im Geldmaß ihren Ausdruck findet. Geld ist demnach kein aus der Natur hervorgegangenes Ding. Aber als solches erscheint es. Diesen Schein löst Marx mit Hegels Denkfigur auf: Was dinghaft und als ein An sich erscheint, ist nur ein Für uns.

Marx, den Produktionsprozess des Kapitals gedanklich durchdringend, knüpft an Hegels Wesensbegriff an. Das ist von der Sache her geboten, denn die falsche Verdinglichung steht zur Kritik. Ist dagegen die erste Natur und der allgemeine Arbeitsprozess Gegenstand der Reflexion, ist dieses Wiederanknüpfen an Hegel keineswegs geboten, sondern das Kantische Ding an sich ist thematisch. Der äußeren Natur eignet ein Unverfügbares. Marx hat der Differenz von Natur und Gesellschaft nicht immer Rechnung getragen.14 Das Ding an sich-Problem stellt sich zweimal.15 Geld und Kapital sind keine unerkennbaren Dinge, aber den Naturstoffen kommt eine unerkennbare immanente Form zu. Ihr muss sich der Arbeitsprozess anschmiegen, und straflos lässt sich diese Form nicht verletzen.

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Es sollte hier deutlich geworden sein: Haag, auf Differenzierung insistierend, führt keine bloß innerphilosophische, zwischen Kant, Hegel und Marx anhängige Debatte fort, sondern er handelt von der ökologischen Krise, an der die Erde würgt. Die von der großen Industrie, dem Automobil, der Landwirtschaft emittierten Gase und Abfallprodukte haben eine Quantität erreicht, die den Stoffwechsel von Natur und Gesellschaft in hohem Maß gefährdet. Das in die Atmosphäre abgegebene Carbon Dioxid verteilen die Strömungen der Luft noch in die entlegensten Winkel des Erdballs. Und die Strömungen im Meer transportieren aus Mitteleuropa stammende Plastikfolien bis in die einmal ewiges Eis genannte Arktis. Erhofften sich die Sozialisten des 19. Jahrhunderts von den entfalteten industriellen Produktivkräften noch die Konkretisierung der Utopie, gehört das Wort ‚Dystopie’ beinahe schon zum heute gebräuchlichen Wortschatz.

Die Natur hat sich durch ihre unablässige Aneignung in eine beinahe restlos vermittelte Gegenstandswelt verwandelt.16 Was die konservative Kulturkritik mit Heidegger dem ‚Gestell‘ und der menschlichen Hybris anlastet, ist dem prozessierenden Wert geschuldet. Er will seine Quantität ins Unendliche ausweiten; er kennt keinen Halt, muss die Produktion und die Konsumtion zum Schaden der Natur immerfort ausweiten. Und die nachmetaphysischen Philosophien mit ihrem Hauptsatz, die äußere Natur sei bar eines Wesens, liefern der ökonomischen Praxis die theoretische Rechtfertigung zu.

Zu wechselseitiger Hilfe und Achtung verpflichtet

Auch die menschliche Natur gilt solcher Weltauffassung für wesenlos, und was wesenlos ist, ist freigegeben als Mittel für anderes. Dass die Menschen bloß fungibel sind und als Produzenten und Konsumenten dem ökonomischen Zweck unterworfen, dass also die Unvernunft herrscht und das Mittel zum Selbstzweck geworden ist, lässt sich aus der Sicht einer solchen positivistischen Weltauffassung nicht kritisieren. Denn woran wollte der moralische Einspruch appellieren? An die Humanität? In der für wesenlos erachteten Welt einer dieser wohlklingenden, aber nicht zu begründenden höheren Werten.

Den Individuen ist ihre wesensmäßige Gleichheit abgesprochen. Sie sind in Konkurrenz zueinander gesetzt, und in dieser zu bestehen, macht den Sinn ihres Lebens aus. Haag greift Leibniz‘ Bild von den fensterlosen Monaden auf: Blinde, gegeneinander abgesperrte, dem Gedanken an Solidarität entfremdete Individuen.17 Scheint aber die Unwahrheit dieses monadologischen Bild des Einzelnen und seiner Gesellschaft auf und erfassen die Individuen ihre metaphysische Wesensgleichheit, sehen sie sich zur wechselseitigen Hilfe und Achtung verpflichtet.

Die Gesellschaftsmitglieder als Epiphänomene ihres ökonomischen Zusammenhangs: Dagegen stand seit ihren Anfängen die sozialistische Linke, und die ökologische ergänzte die Kritik der Gesellschaft, indem sie die Folgen unbeherrschter Naturbeherrschung ins Bewusstsein hob. Die den bestehenden Verhältnissen den Beifall verweigernden Kräfte, schwach wie sie sind, würden ihre Position immens stärken, würden sie aufgreifen, was sich Haag verdankt: Die Erkenntnis von der wesenhaften Natur.


