Trump wird die NATO nicht aufgeben

Kein Politiker, keine Politikerin Europas verhält sich so unterwürfig, ja peinlich devot gegenüber der Trump-Administration wie NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Völlig vergeblich. Seit Ruttes Amtsantritt haben die Sprüche aus Washington über die „überflüssige NATO“, die Tiraden gegen die angeblich „undankbaren“ und „unzuverlässigen“ Europäer sowie die Drohungen mit einem Austritt der USA aus der Militärallianz an Häufigkeit und Schärfe sogar zugenommen. Daran wird auch der gegenwärtige dreitägige Besuch Ruttes in Washinton kaum etwas ändern. Selbst wenn er Verständnis oder gar Unterstützung für Trumps völkerrechtswidrigen Krieg gegen Iran signalisieren sollte, womit er den Regierungen fast aller europäischen NATO-Staaten sowie Kanadas und der Türkei in den Rücken fallen würde.
Kritisch zur NATO äußerte sich Trump erstmals im Präsidentschaftswahlkampf 2016 mit der Bemerkung, die Allianz sei „obsolet“. Seitdem werden alle diesbezüglichen Äußerungen aus Washington in Europa für scheinbar bare Münze genommen, überbewertet und instrumentalisiert, um die militärische Aufrüstung der EU zu propagieren bis hin zu einer eigenständigen, von den USA unabhängigen atomaren Bewaffnung. Diese Forderung erhob bereits am Tag nach der ersten Amtseinführung Trumps im Januar 2017 der CDU-Bundestagsabgeordnete Kiesewetter mit der Begründung, jetzt könne sich „Europa nicht mehr auf den nuklearen Schutzschirm der USA verlassen“.
Natürlich verfolgt die Trump-Regierung – noch stärker als alle ihre Vorgänger und dank Russlands völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine auch viel erfolgreicher – das Ziel, die finanziellen Lasten in der NATO umzuverteilen und die Europäer zu mehr Militärausgaben zu drängen. Doch davon abgesehen hat sich das grundlegende Interesse der USA an der NATO seit ihrer Gründung im Jahr 1949 auch unter Trump nicht verändert: die Militärallianz ist für ihre Führungsmacht das wichtigste Instrument zur Einflussnahme in und Kontrolle über Europa. Auch die Existenz von US-Militärbasen in Deutschland und anderen Staaten Europas sowie deren Nutzung für Washingtons Kriege und Drohneneinsätze wären ohne die NATO nicht möglich. All das wird auch Trump nicht aufgeben.

Atomenergie, keine Lösung, sondern Problemerzeuger

Bild: distelAPPArath auf Pixabay

Die Stichworte heißen: Fusionsreaktioren, modulare Kleinreaktoren, Wiederinbetriebnahme von stillgelegten Alt-Reaktoren. In erster Linie die KI-Strategie von Konzernen und Regierungen hat einen exorbitanten Energiebedarf zur Folge, der zu einer Debatte über eine Renaissance der Atomkraft führt. Dabei kristallisiert sich als roter Faden heraus: Regierungen, nicht nur im Westen, scheinen ganz wild zu sein, die Atomenergie wiederzubeleben, während die Energie-Konzerne selbst daran sehr viel weniger Interesse haben, wohl weil sie wissen: Diese Energieform hat sich noch nie gerechnet und wird sich auch nicht rechnen. Weshalb diese Strategie — im Gegensatz zur Versorgung mit Erneuerbaren Energien — mit der Frage steht oder fällt: sind die jeweiligen Steuerzahler bereit, diese Renaissance mit zig Milliarden zu subventionieren? Weil die Debatte anhält, sogar intensiver wird, erinnert bruchstücke hier an eine Erklärung, die Experten der Atomaufsicht aus verschiedenen Industriestaaten vor wenigen Jahren unter dem Titel „Nuclear is not a practicable means to combat climate change“ veröffentlicht haben.

