Nichts weist auf einen Kompromisswillen des Kreml hin  

Foto: Nelly Right, Oktober 2014 auf wikimedia commons

“Die ‘Sprache der Macht’ ist uns Deutschen weitgehend fremd, auch weil wir nicht über die nötigen Sanktionsmechanismen verfügen. Wir brauchen sie aber”, sagt Andreas Wittkowsky im Interview mit Wolfgang Storz. „Zeitenwende“ heiße auch, sich von der unseligen deutschen Tradition zu verabschieden, die Probleme erst dann anzugehen, wenn der innen- und außenpolitische Druck zu stark werde. Bisher habe sich Deutschland trotz gegenteiligen Anspruchs nicht wirklich als Führungsmacht in Europa empfohlen.

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Nachhaltigkeit braucht mehr als eine Utopie

Problem Wegwerf-Kapitalismus (Foto: sira)

Die Debatte über ein neues Zivilisationsmodell muss beispielhaft geführt werden. Beispiele oder konkrete Projekte geben Hinweise auf reale Entwicklungsmöglichkeiten und auf die Lösung ernsthafter Gegenwartsprobleme. Nachhaltigkeit braucht mehr als eine Utopie. Eine nachhaltige Entwicklung benötigt Zwischenglieder, die nicht übersprungen werden dürfen. Beispiele sind solche verbindenden Zwischenglieder. Aber welche Qualität müssen sie besitzen, damit Fortschritte erzielt werden können?

Wolfgang Storz hat in seinem Beitrag „Höchste Zeit für zwei, drei, viele und noch mehr Ökoprojekte“ drei Beispiele gewählt: autofreie Innenstädte, den Einsatz von Biobaumwolle für die Herstellung von Kleidern, um den Wasserverbrauch zu reduzieren, und das Recht auf Reparaturen und recycelbare Produkte. Diese Beispiele sind von sehr unterschiedlicher Qualität, was die Anforderungen an Veränderungen betrifft.

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Der Anbau von Biobaumwolle würde 91 Prozent weniger Wasser verbrauchen als der konventionelle. Allerdings ist damit zu rechnen, dass in diesem Fall die Preise um 20 bis 40 Prozent steigen. Eine wesentliche Voraussetzung dieser umweltschonenden Alternative besteht darin, dass sie technisches und organisatorisches Know-how und die entsprechenden Produktionskapazitäten der Unternehmen erfordert. Eine andere besteht darin, dass die Bundesrepublik Deutschland und die Mitgliedsstaaten der EU die Preise für Bio-Baumwolle “senken”: durch Erhöhung der Einfuhrzölle und Verteuerung der Einfuhr herkömmlicher Baumwoll-Produkte.

Dieses Beispiel zivilisatorischen Wandels erscheint sympathisch, angenehm und unkompliziert. Ein großer ökologischer Fortschritt wäre ohne Verhaltensänderung der Bevölkerung möglich. Die Verbraucherinnen und Verbraucher würden zukünftig Kleidung aus Bio-Baumwollen kaufen. Allerdings zu erhöhten Preisen, die die Ausgaben für andere Zwecke einschränken.

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Vielleicht sind aber dennoch größere Verhaltensänderungen der Konsumentinnen und Konsumenten erforderlich. Denn die Mentalität einer nicht geringen Zahl von Menschen verursacht ein Problem, das ungelöst bliebe: der Wegwerf-Kapitalismus würde weiterhin fortbestehen. Mag sein, dass der Preisanstieg für Kleidung die fast fashion verändern würde: dass Kleidung billig hergestellt und verkauft wird, damit die Kundinnen und Kunden häufiger neue Kleidung kaufen können. Es mag aber auch sein, dass sie nicht mehr mehrfach jährlich ihre Kleidung entsorgen und neue kaufen würden. Dies würde den Austauschzyklus der Kleidung verlangsamen.

Bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr

Die Kleidungsindustrie scheint an einer Verlangsamung der Produktionszyklen unmittelbar kein Interesse zu haben. Die Quick Response Strategie ermöglichte es Herstellern wie H&M, Zara und Primark in Hochzeiten um die Jahrtausendwende bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr auf den Markt bringen. Der beschleunigte Austausch von Information und Ware erlaubte es Designerinnen und Designern, rasch auf Trends zu reagieren und die Nachfrage nach bestimmten Stilrichtungen, Farben, Mustern & Co im Rekordtempo zu erfüllen. Deshalb werden die Kleidungsproduzenten versuchen, die Forderung nach nachhaltiger Mode zu blockieren oder im ihrem Sinne umzudefinieren, damit sie ihre Produktionskapazitäten auslasten können.

