Markt sticht Utopie

Wenn wir über Inklusion, Barrierefreiheit oder soziale Teilhabe sprechen, landen wir gern in Denkschablonen. Wir schauen in Gesetzesbücher, optimieren DIN-Normen für Rampen oder diskutieren über staatlich subventionierte Werkstätten. Das ist richtig und wichtig, doch gleichzeitig verläuft dieser Prozess oft zu stark institutionalisiert, zu bürokratisch und zu sehr von oben herab verwaltet. Der Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ zeigt, wie es auch anders gehen kann: radikaler, ungezähmter, kompromissloser. Die Geschichte führt in das thüringische Dorf Hartroda im Jahr 1979. Vier schwerbehinderte Jugendliche haben genug vom grauen, repressiven Heimalltag der DDR, der dem Prototyp einer foucaultschen Disziplinaranstalt gleicht – einem Ort, an dem Körper klassifiziert, reglementiert und überwacht werden. Die Held*innen des Romans gründen in einem alten Pfarrhaus eine autonome Kommune.

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KI-Nachrichten als Fake-Flut

Das Nachrichtenportal „We-News“ zeigt ein gelbes Postauto (siehe unten) statt des blauen Linienbusses.

«We-News» erzeugt KI-Nachrichten am laufenden Band. Es droht ein Berg Informations-Müll, in dem echte Nachrichten untergehen. Kürzlich zeigte Infosperber, wie das neue Nachrichtenportal «We-News» mit Bildern die Wirklichkeit verfälscht. Doch auch die Texte sind voller Fehler. Wieder berichtete das Portal über einen Unfall, dieses Mal einen Bus-Unfall im Schweizer Kanton Wallis. Der Einstieg in die Meldung tönt seriös: «Auf der steilen Strecke von Leuk nach Leukerbad ist am Samstagabend ein Bus der Leuk–Leukerbad Busbetriebe (LLB) den Hang hinuntergestürzt. Das Fahrzeug kam nach Angaben lokaler Einsatzkräfte rund 45 bis 50 Meter unterhalb der Strasse zum Stillstand. Ersten Informationen zufolge wurden bei dem Unfall keine Personen verletzt.» Die Seriosität ist Fake.

Was Auswärtigen nicht auffällt, aber Ortskundige bereits im ersten Satz stutzig werden lässt: Die Strecke zwischen Leuk und Leukerbad ist nicht besonders steil, aber besonders eng. Da muss jemand die Straße mit dem Gelände neben der Straße verwechselt haben: Dort ist der Hang tatsächlich sehr steil. Darum stürzte der Bus 45 bis 50 Meter in die Tiefe. Das ist auf «We-News» auch akribisch in der anschliessenden Faktentabelle vermerkt.

Die Walliser Korrespondentin Céline Bonvin, die den Bericht angeblich geschrieben haben soll, dürfte also nicht sehr vertraut sein mit den Gegebenheiten. Kein Wunder: Céline Bonvin gibt es gar nicht. Sowohl der Name als auch das Bild der «Journalistin» ist von KI erstellt. Beim Schreiben des Artikels war kein Mensch am Werk. Die Informationen hat sich «Céline» von der Website der «Walliser Zeitung» geholt und zusammengebastelt.

Aus dem seriösen Bericht fantasierte «Céline» etwas zusammen: etwa, dass die Buslinie nach Leukerbad gesperrt sei. Doch die war gar nicht betroffen, sondern die Strecke nach Albinen. Gelogen hat «Céline» auch mit dem Bild zum Unfall: Dort ist ein gelbes Postauto abgebildet. Es ist aber gar kein Postauto abgestürzt, sondern – wie erwähnt – ein Bus des Verkehrsbetriebs Leuk-Leukerbad (LLB). Und der ist blau. Am Bild des verbeulten Busses dürfte Postauto keine Freude haben.