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Die Atommüll-Entsorgung, ein Albtraum

In diesem Frühjahr 2026 wird der bisher größte hochradioaktive Castortransport durch Deutschland rollen. 152 Castoren werden aus dem Forschungszentrum Jülich ins zentrale Zwischenlager nach Ahaus transportiert. 180 Kilometer, mitten durch dichtbesiedeltes Gebiet. In Ahaus soll der Atommüll provisorisch zwischengelagert werden. Hunderte weiterer Atommüll-Touren unterschiedlicher Herkunft und Zielorte werden folgen. Kleine Stichflammen der Erregung mit Mahnwachen und Protestkundgebungen wegen möglicher Drohnenangriffe werden den Transport begleiten. Dann ist für einen kurzen Moment die abgekühlte mediale Aufmerksamkeit wieder auf ein altes, noch immer ungelöstes Problem gelenkt: die strahlenden Hinterlassenschaften aus 63 Jahren Atomenergie-Nutzung in Deutschland.

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Auferstehung als Marktlücke. Wem gehört die Zeit? Wem gehört das Leben?

Screenshot: bruchstueckeVideo

Die höchsten religiösen Feste von Christentum, Judentum und Islam – Ostern, Pessach und Eid al-Fitr – fallen in diesem Jahr zeitlich so eng zusammen wie selten. Die drei abrahamitischen Religionen verbindet, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, der Glaube an die Überwindung des Todes und an ein ewiges Leben. Selten war in den vergangenen Jahrzehnten die Diskrepanz größer zwischen dieser lebenverheißenden Botschaft und einer politischen Realität, in der Staaten, die sich auf diese Religionen berufen, Gewalt legitimieren und einsetzen – und ihr Handeln als göttliche Sendung interpretieren.
Gleichzeitig wird, als andere Seite derselben Medaille, weltweit mit enormem Aufwand an der technischen Verlängerung des Lebens gearbeitet, ja an der Überwindung des Todes selbst. Der entscheidende Unterschied: Während Religion Erlösung verspricht, organisiert der Transhumanismus Erlösung als Markt.

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Erosion der internationalen Rüstungskontroll- und Abrüstungsarchitektur. Ein Überblick

Screenshot: Website Lockheed Martin
Lockheed Martin, größter Rüstungskonzern des Planeten, mit einem Rüstungsumsatz von
über 60 Milliarden US-Dollar (2023), rund 120.000 Beschäftigten an 340 Standorten. 

Seit Ende der 1950er Jahre wurden weltweit 31 Abkommen zur Rüstungskontrolle und Abrüstung abgeschlossen. In diesen Abkommen verpflichteten sich die Vertragsstaaten entweder zumindest auf zahlenmäßige Obergrenzen für bestimmte Waffen-und Munitionskategorien oder darüber hinaus auf den Abbau dieser militärischen Arsenale bis hin zu ihrer vollständigen Verschrottung. In einigen Fällen wurde auch das umfassende Verbot vereinbart, bestimmte Waffen und Munitionen künftig einzusetzen, zu entwickeln, zu besitzen, auf dem eigenen Territorien zu stationieren oder sie an andere Staaten weiterzugeben. Ein Überblick über alle Verträge und die zunehmende Erosion.

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SPD als Symptom. Fünf Thesen zur globalen Lage

Lima, Peru: For Sustainable Development Goals (SDGs)
(Foto, 2017: Marco Carrasco auf wikimedia commons)

1 Prekäre Lage aller rechtsstaatlichen Parteien.
Die Instabilität der SPD hat sich seit Jahrzehnten aufgebaut und wurde durch die jüngsten Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz weiter verschärft. Allerdings betrifft diese Instabilität nicht nur die SPD. Denn alle rechtsstaatlich-demokratischen Parteien in Deutschland befinden sich in einer zunehmend prekären Lage. Als wirklich stabil erweist sich bei näherer Betrachtung keine. Stammwählerinnen und -wähler sterben aus, das Wählerverhalten ist insgesamt volatiler geworden – mit einer Gesamttendenz nach unten für die rechtsstaatlichen Parteien, während die rechtsstaatsfeindliche AfD deutlich zulegt.

