
In diesem Beitrag1 mache ich einen Vorschlag, das Konzept von Informalität als einem sozialen Phänomen in einer für die politische Praxis relevanten und zugleich theoretisch gehaltvollen Form zu differenzieren. Dabei werde ich zunächst die Bedeutung von Informalität in der soziologischen Theorie der Gesellschaft und der Organisation erläutern. Sodann werde ich die mit dem Phänomen der Informalität verbundenen politischen Herausforderungen beschreiben und darauf aufbauend drittens die Unterscheidung von regressiver und transformativer Informalität begründen sowie in den Konsequenzen für die politische Praxis erläutern.
I Informalität – der Doppelcharakter sozialer Ordnung

Die Entwicklung moderner Gesellschaften wurde in der Soziologie durchweg als Prozess der Formalisierung von sozialen Verhältnissen thematisiert.
In der Marktlogik der kapitalistischen Gesellschaft, wie sie etwa Karl Polanyi in seinem Buch „Die große Transformation“ herausgearbeitet hat, wurden ökomische Beziehungen aus der Einbettung in einen kulturellen und moralischen Kontext herausgelöst und der Logik von Verwertung unterworfen. Die Maßstäbe von Tradition und historisch gewachsenen Moralvorstellungen, etwa bei der Bestimmung „gerechter Preise“, wurden zugunsten eines rein am Geldwert orientierten Nutzenkalküls suspendiert. Für den Bereich der Arbeit hat der englische Historiker E. P. Thompson die Verdrängung der „moralischen Ökonomie“ beschrieben, die an kulturell verankerten und von Traditionen legitimierten Maßstäben gerechter Entlohnung orientiert war. Sie wurde in dem überaus konflikthaften Prozess der Herausbildung einer Arbeiterklasse abgelöst von Arbeitsmärkten, reguliert von der Logik des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage.
Karl Marx analysierte die sozial-ökonomische Logik des Kapitals als widersprüchliche duale Struktur:
- Auf der Ebene der ökonomischen Verhältnisse der Marktwirtschaft als widerspruchsvolle Einheit des Gebrauchswerts der Waren und ihres Tauschwerts,
- auf der Ebene der Produktion als widerspruchsvolle Einheit von konkreter und abstrakter Arbeit, als ein Regime abstrakter Vergesellschaftung, das sich im Prozess der Kapitalverwertung nur zum Schein, aber nicht real von der materiellen Grundlage der Gesellschaft und der konkreten Arbeit als Grundlage aller Wertschöpfung lösen kann.
Laut Marx blieb die materielle Produktion die Grundlage auch des kapitalistischen Verwertungsprozesses. Die latente Krisenhaftigkeit dieses Verwertungsprozesses liege nicht zuletzt auch in der im Kapitalismus durchgesetzten Umkehrung von Form und Inhalt begründet, indem die kapitalistische Form die inhaltliche Reproduktion der Gesellschaft beherrscht.
Die widersprüchliche Grundstruktur der Moderne

Der Soziologe Max Weber beschrieb die Herausbildung der modernen Bürokratie als Prozess der Rationalisierung und der Formalisierung von sozialen Beziehungen und Herrschaft. Georg Simmel zeichnete in seiner „Philosophie des Geldes“ nach, wie sich im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Geldverkehrs nicht nur in den ökonomischen Verhältnissen, sondern auch im kulturellen „Überbau“ der Gesellschaft formales Denken, Rechenhaftigkeit und abstraktifizierte Formen der Koordination des sozialen Lebens durchsetzen.
Jürgen Habermas beschrieb den Prozess der Modernisierung als Ausbildung von abstrakter Systemrationalität auf der Ebene der gesellschaftlichen Handlungskoordination, die die lebensweltliche Grundlage des Handelns zunehmend unterminiert und, wie er es ausdrückte, kolonisiert, sie also ihrer Eigenständigkeit und Selbstorganisation beraubt und sie an die funktionalen Systemimperative von kapitalistischer Wirtschaft und Recht anschließt. Der spannungsreiche und widerspruchsvolle Dualismus von System und Lebenswelt ist seitdem zu einem zentralen Topos der kritischen Analyse moderner Gesellschaften geworden.