(1) Haag, Karl Heinz, Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung, Frankfurt am Main, 2005, p.115
(2) Vgl. Marx, Karl, Das Kapital I, MEW 23, p. 393
(3) Ibid p. 57
(4) Ibid p. 85
(5) Marx, Karl, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1975, p.265
(6) Ibid
(7) Der Sowjetmarxismus propagierte einen solchen Monismus. Oskar Negt sah darin eine „atheistische Ersatzbildung“, eine „lückenlose Weltanschauung“ mit dem Zweck, die durch Stalins forcierte Industrialisierung geschundenen Sowjetvölker ruhig zu stellen. In (Vorwort): Nikolai Bucharin Abram Deborin, Kontroversen über dialektischen und mechanistischen Materialismus, Einleitung, Frankfurt a. M. 1974, p. 38
(8) Im Unterschied zu Friedrich Engels, der das Wesen der Natur in dialektischen Bewegungsgesetzen zu finden glaubt. Seine Kosmogonie erklärten der Sowjetmarxismus wie auch die alte Sozialdemokratie zur kanonischen Schrift. Vgl. Dialektik der Natur. MEW Bd. 20 und zur Kritik dieser Schrift: Haag, Fortschritt, p. 108 ff.
(9) Die Unterscheidung geht auf Hegel zurück. Die erste Natur ist ihm die außerhalb des Menschen bestehende Dingwelt, die zweite die des objektiven Geistes. Marxens Begriff der zweiten Natur umfasst die von der Ökonomie dominierte Welt des Staates, der Gesellschaft, des Rechts. So Schmidt, Alfred in: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Frankfurt a. M., Köln, 1974
(10) Grundrisse, p. 313
(11) Ibid
(12) Vgl. MEW 23, p. 253. Im Das Kapital ist der Wesensbegriff Feuerbachs kritisch und antinominalistisch gewendet. „In der bürgerlichen Welt“, heißt es hier, spielt „ein General oder Bankier eine große, der Mensch schlechthin dagegen eine sehr schäbige Rolle.“ Darauf verweist Schmidt, Alfred, in: Emanzipatorische Sinnlichkeit, Ludwig Feuerbachs anthropologischer Materialismus, Frankfurt a. M. 1977, p. 21
(13) MEW 23, p. 52
(14) Vgl. Habermas, Jürgen, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt am Main, 1977, vor allem p. 36 ff und Wellmer, Albrecht, Kritische Gesellschaftstheorie und Positivismus, Frankfurt am Main, 1977, vor allem p. 69 ff
(15) Vgl. Krahl, Hans-Jürgen, Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse, in: Konstitution und Klassenkampf, Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Revolution und proletarischer Revolution, Frankfurt am Main 1977, p.53. Krahl war Hörer bei Haag und referierte in dessen Lehrveranstaltungen. Vgl. Kocyba, Hermann, Wesenslogik und Gesellschaftskritik, Karl Heinz Haag und Hans-Jürgen Krahl in: Kern, Peter, Hrsg., Kritische Theorie als Metaphysik, Frankfurt a. M. 2025
(16) „…in gewissem Sinn ist auch tatsächlich nichts mehr draußen, nichts unbetroffen von der totalen Vermittlung.“ Adorno, Theodor W., Negative Dialektik, Frankfurt am Main, 1970, p. 349
(17) Vgl. Haag, Zentrale Probleme der abendländischen Philosophie in: Kritische Theorie als Metaphysik, Hrsg. Kern, Peter, Frankfurt a. M. 2025, p. 205

Peter Kern
Peter Kern hat Philosophie, Politik und Theologie in Frankfurt am Main studiert, war kurzzeitig freier Journalist, dann langjähriger politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall und ist nun wieder freier Autor und Mitarbeiter der Schreibwerkstatt Kern (SWK).

14 Kommentare

  1. Moin,
    es ist schon eine merkwürdige Diktion, in der der Text verfasst ist – und er schmeißt mit Ausdrücken herum, als ob seit Hegel, Marx, Adorno bis heute nur eine seltsam unklare marxisitisch-dialektische Philosophie herrsche.
    Was ist eine „wesenhafte Natur“, die es zu erkennen gelte? Man merkt an solchen Sätzen, dass hier die Frankfurter Kritische Theorie noch immer fröhliche Umsände feiert und noch immer ihre Suche nach einem verborgenen Gott der negativen Dialektik aufgegeben hat.
    Dabei haben, wie mein Vorrredner schon zu recht anmerkt, gerade Philosophen wie Frege, Russell und Wittgenstein das Sagbare genauer zurecht gerückt. Inzwischen findet auch die moderne Analytische Philosophie den Weg zu einer sprach-logisch begrenzten und umgrenzten Metaphysik. Und wenn es darum geht, über die Fragen zu spekulieren, wie Bewusstsein entstanden sei, wäre eine Konsultation der verschiedenen Diskussionen aus der Theory of Mind und der modernen Neurowissenschaften zumindest einen Blick wert. Und wenn man unbedingt in eine Spekulation über den Übergang von Anorganischem in Organisches fallen will, ist zumindest ein Blick in Thomas Nagel „Geist und Kosmos“ sehr empfehlenswert.

    1. Sie halten also die Lösung des Kantischen Ding an sich-Problems, wie sie die Analytische Philosophie gegeben hat, für überzeugend? Das muss man Ihrer gereizten Antwort entnehmen. Und verstehe ich Sie richtig: Sie lesen aus Nagel eine Zustimmung heraus für eine neurowissenschaftliche Theorie des Bewusstseins? Meine Lesart des genannten Buchs hat das Gegenteil ergeben.
      Ginge es um theoretische Physik und – sagen wir – die Schrödingergleichung, wäre die zu erwartende Reaktion eines Unbedarften: Sorry, da kenne ich mich nicht aus. Fällt ein Begriff wie „intelligible“ oder „wesenhafte Natur“ ist leider nicht die gleiche Reaktion zu erwarten, sondern man kennt sich gleich aus und urteilt. Was hielten Sie davon, wir diskutierten über das genannte Problem, statt dass Sie sich in name dropping ergehen?

      1. Ich weiß nicht, auf welche Antwort der Analytischen Philosophie auf Kants Ding an sich Sie sich beziehen; nach meiner Kenntnis wird Kants Ding an sich seit langem überhaupt nicht mehr ernst genommen oder diskutiert. Sollte ich da falsch liegen, könnten Sie mich mit einer Quelle beglücken. Die einzige Interpretation vom Ding an sich hat sich meines Erachtens Arthur Schopenhauer geleistet, der ihn im Willen lokalisiert hat – und interessanterweise hat noch von kurzem der Neurowissenschaftler Christof Koch (Allen Institute für Brain Science) sich in einem Gespräch in Sternstunden der Philosophie gerade darauf bezogen.

        Ich habe auch nicht behauptet, dass Nagel eine „Zustimmung“ für eine neurowissenschaftliche Theorie des Bewusstseins in seinem „Geist und Kosmos“ ausgesprochen hat. Was Nagel aber sehr wohl darin denkt, ist – bei allem Atheismus, zu dem er sich bekennt – dass bisherige Antworten nicht befriedigen und er damit die Zukunft offen lässt, aber der Evolutionstheorie nicht in dem Fall zustimmt.

