Für eine Linke, befreit von Religionsallergie, damit es doch noch gut ausgehen kann

Bild: KI generiert

Die beiden vorhergehenden Teile dieses Textes waren der Religionskritik und der Ökonomiekritik gewidmet. Nun will der Traktat gleichsam die Quersumme ziehen. Ginge es um Mathematik, käme beim Ergebnis eines mit negativem Vorzeichen heraus, denn das Resultat des bisher Entwickelten ist ein Mangel. Eine organisationspolitische Strategie ist es, die fehlt. Der Nachweis des Fehlenden kann ein erster Schritt sein, um Abhilfe zu verschaffen. Das wiederum ist die dem Traktat eingeschriebene Hoffnung.

I Was einmal technische Intelligenz hieß

Das seinen Gegenstand konstituierende Subjekt, von Kant transzendentales Ich genannt und von Hegel zum absoluten, seinen Gegenstand setzenden Geist glorifiziert, dechiffrierte die Marxsche Gesellschaftstheorie als das in der Industrie vergegenständlichte Gattungsvermögen. In ihr ist demnach das gesamte instrumentelle Wissen der Menschheit aufgegangen; sie ist das „aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesenskräfte“ (1) heißt es in den Pariser Manuskripten. Die der Industrie eingefügte menschliche Arbeitskraft sah, an die Marxsche Warenanalyse anknüpfend, Georg Lukács als die exzeptionelle Ware an, denn sie besitze Sprache und könne die ihr angetane Verdinglichung durchschauen. (2) Die industriellen Agentien, scheinbar dem Kapital als seine Wesenskraft zukommend, könne diese Ware als ihr eigenes Vermögen erfassen. Die zur Ware Arbeitskraft Verdinglichten seien befähigt, das ihnen angetane Unrecht zu realisieren und anzutreten, die erlittene Enteignung durch Enteignung des Kapitals wiedergutzumachen. Was nach der Negation der Negation klingt und im Fluidum der Hegelschen Philosophie eine Bewegung des Begriffs ist, stellt sich als höchst voraussetzungsvoll dar. Es braucht, was Marx ein ‚enormes Bewusstsein‘ (3) und die alte Arbeiterbewegung Klassenbewusstsein nannte. Und es braucht eine dieses Bewusstsein ins Leben rufende Organisation. Ist beides nicht vorhanden, kann es mit der Emanzipation nichts werden.

In den modernen Industrien kommt den naturwissenschaftlich qualifizierten Arbeitskräften die tragende Rolle zu. Schon zahlenmäßig sind sie heute so gewichtig wie es ehemals die klassischen Fabrikarbeiter waren. Was in der Nomenklatur der Arbeiterbewegung einmal technische Intelligenz hieß, verdankt seine dominante Stellung der ‚Verwissenschaftlichung‘ der Produktionsprozesse, wie Soziologen die Signatur hoch entwickelter Industriegesellschaften einmal nannten. (4) Diese Schicht ist von den sogenannten Massenarbeitern der fordistischen Vergangenheit, die ihre Arbeit ohne Berufsethos verrichteten und als einen bloßen Job ansahen, scharf unterschieden.

Dieses Was ist zwingend als ein Wer zu denken

Die chemische Industrie beschäftigte schon in den 1980er Jahren jeden Dritten in Forschung und Entwicklung. Die anderen großen deutschen Industriezweige, die Automobilindustrie und der Maschinenbau, holten den Prozess der Verwissenschaftlichung ihrer Produktionsverfahren in den folgenden Jahrzehnten Schritt für Schritt nach. Die Mikroelektronik und die digitale Datenverarbeitung fungierten als die technologischen Schrittmacher. Heute verbreiten sich sogenannte cyberphysikalische Systeme, welche die physische Realität eines Konzerns, seiner Fabriken, Läger, Vertriebskanäle etc., mit einem digitalen ‚Zwilling‘ gleichsam verdoppeln, um die Produktionsprozesse wie Laborprozesse zu kontrollieren. Das Schreiben von Softwareprogrammen ist zur industriellen Leitwissenschaft geworden. So gilt der mit dem Formelbestand der Physik arbeitende Maschinenbau beinahe schon als Unterabteilung sogenannter Software-Schmieden.