Die moderne Gesellschaft ist also schon in ihren elementarsten Strukturen von Widersprüchen durchzogen, die sie auf der einen Seite in Bewegung halten, auf der anderen Seite aber immer wieder auch in Krisen und Konflikte stürzen. Die Dualität von Formalität und Informalität ist, so meine These, eine bedeutende Ausdrucksform dieser widersprüchlichen Grundstruktur der modernen Gesellschaft. Dabei wäre es sicher zu kurz gegriffen, dies nur auf die Gesellschaft des Kapitalismus zu beziehen. Auch sozialistische Gesellschaften, können, wie wir in der neueren Geschichte lernen konnten, diesen grundlegenden Widerspruch von System und Lebenswelt, von Systemintegration und Sozialintegration und eben von Formalität und Informalität nicht auflösen.
Abstrakte gesellschaftliche Systeme sind auf lebensweltliche Strukturen angewiesen und gefährden sich selbst, wenn sie diese untergraben und in ihrem Bestand gefährden. Die Gesellschaft beruht auf der Systemintegration und setzt zugleich eine funktionierende Sozialintegration voraus; verselbstständigt sich die Systemintegration und findet die Sozialintegration nicht mehr in ausreichendem Maße statt, ist der Zusammenhalt und langfristig auch der Bestand der Gesellschaft gefährdet, so die These von David Lockwood, an den in diesem Punkt auch Habermas mit seiner Unterscheidung von System und Lebenswelt anschließt.
In der Tradition des Kommunitarismus wird die Zivilgesellschaft, ebenso eine Sphäre informeller Selbstorganisation des Sozialen, als wichtige Ressource für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie hervorgehoben. Zuweilen wurde die Zivilgesellschaft gerade in den Sozialwissenschaften umstandslos als positives Gegenbild zur abstrakten Vergesellschaftung durch Markt und Staat beschworen. Eine funktionierende Zivilgesellschaft ist in vieler Hinsicht wichtiges Element einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Sie hat aber auch ihre dunklen Seiten, der Intransparenz, unkontrollierter Dominanzverhältnisse und der Exklusion entlang der Grenzen von Milieus, ethnischen Zugehörigkeiten, Traditionen und kultureller Identitäten, worauf Jeffrey Alexander schon in den 1990er Jahren hingewiesen hat.
Auch im Spannungsverhältnis von Markt, Staat und Zivilgesellschaft findet sich also der Gegensatz, aber auch das Aufeinander-angewiesen-Sein von Formalität und Informalität.
„Brauchbare Illegalität“
Übertragen auf die Dualität von Formalität und Informalität bedeutet das, dass funktionierende informelle Strukturen letzten Ende auch und gerade in hochformalisierten Systemen unverzichtbar sind. Es geht immer um die Dualität von Formalität und Informalität. Man sollte aber weder Lebenswelt noch Zivilgesellschaft noch Informalität nur als positive qualitative Gegenpole zur kalten Formalität von System, Markt und Staat verstehen. Lebenswelt, Zivilgesellschaft und Informalität haben gewissermaßen ihre dunklen Seiten – die Zwänge von Traditionen, persönliche Herrschaftsverhältnisse, Gesetz- und Regellosigkeit, Unsicherheit und das Recht des Stärkeren. Man muss genau hinsehen, um die Potentiale und Risiken von Informalität für eine demokratische und freiheitliche Gesellschaft unterscheiden und beurteilen zu können.