Ein Bus stürzt in die Tiefe – und der Chauffeur bleibt unverletzt?
Die KI kann Informationen sammeln und zusammenfassen, aber denken kann sie nicht. Ein Mensch hätte sich aufgrund der Unfallmeldung gefragt: Wie kann ein 12 Tonnen schweres Fahrzeug rund 50 Meter einen Hang hinunterstürzen und komplett zerstört werden, ohne dass jemand einen Kratzer erleidet? Die richtige Antwort lautet: Es war gar niemand im Bus, nicht einmal der Chauffeur.
Die Redaktion des Walliser Portals «Kanal 9» deckte den tatsächlichen Unfallhergang auf: Der Busfahrer hat ein technisches Problem bemerkt, angehalten und die Haltestellenbremse aktiviert. Draussen am Bus betätigte der Fahrer den Hauptschalter und vergass, zusätzlich die manuelle Handbremse zu ziehen. Danach geriet der Bus ins Rollen und stürzte den Hang hinunter.
Dies ist ein Aktualisierung vom 26. August 2026

Falscher Betonblock, falsche Haltestelle

Auch die anderen Bilder auf «We-News» sind von einer KI aus Textteilen zusammengeschustert und nicht echte Fotos, obwohl sie so aussehen. Etwa dieses Bild von einem Unfall auf der Autobahn A1 bei Nyon. Der Betonblock: falsch. Das Unfallauto: falsch. Die Rettungsleute und die Rettungsfahrzeuge: alles falsch.

Das Portal deklariert jeweils ganz am Schluss der Beiträge: «Die Illustration wurde von KI erzeugt: Sie stellt den Kontext des Beitrags dar und ist keine Fotografie des Ereignisses.»

Doch wer liest das schon? Und wer käme darauf, dass nicht einmal das Bild zum Umbau einer Bushaltestelle in Köniz echt ist? Ortsunkundige können nicht beurteilen, ob das Bild stimmt. Sie werden mit vermeintlich seriösen Informationen hinters Licht geführt.

Wer durchschaut, dass die KI-Texte und -Bilder nicht stimmen, mag sich über solche unbedarften Billig-Nachrichten amüsieren. Doch wenn das neue Geschäftsmodell nicht mangels Lesern schnell wieder vom Markt verschwindet, wird es in hoher Geschwindigkeit – viel schneller als menschliche Journalisten – noch sehr viel mehr falsche Nachrichten erzeugen. Die Leser und Leserinnen müssen dann die echten Informationen aus den Fluten von zusammenfantasierten Artikeln aussortieren. Das wird mühsam und zeitraubend – wie das weiland schon Aschenputtel mit den Linsen in der Asche erfahren musste.

Die «Journalisten» haben alle typisch regionale Namen
Die Namen der «KI-Regionalkorrespondenten», die «We-News» als Urheber der Nachrichtentexte anzeigt, sind sorgfältig ausgewählt. Es sind Namen, die in der jeweiligen Region verbreitet sind – wie die erwähnte Walliser Korrespondentin Céline Bonvin. Damit täuscht das Portal eine lokale Verbundenheit vor: So auch mit dem Tessiner Korrespondenten Marco Bernasconi, dem St. Galler Lukas Fässler, dem Freiburger Bruno Vonlanthen und der Bündner «Journalistin» Seraina Cadonau.
In Wahrheit hat «We-News» mit der Schweiz wenig zu tun. Herausgeber ist eine Firma mit Sitz in Hongkong. Der verantwortliche Redaktionsleiter, der gleichzeitig auch der Verleger ist, heisst David Dragesco. Er ist ein französischer Digital-Marketing-Experte.

Unter dem Titel „«KI» veröffentlicht eine Flut von Nachrichten-Unsinn“ erschien der Beitrag zuerst auf Infosperber

Il Sole 24 Ore schreibt (ins Deutsche übersetzt) über We-News:

We-News ist ein Portal, das einer Online-Zeitung in jeder Hinsicht nachempfunden ist, aber vollständig mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Die Autoren sind keine Menschen, sondern „redaktionelle KI-Agenten“ mit künstlichen Namen, Fachgebieten und Fotos. Die Informationen stammen aus öffentlichen Bekanntmachungen, Pressemitteilungen, Nachrichtenagenturen und im Internet verfügbaren Inhalten und werden anschließend von Algorithmen aufbereitet.