Dies bedeutet aber: mit einer Initiative wie dem Circular Sweater Project, das Pullover schon jetzt leichter recycelbar macht – dies scheint ein guter Ansatz zu sein – würde dem Problem der Verschwendung von Materialien begegnet. Aber geringerer Ressourcenverbrauch und die Recycelbarkeit wären nicht gleichbedeutend mit Nachhaltigkeit. Schließlich würde die Lust der Kundinnen und Kunden am schnellen Austausch ihrer Kleidung so nicht gedämpft. Und auch die Reparatur von Kleidung, die durch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Reparaturen von 19 auf 0 Prozent erreicht werden könnte, würde allenfalls einen Teil des Problems lösen. Diejenigen, die schon jetzt ihre Hosen, Röcke, Jacken und Mäntel zum Schneider zur Reparatur bringen, würden dies vermutlich vermehrt tun, weil es billiger wird. Aber dies sind Menschen, die ihre Kleidung mögen und dem Material einen Wert an sich beimessen. Aber für diejenigen, die in der Kleidung ein bloßes Wegwerfprodukt sehen, wäre dies nicht attraktiv.

Im Fall der Kleidung erscheint ein zivilisatorisches Umdenken schon komplizierter. Ökologischer Fortschritt würde die tiefgreifende Veränderung der Geschäftsmodelle der Kleidungsindustrie erfordern, aber zugleich ein Umdenken und Verhaltensänderungen der Konsumentinnen und Konsumenten. Vermutlich müsste die Transformation den Charakter und das Verständnis der Mode selbst tangieren. Die moderne Kleidung ist der Mode unterworfen und schlechthin veränderlich; sie verändert die Kleidung immer wieder von neuem. Die Mode ist Ausdruck der Flüchtigkeit des Existierenden. Sie kommt der Neigung von Menschen entgegen, gelegentlich ihr Äußeres zu verändern: mit neuer Kleidung, die einen anderen Stil signalisieren soll, mit einer neuen Frisur oder einem neuen Make-up, die anderen Menschen die Änderung des Charakters anzeigen sollen oder einem anderen Körper, der durch Abnehmen, Jogging oder Body-building erreicht wird, der auf eine neue Lebenseinstellung hinweist. Welche Antworten hat das neue Zivilisationsmodell auf diese elementaren Bedürfnisse?

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Wenn eine Großstadt wie Frankfurt am Main sich das Ziel setzt, in der Innenstadt autofrei zu werden, stehen die ökologischen Zielsetzungen wie eine bessere Luft, geringerer Lärm und höhere Lebensqualität im Vordergrund. Zugleich soll die individuelle Mobilität der Bürgerinnen und Bürger erhalten werden, indem der öffentliche Nahverkehr erheblich ausgebaut und seine Nutzung kostenlos wird. Und wenn zudem tausende von Taxen subventioniert würden, würden von einem privilegierten Fortbewegungsmittel zu einem Subsystem des ÖPNV.

Das Auto – ein komplexes Arrangement

Trotz dieser Mobilitätsalternativen würde eine autofreie Innenstadt eine Zumutung der Bürgerinnen und Bürger. Sie müssten nicht nur mit Gewohnheiten und Routinen brechen und wären nicht nur in ihrer jederzeitigen individuellen Verfügbarkeit im Alltag eingeschränkt. Sondern der Verzicht auf das Auto würde den physischen und sozialen Aktionsradius der Individuen empfindlich begrenzen. Denn das Auto ist nicht nur Fortbewegungs- und Transportmittel, sondern ein komplexes Arrangement (Gilles Deleuze, Félix Guattari ), das die Möglichkeiten des Individuums erweitert: vor allem selbst darüber bestimmen zu können, wohin die Reise geht. Die Selbstmobilität ist die Ursache für die Lust am Auto, die wiederum die Lust des Menschen an der Mobilität verstärkt. Für viele Menschen ist die Mobilität ein sinnfälliger Bestandteil von Freiheit. So gesehen griffe die autofreie Stadt die Freiheit der Mobilität an.