In der (marxistischen) Industriesoziologie wurden informelle Beziehungen und die Subjektivität der Arbeitskräfte als Störfaktor für die Verwertungsinteressen des Kapitals und gleichzeitig als Anknüpfungspunkt für Strategien des Widerstandes und der Vertretung der Interessen der Arbeit gegenüber dem Kapital interpretiert. Informalität schafft in diesem Sinne Freiräume, die den Zugriff des Kapitals auf die menschliche Arbeitskraft begrenzen und gewisse Autonomiespielräume auf Seiten der Arbeitskräfte, die in den Kämpfen im Bereich der Produktion genutzt werden können.
Die deutschen Soziologen Renate Mayntz und Niklas Luhmann haben die Funktion von Informalität bzw. der „informalen Organisation“ für formale Organisationen, staatliche Behörden, Unternehmen, Kulturinstitutionen, Universitäten oder Verbände, herausgearbeitet. Ohne informelle Organisation, ohne „kurze Dienstwege“ (wie man das in Deutschland nennt), ohne persönlich geprägte Vertrauensverhältnisse und ohne Absprachen unterhalb der Regelwerke von Organisationen funktionieren Organisationen demnach nicht. Informale Organisation ist das Schmiermittel formaler Organisation.

In einer berühmten Passage seines Buches „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ aus dem Jahr 1964 spricht Niklas Luhmann von der „brauchbaren Illegalität“, die dazu beiträgt, dass formale Organisationen ihren Organisationszweck tatsächlich erreichen. Wichtig ist das Attribut „brauchbar“. Es unterscheidet „Illegalität“, die im Sinne des Organisationszwecks eingesetzt wird und wirkt von Regelverletzungen, die dem Organisationszweck zuwiderlaufen. Wenn zwei Kollegen sich über bestimmte Regeln hinwegsetzen, um bestimmte Probleme im Produktionsprozess schnell zu lösen, kann es für das Unternehmen produktiv sein, wenn bei Einhaltung aller Regeln gleichzeitig ein längerer Produktionsausfall zu erwarten gewesen wäre. Wenn ein Verkäufer kulanterweise ein gekauftes Hemd umtauscht, obwohl die offizielle Umtauschfrist schon vorbei ist, kann er mit dieser Regelverletzung einen Kunden für das Unternehmen sichern und das Ansehen des Unternehmens verbessern. „Unbrauchbare Illegalität“ wäre dagegen, wenn man sich länger als erlaubt, vom Arbeitsplatz entfernt, in der Arbeitszeit Youtube-Videos anschaut, statt Excel-Tabellen zu bearbeiten, oder gar Werkzeuge und Material für private Zwecke abzweigt.
Bedrohung und Potential
Auch in Organisationen ist Informalität nicht einfach eine Ressource, die von der formalen Organisation kostenlos mitgenutzt werden kann, sondern sie kann ein Risiko für den Bestand und die Funktionsweise von Organisationen sein.
Auch in der Sphäre der Wirtschaft ist die Koexistenz von Formalität und Informalität ein zentrales Element. Schätzungen der OECD und des ILO gehen davon aus, dass weltweit rund 60 Prozent aller wirtschaftlichen Aktivitäten im informellen Sektor stattfinden, in Ländern mit niedrigem Einkommen wesentlich mehr, aber auch in Ländern mit hohem Einkommen immer noch zwischen 10 und 25 Prozent. Gesamtwirtschaftlich ist der informelle Sektor beides – eine Bedrohung und ein Potential.
Dem Staat gehen durch die informelle Wirtschaft Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge verloren. Für die dort arbeitenden Menschen bedeutet Informalität in aller Regel Verzicht auf gewerkschaftliche Vertretung, den Schutz von Arbeits- und Sozialrecht und ein hohes Maß von Beschäftigungsunsicherheit. Zugleich schafft die informelle Ökonomie Einkommen, das vor absoluter Armut schützt, sichert die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und stellt ein flexibles Potential dar, das der Wirtschaft die Anpassung an sich verändernde Marktbedingungen erleichtert. Zugleich ist die informelle Ökonomie oft eine Quelle von Innovation und Kreativität, die auch der Gesamtwirtschaft nutzt. Auch hier ist es der Doppelcharakter von Informalität, der festzuhalten ist. Sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch die Segmentierung von Märkten, die soziale Spaltung in gesicherte und prekäre Bereiche und die Erosion der Legitimität von Institutionen. Zugleich jedoch kann sie die gesellschaftliche Reproduktion sichern und die Dysfunktionalität von Institutionen und formalen Regimen kompensieren.