        Genau das ehrt ihn im Vergleich zu einer sehr gewagten Behauptung, dass Gott „denknotwendig“ sei, worin sich wieder ein Dogmatismus von Linksheglianern, Marxisten et al herauslesen lässt. Allein so eine Behauptung über etwas, von dem man nichts sagen kann, weil man keine Erfahrung davon hat, ist für mich eine Hybris; genau wie die nicht weiter erklärte „wesenhafte Natur“.

        Womit ich auch noch auf Ihre Bewertung meiner „gereizten Antwort“ eingehen möchte. Ich habe während meines Philosophiestudiums genug Adorno imitierende Adepten begegnet, die damals in Mode waren mit ihren Versuchen, seine Sprache nicht nur nachzuahmen, sondern noch mehr zu verunklarten, als er selbst es schon tat. Und genau so habe ich Ihren Beitrag empfunden.

        Aber Sie haben mich indirekt sowieso nicht als philosophisch nicht satisfaktionsfähig eingestuft …

        1. Sehr geehrter Herr König,
          Sie berufen sich auf die Analytische Philosophie, aber Ihnen scheint entgangen zu sein, dass sie aus der Ablehnung jeder Metaphysik – das Ding an sich oder der intelligible Gegenstand stehen pars pro toto für Metaphysik – hervorgegangen ist. Haben Sie Carnap nicht gelesen, z. B. seine „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse?“ Sein Ideal der Philosophie ist eine, deren Sätze den Formeln der Naturwissenschaften gleichen. Dies ist die Einschränkung des Wirklichen auf seine physikalisch fassbaren Eigenschaften. Verbannt man auf diese Weise die Metaphysik aus der Philosophie, entsteht aber ein Problem, das man dann lösen muss: Wie ist die Möglichkeit naturwissenschaftlicher Gesetze zu denken, ohne eine gegebene Ordnung der Welt, eine Ontologie. Was ist Ihre Lösung? Bitte lassen Sie uns diskutieren, statt Dampf abzulassen.

          1. Sehr geehrter Herr Kern,

            zunächst berufe ich mich mit keinem Satz auf die Analytische Philosophie, aber ich nehme sie wahr. Sie ist im übrigen nicht von Carnap hervorgegangen, eher würde ich da Philosophen wie Frege, Russell oder Wittgenstein benennen. Und inzwischen wendet sie sich wieder der Metaphysik zu (siehe Axel Hutter „Sprachanalyse und Metaphysik“, 2025), allerdings sich bewusst über die Begrenzung des Sagbaren. Und leider muss ich mich wiederholen: Kants Ding an sich ist mW schon lange kein Gegenstand der modernen Philosophie mehr.

            Ich habe Thomas Nagel erwähnt, weil er für mich ein wichtiger Vertreter der Theory of Mind ist. Da gibt es zahlreiche Überlegungen, wie Geist und Bewusstsein entstanden sein könnten oder funktionieren. Dass wir aus Materie bestehen und unser Geist vermutlich eine Funktion von Materie (Gehirn) ist, scheint derzeit die überwiegende Meinung zu spiegeln, auch in der Frage von Willensfreiheit.

            Aber eine Philosophie, die „Gott als denknotwendig“ postuliert, scheint mir fern jeglicher Realität und spekuliert im Nebulösen – und gleichzeitig gibt sie sich dogmatisch. Es ist eine, die sich fern wissenschaftlicher Erkenntnisse insb. der Naturwissenschaften hält. Und Philosophen, die diese Ferne pflegen, sind mir zumindest suspekt.

            Eine Lösung habe ich nicht zu bieten. Interessanterweise ist das Reden von Naturgesetzen zu einer Zeit entstanden, als auch die Rede von Naturrecht entstand. Wer gibt der Natur Gesetze? Ist das Ihre Frage? Meine vorläufige Antwort ist und bleibt der Mensch – wie er auch „Gott“ erfunden hat, weil er keine Antwort auf bestimmte Phänomene hat. Um es mal plastischer zu sagen: Der so genannte Urknall, aus dem wir hervorgegangen sind, fand vor etwa 13,8 Mrd. Jahren statt. Wenn Sie einen Auslöser für den Urknall suchen, bleibt Ihnen das überlassen. Ich begnüge mich mit Kant’s Aporie, dass die Welt (k)einen Anfang hat. Wer weiß, ob es nicht vor dem Urknall ein Universum gegeben hat, das sich zusammengezogen und wieder plötzlich expandiert ist, und ob unser Universum irgendwann – wenn wir beide längst wieder zu Sternenstaub geworden sind – sich wieder zu einem Punkt zusammenziehen wird, … als ewiges Werden und Vergehen (ohne einen ersten unbewegten Beweger des ontologischen Gottesbeweises) – woher soll ich das wissen?

  2. Danke schön für Ihre Bereitschaft, zu einem freundlichen Umgangston zurückzufinden. Wir sollten unsere Debatte nicht überfrachten mit Nebensächlichem, z. B. der Frage, wer steht am Beginn der Analytischen Philosophie. Lassen Sie uns über den zentralen Streitgegenstand diskutieren. Sie halten, wenn ich Sie richtig verstehe, a) das Reden über ein Ding an sich und b) die denknotwendige Gottesinstanz für eine dogmatische Setzung. Dazu wäre folgendes zu sagen: Mit dem Ding an sich behauptet Kant die hinter dem erscheinenden Naturgegenstand liegende Substanz, die uns das Einzelding als zu einer Gattung gehörend und stets mit den gleichen biologischen Attributen versehen präsentiert. Wäre der Naturgegenstand völlig vereinzelt, das Allgemeine demnach inexistent, könnten wir an dem Gegenstand nichts erkennen, was als Naturgesetz Gültigkeit beanspruchen kann. Das Allgemeine ist mithin denknotwendig, auch wenn es sich der sinnlichen Gewissheit oder dem Experiment entzieht. Diese Denknotwendigkeit lassen Sie nicht gelten, „weil man keine Erfahrung davon hat.“ Sie halten sich an die Analytische Philosophie, der nur als valide gilt, was sich mit der Methodik der physikalischen Wissenschaften ausmachen lässt.