Gefräßige Goldgräber: das KI-Rattenrennen

„Marktwirtschaft und Widerstand“ (Bild: ChatGPT 5.5 plus Bildbearbeitung interaktiv mit Klaus-D. Hänsgen aka Wortulo auf wikimedia commons)

Wie die fast alles und alle überwältigende KI-Technik den Alltag verändert, ahnt jede Person, die ihrem Chatbot (ob Le Chat, Claude, Gemini oder oder) zum Beispiel eine Frage nach den Schönheiten in den Banlieues rundum Paris vorlegt, ein Referat zur Verfassungstreue der AfD in Auftrag gibt, seinen KI-Agenten für Urlaube trainiert – oder eben in Offenbach, Hofheim, Frankfurt beim Spaziergang an einem der aus dem Boden sprießenden Rechenzentren vorbeischlendert und als Nebeneffekt wahrnimmt, wie grottenhässlich Fortschritt sein kann. Überall, ob im RheinMain-Gebiet oder im US-Staat Utah, wurden sie offen empfangen: denn Rechenzentren, Server-Farmen verkörpern den Fortschritt, sind die Treiber für Wirtschaftswachstum, die Goldgruben des 21. Jahrhunderts. So war es. Jetzt wachsen Widerstände, ob in Hofheim oder nahe Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Denn sie verkörpern Fortschritt und Profitgier gleichermaßen, diese elendlangen-30Meterhohen-fensterlos-kameratotalüberwachten Blechlagerhallen, unersättlich hungrig nach Strom, Wasser, Fläche.

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Wenn das Journalismus ist, was ist dann Menschenverachtung?

Screenshot: Schweizer Online-Zeitung Infosperber

Im Rückblick, wenn man den Fall zusammen mit den Reaktionen vor Augen hat, ist manchmal alles noch viel schlimmer. Vor rund vier Wochen, am 8. August, hat Michael Martens, Balkankorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Flaggschiffs des konservativen Qualitätsjournalismus in Deutschland, bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Volodymyr Zelenskyj die Frage gestellt: „„Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten – mehr russische Soldaten natürlich“. Es sind keine Fake-News, die von Putin nahen Online-Plattformen verbreitet und hochgespielt wurden, es ist ein dokumentiertes Faktum.1

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AfD statt Honecker: Rückwärts immer, vorwärts nimmer

Back on the Bock . Das Simson-Werk in Suhl war zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber der Region.
(Screenshot: Website AfD Sachsen-Anhalt)

Vergangenheitsbeschwörung, wahlweise um Ängste oder Hoffnungen zu schüren, fehlt in keinem Werkzeugkasten politischer Kommunikation. Dahinter steht, ob bei Erich Honecker, bei Donald Trump oder bei der AfD, eine Flucht aus der Gegenwart. Im Fall der DDR war es offenkundig. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ — das berüchtigte Credo Erich Honeckers, einst Staatsratsvorsitzender der DDR, geäußert am 7. Oktober 1989 anlässlich des 40. Jahrestages der DDR, hatte eine extrem kurze Halbwertszeit. Nur fünf Wochen später fiel die Berliner Mauer, und die deutsche Variante des Sozialismus sowjetischer Prägung war Geschichte. Natürlich war dieser Slogan reine Realitätsverweigerung. Denn das staatssozialistische Regime stand unter starkem Druck, endlich weitreichende Reformen einzuleiten, um die anhaltenden Schwächen und Probleme des bestehenden Wirtschafts- und Politiksystems zumindest zu mildern.

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DDR-Fahne im Jugendzimmer, Hakenkreuz auf dem Hausaufgabenheft

Auferstanden aus Ruinen“, die erste Zeile der DDR-Hymne, habe eine ganz neue Bedeutung bekommen, sagt Berthold Vogel, Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI). „Erst musste der DDR-Sozialismus eine Gesellschaft in den wirtschaftlichen und moralischen Ruin führen, bevor eine DDR 2.0 ihre Auferstehung feiern konnte.“ Diese DDR sei eine Erfindung der Nachwendezeit. In der Transformationsphase sei in Ostdeutschland ein DDR-Bild entstanden und habe sich als ein Sozialmodell im kollektiven Gedächtnis verfestigt, „das von Vielen gegen den Westen, seine Arroganz und Selbstgewissheit in Stellung gebracht wird“, erläutert Vogel im Interview mit Jutta Roitsch. Ihn verwundere nicht, dass auf AfD-Parteitagen die alte DDR-Hymne gesungen werde.
In seiner Forschungsarbeit über gesellschaftlichen Zusammenhalt stieß Vogel im thüringischen Porbstzella auch auf „ein Produkt der sozialen Demokratie der 1920er Jahre“, das „Haus des Volkes“, „das 1989 – wie Vieles in der DDR – in einem maroden bis katastrophalen Zustand“ war.