II Informalität – Übergangsmodus oder Falle?
Geht man noch einen Schritt weiter und betrachtet nicht nur die Koexistenz von Formalität und Informalität in Wirtschaft und Gesellschaft, wird eine weitere Dimension der spannungsreichen Verwobenheit dieser beiden Modi von Sozialität und Vergesellschaftung sichtbar. In der Zeitdimension sehen wir Übergänge von Informalität in Formalität und von Formalität in Informalität, in der Arbeitsbiographie von Menschen ebenso wie im Lebenszyklus von Unternehmen oder ganzer Branchen. Beim Verlust des Arbeitsplatzes in der formellen Ökonomie sind informelle Beschäftigungen oft der einzige Weg, ein Einkommen zu erwirtschaften. Bei funktionierenden Arbeitsmärkten kann diese informelle Beschäftigung aber auch wieder ein Sprungbrett zu einem neuen Job im formellen Sektor sein. Oft steht eine informelle Betätigung am Beginn von Karrieren in der formellen Wirtschaft. Sie ermöglichen den Erwerb von Arbeitserfahrungen und das Knüpfen von Kontakten, die in der weiteren Arbeitsbiographie genutzt werden können. Auch kleine Unternehmen, die ganz oder teilweise in der informellen Ökonomie starten, können im günstigen Fall in die formelle Wirtschaft hinüberwachsen.
Diese zeitliche Dimension von Informalität wird bisher wenig thematisiert. Dabei ist für die Beurteilung der Frage, ob Informalität ein Potential sozialer und ökonomischer Entwicklung darstellt oder eine Gefahr, auch wichtig zu wissen, ob Informalität für Menschen oder für bestimmte Gruppen ein temporärer Modus der Teilhabe am Arbeitsmarkt und an der Gesellschaft ist oder eine dauerhaft wirksame Falle, aus der es kaum Auswege gibt. So gibt es etwa eine Fülle von Befunden, die zeigen, dass Migration oft eine enge Verbindung zu Informalität hat, nicht nur in Form von irregulärer Migration, sondern auch im Zusammenhang mit den ersten Schritten der Integration in die Aufnahmegesellschaft. Informelle Netzwerke sind gerade für Migranten außerordentlich wichtig, um in einer fremden Gesellschaft Fuß fassen zu können. Informelle Arbeitsmärkte sind oft die einzige Möglichkeit, schnell Arbeit und Einkommen zu finden. Auch auf Wohnungsmärkten spielen informelle Strukturen gerade bei der Migrationsbevölkerung eine große Rolle. Auch diese Phänomene haben ihre hellen und dunklen Seiten, wie die Migrationsforschung in vieler Hinsicht gezeigt hat. Dabei ergeben sich häufig unerwünschte Begleitumstände mit skandalöser Ausbeutung von Immigranten im informellen Arbeitsmarkt, mit desolaten und völligen überteuerten Wohnverhältnissen und Geschäftsmodelle, die das Elend von schutzlosen Immigranten schamlos ausnutzen und perpetuieren.