Im Buch der menschlichen Wesenskräfte ist ein neues, Steigerung dieser Kräfte anzeigendes Kapitel aufgeschlagen. Was aber soll uns die zur künstlichen Intelligenz gehypte Datenverarbeitung, wenn es um Philosophie und Metaphysik geht? Zur Erinnerung: In den Industrien kommen Naturwissenschaften zur Anwendung. Dieses szientifische Wissen um die äußere Natur ist kein absolutes, war bei Karl Heinz Haag zu lernen. Es ist, da auf den historischen Stand der Naturaneignung bezogen, stets relativ. Schreiten die physikalischen Wissenschaften fort, kann die philosophische Reflexion davon nicht unberührt bleiben. So ist der Begriff von Raum und Zeit vor Einsteins Relativitätstheorie ein anderer als er es heute ist. Was bekräftigt, dass Naturgesetze keine Verstandesformen eines aus der Geschichte herausgefallenen transzendentalen Ichs sind. Die uns gegebene Natur ist es selbst, die den per Experiment verifizierten Gesetzen unterliegt. Diese haben demnach ihr fundamentum in re. Das dem auf Erfahrung verwiesenen menschlichen Verstand zugängliche Fundament reicht gleichwohl nicht tief genug, um das Was zu erfassen, worin die Welt gründet. Dieses Was, so zeigt Haag, ist zwingend als ein Wer zu denken, sonst entbehrte unser Naturverständnis der Rationalität. Haags lässt sich über das Absolute nicht aus; dem Bilderverbot bleibt er treu.

II Das Bewusstsein für die ökologische Krise wächst

Die in die industriellen Prozesse eingespannten Naturwissenschaftler sind, wie alle Gesellschaftsmitglieder, mit den Ausfallerscheinungen der äußeren Natur konfrontiert, ja, sie sind es in besonderem Maß, denn ihre Aktivität als Forscher und Entwickler steht am Anfang der problematischen Naturaneignung. Versetzte man sie in die Lage, Haags Reflexion nachzuvollziehen, wäre ihnen der Sinn ihrer Arbeit noch zweifelhafter, als er es ohnehin schon ist. (6) Wohl darf man den Bannkreis nicht übersehen, der den Naturwissenschaftlern gezogen ist und ihnen schon während ihrer Ausbildung abgewöhnt, den Tellerrand zu überschauen. Und dennoch wächst das für die ökologischen Krisen sensibilisierte Bewusstsein dieser Schicht.

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Haag hat eine Kritik der szientifischen Vernunft geschrieben, die dem Verständnis eines Physikers, Chemikers, Biologen, Mathematiker oder Informatiker keine unübersteigbare Schwierigkeit bietet. (Naturwissenschaftler als borniert anzusehen, geht auf das Vorurteil von Sozialwissenschaftlern zurück, die den Konkurrenten die höhere Bezahlung und wohl auch das höhere soziale Prestige neiden). Haag geht dabei, wie die Wissenschaftler selbst, von der Erfahrung aus. Es ist die methodische, vom Experiment gestützte, auf Gesetzmäßigkeit des untersuchten Stoffes zielende Erfahrung, wie wir gesehen haben. Wie sind Naturgesetze möglich, lautet seine Frage. Den materialistisch argumentierenden Kosmologien, die die physikalischen Wissenschaften als Zeugen aufrufen, weist er ihre Widersprüche nach. Wäre die antimetaphysische Prämisse wahr, die Natur also ontologisch ungeordnet und in Einzeldinge zerstreut, wären Naturgesetze unmöglich. Widersinnig ist es, in ihnen das Resultat chaotischer, vom Zufall regierter Prozesse zu sehen. Auch die Systemtheorie von Niklas Luhmann argumentiert so: „Man muss wohl zugestehen, daß Atome und sogar subatomare Elemente hochkomplexe Systeme sind, die ihre Entstehung extrem unwahrscheinlichen Zufällen verdanken. Damit gewinnen Begriffe wie Emergenz, Selbstreferenz…eine Vorrangstellung, die auch in der Wissenschaftstheorie honoriert werden muß […]“. (7)

Geschäftsführungen hätscheln wissenschaftliche Praktiker

Haag sucht nach einem Prinzip, das die Einseitigkeit des Materialismus wie des Idealismus vermeidet. Dem einen ist die Materie das formierende Ganze, dem anderen ist die formende Idee alles und die Materie nichts. Haag fand dieses Prinzip in dem vom ihm zur Denknotwendigkeit erklärten Wirken einer „allmächtigen Vernunft“ (8). Mit Bedacht wählte der Metaphysiker die Formulierung eines Physikers; das Wort geht auf Max Planck zurück.

