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Ein sarkastisch gestimmter Rezensent könnte das vorliegende Buch mit einer Paraphrase charakterisieren: Metaphysisch denken? – Rette sich wer kann! „Metaphysik ist das Wort, vor dem jeder… wie vor einem mit der Pest Behafteten davon läuft,“ heißt es bei Hegel. Diese „Vierzehn Vorlesungen zur Einführung in die Philosophie“ von Peter Bulthaup (1934-2004) sind eine Einführung in den Deutschen Idealismus. Im Zentrum stehen Kommentar und Erläuterung zur berühmten Vorrede der Phänomenologie des Geistes. Wie dieses Buch geht auch Bulthaup vor. Er handelt von philosophischen Gestalten, die aufeinander folgen und deren Philosopheme man verstanden haben sollte, will man das Ganze der uns zugänglichen Wahrheit erfassen.
Hegel zu lesen verlangt großes intellektuelles Selbstvertrauen und heute mehr denn je, ist doch das von den Universitäten Angebotene – wie sich den deutschen Vorlesungsverzeichnissen entnehmen lässt – mehr als mau. Dies ist ein solches Selbstvertrauen stützendes Buch, und es kommt zur rechten Zeit angesichts des beschämenden Zustands der Akademie. Aber wer braucht schon Metaphysik?
Ein Physiker braucht Metaphysik, um die Modelle seines eigenen Fachs zu verstehen, lautet eine von Bulthaup gegebene Auskunft. Äh, wieso das? Weil der zentrale Begriff der Physik, der Begriff der Kraft, sich nicht aus Erfahrung gewinnen lässt. Denn er ist von einer mathematischen Gleichung mit den Bewegungsgrößen Masse und Beschleunigung bestimmt. Der hier vorgestellte Autor liest Hegel aus der Warte eines naturwissenschaftlich Gebildeten, denn Bulthaup war beides, Philosoph und Naturwissenschaftler.
Dieses Hegelbuch ist eine wirkliche Lesehilfe
Er expliziert anhand physikalischer Gegenstände. Das ist ganz ungewöhnlich, hat sich die Hegelrezeption doch angewöhnt, den mit Naturwissenschaften befassten Philosophen für hoffnungslos verschroben anzusehen. Das ist nur die halbe Wahrheit, wie Hegels begründete Kritik der Evolutionstheorie zeigt. Diese Theorie erklärt die Entwicklung von der einfachen anorganischen Materie zum entfalteten organischen und zum menschlichen Leben mit den Millionen Jahren, die dieser Prozess benötigt. Aber Zeit ist die Bedingung der Entwicklung, nicht ihr Prinzip. In Hegels Worten: „Diese allmähliche Veränderung nennt man Erklären und Begreifen… aber dieser quantitative Unterschied, wenn er auch am leichtesten zu verstehen ist, so erklärt er doch nichts.“

Bulthaup ist in seiner Vorlesung ganz Hegelianer, wenn er über die sinnlich fassbaren Darstellungen eines Atoms spricht, wie sie in den Chemiebüchern zu sehen sind; er nennt sie die Übertragung abstrakter mathematischer Formeln in kindische Bildchen. Die Formeln der Chemie seien in Wahrheit unsinnliche Modelle. In der physikalischen Innenwelt lasse sich mit dem Wahrheitskriterium der Sinne gar nichts verstehen. Dieses Buch ist eine kalte Dusche für jeden Wissenschaftstheoretiker, der glaubt, sein windschiefes Wahrheitsgebäude mit Empirismus abzustützen.
Wo vermeintlich Klarheit herrscht, wälzt Bulthaup die Frage, wie die mathematisch gefassten Gesetze der Naturwissenschaften auf die Natur und ihre Gegenstände bezogen sind, eine Frage, ganz unsinnig für den gesunden Menschenverstand. Seine Vorlesung widmet sich dem Unterschied zwischen Hegels Verständnis von Wissenschaft und dem gängigen, szientifischen. Hegels Begriff charakterisiert er ex negativo: „Wenn in der Darstellung der Wissenschaft vergessen wird, wie ihre Probleme zustande kamen, woraus sie eigentlich resultieren, wird die Wissenschaft selbst unbegreiflich.“ Das gilt, so Bulthaup, für die Philosophie wie für die Naturwissenschaften. Die Formeln der Physik oder der Chemie sind nicht zu verstehen, unterbleibt die Darstellung der Probleme, zu deren Lösung sie einmal entwickelt wurden.
Dieses Hegelbuch ist eine wirkliche Lesehilfe, denn es erklärt dort, wo die philosophischen Lehrbücher und Lexikonartikel den Leser knapphalten. Bulthaup geht vor wie sein Gegenstand, die Phänomenologie Hegels. Die Wahrheit kommt, so heißt es in der Vorrede, nicht wie aus der Pistole geschossen. Zu ihr hin führen die Probleme, wie sie sich in der Philosophiegeschichte stellen, und die gefundenen Lösungsvorschläge. Die Geschichte der Philosophie ist demnach identisch mit der Entwicklung der Wahrheit. Bulthaup vertritt einen emphatischen Wahrheitsbegriff. Das allein genügt, um sich in der heutigen philosophischen Landschaft unmöglich zu machen.