Dennoch kann die Sphäre der Informalität ein wichtiger Katalysator auch für gelingende Prozesse des Ankommens und der Integration sein. Dies aber nur, wenn Informalität in der Zeitdimension ein Zustand ist, aus dem heraus Übergänge in den regulären Arbeitsmarkt, den regulären Wohnungsmarkt und in eine volle Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft möglich sind. In Europa konnte man im Zusammenhang mit den Migrationswellen nach der Erweiterung der Europäischen Union nach Südosteuropa in der Zeit nach 2008 zum Beispiel Wellen des Wachstums der informellen Arbeitsmärkte und informeller und illegaler wirtschaftlicher Betätigung beobachten, zum Teil auch verbunden mit dem Missbrauch von Sozialleistungen, die aber nach einiger Zeit teilweise in die Bahnen regulärer Beschäftigung eingemündet sind, sich also normalisiert haben. Teilweise jedoch hat sich irreguläre Arbeit in Branchen wie der Bauindustrie, dem Reinigungsgewerbe und bestimmten Dienstleistungen festgesetzt und stellt die staatliche Ordnungspolitik weiterhin vor große Herausforderungen.
In der Realität erleben wir beides – Informalität als Übergang und Informalität als Falle dauerhafter Prekarität von Arbeitsbedingungen und Lebensumständen. Und natürlich gilt auch, dass es sich keine Gesellschaft leisten kann, dass ein größerer Teil der Bevölkerung außerhalb der für alle geltenden Regeln lebt und arbeitet. Informalität kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt unter ganz bestimmten Bedingungen fördern. Sie kann ihn aber auch massiv gefährden und unterminieren.
III Regressive und transformative Informalität
Informalität ist ein notwendiger Bestandteil der sozialen Ordnung und der gesellschaftlichen Reproduktion. Man würde ihre Funktion verfehlen, wenn man sie nur unter dem Aspekt residualer Traditionsbestände oder gar ausschließlich unter dem Aspekt einer Sozialpathologie betrachten würde, die es einzuhegen und zu überwinden gilt.
Wir haben es stets mit spezifischen Arrangements von Informalität und Formalität zu tun, die in verschiedenen Gesellschaften und Entwicklungsstadien der Gesellschaften unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann. Man könnte hier mit einem Begriff des Soziologen Norbert Elias von „Figurationen“ sprechen, also einer bestimmten Ordnung, die aber nicht als statisch, sondern als dynamisch und bewegt zu denken ist.
Dabei können informelle Strukturen und Praktiken im Sinne von Mayntz und Luhmann „funktional“ sein, indem sie ermöglichen rigide bürokratische Strukturen zu umgehen und die Leistungsfähigkeit von Organisationen zu sichern, die bei strikter Beachtung aller Regeln („Dienst nach Vorschrift“) zusammenbrechen würden. Informelle Arbeit kann Einkommen und die Allokation von Gütern und Dienstleistungen gewährleisten und damit zur Reproduktion der Gesellschaft beitragen. Informalität und Formalität können sich, so gesehen, komplementär verhalten, sich ergänzen und die Gesellschaft stabilisieren. Die „latente“ Funktion von Informalität wäre in diesem Sinne durchaus, formelle Strukturen dadurch zu stabilisieren, dass sie sie entlasten und Funktionsdefizite kompensieren. Das heißt sicher nicht, Informalität in all ihrer Problematik einfach zu rechtfertigen. Wenn man verstehen will, warum Informalität eine so große Bedeutung auch in modernen und entwickelten Gesellschaften hat, wird man um eine Betrachtung ihrer latenten Funktionen jedoch nicht herumkommen.
Informalität kann jedoch auch die soziale Ordnung bedrohen und gesellschaftliche Institutionen destabilisieren und den Zusammenhalt untergraben.
Drei Typen von Informalität
Die Figurationen von Informalität bewegen sich gewissermaßen auf einer Skala zwischen Stabilisierung und Destabilisierung und es sollte der Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschungsstrategien sein, diese Figurationen der verschiedenen Formen von Informalität und der gleichermaßen vielschichtigen formalen Strukturen und Praxisregulierungen in einer Gesellschaft, in Regionen oder in Organisationen zu untersuchen und Kriterien zu entwickeln, nach denen soziale Phänomene im vieldimensionalen Koordinatensystem zwischen Stabilität und Destablisierung eingeordnet werden können.