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Es ist nicht das geringste Problem von Gesellschaft, Staat und Bevölkerung, dass die Vorstellung von zivilisatorischem Fortschritt im Bann des liberalen oder sozialen Staates war. Michel Foucault hat vor knapp 50 Jahren dargelegt, dass im politischen Denken und in der politischen Analyse der „Kopf des Königs noch immer nicht gerollt“ war. In der Gegenwart berücksichtigt das Nachdenken über ein neues Zivilisationsmodell immer noch zu wenig die Bedürfnisdynamiken der Bevölkerung. Es wird den Wechselwirkungen eines aktiven Staates mit Unternehmen und einer globalen Kultur des Massenkonsums nicht gerecht.

Weitere Beispiele und Projekte sollen folgen

Auf dem Weg zu einem neuen Zivilisationsmodell muss der aktive demokratische Staat den Interessenlagen von Wirtschaft und Gesellschaft Rechnung tragen. Wenn dies nicht geschieht, drohen schlechte Ergebnisse vernünftige Ziele und gute Absichten in ihr Gegenteil zu verkehren. Sie gefährdeten das große Gesellschaftsprojekt zivilisatorischen Fortschritts. Deshalb kommt es darauf, an strukturelle Reformen gut zu machen.

Wir werden der Debatte über ein neues Zivilisationsmodell auf bruchstuecke.info weitere Beispiele und Projekte hinzufügen. Um den Bedürfnisdynamiken der Bevölkerung eine neue Form zu geben, scheint es wichtig, die Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger stärker auszubilden, tatsächliche Wahlmöglichkeiten in Anspruch nehmen zu können. Dies ist eine Aufgabe für das Bildungssystem. Ein weiteres Projekt soll sich der Frage widmen, wie die Menschen ihr Leben zukünftig selbst verdienen können. Dies wird die Zukunft der Arbeit betreffen.

“Leute wie ich haben keinen politischen Einfluss”, sagen 75 Prozent  

Volltext download auf der Website der Otto Brenner Stiftung

Diese alle zwei Jahre erscheinende empirische Untersuchung zieht regelmäßig heftige Kritik auf sich. Den Autoren wirft man vor, sie würden ihre soziologischen Befunde dramatisieren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wo harmloses Geschwulst vorfindlich wäre, würde Krebsgeschwür diagnostiziert. Das letzte Mal formulierte die FAZ diesen Anwurf, in diesem Jahr wärmt ihn ein mäßig interessantes Monatsmagazin auf. Dort ist von der Zauberwelt der Villa Kunterbunt aus dem Hause der „kritischen Theorie“ zu lesen; ihr entstamme das hyperkritische Leipziger Zeug. Der deutsche Konservatismus löst sein Problem, über keine Intellektuellen zu verfügen, indem er seine Sottisen über die linken Intellektuellen ewig recycelt. Nichts Eigenes bringt er zustande. Noch der Verfassungspatriotismus, die grobe publizistische Linie der Zeitschrift Cicero, ist vom Kontrahenten geklaut.

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Frank-Walter Steinmeier, der gute Wille und das Böse

Bild: Alessio Zaccaria auf Unsplash

Alles und jedes gilt heute allgemein als therapierbar. Organisch bedingte Krankheit, seelisch begründetes Leiden, miteinander Verknüpftes, Verhaltensauffälligkeiten. Therapie ist individuelle und soziale Selbstverständlichkeit angesichts von allein 18 Millionen Menschen in Deutschland, die – Stichproben des Robert-Koch- Instituts zufolge – Therapien bedürfen, damit sie seelisch heilen können. Millionen andere leiden unter allein organischen Erkrankungen. Als nicht therapierbar gilt das abgrundtiefe, gar als absolut bezeichnete „Böse“.

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Dem wichtigsten Mentor danke für alles

Willy Stöwer: Der Untergang der Titanic (coloriert) (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Und dann ist da noch ein Buch, das mich gerade begleitet: Der Untergang der Titanic von Hans Magnus Enzensberger. Man kann sich kaum ein passenderes Werk für unsere Zeiten eines fortschreitenden Gletscherabbruchs vorstellen. Enzensbergers apokalyptische ‘Komödie’ ist in meinen Augen ein wirklich großes und zugleich erstaunlich zugängliches Werk der deutschen Nachkriegsliteratur, seine Dimensionen, Verweis- und Bedeutungsebenen sind so vielfältig wie seine Tonlagen und Stimmungen. [Statt eines Nachrufs: Der Beitrag erschien 2019 zum 90. Geburtstag Hans Magnus Enzensbergers auf scarlatti.]