Wie der Hegelsche Geist dem transzendentalen Ich der Kantischen Philosophie entschlüpft, führt dieses Buch aus. Solche Termini, wie die Sprache des Deutschen Idealismus überhaupt, kommen dem unbefangenen Leser so verständlich vor wie Merseburger Zaubersprüche. Mit der Alltagssprache hat die idealistische Philosophie die Verbindung gekappt; die kritischen Theoretiker wiesen auf diese Zäsur hin. Einer hat den Vergleich mit dem Rotwelsch gezogen. Bulthaup übersetzt die Hegelsche Ganovensprache, und er macht dies ohne die Anmaßung, es könne vollständig gelingen. Daher spricht er von „Untersuchungen“.
Ausbildung als Anleitung zur Verblödung
Aus seinen Untersuchungen resultiert kein Unterrichtsstoff für die philosophische Klippschule. Der Hochschullehrer macht es seinen Zuhörern mit der im Wintersemester 1980 gehaltenen Vorlesung nicht leicht. Zu Beginn der zwölften Vorlesung geht Bulthaup auf die Vorhaltung ein, man könne bei dem gebotenen Schwierigkeitsgrad nicht von einer Einleitung in die Philosophie sprechen. Der Gescholtene antwortet dem Studenten gar nicht beleidigt; er spricht ihn als Kommilitone an, (als Mitkämpfer, wie er übersetzt). Er versteht sich und seine Zuhörer als Verbündete in Abwehr einer Universität, deren „Ausbildung heute durchgängig als Anleitung zur Verblödung zu erkennen ist.“
Solche eingestreuten Bemerkungen und wunderbare aphoristische Stellen dienen vermutlich dem Atemholen, hat doch die Beschäftigung mit dem Hegelschen Stoff etwas Atemberaubendes. „Ein Standpunkt ist ein Gesichtskreis mit dem Radius Null,“ heißt es in einer Vorlesung; dies entspräche dem von Hegel dargestellten Bewusstsein, das sich auf sich selbst beschränkt. Oder über die Bewegung des Begriffs: Das sei kein im Hörsaal herumfahrender Bumerang. „Wenn Sie“, spricht er seine Hörer an, „versuchen, auch nur zehn vernünftig zusammenhängende Sätze zu schreiben, wissen Sie, welche intellektuelle Schinderei das ist.“
Man liest das Produkt der Bulthaupschen Schinderei und hat viel davon. Denn die Hegelkritik spart es nicht aus. Auch Hegel verkörpert eine Gestalt der Philosophie, die verstanden und negiert werden muss, damit es den Fortschritt in der Philosophie geben kann. Er sah die Unmöglichkeit einer rein physikalischen Erklärung der Evolution und verzichtete dennoch auf ein metaphysisches Prinzip, was ihn zum Vorläufer des heutigen Positivismus macht. Und gegen Hegel ist festzuhalten: Die Gegenstände der Naturwissenschaften sind keine Gedankendinge. Das Wasserstoffatom hat es schon gegeben, bevor es eine Atomtheorie gab. Wäre es anders, wäre die Theorie der Grund der Materie. Dass das Sein sich nicht dem Denken verdankt, ist ein Anti-Idealismus, den Bulthaup sich nicht abhandeln lässt.
Die gewundene Formulierung verrät das Problem
Die Körper sind wahrlich nicht so, wie es im Hegelschen Buche steht. Nun könnte man mit der „Grundlage eines jeden Idealismus“ ganz schnell fertig werden, ablehnend wie die analytische Philosophie, aufsaugend wie der sich ganz radikal gebende Dekonstruktivismus. Das ist Bulthaups Sache nicht. Gegen den reflexhaften Verriss und die unkritische Affirmation setzt er ganz traditionell die Lektüre des Textes. Er hat nicht einmal Hemmungen, das der mittelalterlichen Scholastik entlehnte Verfahren der „lectio“ und der „disputatio“ anzuwenden. Den nach dem Wissenschaftsjournalismus schielenden heutigen Philosophen müssten sich alle Haare zu Berg stellen.
Hegel zu lesen heißt, die Aufführung eines Zaubertricks zu erleben. Wohl ist wahr: Den Gegenstand und das Denken zu unterscheiden, ist eine Leistung des Denkens; in das Denken fällt die Differenz. Es ist also erkenntnistheoretisch das Erste, aber dies bringt das ontologisch Erste, die materielle Gegenstandswelt, nicht zum Verschwinden. Bulthaup unterschlägt nicht den faulen Zauber des vermeintlichen Verschwindens. Am Ende der Vorlesungsreihe ist Adornos Nicht-Identisches thematisch, die gedankliche Anstrengung, die innere und äußere Natur gegen die ökonomische Gewalt zu retten. Aber erst kommt die Darstellung des Hegelschen Systembegriffs; dann erst geht es zur Kritik.