In der dynamischen, zeitlichen Perspektive wäre zu fragen, wie weit Informalität sozialen Wandel hindert oder begünstigt. Wie wir gesehen haben, können informelle Strukturen und Praktiken Systeme stabilisieren und damit sozialen Wandel im progressiven Sinne bremsen oder verhindern.
Es gibt also eine Dialektik von Formalität und Informalität. Nicht nur das, auch die Informalität hat mehrere Gesichter. Sie kann ein Element von Fortschritt und der Entwicklung von „Lebenschancen“ im Sinne des Konzepts von Ralf Dahrendorf sein. Sie kann aber auch Ausdruck und Katalysator von sozialer Pathologie und gesellschaftlichem Niedergang sein, Ungleichheit und Prekarität verschärfen und Lebenschancen zerstören. Man muss also genau hinschauen und bereit sein, mit einer gewissen Ambiguität und Widersprüchlichkeit produktiv umzugehen. Für die sozialwissenschaftliche Erforschung der Informalität ebenso wie für Strategien zur Entwicklung einer fortschrittlichen Politik der Informalität ist deshalb ein konzeptioneller Rahmen notwendig, der am Ende einer internationalen Fachdiskussion entstehen kann. Als ersten Einstieg in diese Diskussion und als erste Anregung schlage ich deshalb vor, drei Typen von Informalität zu unterscheiden:
- Die von Luhmann beschriebene „brauchbare Illegalität“ könnte man als konservative Informalität fassen, die dazu beiträgt, soziale Systeme, ob Betriebe, Bürokratien oder ganze Gesellschaften funktionsfähig zu halten, in dem sie hilft, Verhärtungen und Dysfunktionalitäten von formalen Ordnungen auszugleichen und, zumindest auf Zeit, ein tragfähiges Arrangement von informellen und formalen Problemlösungsmechanismen ermöglicht.
- Eine Informalität dagegen, die sich in bestehende Institutionen parasitär eingräbt und sie unterminiert, in Form von Korruption, Prekarisierung und Herrschaft jenseits des Rechts könnte man als regressive Informalität bezeichnen – regressiv auch, weil bedrohlich für einen Stand der zivilen Regelung sozialer Verhältnisse, Demokratie und Wohlfahrt.
- Das Gegenmodell von Informalität als zivilgesellschaftlicher Ressource und als potentielle fortschrittliche Form der Regelung sozialer Verhältnisse könnte man als transformative Informalität bezeichnen. Transformative Informalität wäre ein Modus sozialer Beziehungen, der Fenster für progressive soziale Entwicklungen öffnet oder doch offenhält, Lebenschancen erweitert und Impulse für die Weiterentwicklung formaler Ordnungen vermitteln kann. Nicht zuletzt wäre transformative Informalität etwas, das Übergänge aus informeller Arbeit und informeller Ökonomie in formelle Arbeit und formelle Wirtschaft ermöglicht.
Als konservative Informalität wäre etwa das Phänomen der nicht angemeldeten informellen Arbeit in bestimmten Nischen der Wirtschaft anzusehen, die entsteht, um Regulierungen zu umgehen oder Steuern und Abgaben zu sparen. Sie kompensiert damit, auf einer makroökomischen Ebene, Dysfunktionalitäten und Rigiditäten der regulären Systeme der Arbeit, schafft auf mikroökonomischer Ebene eine gewisse Flexibilität und gibt marginalisierten Gruppen Beschäftigungsmöglichkeiten, aber durchaus gut etablierten Arbeitnehmergruppen auch die Möglichkeit der Erwirtschaftung von Zusatzeinkommen. Indem informelle Arbeit die Defizite der formellen Ökonomie auszugleichen hilft, stabilisiert sie das System und das damit verbundene Arrangement von informeller und formeller Beschäftigung. Viele Phänomene der informellen Wirtschaft in entwickelten Ländern mit hohem Einkommen würde ich unter diesen Typ subsumieren.