    Diese Philosophie gesteht der Natur zwar einen logischen Aufbau zu, aber der verdanke sich keiner Struktur der Objektwelt, sondern bloß subjektiven Ordnungsprinzipien. Auch hier gehen Sie mit, wenn Sie auf meine Frage: „Wer gibt der Natur Gesetze“ entgegnen: „Meine vorläufige Antwort ist und bleibt der Mensch – wie er auch ‚Gott‘ erfunden hat, weil er keine Antwort auf bestimmte Phänomene hat.“ Demnach wären die Naturgesetze subjektive Schöpfungen der menschlichen Vernunft. Einen solchen Idealismus handelt sich jede Theorie ein, die der Natur ihr Ansichsein abspricht. Sie sprechen von Dogmatismus; hier ist er zu finden.
    Das Dogmatische sehen Sie jedoch auf der Gegenseite angesiedelt: „Aber eine Philosophie, die ‚Gott als denknotwendig‘ postuliert, scheint mir fern jeglicher Realität und spekuliert im Nebulösen – und gleichzeitig gibt sie sich dogmatisch. Es ist eine, die sich fern wissenschaftlicher Erkenntnisse insb. der Naturwissenschaften hält. Und Philosophen, die diese Ferne pflegen, sind mir zumindest suspekt.“ Die in meinem Text wiedergegebene Metaphysik Haags hält sich von den Naturwissenschaften keineswegs fern, im Gegenteil. Er untersucht die Wissenschaften erkenntnistheoretisch und bremst dort ein, wo man sie zur welterklärenden Philosophie überdehnt. Die Naturgesetze, so Haag, geben Auskunft über Sektoren der Natur. Man bekommt von ihnen – durch Experiment und Trial & Error – Antworten auf ganz eingeschränkte Fragen, auf messbare Wenn- dann-Beziehungen zwischen empirischen Vorgängen.
    Lassen Sie mich beispielhaft argumentieren: Eine Wenn-Dann-Beziehung herrscht zwischen Pflanze und Fotosynthese. Das mit der Fotosynthese formulierte Gesetz regiert einen Teilprozess des Pflanzenwachstums, es erklärt nicht das Sein einer Pflanze. Damit diese entsteht, braucht es mehrere solcher Naturgesetze. Diese sind bloß notwendige Mittel der Erzeugung eines Körpers, sie sind nicht das Ganze. Naturgesetze und Naturstoffe müssen zweckmäßig zusammenwirken, aber ihre zweckmäßige Organisation lässt sich nicht wiederum selbst als Naturgesetz fixieren und per Experiment beweisen. Das organisierende Prinzip gehört einer physikalisch nicht zugänglichen Dimension an, aber ohne diese Dimension die Natur zu denken, heißt, sie als Produkt eines reinen Zufalls anzusehen. Es sei denn, es ließe sich das fundamentale, alles bestimmende Gesetz finden, das die partikularen Gesetze so koordiniert, dass die Genese der Welt und ihre logische Ordnung daraus folgt.
    Haags vorgeschlagene Lösung: Statt der unplausiblen Rede von der irrationalen Selbstorganisation der Natur Glauben zu schenken oder den Zufall gleichsam zu vergöttlichen, die Rede von Gott wieder aufzunehmen. Da die zweckmäßige Auswahl der Naturstoffe und -gesetze sich keinem materiellen Stoff verdankt, ist es vernunftgemäß, ein immaterielles gestaltendes Prinzip, ein „Prinzip von höchster Vernunft,“ anzunehmen, so Haag. Ist dies Dogmatismus, Herr König, oder eine nachvollziehbare Argumentation?
    Es ist im Übrigen auch eine politische Argumentation: Eine vermeintlich wesenlose Natur ist eine auf Ausdehnung, Masse, Geschwindigkeit und Energie reduzierte Größe. Als solche ist sie zum Material ihrer Beherrschung zugerichtet. Wäre begreiflich, dass sie einen Schöpfer hat, wäre der Bewusstseinswandel da, den es braucht, damit die Natur nicht vor die Hunde geht. Das ist die aus Haags Metaphysik stammende Verantwortungsethik.

    1. Moin,

      es fällt mir schwer, auf Ihre Replik zu antworten, weil ich den Eindruck habe, dass wir – obschon wir beide Deutsch schreiben – aneinander vorbeireden. Nur ein Beispiel: Ich habe geschrieben, dass unter modernen Philosophen Kants Ding an sich keine Rolle mehr spielt (schon der Neukantianismus der Marburger Schule hat ihn zurückgewiesen). Sie machen daraus, dass ich ihn „als dogmatische Setzung“ sehe. Das ist ein Verdrehen meiner Aussage. Und dann erklären Sie mir das „Ding an sich“ in einer ziemlich – sorry – verquasten Sprache, dabei lässt es sich nach heutigen Denken sehr viel einfacher zeigen. Nach Kant sehen/erkennen wir die Welt und ihr Dinge so, wie sie uns erscheinen und nicht wie sie sind. Das hängt damit zusammen, dass wir bestimmte (12) Kategorien des Verstanden haben, die unsere Wahrnehmung bestimmen – können Sie gern bei Kant nachlesen. Wenn Sie ein einfaches Beispiel wollen: Eine Katze oder ein Insekt nimmt die Welt wegen der Facettenaugen ganz anders wahr als wir Menschen mit unseren Augen. Ein Fledermaus mit ihrem Ultraschall-Sensoren erst recht. Für diese Wesen ist die Wahrnehmung ihrer Welt eine andere als die von uns Menschen. Und da diese Kategorien uns in unserer Wahrnehmung „einschränken“, sehen wir die Welt so wie sie uns erscheint.

      Die Vernunft – also das Vermögen zu schließen und Urteile zu fällen – bedrängt uns mit Fragen, die wir weder beantworten noch abweisen können. Daher hat Kant die Frage gestellt „was kann ich wissen“ und die Erkenntnis begrenzt. Das führte schließlich nach vielen Seiten zu den Aporien – und nach diesen kann man sowohl „begründen“ – nicht beweisen -, dass die Welt einen Anfang hat oder keinen Anfang hat, usw. Können Sie gern dort nachlesen – wobei Kants Sprache zu verstehen trotz mehr als 200 Jahre Abstand mir leichter fällt als Ihre Sätze, die mir an den Arkana des Dialektischen Materialismus geschult zu sein scheinen.