Was aber ist mit Plancks Kollegen Heisenberg und dem von ihm radikal in Frage gestellten Gesetzesbegriff? Denn Heisenberg folgert Indeterminismus, Gesetzlosigkeit, aus dem Mikrokosmos des Atoms. Er schließt dabei von einem erkenntnistheoretischen Problem, das sich dem Subjekt stellt, auf die Beschaffenheit des Objekts. Jeder auf die Nukleonen gerichtete Beobachtungakt verändert Lage und Bewegung des beobachteten Gegenstandes, was eindeutige Wenn-Dann-Relation zu fixieren unmöglich macht. Aber dies lässt, so Haag (9), keineswegs den Schluss zu, Gesetzmäßigkeit im Atomkern sei inexistent. Wäre dem so, und wäre das Chaos vorfindlich, ließe sich nicht einmal mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, die Heisenberg doch konzediert.

Die wissenschaftlichen Praktiker in den Laboren der Industrie sind mit solchen erkenntnistheoretischen Fragen nicht befasst. Pragmatisch gehen sie an ihrem Werkeltag von einem ‚Gott würfelt nicht‘ aus. Die Kette der Fertigungsschritte, an deren Ende eine fertige Ware steht, beginnt mit ihnen. Sie sind Teil des von Marx ‚Gesamtarbeiter‘ (10) genannten Ensembles unterschiedlicher Tätigkeiten. Sie sind das Schwergewicht in dieser produktiven Riege. Die Geschäftsführungen hätscheln sie, die Bundes- und Landesregierungen pumpen hohe Summen in ihre universitären Ausbildungsstätten. Dennoch können die ihnen gewährten materiellen und immateriellen Gratifikationen den in dieser Schicht verbreiteten Zweifel über den Nutzen der verfertigten Produkte nicht mehr beschwichtigen. Der Zustand der natürlichen Umwelt – der Luft, des Wassers, der Böden – ist derart kritisch geworden ist, dass sich bald jedes Gut der Industrie und der industrialisierten Landwirtschaft hinterfragt sieht. Schreitet die Beschädigung der Ökosysteme mit ihm fort; wird es die Lebenswelt unserer Kinder und Enkelkinder belasten? Die naturwissenschaftlich qualifizierte Schicht der Lohnabhängigen entzieht sich solchen Fragen nicht.

Ein probates Mittel, um die Arbeitskraft mit den Zwängen der Produktionssphäre zu versöhnen, ist es, die Privatsphäre mit dem Spielzeug der Konsumgesellschaft vollzustopfen. Dieses Tauschgeschäft funktioniert noch, aber keineswegs mehr reibungslos. Dass die hochqualifizierten Angestellten den Sinn ihrer Arbeit und des ganzen Systems, dem sie dienstbar sind, hinterfragen, ist kein vereinzeltes Phänomen geblieben. Was jedoch fehlt, ist eine Unterstützung bietende und den Zweifel schürende Organisation. Diese müsste ihnen zutrauen, sich als politisches Subjekt zu konstituieren. Eine solche Organisation dürfte gleichwohl nicht naiv sein und übersehen, dass kritische Reflexion an den Universitäten und Fachhochschulen noch wenig Platz gegriffen hat. Woher also nehmen und nicht stehlen? Wer soll die theoretische Reflexion anleiten? Wer soll die theoretische Reflexion mit politischer Praxis vermittelnde Organisation auf die Beine stellen? Es wäre die Aufgabe von Intellektuellen, die sich selbst erst suchen und finden müssten.

III Wie ist dieses Wissen unter die Leute zu bringen?

Die Vorstellung einer substanzlosen Natur zurückzuweisen, führt auf das Feld, das in der philosophischen Terminologie praktische Philosophie, in der Umgangssprache Moral heißt. Auf die Frage Was kann ich wissen, folgt bei Kant die Frage Was soll ich tun? Die kritische Theorie der Gesellschaft hat diese und die dritte Frage Was kann ich hoffen in die Sprache politischen Handelns übersetzt. Nur eine zu organisierende Emanzipationsbewegung wäre fähig, diese Fragen mit Aussicht auf Erfolg zu beantworten. Kein vereinzeltes Individuum hat die Chance, zu ändern, was es als unwahr und unmoralisch weiß: Verhältnisse, denen die Natur und das Humanum bloßes Mitteln des auf unaufhörliches Wachstum gepolten ökonomischen Apparates sind.