Wenn Informalität bestehende Institutionen unterminiert und das Wirtschaftssystem destabilisiert, Ungleichheit verstärkt und zur Ausbreitung von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen führt, wenn Informalität also eine Abwärtsentwicklung für bestimmte Gruppen, Regionen oder Branchen auslöst und verstärkt, würde ich von regressiver Informalität sprechen. Es ist eine Informalität, die Unsicherheit verstärkt, erreichte zivilisatorische Standards gefährdet und eine abwärts gerichtete soziale Entwicklung auslöst.
Wenn in einem an sich prosperierenden Umfeld Arbeitgeber in größerem Maßstab auf informelle Arbeitsverhältnisse setzen, um Kosten zu senken und Profite zu erhöhen, wie etwa in der Landwirtschaft der USA oder in Südspanien, dann wäre das ein Beispiel für regressive Informalität, die soziale Standards unterminiert, gewerkschaftliche organisierte Unternehmen unter Druck setzt und die Ausbreitung von Prekarität fördert. Regressive Informalität perpetuiert prekäre Arbeits- und Lebenssituationen und mindert Lebenschancen durch die Reduzierung von Optionen und Gefangensein in unregulierten persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Genau besehen hat Informalität eigentlich immer auch regressive Momente. Das gehört zur Dialektik der Informalität.
Aufgaben für die empirische sozio-ökonomische Forschung

Aber es gibt auch bedeutende Bereiche des informellen Sektors, die Merkmale von Alternativen zur herrschenden, kapitalistisch geprägte Wirtschaftsform haben, die die Reproduktion von marginalisierten Bevölkerungsgruppen organisieren, in Gemeinschaften eingebettet sind und in verschiedener Hinsicht auch als Ergebnis zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation angesehen werden können. Die „Economia Popular“ in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Ländern hat, wie ich von Marina Cardelli, einer Vertreterin der Confederation de Trabajadores de la Economia Popular (CTEP) lernen konnte, nicht nur den Charakter einer defensiven Selbsthilfestruktur in einer Situation von Ausgrenzung und Verarmung, sondern auch in vielen Aspekten den Charakter einer sozial offensiven zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation, die sich als wichtiger Faktor gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung sieht und als Modell einer solidarischen Form von Arbeit und Wirtschaft gelten kann. „Wir sind ein Laboratorium des gesellschaftlichen Wandels“, sagt Cardelli und schreibt der Economia Popular damit auch ein transformatives Potential zu.
Sie verwirklicht zumindest in Teilen alternative Prinzipien einer bedürfnisorientierten und inklusiven Wirtschaft, die die sich gerade in Argentinien in der Dauerkrise befindende formelle Wirtschaft herausfordern kann. Sie hat Elemente von Empowerment und dem, was Amartya Sen als „Capability“ beschreibt, der Befähigung zum selbstbestimmten, auf Veränderung gerichteten Handelns. Auch für die CTEP ist es ein Ziel, die sozialen Errungenschaften der formellen Wirtschaft für die Menschen in der Economia Popular zugänglich zu machen und sie als soziale Bewegung zu formieren, die diesen Sektor der Wirtschaft adäquate gesetzliche Rahmenbedingungen erkämpft und sie damit Stück für Stück in die formelle Wirtschaft überführt. Gelingt dieser Prozess, könnte sich auch die formelle Wirtschaft verändern, hin zu einer solidarischeren und inklusiveren Form. Auf der individuellen Handlungsebene erhält und vermehrt transformative Informalität Optionen zur Entwicklung, z. B. auch die, informelle Tätigkeiten in formelle Tätigkeiten zu überführen und soziale Teilhabe zu stärken.