      Zufall: Wenn Sie in die moderne Quantentheorie schauen, dann können Sie nicht bestimmen, ob Schrödingers Katze tot oder lebendig ist (moderner Topos), ohne die Kiste aufzumachen. Aber indem sie die Kiste aufmachen, greifen Sie ins das Experiment ein. Das heißt, Sie sind nicht mehr Beobachter, sondern Teil des Experiments. Das Problem solcher modernen Physik ist, dass sie weitgehend auf mathematischen Gleichungen beruht, die man häufig gar nicht experimentell falsifizieren kann (Popper). Denken Sie an das Higgs Boson, das mathematisch vor langer Zeit vorhergesagt worden ist, und erst nun, nach vielen Zusammenstößen von Protonen etc. man annimmt es indirekt bewiesen zu haben (sehen können Sie es nicht, sondern nur durch Millionen von Messungen annehmen) – bis jemand kommt und plausibel das Gegenteil „beweist“.

      In der Theory of Mind spielen Fragen von Determinismus und Indeterminismus sowie Kausalität und Zufall eine große Rolle, ohne das hier Einigkeit besteht. Aber der Zufall ist schwer zu leugnen. Nur ein kleines Beispiel aus der Biologie: Wenn bei Ihrer Zeugung ein anderes Spermium schneller geschwommen wäre, wären Sie genetisch jemand anderes – womöglich mit anderem Geschlecht.

      Wenn ich daher solche Überlegungen – lange nach Kant – anstelle, kann ich mit Fug und Recht sagen, dass mir eine „Denknotwendigkeit“ von Gott oder eines anderen Wesens, das diese Welt (was bedeutet Welt??) nach „vernünftigen Gesetzen“ geordnet haben soll, mich genau dahin führt, wohin ich das, um es vorsichtig auszudrücken, unplausibel finde – und gleichzeitig dogmatisch, insofern als solche Glauben an Gott oder solcher Wesen in den letzten mindesten 4000 Jahren dazu geführt haben, dass Menschen sich gegenseitig die Köpfe einschlugen, weil sie gleichzeitig mit dem „Wissen, was Gott für richtig hält“, meinten, auch andere damit indoktrinieren/beglücken zu müssen.

      Anders ausgedrückt: Gott zu denken, führt zum Dogmatismus und damit zum moralischen Niedergang!

      Aber da wir nicht die gleiche Sprache sprechen, bin ich nicht davon überzeugt, dass eine weitere Diskussion uns weiterbringen kann … Jedenfalls bin ich nicht bereit, von einer klaren Sprache abzusehen und mich in irgendwelche Arkana einzutauchen.

      Mit freundlichem Gruß
      Josef König

  3. Hallo Herr König, Ihrer kritischen Einschätzung der Gedanken in dem Artikel kann ich folgen. Mich hat Hr. Kern auch schon gefragt, „wer“ denn dann z.B. den Schritt (Sprung?) von der leblosen Materie zum ‚Leben‘ ‚gemacht‘ hat. – Es wäre jetzt müßig, die hierzu anhaltende Forschung über die biochemischen Anfänge und die evolutionsbiologischen sicherlich rasant komplexen bzw. ‚zufälligen‘ Schritte in der Entwicklung der Lebensformen hier aufzulisten … das müsste der Autor Hr. Kern auch leicht selbst leisten können. Ist alles in der wissenschaftlichen Community gut verfügbar – und für die, die vl. keine Biochemiker und Geochemiker sind, sogar in weiten Teilen fürs „nicht-fachliche“ Publikum gut aufbereitet. – Interessant ist jetzt, dass Hr. Kern Sie fragt, „wer“ der Natur die ‚Gesetze‘ gibt bzw. den Urknall ‚auslöste‘. Auch hier haben wir wieder den etwas seltsamen Hang des Autors, nach einer personalisierten Instanz im Rahmen eines eher schlichten Kausalitätsprinzip zu fragen … die meisten Astrophysiker dürften daraufhin erstmal etwas hilflos schauen, weil man da schon sehr, sehr weit bei den Basics anfangen muss, um deutlich zu machen, dass diese Art von Fragen tatsächlich schlicht unsinnig sind (vor allem, wenn man bedenkt, dass jeder Physiker weiß, dass die Naturgesetze niemand „macht“, sondern dass sie allemal mathematische Beobachtungskonstrukte sind, die wir mit unserer Mathematik darstellen können und die in allen Fällen verdammt gute Näherungslösungen für lokale (Einstein: Lokalitätsprinzip etc.) Bedingungen sind. ((Fun fact: Auch die alte Frage, ob „Zahlen“ in der sog. ‚Natur‘ vorkommen oder nicht, lässt sich mit dem Verweis auf das leere Begriffskonzept „Gott“ überhaupt nicht auflösen …)).) – Der Verweis auf die vermeintliche „Denknotwendigkeit“ eines essentialistisch, ja „personal“ gedachten „Gottes“ (whatever this means – man möge mal allein begriffsgeschichtlich zu klären versuchen, welche Qualia man solch einem „rationalen“ Konzept zuordnen soll …) auf Basis des mindestens schrägen Kant-Zitats ist pure Apologie … „credo quia absurdum“ etc. – Der Ansatz von Hr. Kern, der so viele äußerst spannende Überlegungen zur Begrenztheit unserer Wissensformen und zur offensichtlichen Fatalität unseres aktualen Handelns in vielen Perspektiven bringt, scheint mir auf merkwürdig irritierende Art einen ‚Kreis‘ zwanghaft schließen zu wollen, den wir – wenn wir es nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch moralphilosophisch Ernst nehmen mit der Einsicht, dass wir in all‘ unseren Lebensweisen tatsächlich auf dieser blauen Murmel auf uns selbst angewiesen sind, wenn wir noch ein Weilchen (begrenzt) hier überdauern wollen – gar nicht brauchen: Die Aufgabe, mit unsicheren, begrenzten Mitteln gutes Wissen, brauchbare Erkenntnisse und ethische Richtlinien zu gewinnen und umzusetzen, ist groß und anstrengend genug. Wir handeln uns mit dem ‚Superkonzept‘ nur Probleme ein, die schon an der nächsten Haustür, hinter der atheistische, hinduistisch oder buddhistisch oder xxx geprägte humane Denkformen leben, zu rasanten Problemen führen können, die wir alle eigentlich lieber gar nicht mehr am Hals haben wollen.