Die Verdinglichung der Individuen steht zur Kritik; die Kategorie ist alt, aber die bürgerliche Ökonomie hat sich im Wesenskern nicht verändert. Dem moralischen Einspruch gegen Verdinglichung kommt aber nur Wahrheit zu, wenn er sich Wirklichkeit zu verschaffen weiß. Die Moral selbst ist ja kein Akteur, aber organisierte Individuen können es sein. Nur wenn sie gemeinsam und aufgeklärt handeln, kann es gelingen, dem kategorischen Imperativ Geltung zu verschaffen. So das Selbstverständnis der kritischen Theorie. (11)

Walter Benjamin hat das konträre, unpolitische Selbstverständnis von Philosophie und Gesellschaftstheorie karikiert:

Es hat in Deutschland immer viele Leute gegeben und gibt heute besonders viele, die meinen das, was sie wissen und daß sie es wissen, das stelle nun den Hebel der Verhältnisse dar und von da aus müsse es anders werden. Auf welche Weise aber diesem Wissen nun etwa Kurs zu geben sei und mit welchen Mitteln man es könne unter die Leute bringen, darüber haben sie nur die schattenhaftesten Vorstellungen. Man müsse es eben sagen, betonen. Ganz fern liegt ihnen der Gedanke, daß ein Wissen, das keinerlei Anweisung auf seine Verbreitungsmöglichkeiten enthält, wenig hilft, daß es in Wahrheit überhaupt kein Wissen ist. Und sagt man ihnen, daß jedes wahre Wissen seine Wahrheit historisch daran allererst erprobt, daß es zu neuen Unwissenden sich auf den Weg macht, so wird man sie kopfscheu machen. (12)

Walter Benjamin (links), sein Bruder Georg und seine Schwester Dora, um 1905 (Foto auf wikimedia commons)

Der deutschen Gegenwartsgesellschaft fehlt beides: Ein Wahrheitsbegriff, und eine Idee, wie das die Gegenwartsgesellschaft umwälzende Wissen zu verbreiten wäre. Theologie könnte helfen, womit wir wieder bei Benjamin wären. Der hat die Theologie in dem Fragment Geschichtsphilosophische Thesen einen ‚häßlichen Zwerg‘ genannt. (13) Mit diesem Zwerg gälte es sich zu verbünden, damit die Sache der Emanzipation doch noch gut ausgehen kann. Zu ihrem Schaden teilt die real existierende Linke die allgemeine antireligiöse Aversion; auch bei ihr darf sich der Zwerg ‚nicht blicken lassen,‘ wie es in der ersten These heißt.

Sie beraubt sich damit eines politischen Potentials. (14) Würde sie ihre Gesellschaftskritik theologisch anreichern, könnte sie einen Schatz heben. Die linkskatholischen und -protestantischen Kräfte in den beiden Kirchen sind mit der einstmals neu genannten Linken alt geworden, aber sie sind nicht verschwunden. Junge Leute kommen nach, denen die Institution ein Graus ist. Sie sind auf der Suche nach einer besseren , in der ihr religiöses Bedürfnis ebenso geachtet wird wie ihr Verstand und die Rechte der Frauen. Die malträtierte Schöpfung ist das Motiv ihres Handelns. Träfen diese religiösen Kräfte auf eine von ihrer Religionsallergie befreite Linke, welche die zentrale Stellung der Naturwissenschaftler im heutigen Kapitalismus begreift, könnte entstehen, was Antonio Gramsci einen historischen Block nannte. Diesem Block käme die Kraft zu, der politisch-ökonomischen Situation mit Aussicht auf Erfolg zu Leibe zu rücken. ‚Beherrschung der Naturbeherrschung‘ (15) wäre das Telos, das die Teile dieser Emanzipationsbewegung zusammenführte.