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Zu wenig Kinder, zu viele Katzen  

Foto: GPokorny auf Pixabay

Haustiere hält der Papst für ein bedenkliches Zeichen. Denn für ihn signalisieren sie einen Egoismus in der Bevölkerung. »Wir sehen eine Form der Selbstsucht«, sagte Franziskus Anfang dieses Jahres. »Viele Menschen wollen keine Kinder kriegen – manche haben vielleicht eines, aber das war es dann schon, stattdessen haben sie Hunde und Katzen, die den Platz der Kinder einnehmen.« Die Ablehnung von Vater und Mutterschaft »reduziert uns, nimmt uns unsere Menschlichkeit«, mahnte der Papst, und führe einen »demografischen Winter« herbei. Wenn Kinderlosigkeit eine Form der Selbstsucht ist, so ist in der päpstlichen Logik Kinderreichtum eine Form der Selbstlosigkeit, des Dienstes. Aber an wem? Ökonom:innen hätten eine Antwort: an der Wirtschaft. Denn Kinder sind eine Ressource des Wachstums. Und da sie derzeit ausbleiben, werden dem globalen Kapitalismus düstere Zeiten vorhergesagt.

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Schluss mit der FIFA

Schluss mit der FIFA. Schafft sie ab, löst sie auf. So schnell wie möglich. Ein Verband, der gern mit Autokraten kungelt, und der in die Liebes- und Lebensgewohnheiten von Spielerinnen und Spielern hinein greift, gehört abgeschafft!
Lieber DFB, liebe Fußball-Verbände whereever, im Zeitalter von Home Office, Informationen und Absprache über alle Möglichkeiten des Zoomings, der Datenbanken und Clouds, angesichts tausender gut ausgebildeter arbeitswilliger Juristinnen und Juristen, Betriebswirten, Management –Fachleuten ist der FIFA- Zirkus völlig überflüssig. Für Überschuss- und Veranstaltungsmanagement sowie für die Entwicklung der Fußballregeln und deren Anwendung braucht es keine hunderte FIFA-Nasen, die wie im Schlaraffenland leben.
Es geht um eine Übergangszeit, bis eine neue, echt föderale, abgemagerte, vertrauenswürdige Struktur steht, die Anstand hat. Kauft vom Geld auf den FIFA-Konten Fußballschuhe, bezahlt Ausbildungszentren, lasst davon Brunnen in armen Gegenden mit tollen Fußball-Begabungen bohren, fördert echte Freundschaften. Schenkt allen Hans Christian Andersens Geschichte von „des Kaisers neuen Kleidern“. In der Geschichte ruft ein Kind aus der Bambini- Jugendklasse: Der hat ja nichts an! Am Ende rufen alle: Der hat ja nichts an! Das wär Weltklasse.

Zur Sprache bringen, was sie mir verschlägt

Foto: W. auf wikimedia

Der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici ist mit dem Österreichischen Ehrenzeichen und Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede spricht er über Antisemitismus, Rechtsextremismus und die Willfährigkeit gegenüber den Zumutungen staatlicher Macht. Das Ehrenkreuz ist eine Auszeichnung der Staates Österreich. Bruchstücke übernimmt die Dokumentation seiner Rede von Faustkultur.

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Vor 50 Jahren… “die grösste Kussparty, die ich je erlebt habe”  

Bild: Arthur Diele auf wikimedia commons

Es war ein Märchen. Entspannt ließen sich die Ehepaare Willy und Rut Brandt sowie Walter und Mildred Scheel von ihrem Nachwuchs unterhalten. Während die Bürger die Wahllokale regelrecht stürmten, saßen Kanzler und Vizekanzler in einer Bonner Schulaula und sahen zu, wie auf der Bühne die Jungschauspieler Mathias Brandt und Cornelia Scheel die Erzählung von „Dornröschen“ in Szene setzten und Grimms Märchenfee aus ihrem Schlaf befreiten. Wachgeküsst schien an jenem 19. November 1972 auch die Republik, durchdrungen von dem Wunsch, den Daumen für den Kanzler zu heben oder ihn zu senken.

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Hat ein neues Zivilisationsmodell eine Chance?  