Das „Haus des Volkes“ gilt als größtes Bauhaus-Denkmal Thüringens (Screenshot: bauhaus in probstzella)
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Trump: Ein Kotau wäre die falsche Strategie

Micha Hilgers (Foto: Céline Rüegg)

Donald Trump Posts auf seiner Plattform Truth Social zeigen, „dass dieser Mensch keinerlei moralische Hemmungen hat, weder Schuld oder Scham empfindet. Deshalb äußert er sich disreguliert mit solchen verbalen Ausfällen. Und je schwieriger es für ihn wird, desto heftiger und inflationärer werden seine vulgären Drohungen. Das ist typisch für eine narzisstische Psychopathie“, sagt der Aachner Psychoanalytiker und Forensiker Micha Hilgers über den US-Präsidenten und dessen psychische Verfassung im bruchstücke-Interview mit Manfred Kriener. Trumps einzige Strategie sei seine Selbstinszenierung. Man dürfe sich ihm nicht unterwerfen, man müsse gelassen bleiben. „Es ist keinesfalls hilfreich, einen Kotau zu machen. Das führt nur zur Verachtung. Psychopathen lieben mächtige Menschen und sie verachten die schwachen. Erinnern wir uns, wie sehr Trump den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-Un umgarnt hat oder wie gut er sich mit Putin versteht.

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Ein Gedenktag, der mehr Widerhall braucht

Am 2. August jährt sich zum elften Mal der Holocaust-Gedenktag der Sinti und Roma. Er wurde am 2015 vom Europäischen Parlament beschlossen. Der Tag erinnert an den Mord von mehr als 4000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944. Sie wurden ermordet, weil die SS in jener Nacht das sogenannte Zigeunerlager von Auschwitz auflöste und die verbliebenen tötete.
Der Holocaust- Gedenktag am 2. August findet kaum Widerhall in Deutschland, sieht man von TAZ, DLF, DW und einigen Landessendeanstalten ab. Nichts spricht dafür, dass es in diesem Jahr anders sein wird, vielleicht kommt er bei „heute“ und „tagesschau“ vor. Die „sympathischste“ Erklärung mag sein, dass der Gedenktag kaum bekannt ist; die weniger sympathische lautet: Der Holocaust an Sinti und Roma wird übersehen beziehungsweise weg-geschwiegen. Dazu mag passen, dass die heutige Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas während ihrer Zeit als Parlamentspräsidentin an diesen Tag am 2. August erinnerte. Ob die amtierenden daran anknüpfen wird? Über Julia Klöckner sagt Google, es gibt „keine politischen Initiativen, Kontroversen oder programmatischen Positionierungen Klöckners, die Sinti und Roma zum zentralen Thema haben“.
Bekannt ist, dass der Antiziganismus wieder Zulauf hat. Unter dieser sozialen „Pest“ leiden Roma in Deutschland, Sinti und auch Jenische, die von glattzüngigen Reaktionären einmal „weiße Zigeuner“ genannt wurden. 
Kein Thema insgesamt, das zu Komplimenten auffordert.