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Braune Hemden, rote MAGA-Mützen, blaues Branding. Ein Versuch zu begreifen

Foto: © sira

Fehlt der Griff, ist die Tasse schlecht zu fassen. Haben wir keinen Begriff von einer Sache, tun wir uns schwer, sie zu verstehen; wird sie zum Thema, bleibt vage, wovon die Rede ist. In der Politik ist Weitrechts so ein Phänomen. Mit Weitlinks ist es einfacher, über alle Unterschiede hinweg wird von Sozialismus gesprochen (von Kommunismus kaum noch), und Sozialisten nennen sich gerne auch alle selbst so trotz ihrer inneren Spaltungen, die sie mit Eifer pflegen. Wer weit genug links steht, dem reicht es, „rechts“ zu sagen und „faschistisch“ zu meinen, um allen Übeln einen Namen zu geben. Will man es etwas genauer haben, geht es los: Rechtskonservativ, rechtspopulistisch, nationalsozialistisch, Neonazismus, Franquismus, Bonapartismus, Trumpismus, Rechtsextremismus, Autoritarismus, Faschismus…

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„Es muss frische Luft hinein ins Haus der Republik.” Wow!

Foto: Bernd Schwabe auf wikipedia

Ich will nicht lange drum herum schreiben: Ich gehöre zur Gruppe der Wählerinnen und Wähler, die man Traditionswähler nennt. Und zwar rechne ich mich zu den wertegebundenen Überzeugungswählern: Typ Hans Matthöfer. Der stritt nie müde werdend um Beachtung der Menschenrechte; der war für eine möglichst gute Bildung als Voraussetzung für den Aufstieg, für Mitbestimmung so weit wie möglich, er war ein früher Ökopolitiker und schließlich scheute er sich nicht, im Bundestag Diktatoren an der Staatsspitze eine Mörderbande zu nennen. Wie geht es solchen Wählern in der Wahlkabine?

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Franzosen wählten ohne Theaterdonner und ohne Begeisterung

Screenshot: Website Deutsch-Französisches Institut (dfi)

Am frühen Sonntagmorgen dieses 22. März hielt es der 38jährige Thomas in Paris für seine Bürgerpflicht, wählen zu gehen, wenn auch mit einem großen Unbehagen: „Es ist nicht leicht, aber man muss den Kandidaten wählen, der uns das geringere Missvergnügen bereitet“, sagte er im live-blog von Le Monde. Zehn Stunden später, als ein Wahlergebnis nach dem anderen von Paris bis Marseille, von Le Havre bis Pau eintrudelte, konnte sich Thomas bestätigt sehen. Die Französinnen und Franzosen, die mit knapp über 57 Prozent gewählt haben, entschieden sich in ihrer großen Mehrheit für Kandidatinnen und Kandidaten, die vor der Stichwahl der „Municipales“ nicht durch giftige Attacken, persönliche Verunglimpfungen und fragwürdige Aktionen Werbung für sich und ihre Listen gemacht haben.

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Die SPD, eine Art Niemandsland

Screenshot: Website SPD-Service

Nach zwei weiteren verheerenden Wahlniederlagen greift die SPD-Führung zur Methode eines beherzten „Weiter-so“ – programmatisch, organisatorisch und personell.
War da was? Zwei Wochen nach dem desaströsen SPD-Wahlergebnis von Baden-Württemberg mit 5,5 Prozent nun ein erneuter K.O.. Minus zehn Prozent, nach 35 Jahren Auszug aus der Mainzer Staatskanzlei, schlechtestes SPD-Ergebnis in Rheinland-Pfalz nach dem Krieg. Bis auf das Saarland nun den kompletten Süden der Republik verloren. Und obendrein bei der OB-Wahl in München aus dem Rathaus verjagt. Schlimmer hätte es für die Sozialdemokraten nicht kommen können.