Mit dem Dasein ist Hegel nicht fertig geworden; der Geist kann sich die Materie nicht restlos assimilieren. Bei Bulthaup führt dies zu dem „Versuch einer Andeutung einer materialistischen Kritik an dem Klassizismus des Hegel’schen Wissenschafts- und Bildungsbegriffs.“ Das steht ziemlich am Ende der Vorlesungsreihe. Die gewundene Formulierung verrät das Problem, das sich stellt, wollte einer den Idealismus mit dem Materialismus kontern. (Marx hat dies keineswegs getan, sei in Klammern vermerkt). Ob Bulthaup diesen Versuch unternimmt, werden die hoffentlich bald publizierten Folgevorlesungen zeigen.

Peter Bulthaup entstammt mit Günther Mensching und Karl Heinz Haag der zweiten Generation kritischer Theoretiker. Man hat ihnen das Label Epigone verpasst. Ehemals Autoren bei Suhrkamp, konnten sie nach dem von 1968 ausgelösten Theorieboom von Glück sagen, wenn sie in kleinen Häusern noch publizieren konnten. Haag wird eine Metaphysik schreiben, in der er den „geläuterten Wesensbegriff“ entfaltet, den die Negative Dialektik Adornos gefordert hat. Mensching wird zeigen, dass kritische Theorie auf dem falschen Bein Hurra schreit, wenn sie in nominalistischer Weise das Nichtidentische mit dem begrifflich nicht zu fassenden Besonderen identifiziert. Und was Bulthaup für die fortentwickelte kritische Theorie geleistet hat, zeigt dieses Buch.
Ist Philosophie nicht überhaupt verzichtbar?
Die drei Genannten sind dem zeitgenössischen Feuilleton weitgehend unbekannt. Ihre Abwesenheit in den Zeitungsspalten als Urteil über die Unwahrheit ihrer Metaphysik zu verstehen, wäre ein Witz im Sinne von Karl Kraus. Der heutige Wissenschaftsjournalismus rezensiert in der Regel nur Autoren, die approbiert sind und Starruhm erlangt haben. Ist er liberal ausgerichtet, ist er stolz, in der Habermaschen Sprachpragmatik eine elaborierte Gesellschaftstheorie zu besitzen, welche die fundamentale Kritik der Gesellschaft ersparen hilft; in den Stolz mischt sich die Erleichterung. Für die Sprachpragmatik ist der Gegenstandsbereich Natur, gar ihre intelligible Substanz, nicht vorhanden; ihr sind nur Ego und Alter Ego ein Thema. Damit ist sie späte Erbin Hegels, für den das Ansichsein der Natur ein restloses Für uns ist. So gerät aber aus dem Blick, was die modernen Gesellschaften fundamental belastet: die ihrer Ökonomie geschuldete Verheerung der Ökosysteme. Ob Metaphysik verzichtbar ist oder ein vernunftgeleiteter Naturumgang Metaphysik voraussetzt, ob das nachmetaphysische Denken Wahrheit beanspruchen kann, ist eine Frage, zu der man in den Redaktionen der ZEIT, der Süddeutschen und der FAZ gar nicht erst vordringt.
Ist Philosophie nicht überhaupt verzichtbar? Adorno hat ihr das Verstummen prophezeit. Ja, sie verstummt, aber indem sie auf sehr große Lautstärke dreht. Heute ist jeder Unternehmensberater auch noch Philosoph, und Talkshow wie Podcast schmücken sich mit ihm, wie man sich mit einer Gucci-Handtasche oder einer Hermès-Krawatte schmückt. Das lauthalse Verstummen könnte Resignation nahelegen. Bulthaup zitiert am Ende seiner Vorlesungen aus Adornos gleichnamigen Aufsatz: „Was triftig gedacht wurde, muss woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken.“ Bulthaup zitiert und stellt das Zitat zugleich in Frage, indem er von einer Durchhalteparole spricht.
Man könnte gegenhalten und auf das Internet verweisen. Hier finden sich neben den Plätzen für das gedankliche Müllabladen durchaus welche, auf denen Autoren wie Bulthaup ihre Rezeption finden können. Das Internet als List und Hebamme der Vernunft? „Der lebendige Geist, der in einer Philosophie wohnt, verlangt, um sich zu enthüllen durch einen verwandten Geist geboren zu werden“, schreibt Hegel.
Peter Bulthaup: Der Wissenschaftsbegriff des Deutschen Idealismus.
Vierzehn Vorlesungen zur Einführung in die Philosophie. Herausgegeben von Christoph Gödde und Sabine Hollewedd. Verlag zu Klampen, 2025. 190 Seiten, 24 €.