    1. Hallo Herr Peschka – und Herr Kern,

      es gibt – man könnte es nun psychologisch herunterbrechen – bei Menschen das schlichte Bedürfnis nach Sicherheit (übrigens nachweisbar besonders in Deutschland, weshalb gerade die deutsche Philosophie sehr viel mehr Systeme geschaffen bzw. abgeglitten ist, als zB die angloamerikanische Philosophie). Diese Sicherheit möchte am liebsten eine Dogmatismus installieren, der deduktiv die Welt top down erklärt.

      Aber – und das ist meine Vorstellung – die Zukunft ist offen, sowohl die der Philosophie wie auch der Wissenschaften. Wir wissen einfach zu wenig von vielen Erscheinungen. Wir wissen nicht, wie aus anorganischer Materie Organismen entstanden, wir haben keine klare Definition von „Leben“, Philosophen, Neurowissenschaftler, Psychologen können sich noch nicht einmal auf eine Definition Bewusstsein einigen, es gibt schließlich sogar zwei miteinander konkurrierende Vorstellungen darüber – integrated information theory (IIT) and global neuronal workspace theory (GNWT) -, wie kürzlich ein Nature Überblicksbeitrag gezeigt hat.

      Was kann hier Philosophie bewirken? Was kann sie erreichen? Welche Aufgabe kommt ihr zu? Das sind die eigentlichen Fragen, die moderne Philosophen versuchen zu beantworten. So gibt es ernstzunehmende Hinweise darauf, dass wir aufgrund der Entwicklungen in der KI und ihren Folgen in 30 Jahren einen ganz anderen Begriff von „Wissen“ haben werden.

      Daher brauche ich KEINEN Gott, weder für die Wissenschaft noch für mein persönliches Glück.

  4. Sehr geehrter Herr Pescka,
    wir führen hier gerade eine philosophische Debatte. Es wäre also gut, Sie würden über ein paar Grundkenntnisse verfügen. Dann fänden Sie die Frage nach dem Ursprung der Naturgesetze nicht gar zu lächerlich. Kant, Hume, Frege haben die Naturgesetze auf Seiten des erkennenden Subjekts angesiedelt. Das klingt einigermaßen komisch – wenn man zur Philosophiegeschichte äußerlich steht.
    Sie tun mit einem ziemlich überheblichen Ton so, als wären Sie im Besitz von wissenschaftlichen Spezialkenntnissen, vor deren Hintergrund Debatten wie die um das Ding an sich oder die intelligible Dimension der Natur wie geistige Sandkastenspiele wirken. Bitte lassen Sie uns an Ihren Kenntnissen teilhaben. Sie könnten damit anfangen, indem Sie einem wissenschaftlichen Laienpublikum erklären, wie die Selbstorganisation kosmischer Prozesse sich denken lässt. Oder der Übergang unbelebter in belebte organische Natur.
    Und noch eine Frage: Warum muss man erst mitteleuropäische Standards von Höflichkeit einklagen, wenn man mit heutigen linken Leuten diskutiert?