Bild: analogicus auf Pixabay

Technik macht vieles leichter und komfortabler. Trägt ein Gabelstapler die Lasten oder müssen Menschen sich abschleppen? Je üppiger wir uns mit Technik ausstatten, desto abhängiger werden wir von Energie. Schwierigkeiten mit der Energieversorgung lösen in einem hochtechnisierten Land sofort Alarm aus, weil nicht nur der Lebensstandard, sondern vielfach tatsächlich Überleben davon abhängt. Wenn, wie gegenwärtig, Energiekrise und Klimakrise aufeinandertreffen, wird es schwer zu entscheiden, ob erst der Belzebub oder erst der Teufel ausgetrieben werden sollen. Die Agenda 2030 muss als Zukunftsstrategie Antworten auf die Gegenwart von 2022 geben. Wenn es in ihrer Präambel heißt, dass die 17 Ziele (SGD) für nachhaltige Entwicklung eine wirtschaftliche, eine soziale und ökologische Dimension enthalten müssen, ist dies auch als Beitrag zu einem anderen Zivilisationsmodell zu verstehen, einem Zivilisationsmodell, dessen Energieverbrauch nicht zu Klimakatastrophen führt.

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„S’ ist leider Krieg – und ich begehre, nicht schuld daran zu sein“  

«Im Frühling würde alles anders, die Natur würde erwachen, die Vögel würden lauter singen als die Geschütze feuerten, weil die Vögel in der Nähe sangen, die Geschütze aber dort in der Ferne blieben. Nur manchmal würden die Artilleristen aus unbegreiflichem Grund, vielleicht weil sie betrunken oder müde waren, ein Geschoss zufällig auf das Dorf, auf Malaja Starogradowka, abfeuern. Einmal im Monat, nicht öfter. Das Geschoss würde dorthin fallen, wo es schon kein Leben mehr gab: auf den Friedhof oder den Kirchenvorhof oder das seit langem leerstehende Gebäude des alten Kolchosebüros.» So denkt der Bienenzüchter Sergej Sergejitsch im Donbass.

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Unsere Werte, unsere Wirtschaft und das Reich der Mitte 

Bundesaußenminister Genscher (rechts) im Gespräch mit Deng Xiaoping in der Großen Halle des Volkes am 29. Oktober 1985, dem Tag der Einweihung der Handelsförderungsstelle.
(Foto: Ulrich Wienke auf wikimedia commons)

Wenn die Vorstände der großen deutschen Konzerne sich gemeinsam äußern und mit ihnen die Vertreter der wichtigsten Industriezweige, dann geht es ums große Ganze. Riesig ist der chinesische Markt und aus den Umsatzzahlen von BASF, VW, Bosch und Siemens nicht wegzudenken. Genauso wie für die deutsche Pharmaindustrie, die Medizintechnik, die Autozulieferer und den Maschinenbau. Die in der FAZ kürzlich veröffentlichte gemeinsame Erklärung hat die Crème des deutschen Kapitalismus unterzeichnet, aus gegebenem Anlass ergänzt um die Vorstandsvorsitzende der Hamburger Hafen AG. Man macht sich große Sorgen um die öffentliche, China viel zu kritisch kommentierende Meinung in Deutschland.

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Das eigene, verzerrte Normal des alltäglichen Journalismus

In den letzten 50 Jahren hat sich die Medienwelt modernisiert und in manchem zum Guten gewandelt. Nehmen wir die Lage von Journalistinnen. Die 1970er waren das Jahrzehnt, in dem der Chefsprecher der ARD beispielsweise noch behaupten konnte, Frauen seien zu emotional, um Nachrichten zu verlesen. Noch längst ist nicht alles gut. Aber solche Zeiten sind vorbei. Auch, weil Journalistinnen zum Beispiel im Verein Pro Quote für gleiche Chancen gekämpft haben. Genau, wie es seit einigen Jahren Menschen mit Migrationsgeschichte im Zusammenschluss Neue deutsche Medienmacher*innen tun. Ihrer aller Forderung: Redaktionen müssen ein Abbild der Gesellschaft sein, über die sie berichten. Die Gratwanderung, das vorab, die dieser Text versuchen wird, ist, keine Ungleichheit gegen die andere auszuspielen. Trotzdem ist festzustellen, dass die Diversity-Diskussion einen Bereich weitestgehend ausblendet – oder sollte man sagen: eine Dimension?

Screenshot: Website neuemedienmacher.de
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Gefährliche Melange: Wo Demokraten und rechter Rand an einem Strang ziehen

Viele demokratisch gesinnte BürgerInnen wissen, es muss sich vieles ändern. Zugleich wollen sie ihren alten Alltag zurück. Gepaart mit diesem Paradox ist ein tiefes Misstrauen gegen "die da oben" und zunehmend die Überzeugung, unsere Demokratie sei unfähig, die jetzigen Probleme zu lösen. Auf dieser Grundlage gibt es eine Annäherung an die Narrative der Rechtsaußen.
Wolfgang Storz und Horand Knaup im Gespräch mit der Wahlforscherin Jana Faus.

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