(1) MEW Ergänzungsband I, p. 542 „Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordne gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie ist, die bisher nicht in ihrem Zusammenhang mit dem Wesen des Menschen, sondern immer nur in einer äußern Nützlichkeitsbeziehung gefaßt wurde, weil man – innerhalb der Entfremdung sich bewegend – nur das allgemeine Dasein des Menschen, die Religion, oder die Geschichte in ihrem abstrakt-allgemeinen Wesen, als Politik, Kunst, Literatur etc., als Wirklichkeit der menschlichen Wesenskräfte und als menschliche Gattungsakte zu fassen wußte.“
(2) Lukács, Georg, Geschichte und Klassenbewußtsein, Neuwied und Berlin, 1970
(3) Marx, Karl, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, p. 366
(4) Vgl. Hack, Lothar, Hack, Irmgard, Die Wirklichkeit, die Wissen schafft. Zum wechselseitigen Begründungsverhältnis von ‚Verwissenschaftlichung der Industrie‘ und ‚Industrialisierung der Wissenschaft‘, Frankfurt a. M. 1985. Die beiden Autoren zeigen, wie wenig Wirklichkeitsgehalt dem in der Soziologie dominant gewordenen Reden von der Wissens-, der Dienstleistungs- oder der post-industriellen Gesellschaft zukommt.
(5) Ibid
(6) Eine Erkenntnis, die sich der Berufserfahrung des Autors verdankt. Er hat lange Jahre mit gewerkschaftlich organisierten Naturwissenschaftlern zusammengearbeitet, ein keineswegs exotischer Personenkreis, denn als gewählte Betriebsräte sind sie die Sprecher der Angestellten in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Metall-, Elektro- und Autoindustrie.
(7) Vgl. Luhmann, Niklas, Soziale Systeme Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 1984, p. 650. Er ersetzt die als Metaphysik verworfenen Kategorien Grund und Begründetes durch das Paradigma von System und Umwelt. Seine soziologische Theorie begriff die philosophierende Linke einmal als Affirmation gesellschaftlicher Verhältnisse, denen handelnde Subjekte nur noch als Störfaktor gelten. Die Theorie selbstreferentieller Systeme, Stichwort Emergenz, geht auf die Biologie zurück, und auch bei Luhmann tritt sie als Evolutionstheorie auf. Was ironischerweise auf den Beifall eben dieser Linken trifft, die darin eine Begründung ihrer materialistischen Kosmologie sieht, ein Missverständnis; denn die Systemtheorie hat mehr Anklänge an Hegelianismus als an Materialismus, wie Haag anmerkt (in einer Randnotiz seines Exemplars des genannten Luhmannschen Werks).
(8) Planck, Max, Religion und Naturwissenschaft, zit. n. Haag, Karl Heinz, Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung, Frankfurt a. M. 2005, p. 100
(9) Vgl. Haag, Karl Heinz, Der Fortschritt in der Philosophie, Frankfurt a. M. 1983, p. 169 ff
(10) Marx, Karl, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt a. M. 1974, p. 66
(11) Vgl. Horkheimer, Max, Traditionelle und kritische Theorie, in Gesammelte Schriften, Band 4
(12) Benjamin, Walter, Privilegiertes Denken, Gesammelte Schriften III, Frankfurt a. M. 1992, p. 318 f.
(13) Derselbe, Über den Begriff der Geschichte, GS I 2, p. 693
(14) Und sie vergisst einen Teil ihrer eigenen Geschichte, der mit den Namen Walter Dirks, Eugen Kogon, Oswald von Nell-Breuning verbunden ist, den linkskatholischen Intellektuellen der Bonner Republik.
(15) Das Wort geht auf Walter Benjamin zurück. „Ist nicht Erziehung vor allem die unerläßliche Ordnung des Verhältnisses zwischen den Generationen und also, wenn man von Beherrschung reden will, Beherrschung der Generationsverhältnisse und nicht der Kinder? Und so auch Technik nicht Naturbeherrschung: Beherrschung vom Verhältnis von Natur und Menschheit.“ Benjamin, Einbahnstraße, GS IV 1, p. 147.

Peter Kern
Peter Kern hat Philosophie, Politik und Theologie in Frankfurt am Main studiert, war kurzzeitig freier Journalist, dann langjähriger politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall und ist nun wieder freier Autor und Mitarbeiter der Schreibwerkstatt Kern (SWK).

9 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Kern,

    nach unserem letzten Wortwechsel dachte ich, Sie wollten wirklich verstanden werden. Inzwischen sind meine Zweifel daran deutlich gestiegen. Für welches Publikum schreiben Sie so verklausuliert? 

Dazu nur wenige Beispiele aus Ihrem Text:

    „Das seinen Gegenstand konstituierende Subjekt, von Kant transzendentales Ich genannt“ – was ist hier der Gegenstand? Und was ist der Gegenstand und wer das konstituiernde Subjekt? 
Wenn ich Kant richtig wahrnehme, ist das „transzendentale Ich“ nichts anderes als die „Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis“, also das „ich denke, das alle meine Vorstellungen begleiten muss“ … Dieser Satz ist klar und verständlich. Was Sie daraus konstruieren ist es nicht! 
Dass dieses „transzendentale Ich“ dann auch noch als das von „Marx in der Industrie vergegenständlichte Gattungsvermögen“ dechiffriert wird, WOW …
    „Die uns gegebene Natur ist es selbst, die den per Experiment verifizierten Gesetzen unterliegt.“ Wieso unterliegt die „uns gegebene Natur per Experiment verifizierten Gesetzen“? Von wem ist „uns die Natur gegeben“? 