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Sexueller Missbrauch in einer Weltfirma der Barmherzigkeit

Wappen Erzbistum Paderborn Bild: Ekpah auf Wikimedia

Eine Studie deckt jahrzehntelange sexuelle Verbrechen im Erzbistum Paderborn auf. Kirchenobere haben den Missbrauch gezielt vertuscht und die Täter geschützt. Und der Rechtsstaat? Er schweigt – wieder einmal. Ein Blick in den Abgrund. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn ist nach einer unabhängigen Untersuchung deutlich höher als bislang bekannt. Für die Jahre 1941 bis 2002 gibt es demnach Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene – fast doppelt so viele wie bisher angenommen. Ein Wissenschaftlerteam der Universität Paderborn war seit 2020 mit der historischen Aufarbeitung befasst. Für die unabhängige Untersuchung wurden den Angaben zufolge personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, das Erzbischöfliche Geheimarchiv, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten, Protokolle sowie Briefwechsel untersucht. Zudem wurden rund 80 Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt. 

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„Der gute Geist der Bundesrepublik“

Foto, 2011: Nikolas Becker auf wikimedia commons

Sollte man Nachrufe lesen? Eine Woche ist seit dem Tod von Jürgen Habermas vergangen, viele Würdigungen sind geschrieben. Wer sich eine nur flüchtige Gesamtschau vornimmt, könnte Lust auf eine kleine Soziologie feuilletonistischer Nekrologe entwickeln. Denn was da und wie (und was nicht) geschrieben ist, müsste in der Summe ja mehr als nur sehr viele Buchstaben ergeben. Zum Beispiel einen, wenn auch nur ausschnittartigen Blick darauf, welche unterschiedlichen Nachrufweisen es gibt, auf welchen materiellen oder sonstigen Bedingungen diese jeweils gründen und ob das dann per »Öffentlichkeit« vermittelt irgendwie auf die Möglichkeiten zurückwirkt, die Frage »Was tun?« zu beantworten.

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„Nur die Illusion von Schutz“

Friederike Wapler

Die Risiken sozialer Medien für Kinder und Jugendliche sind bekannt: Suchtverhalten, algorithmisch verstärkte schädliche Inhalte, psychische Belastungen. Australien hat als erstes Land im Dezember 2025 eine Altersgrenze für soziale Medien eingeführt; Spanien, Frankreich und Großbritannien bringen ähnliche Regelungen auf den Weg. Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt „viel Sympathie“ für die entsprechenden Vorschläge von SPD und CDU. Neben den detaillierten Regulierungsfragen, die hinter dem Verbot stehen – EU-Kompetenzen, App-Design, Durchsetzbarkeit – wirft die Debatte grundsätzliche verfassungsrechtliche Fragen auf: Wie verteilt das Grundgesetz Verantwortung zwischen Staat, Eltern und Kindern? Welche Rolle spielt Schutz – und wo beginnt Bevormundung? Darüber hat Eva Maria Bredler mit Friederike Wapler gesprochen, Professorin für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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Rechtspopulistische „Superwaffe Kultur“

Eine Bankrotterklärung der Kulturpolitik“ bescheinigt der Der Spiegel dem Kulurstaatsminister, „weiß Wolfram Weimer überhaupt, worum es geht?“ fragt die FAZ nach einer Anhörung im Kulturausschuss, dem Weimer erklären sollte, warum drei Buchhandlungen nachträglich vom Buchhandlungspreis gestrichen wurden. Weimers Auftritt passt in den rechten Populismus, der, ob in Europa oder Amerika, dem angeblich links tickenden Zeitgeist ein Ende setzen will. Er wendet sich gegen dessen individualistische, kosmopolitische und universalistische Orientierungen. Der Hamburger Germanist und Historiker Christoph Bartmann beschreibt in seinem Buch Attacke von rechts nun anschaulich die Strategien, mit denen rechte Parteien und Bewegungen Einfluss auf kulturelle Einrichtungen, auf Medien und auch auf die Erinnerungspolitik nehmen wollen.

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