Wohin treibt Germany? Für eine politische Agenda guten Willens

Foto von Christian Lue auf Unsplash

1966, Union und SPD sind auf dem Weg in eine Große Koalition, veröffentlicht der Philosoph Karl Jaspers „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ Er warnt in dem Buch vor einem autoritären Staat und appelliert, die Demokratie zu schützen. Drei Jahre später prägt der erste bundesdeutsche sozialdemokratische Kanzler „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ als geflügeltes Wort und leitet eine Periode innenpolitischer Reformen und europäischer Entspannungspolitik ein.
Wohin treibt Deutschland 2026? In Richtung einer pathologischen Konstellation? Wir verstehen darunter den Verlust der Fähigkeit, sich über die klassische Alltagsfrage „Was geht hier eigentlich vor?“ (Goffman, 1980, S. 16) zu verständigen. Gemeint sind gar nicht Lösungen; gemeint ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Problemlagen anzuerkennen. Wenn die Fakten der einen die Fakes der anderen sind, wenn Realitätsbeschreibungen als Verschwörungserzählungen gelten und umgekehrt, wenn über sachliche Zusammenhänge zwischen Ursachen und Folgen Verwirrung nicht nur herrscht, sondern interessengesteuert mit der Strategie „flood the zone with shit“ auch gestiftet wird, dann kann von einer pathologischen Drift gesprochen werden – und die Politik mittendrin. Was geht hier eigentlich vor?

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Ich würde den Kriegsdienst auch heute verweigern

Cem Özdemir (Screenshot: tiktok)

Krieg ist eine ernste Sache. Menschen werden ermordet, verkrüppelt und traumatisiert. Städte werden zu Schutt und Asche gebombt. Das Geschäft mit dem Tod boomt. Kriegslärm übertönt die drängenden gemeinsamen Menschheitsprobleme wie Hunger, Gesundheit und Klimaschutz. Der Verteidigungsminister will Deutschland kriegstüchtig sehen. Der Kanzler wünscht sich die Bundeswehr als stärkste konventionelle Armee Europas. Die Wehrhaftigkeit der Gesellschaft soll durch Aufrüstung, Wehrpflicht und Zivilschutz gestärkt werden. Angesichts von Putin und Trump gilt die Zeitenwende als alternativlos. Wer nach Antworten jenseits von Aufrüstung und Kriegsunterstützung sucht, wird schnell als Vaterlandsverräter, als pazifistischer Gutmensch, als Putinversteher oder schlichtweg als Trottel denunziert oder belächelt. Angesichts des gewandelten Zeitgeistes und der neuen geopolitischen Lage melden sich Politiker und sogar der alternde Punkrocker Campino zu Wort und verkünden ihr Damaskus-Erlebnis. Robert Habeck, der Meister unscharfer Bestimmtheit, geht auf Distanz zur eigenen Kriegsdienstverweigerung: „Ob ich das heute so tun würde in einer anderen Situation, das weiß ich nicht, beziehungsweise ich vermute, ich würde es nicht tun“.

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Frankreichs Agrarlobby demütigt die Regierung Lecornu

Die Agrarlobby Frankreichs hat sich wieder einmal durchgesetzt. Vor einem Jahr wehrten sich 400 französische Spitzenköche und 2,1 Millionen Menschen in einer Petition gegen ein im Senat und der Nationalversammlung ohne öffentliche Debatte durchgedrücktes Gesetz, das den Namen des konservativen Senators Laurent Duplomb trug. Es entsprach den Wünschen der industriellen Agrarlobby und des Bauernverbandes FSNEA nach riesigen Wasserbecken zum Berieseln der Maisfelder und Lockerungen im Umweltschutz: Zwei der seit 2018 zur „Erholung von Biodiversität, Natur und Landschaft“ verbotenen Pestizide (Acetamiprid und Flupyradifurone) sollten wieder auf Rübenpflanzen wie Kirsch-, Apfel- und Haselnussbäume gesprüht werden dürfen. Die breite gesellschaftliche Protestwelle hatte Erfolg, der Verfassungsrat verwarf diese geplanten Regelungen als gesetzeswidrig. Die Köche und die von einer 23jährigen Studentin ausgelöste Bürgerbewegung feierten die Entscheidung.
Die Agrarlobby schäumte und nutzte die verheerende Schweinepest im Winter, die Regierung von Sébastien Lecornu unter Druck zu setzen. Das von ihr im Frühsommer vorgelegte „Dringlichkeitsgesetz zum Schutz und zur landwirtschaftlichen Souveränität“ (rund 30 Artikel ohne Rückgriff auf das Gesetz Duplomb) veränderte die konservative Senatsmehrheit im Sinne des vom Verfassungsrat gekippten Gesetzes Duplomb – mit leichten Einschränkungen und Hinweisen, dass es sich um „Ausnahmen“ handele. Alle Versuche der Ökologen, der Sozialisten und der liberalen Mitte in der Nationalversammlung, alle Versuche der politisch schwachen Umweltministerin Monique Barbut, diese fundamentalen Veränderungen im Gesetz zu verhindern (die Ministerin droht mit ihrem Rücktritt), scheiterten. Eine Mehrheit von den Konservativen bis zu den Rechtsextremen zog die praktische Wiederauflage des „Gesetzes Duplomb“ (in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli) ohne Debatte durch. Sie führte die Regierung Lecornu in einem Maße vor, die in der knapp einjährigen Amtszeit beispiellos ist. Es ist eine Demütigung für den Regierungschef selbst, aber auch eine Demütigung seines zerstrittenen parteipolitischen Lagers, das teilweise mit der rechten Mehrheit stimmte. Die mächtige Agrarlobby stört dieser politische Flurschaden nicht, sie hat sich wieder einmal durchgesetzt, auch gegen 400 Spitzenköche und 2,1 Millionen Bürger.