    Die Naturgesetze sind doch nichts anderes als von Wissenschaftlern (Newton, Einstein, Planck, usw.) nach sorgfältiger Forschung (Experimenten, Datensammlungen und insbesondere Denkvorgängen) erkannte Regelmäßigkeiten; diese sind normalerweise historisch und als vorläufig zu betrachten und können durch neue Forschung wieder anders lauten. Es sind von Menschen formulierte Gedanken und Erkenntnisse, häufig lange bevor sie von Experimenten zT als weitgehend gesichert angesehen werden. Von „Verifizierung“ ist dabei schon lange nicht mehr die Rede. Hier fallen Sie, Herr Kern, in einen weit vor Popper liegenden Positivismus zurück.
    „Beherrschung der Naturbeherrschung“ – äh? uns zeigt doch jeder Vulkanausbruch, jede tektonische Verschiebung der Erdplatten, die so ausgelösten Erdbeben und Tsunamis, die Klimaerwärmung und andere Erscheinungen, dass von „Naturbeherrschung“ nicht die Rede sein kann und dass damit diese selbst nicht beherrscht werden kann.

    Ich könnte viele Ihrer Sätze hier ad absudum führen, dazu fehlt mir die Lust und Zeit … Sie formulieren Arkana für Eingeweihte, die nach einer Initiation in einen Tempel hinein schreiten dürfen – etwa nach dem Mustern von Freimauern.

    In Ihrem Text feiert der theologisch-christologisch durchtränkte Dialektische Materialismus fröhliche Urständ; Ihr Text kommt mir vor wie eine moderne „Hochzeit zu Kanan“, auf der Sie Marx, Lukács, Adorno, Benjamin und andere intellektuelle Juden mit christlich gesegnetem Wein besoffen machen wollten.

    Wer verstanden werden will, schreibt anders!

    Mit freundlichem Gruß
    
Josef König

  2. Hallo zusammen,
    nach weitestgehender Lektüre der Texte von Haag bleibt tatsächlich der Eindruck eines in Teilen spannenden Nachvollzugs der diversen Strömungen der Wissenschaftsgeschichte .. hilfreich, um sich selbst über manch Übersehenes wieder anregen zu lassen.
    Allerdings bleibt die merkwürdige theologische Conclusio bizarr.. und so sehr man auch meinen mag, „religiöse“ oder gar „theologische“ (nicht miteinander in eins setzen, bitte!) könnten so mancher gesellschaftlicher oder zivilisatorischer Problematik aufhelfen – der eher apologetische Versuch, das aus einer auch bei Haag allzu verkürzten Rezeption naturwissenschaftlicher „Ontologie“ abzuleiten, konterkariert den Anspruch eher.

    Dieses Was, so zeigt Haag, ist zwingend als ein Wer zu denken, sonst entbehrte unser Naturverständnis der Rationalität. Haag lässt sich über das Absolute nicht aus; dem Bilderverbot bleibt er treu.

    Warum dieses „Absolute“, bei Haag schon als monotheistischer Gott (sic!) gedachte „Was“ nun wissenschaftsontologisch zwingend als „Wer“ zu denken sei, damit es weiterhin „rational“ zugeht, ist einfach als begriffliche Personalitäts- oder gar Identitäts- oder Subjektivierungszuweisung (oder „Vermutung“?) begrifflich völlig leer.
    Beim Lesen bin ich auf eine sehr gute, kritische Würdigung von Haag gekommen, die all das nochmal begehrlich und nachvollziehbar erläutert:
    https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Wallat_Haag.pdf

    Das kann jeder selbst gut nachlesen… es scheint mir deshalb unnötig, hier nochmal länglich allerlei Dinge daraus zu zitieren. Die „negative Metaphysik“ so zu drehen, dass am Ende ein monotheistisches Gottesbild (von wegen Bilderverbot!🧐) wie das Kaninchen aus den Hut springt, nein, bitte nicht.

    1. Hallo Herr Peschka, danke für den Link, der sehr gut lesbar die Problematik erläutert, insbesondere auch den Zusammenhang, dass Horkheimer ohne Schopenhauer und Nietzsche nicht verstanden werden kann.

      Die von Herrn Kern genannte Replik steht noch auf meiner Leseliste.

  3. Sie verweisen wieder auf anderer Leute Texte, statt selbst zu argumentieren. Dabei müsste gelten: Was einer präzise gedacht hat, muss er auch konzis formulieren können. Es bleibt demnach bei Ihrer fehlenden Antwort auf die Frage: Wie ist die Selbstkonstitution der Natur zu denken? Auch ist es unredlich, nicht darauf hinzuweisen, dass die „kritische Würdigung“ Haags eine Entgegnung erfahren hat. Das übliche Reiz-Reaktionsschema, ausgelöst, sobald ein theologisches Wort fällt, ist nicht unkommentiert geblieben.
    https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Mensching_Replik_Wallat_Haag.pdf