    1. Hallo Herr Kern,
      oh, jetzt bin ich dann doch überrascht und etwas enttäuscht:
      1. Ich finde die Frage nach dem „Ursprung“ der sog. „Naturgesetze“ nicht lächerlich. Seit Einstein haben wir ja doch mit der „Gesetzhaftigkeit“ (in den kleinsten und den größten Dimensionen) durch die Forschungen der Quantenmechanik noch mehr zu ringen als uns manchmal lieb ist. (Und z.B. die jüngsten Überlegungen zum Higgs-Feld in Bezug auf die „materielle“ Beschaffenheit des Kosmos wird’s grad auch wieder spannend, weil die Frage, wie das Higgs-Feld tatsächlich dem Teilchenzoo seine „Masse“ verleiht, höchst spannende neue Erkenntnisfelder eröffnet.)
      Ich muss aber deutlich herausstellen, dass diese im Bereich der Naturwissenschaft (etwa die Kepler’schen Bewegungsgesetze u.a.m.) heutzutage in einem doch recht anspruchsvollen wissenschaftlichen Diskurs angewendet, erläutert, verteidigt, revidiert etc. werden.
      2. Wer „philosophische Debatten“ führt, kann und sollte sich von dem, was heutzutage unser (teilweise natürlich auch für mich nur mit Aufwand verständliches) Weltwissen ausmacht, nicht künstlich fernhalten, indem er Diskursgrenzen aufbaut, die schlichtweg nicht mehr gültig sind. Ansonsten bewegt man sich dann halt im früher mal „Elfenbeinturm“ genannten eigenen Umfeld … und entledigt sich damit vieler schwieriger Fragen und (schlimmer noch) verpasst Erkenntnischancen. Sie schreiben doch selbst, dass Ihre kritische Reflexion auf das Buch von Haag „keine innenphilosophische Debatte“ ist. Ergo?
      3. Die Debatte um das sog. „Ding an sich“ … naja. Sei’s drum. Ich glaube, der andere Herr in der Diskussion hier hat dazu schon etwas gesagt. Auch die seltsame Wendung von Kant, dass die Annahme keines „Gottes“ „vernunftwidrig“ sei, hat sich inzwischen zum Glück erledigt. Schon in den einstigen Seminaren haben wir herzhaft über diese bizarre Wendung gestritten, weil sie sich nur über einige Fehlannahmen herleiten lässt.
      4. Warum ich (als Leser) hier dem „Laienpublikum“ erklären soll, die die evtl. „Selbstorganisation kosmischer Prozesse“ abläuft, verstehe ich nicht – es gibt reichlich Fachliteratur auf allen Ebenen der Komplexität, Theoriebildung etc. dazu. Das Feld ist offen, nicht abgeschlossen. Kleines Beispiel: In Bezug auf die Frage, wie so komplexe Gebilde wie Materie ihre Masse erhält (Higgs-Feld), Sterne (siehe Brian Cox u.v.a.m) oder Aminosäuren/Genen (Shobin) in denkbar instabilen, teils chaotischen Umgebungen entstehen, ist heute schon viel nachvollziehbarer als noch vor 20-30 Jahren.
      5. Sie verweisen wieder auf den „Übergang von unbelebter in belebte organische Natur“, als ob es da eine eindeutige, scharfe Grenze gäbe. Inzwischen ist die Forschung auch da weiter, was „Leben“ wohl sein könnte.
      6. Das mit der „Höflichkeit“ verstehe ich nicht. Meine vermeintlichen „Spezialkenntnisse“ sind gar keine: All‘ die Forschung zu den sog. „Naturgesetzen“, zu den Prozessen im Detail, zur Komplexität der Evolutionsbiologie (ich verweise nochmal auf Dennett) und dem Zusammhang mit der sog. „kulturellen Evolution“ (nochmal Dennett, aber auch viele andere) ist in jeder Bibliothek zugänglich.
      – Und jetzt muss ich dann doch mal deutlich werden: Sie wollen sich vl. einfach nicht bei der Philosophie (in Ihrer Vorstellung) über die Natur der Dinge mit den anderen Fachgebieten beschäftigen, die auch erheblich viel, auch erkenntnistheoretisch dazu beitragen, auseinandersetzen; scheint zumindest so. Und Sie wollen mich nicht als Leser diese Blogs mit Kommentaren dabei haben.
      – Warum sie mich zu den „linken Leuten“ subsummieren, als falsche Generalisierungen betreiben, DASS ist die eigentliche Unhöflichkeit hier. Dabei geht’s mir gar nicht um Sie, wenn Sie etwa das Buch von Hr. Haag referieren – sondern streitbar und kritisch um die Sache.
      – Ich finde es erstaunlich, weil ich es mittlerweile schon öfter bemerkt habe, wie gereizt jene reagieren, die „Gott“ (welchen auch immer – es gibt ja nicht nur den monotheistischen; es gibt auch zahlreiche Gotteskonzepte jenseits der personalen Maskierung, schon Cusanus u.a. philosophierten darüber) wieder fast ein bisschen suprematistische als „Super- oder Metahorizont“ den Wissenschaften überstülpen wollen – aber jeden Explikabilitätshorizont schon begriffsgeschichtlich schuldig bleiben. Insofern könnte man den erhofften, vermuteten (tragenden? bedingenden? gar ’schaffenden’/erzeugenden in Subjektposition?) „Urgrund“ „hinter“ allen Anschauungen auch „Buddha“ oder „Spagetthiemonster“ nennen. Hilft auch nicht weiter, schon gar nicht erkenntnistheoretisch.
      – Auch für die „Verantwortungsethik“ (gegenüber der Gesinnungsethik) und ihren quasi schon seit … äh … John Locke? eigentlich bekannten Problemen und Aporien ist der so postulierte ‚(Ur-/Hinter-/Wesens-Grund‘ weder notwendig noch irgend hilfreich: Das Problem der nicht vorhandenen Wertehierarchien und der Unvorsehbarkeit der Ergebnisse von Handlungen bleibt. Ich habe den Haag noch nicht ganz durch, es sind ja doch ein paar Hundert Seiten. Befürchte aber, dass es am Ende doch, nach all‘ den vielen guten Darstellungen, die jungen Studierenden mal wieder viele Semester erleichtern können (!)!, in eher dünner Apologetik mündet.
      – Ihren Versuch, eine streitbare Diskussion durch rethorische Wechsel auf die Metaebene („Sie sind unhöflich..“), abzuwürgen, finde ich peinlich und belanglos.
      Viele Grüße, nix für ungut – Seit 50 Jahren bin ich heftige wissenschaftliche Diskussion gewöhnt 😉

  5. Naturwissenschaftlicher Trottel, der ich bin, mangelt es mir an nicht wenigen Stellen Ihrer Debatte an Anschlussfähigkeit. Meine Begeisterung darüber, dass Sie diese Debatte auf bruchstücke führen, beeinträchtigt es nicht. Ihnen Dreien ein großes Dankeschön. Es fasziniert nachzuvollziehen, welche (widerstreitenden) Vorstellungen sich über Fragen entwickeln und argumentativ verteidigen lassen, die finale Antworten nicht erhoffen lassen. In diesem Zusammenhang der Hinweis, der dritte Teil von Peter Kerns Traktat wird ab Montag, 5. 1. 2026, auf bruchstücke zu lesen sein und die „dem Traktat eingeschriebene Hoffnung“ ausdrücken.