Führer abwesend

Imam Khamenei mit seinem Sohn, Ayatollah Sayyid Mojtaba Khamenei
(Foto, vor 2026: khamenei.ir auf wikimedia commons)

Zu den Trauerfeiern für den am 28. Februar bei einem israelischen Angriff getöteten Ali Khamenei, 37 Jahre lang sogenannter oberster Führer des Iran, ließen die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) ihren Anhang in Reih‘ und Glied antreten. Westliche Korrespondenten staunten über die Menschenmengen, die sich an fünf Tagen in Teheran, Ghom, Maschhad sowie in den irakischen Städten Nadschaf und Kerbela auf den Prozessionen einfanden. Ist das Mullah-Regime doch nicht so isoliert wie gedacht?

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Das Wichtigste dabei: Aufklärung

Der Prozess ist ebenso bedrohlich wie schleichend. „Eine Demokratie verliert ihren Verstand nicht an einem Tag. Sie verliert ihn, wenn zu viele sich daran gewöhnen, dass Wahrheit keine Rolle mehr spielt.“ Um das zu verhindern hat der 80jährige Jurist, langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und für wenige Monate im Jahr 2000 CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz ein aufrüttelndes Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ein Volk den Verstand verliert – und was wir dagegen tun können.“ Polenz beschreibt, dass der Verstand auf der Strecke bleibt, weil die Errungenschaften der Aufklärung von autokratischen Regimen und antidemokratischen Parteien unterminiert werden. Wahrheiten werden angezweifelt, wissenschaftliche Expertise wird von Egomanen wie Trump verhöhnt. Der wolle gar nicht, dass man ihm seine vielen Lügen glaubt. Er wolle, „dass die Amerikanerinnen und Amerikaner denken, es komme nicht darauf an, ob ihr Präsident die Wahrheit sage oder nicht. Die Wahrheit ist unwichtig.“ Es geht um Meinungen, nicht mehr um Fakten. „Ja, natürlich gibt es Meinungsfreiheit“, schreibt Polenz. „Aber es gibt eben auch Tatsachen. Und wenn wir anfangen, das zu leugnen, sind wir auf dem besten Weg, unseren Verstand zu verlieren.“

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Kretschmers Schläge in die Magengrube der Union

Michael Kretschmer (Foto: Sandro Halank auf wikimedia commons)

In seinem Handelsblatt-Interview versetzt Michael Kretschmer, CDU-Ministerpräsident in Sachsen, der CDU in Sachsen-Anhalt und der CDU auf Bundesebene gezielt zwei harte Schläge, die zum Knockout der Christdemokraten zunächst in Sachsen-Anhalt, aber dann auch im Bund führen könnten. Der eine zerstört die von der CDU und ihrem Vorsitzenden gegen die AfD errichtete Brandmauer frontal, der andere macht die „Reformprojekte“ der Regierungskoalition runter, wie es die parlamentarische Opposition von rechts und links nicht besser machen könnte. Die vielen zustimmungsfähigen Aussagen über Gesprächsfähigkeit und Miteinander in Demokratie und Gesellschaft sind durch den Rahmen, in den Kretschmer sie stellt, vergiftet – nicht nur für die CDU.

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