Diese hier vorgeschlagene Unterscheidung von drei Typen der Informalität stellt natürlich eine Idealisierung dar, zu der es keine Eins-zu-Eins-Entsprechung in der Realität geben dürfte. Real aufzufinden sein dürften stets Mischformen und Arrangements verschiedener Formen der Informalität. Es wäre Aufgabe der empirischen sozio-ökonomischen Forschung, näher zu untersuchen, welche Strukturen und welche Dynamik es in dieser Hinsicht in einzelnen Gesellschaften gibt, welche Faktoren das Entstehen transformativer Informalität und welche Faktoren die Verbreitung regressiver Informalität begünstigen.
Weiterhin ist die gesellschaftliche Realität stets von Arrangements von Formalität und Informalität geprägt, die sich gegenseitig steigern, aber auch begrenzen können und die sich in der gesellschaftlichen Entwicklung wandeln, was wir versuchsweise mit dem von Norbert Elias übernommenen Begriff der Figuration zu fassen versuchen.

IV Optionen einer Politik der Informalität
Was wären die Schlussfolgerungen aus diesem neuen Blick auf Informalität für Governance und Politik, welche Optionen können sich daraus für politisches Handeln auf globaler Ebene, aber auch vor Ort in den Kommunen und Regionen ergeben?
Während staatliche Politik gegenüber der regressiven Informalität eher repressiv vorgehen sollte, ist bei „konservativer Informalität“ ein selektives Vorgehen sinnvoller, das je nach Zielgruppen, Anlässen und Problemsituationen spezifische Formen der Intervention vorsieht. Für die transformative Informalität könnte ich mir vorstellen, dass man über konstruktiv-partnerschaftliche Interventionsformen nachdenkt, also zum Beispiel Menschen, die arbeitslos gemeldet sind, öffentliche Unterstützungsleistungen beziehen und parallel dazu einer informellen Arbeit nachgehen, durch Beratung und gezielte Maßnahmen dabei hilft, informelle (und illegale) Arbeit Schritt für Schritt in formelle (und legale) Arbeit zu überführen. Dass im Einzelfall besser sein, als informelle Tätigkeit einfach zu unterbinden. Ähnlich wäre bei informellen Unternehmen vorzugehen. Eine Politik der Informalität kann und sollte auch Maßnahmen enthalten, die den gesetzlichen Rahmen für Tätigkeiten, etwa die von Straßenverkäufern in Buenos Aires, so verändert, dass informelle und ja oft sehr produktive und wertvolle Tätigkeiten legalisiert werden.
In folgenden Schaubild ist diese Überlegung zusammengefasst:

V Schlussfolgerung
Informalität ist ein vielschichtiges Phänomen, das sowohl in der Forschung wie in der praktischen Politik ein differenziertes Vorgehen erfordert. Ihre produktiven Seiten eröffnen ein mehr an Lebenschancen für mehr Menschen. Informalität kann aber auch ein Ausdruck des gesellschaftlichen Niedergangs, des Verfalls von sozialem Kapital und der Zerstörung von Lebenschancen sein. Beides fließt oft ineinander, so dass eine genaue Betrachtung der entsprechenden sozialen Phänomene wichtig ist, um adäquate Formen des politischen Umgangs mit Informalität zu entwickeln. Vor allem braucht es offene Forschungskonzepte, die erlauben, die Vielschichtigkeit und Ambivalenzen von Informalität in modernen Gesellschaften zu erfassen und daraus Strategien für eine fortschrittliche Politik der Informalität zu entwickeln.
1 Der Beitrag ist die etwas gekürzte deutsche Fassung eines Vortrags im ersten Workshop des transnationalen Forschungsverbundes INSEAI im Rahmen der Jahrestagung der Society for the Advancement of Socio-Economics (SASE) am 20. November 2025 an der Universidade Federal Fluminense (UFF) in Niteroi (Brasilien). Vorüberlegungen dazu haben Klaus West und ich 2023 in einem Artikel der Zeitschrift Lavboratorio veröffentlicht.