    1. Hallo Herr Kern,
      mit Verlaub: Ihre Rethorik nervt nur noch; warum soll ich in einer Kommentarspalte auf eine irrelevante Frage (letztlich vom Typ „Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?“) antworten müssen? Und meine Nicht-Antwort wäre also schon der Beweis der Haag‘schen Thesen?
      Was soll der Blödsinn mit dem „Absoluten“, das zumal als „Gott“ personal angesprochen werden „muss“? Wer spricht hier eigentlich diese Rede- und Diskursgebote aus? Sollen diese Phantasmen vom großen Schöpfer, creator ex nihilo oder unbewegten Beweger – oder welche beliebige metaphorische Maske gewählt wird, denn irgendwas „besser“, experimentell nachprüfbar (! ja, das macht Wissenschaft aus!) erklären, woran die Disziplinen der Naturwissenschaften nicht eh schon mit komplexen Modellen arbeiten? Wer ist denn dann der Ausleger (augur?) dieses vermeintlich Göttlichen oder Absoluten?
      Es ist auch nicht „unredlich“, dass ich die erwähnte eher bemühte und hölzerne Replik nicht erwähnt habe… Sie haben‘s ja auch vermieden, kritische Gegenpositionen überhaupt darzustellen.
      Ich fürchte, solche letztlich restaurativen Tendenzen wie im Alterswerk von Haag erkennbar, sind – naja, eher problematisches Symptom denn Kurativ.
      Ihre dauernde völlig unscharfe Vermengung von (monotheistischem) Gott(esbegriff), Religion (als ob es nur diese eine monotheistische gäbe, mit quasi absolutem Wahrheitssanspruch ausgestattet), Theologie (dito) und Wissenschaftstheorie/-ontologie ist peinlich … da würden Ihnen die franziskanischen Textexegeten an den Seminaren in Jerusalem gehörig die Leviten lesen.
      Tatsächlich versuchen ja schon Kommentatoren aus dem engeren Umkreis des theologischen Diskurses auf den Haag-„Turn“ aufzusetzen (siehe besonders verzweifelt: https://www.feinschwarz.net/es-lebe-die-metaphysik/), was ich – da Sie ja auch von „ordnungspolitischen“ Aspekten (vulgo: Diskurskontrolle) schrieben – besonders pikant finde. Wer ordnet da in Auslegungsbefugnis von wem was?
      Auf den reichlich geschmäcklerischen click-bait-verdächtigen Titel, wonach die „Linken“ für von Ihnen unterstellte Erkrankung an „Religionsallergie“ zu „überwinden“ hätten, will ich lieber nicht näher eingehen. Hier hätte spätestens die Herausgeberschaft von „bruchstücke“ eingreifen müssen, wird damit doch deutlich, wes autoritär-restaurativen Geistes Kind hier im Hintergrund wohl am Werk ist.
      Ich vermute, diese für die aktuelle, kritische Theologie höchst bedenklichen Tendenzen werden uns in den nächsten Jahren, in einer Zeit der ideologisch als Herrschaftsinstrument gerne wieder etablierten „polarisierenden Glaubenswelten“, noch viel beschäftigen. Leider, denn die, sie dann diesem „Gottes- und Wissenschaftskonstrukt“ nicht folgen können, werden dann halt biologistisch als „krank“ an Körper („Allergie“) und/oder gar uneinsichtig im Geiste stigmatisiert. Wissenschaft im eigentlichen, aufgeklärten Sinn besteht aber (Popper) im Kern aus falsifizierbaren Theorien, Thesen und jenen Naturgesetzen, die bestmöglich das, was wir beobachten können, beschreiben sollten. Die Verkündung eines „absoluten“ (absolut von was eigentlich?) „Gottes“ als vermeintlich unwiderlegbares Basis-Axiom von Wissenschaft ist ein leeres Sprachspiel… und gefährlich.

      1. Sehr geehrter Herr Peschka, schreiben Sie einen Artikel, zeigen Sie, was Sie können. Die Redaktion von Bruchstücke wird Ihre Einlassung vermutlich mit der Liberalität behandeln, die Sie vermissen lassen mit Ihrer Forderung, zensierend gegen meinen, wie Sie es nennen, Blödsinn einzugreifen. Ihre Gereiztheit zeigt: Man verletzt ein Tabu, lässt man naturwissenschaftlichen Verstand nicht als die einzige Quelle menschlicher Erkenntnis gelten. (In Klammern: Wenn Sie sich an den Text dransetzen, schauen Sie sich bitte an, wie Popper in „Logik der Forschung“ argumentiert und lösen Sie sein Dilemma auf, physikalischen Determinismus als Begründung des Kosmos ebenso auszuschließen wie den reinen Zufall).