  6. Wollte mich eigentlich mit einer Weisheit Salomons aus der Affäre ziehen und das Diskutieren aufhören. Aber es packt mich doch nochmal, nachdem auch Herr König es glücklicherweise nicht lassen kann und Sie, Herr Peschka, auch replizieren. Dass Herr Arlt uns zum produktiven Streiten ermuntert, tut ein Übriges.
    Was ist eigentlich unser Streitgegenstand? Nach meinem Dafürhalten die Frage, ob eine von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften gestützte Kosmologie konsistent ist, oder ob – die Haagsche These – das Ganze unserer Welt und ihre Genese eine theologische Begründung erfordert. Diesen Streit auszutragen, daran wäre mir gelegen, was bedeuten würde, ein paar Seitengassen und Abzweigungen links liegen zu lassen. Das würde unsere Debatte verschlanken.
    Ihre Empfindung ist, wie aus den Einlassungen zu entnehmen: Der Kern weicht aus. In unpräzise, verschwurbelte Sprache oder auf die Metaebene ‚Unhöflichkeit‘. Meine Empfindung: Sie weichen aus, weil sie die Debatte um das Ding an sich meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Herr König sagt, darüber wird seit 160 Jahren nicht mehr diskutiert. Als ob dies ein Argument wäre. Sie, Herr Peschka, wischen diesen Gegenstand ebenfalls locker vom Tisch. Recht geben muss man Ihnen beiden insofern, als der Mainstream der Philosophie seit den Tagen des Neukantianismus bis in die Gegenwart und bis hin zu Habermas anti-metaphysisch gerichtet ist.
    Das Ding an sich nimmt meine Argumentation in Anspruch, um Ihren Ehrgeiz zurückzuweisen, naturwissenschaftliches Wissen zu philosophischem Weltwissen aufzublasen. Sie versuchen sich damit an einem Materialismus, der immer scheitern muss. Das Argument für dieses Scheitern habe ich Ihnen geliefert mit meinem von Haag übernommenen Hinweis auf die bloß partikuläre Erklärungsmacht wissenschaftlicher Theoreme. Auf diese erkenntnistheoretische Kritik gehen Sie gar nicht ein. Sie wollen mehr als das, was physikalisches Wissen leisten kann. Sie suchen in der Quantenmechanik oder der Neurowissenschaft oder wo auch immer nach der Materie, die zur Eigendifferenzierung fähig ist. Das gleicht dem Urstoff, den zu suchen der Materialismus mit Holbach im 18. Jahrhundert aufgegeben hat.
    Im Wissenschaftsjournalismus, also dort, wo man etwas unvorsichtiger formuliert, spricht sich die szientistische Überspannung, an der auch sie leiden, in der Formulierung vom „Gottesteilchen“ aus, das man endlich gefunden zu haben glaubt. Es ist die Suche nach den ersten Bausteinen. Waren es bei Demokrit und den alten Griechen die Atome, sind es heute die Quarks, die den Aufbau der Welt erklären sollen.

    Auf dem Übergang von unbelebter zu organisch differenzierter, mit Bewusstsein begabter Natur reite ich rum, weil sich das Unvermögen einer nur materialistisch-naturwissenschaftlichen Kosmologie hier zeigen lässt: Kein blinder Uhrmacher, keine systemtheoretische Autopoiesis, kein zellbiologisch erweiterter Darwinismus kann diesen Übergang plausibel machen. Der von Ihnen, Herr König, erwähnte Nagel sieht dies genauso und mit ihm, dachte ich, hätte ich einen Gewährsmann, den Sie gelten lassen, im Unterschied zu Haag, dem Mann aus dem gallischen, metaphysischen Dorf.
    Meine Argumentation folgt seiner „negativen Metaphysik“. Ihn plagte also keineswegs der Ehrgeiz, ein System geschrieben zu haben. Seine Argumentation und seine Sprache sind völlig luzide. Dass, wer metaphysisch argumentiert, verquast rede, ist die übliche, mit der Energie einer aufgezogenen Sprechpuppe vorgebrachte, Entgegnung, seit es den logischen Empirismus gibt und die Natur in ihrer Erscheinung aufgehen soll. Der Anwurf ist identisch mit der Faszination für die Formeln der Naturwissenschaften.
    Haag negiert das der Materie zugeschriebene Vermögen der Koordination zueinander passender Naturstoffe und Naturgesetze. Dem Stofflichen dieses Vermögen zuzuschreiben, heißt, die Materie zu vergöttlichen. Ein solcher Materialismus gibt vor, zu wissen, was die Natur im Innersten bewegt. Er ist es, der die von Kant der Vernunft gezogene Grenze (Ding an sich!) überschreitet. Aber die Theorie von der sich selbst hervorbringenden Natur ist nicht in Einklang zu bringen mit der von Geologie und Biologie gelieferten Forschung. Die physikalischen Wissenschaften müssen sich eingestehen, über kein theoretisches Modell zu verfügen, das zeigen kann, wie aus den kleinsten Einheiten der Materie eine lebendige Entität entspringt.
    Vermutlich wird auch 2026 diesen Beweis nicht erbringen.
    Ein gutes Beginnen und einen guten Verlauf des neuen Jahres wünsche ich Ihnen.

    1. Hallo Herr Kern (und Herr Peschka),

      endlich schreiben Sie einen Stil, den man lesen und dessen Inhalt man nachvollziehen kann. Damit hat dieser Disput für mich schon ein befriedigendes Ergebnis.

      Ich kann Ihnen weitgehend zustimmen zu Ihrer letzten Replik – bis auf einen Aspekt: Während Sie (mit Haag) sich in ein Metaphysisches hineinversetzen, das in Gott als den Urgrund allen Seins mündet, weil Ihnen Naturwissenschaft bislang nicht erklären kann, wie der Urknall und in der Folge aus anorganischer Materie Organismen und sogar mit ihnen Bewusstsein entstanden ist, bleibe ich dieser Spekulation fern. Ich kann und werde mich aus der aktuellen Philosophie noch aus sonstigen theologischen Mustern nicht zu etwas äußern, für das keine Erfahrungsgrundlage vorhanden noch gar möglich ist. Das ist reine Spekulation ohne Grundlage. Da ist mir sogar noch ein Panpyschismus eines David Chalmers näher, der in allen Bausteinen des materiellen Seins die Möglichkeit von Bewusstsein angelegt annimmt.

      Wovon Sie (mit Haag) sprechen, gehört in die Theologie (die übrigens selbst Habermas auf seine alten Tage für sich neu entdeckt hat) und die für mich allenfalls als historische und soziologische Wissenschaft möglich ist. Ich bin noch nicht so alt wie Habermas noch sehe mich auf dem Weg von Voltaire, der auf seine alten Tage in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekrochen ist, nachdem er sie sein Leben lang bekämpft hat. Da gehe ich lieber – mit Schopenhauer gesagt – „ohne Netz und doppelten Boden“ durchs Leben und hoffe, das bis zu meinem Ende durchzuhalten.

      Daher ist für mich die Philosophie nicht mehr wie in Zeiten vor Kant Dienerin der Theologie, sondern eine Denkweise, die versucht darauf zu antworten, was zu erkennen möglich ist – und natürlich in Teildisziplinen sich im Politischen, Ethischen und insbesondere neuerdings Neurowissenschaftlichen tummelt.

      In diesem Sinne allen ein gutes 2026
      Josef König

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