  4. Moin Sie beide,

    inzwischen habe ich auch die Erwiderung von G. Mensching gelesen, die ich argumentativ nicht überzeugend fand. Sie kam mir eher wie eine Apologie von Haag vor. Interessant fand ich allerdings, dass Mensching den Nominalismus so vehement verurteilt und ihn in einer Weise behandelt, als ob er so ansteckend sei, dass man ihn höchstens mit der Kneifzange anfassen dürfe …
    In der alten, seit Platon und Aristoteles geführten Debatte zum Universalienproblem zeigt sich mir allerdings, dass Menschen, die den Nominalismus ablehnen – und vielleicht sogar dazu noch einen theologischen Hintergrund haben – zugleich das Bedürfnis einer Nähe zum „Absoluten“ pflegen scheinen. Sie wollen es genau wissen! Und das Wissen ist für sie verbunden mit dem Gedanken einer absoluter Gewissheit. Aber Nominalismus lässt manches gern auch in der Schwebe, so etwa Wittgenstein, der zeigt, dass sich das Wort „Spiel“ nicht definieren lasse, sondern sich nur „Familienähnlichkeiten“ zeige und sich dessen Bedeutung aus dem Gebrauch, sprich dem Kontext im Satz erweise.
    Da Sie, Herr Kern, in Ihrer letzten Replik Popper nennen, passt dazu, was Popper sinngemäß für die Aufgabe der Philosophie geschrieben hat: Sie sei nicht für die Gewissheit, sondern für die Orientierung zuständig.
    Zu guter Letzt fällt auf, dass weder Sie, Herr Kern, noch G. Mensching, etc. auch nur einen Hauch von angloamerikanischer, eher analytischer Philosophie zu zitieren wagen. Sie bleiben im alten deutschen Idealismus, der schon immer im System des Absoluten sich gerierte und sich kaum einem Gedanken öffnete, der die Zukunft offen und unbestimmt erlaubt. Dabei wissen wir nichts über die Zukunft und haben auch keine Erfahrung mit einem so genannten „absoluten denknotwendigen Wesen“.
    Das gilt auch für die Naturerforschung. So kam erst dieser Tagen die Meldung, dass sich Kosmologen auf einen Wert für die Hubble-Konstante geeinigt haben weil sie noch immer rätseln wie und in welcher Geschwindigkeit sich unser Weltraum expandiert. Und nur nebenbei bemerkt, wir wissen noch immer nicht, wie Leben zu definieren sei, noch wie es entstanden ist … Diese Unsicherheit gilt es auszuhalten, anstatt sich in die Arme eines „Denknotwendigen“ zu werfen …

    In diesem Sinne – freuen wir uns auf das, was die Zukunft der Erkenntnis noch für uns in unserer Lebensspanne bereit hält.

  5. Hallo zusammen, hallo Herr König,
    vielen Dank, Hr. König, für die wechselseitige Beteiligung als Leser an dieser doch recht munteren kleinen Debatte in der „Kommentarspalte“.
    – Ich weiß grad nicht, ob ich die Tage noch etwas Zeit finde, Ihnen, Hr. Kern, nochmal kurz zu antworten (es ginge dabei um Gödel, das Dilemma der Formalsprachen, ‚Logische Beweise‘, etwas zur Chaosforschung (und der fließenden Grenzen zw. ‚Chaos‘ und ‚Ordnung‘) und eine fast schon bizarre Frage der ’negativen Theologie‘ rund um die textkritische (aramäisch-hebräische) Exegese von Psalm 22, v2 resp. Mt.-Zitation … und um Susan Taubes unveröffentliche Dissertation, die ich gerade lesen darf). Ich versuche es.
    – Leider bin ich sozusagen nicht „publizistisch“ tätig, sonst hätte ich ja vielleicht sowieso schon auf andernorts von mir Geschriebenes zum Thema verweisen können.
    Mit streitbaren Grüßen, möge die Debatte offen bleiben! 😉

  6. Oh gern. Im Grunde ist die ganze Angelegenheit völlig lächerlich und verrückt. Wir sitzen mit mehr als 8 Mrd Menschen mittelmäßiger Intelligenz auf einem unbedeutenden Planeten, der um einen peripheren Stern kreist, der zu den 100.000 Mrd Sternen dieser mittelgroßen Galaxie gehört, wovon weitere Milliarden im expandierenden Kosmos herumirren, und manche dieser Menschen sind fest davon überzeugt, dass ein denknotwendiger Gott das prima hinbekommen hat. Henry Miller hatte schon irgendwie recht, als er schrieb, „wir leben in einem Irrenhaus mit der Erlaubnis, täglich zu onanieren“.

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