
Ein sogenannter Ökoterrorismus setzte sich am 3. Januar, zum Jahresauftakt, ebenso spektakulär wie entlarvend in Szene. Alle halten ihn für „linksextrem“, was ist da dran? Kurz zur Erinnerung der Sachverhalt: Die Täter legten einen Brand an Hochspannungskabeln, die ein Gaskraftwerk im Südwesten Berlins mit dem Netz der Stadt verbinden, und führten so Kurzschlüsse herbei. Deshalb waren Stadtviertel wie Zehlendorf, Wannsee, Lichterfelde und Nikolassee tagelang ohne Elektrizität. Bis zu 45.000 Haushalte mit 100.000 Personen waren betroffen. Es habe sich um den längsten Stromausfall in der Berliner Nachkriegsgeschichte gehandelt, schrieb die Bundeszentrale für politische Bildung.
Am gleichen Tag versandte ein sich als Vulkangruppe bezeichnendes Kollektiv ein Bekennerschreiben. Kai Wegner, Regierender Bürgermeister und CDU, klassifizierte die Tat, sicher wie viele andere ohne genaue Lektüre, reflexartig als „linksextrem“. Damit war und wurde der politische Rahmen bis heute gesetzt. In der Folge publizierten die Medien unaufhörlich über eine linksextremistische Gefahr, anarchistische Sabotageakte, deren angebliche Unterschätzung durch die Sicherheitsorgane. Terrorexperten, Linguisten und Politologen schlossen sich dieser Deutung an.
Das Bekennerschreiben hat die Länge eines Buchkapitels. Dem ungegliederten Elaborat fehlt es an einem logischen Aufbau, die Gedankengänge sind teils pathetisch, teils wirr und oft widersprüchlich. Ich habe den Dreck gelesen. Und frage mich, was daran links sein soll. Gewiss, da ist von Reichen die Rede, „die wir uns nicht mehr leisten können“ und von „Superreichen, die die Welt in Brand setzen“. Ihre egozentrische, unsoziale Lebensweise zerstöre gerade den Planeten. Solche Sprüche klingen links, können aber ebenso gut von Rechtsextremen vorgebracht werden und sind von ihnen oft genug vorgebracht worden.
Steckdosen machen keinen Unterschied zwischen Verbrauchern
Villenviertel und „wohlhabendere Stadtteile“ seien vom Stromausfall verdientermaßen betroffen gewesen, andere Einwohner wollten die Vulkanisten verschonen. Dass die weniger Wohlhabenden auch im Südwesten Berlins die Mehrheit stellen, ahnten sie, weshalb sie verbal vorbeugten: „Wir gehen nicht davon aus, dass wir dadurch 100.000 Haushalte vom Netz abgetrennt haben, sondern dass wir diese nur vom Netz des Gaskraftwerks abgetrennt haben. Das mehrfach gesicherte Energienetz wird über andere Wege der Energieleitungen die Haushalte in kürzester Zeit wieder über das weit verzweigte Stromnetz anschließen.“ Sie wussten auch, dass diese Ausrede dünn war: Die Bekenner empfehlen stromlosen Berlinern, sich gegebenenfalls untereinander zu helfen, beim Nachbarn zu klingeln und sich um ältere und hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Sorry, Leute, aber schaut sicherheitshalber mal nach, ob der Nachbar nichts mehr zu essen hat oder die alte gehbehinderte Nachbarin gerade erfriert. Das ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten.
Denn: Die Steckdose macht keinen Unterschied zwischen den Verbrauchern. Das ist bis auf weiteres ein Grundstein der kommunalen Versorgung. Alle bekommen den gleichen Strom, Klassenunterschiede stellen sich erst nach der Lieferung ein: über den Mengenverbrauch und die Kosten. Stromausfälle treffen alle erst einmal gleich; bis dann der Wohlhabende ein Hotel gebucht oder seine Zweitwohnung anderswo erreicht hat. Ähnliches gilt für andere Beschädigungen der öffentlichen Infrastruktur, beispielsweise bei der Sabotage von Bahnlinien oder bei Naturkatastrophen. Das weiß doch gerade eine Gruppe dann, wenn sie sich nach einer Naturgewalt benennt, oder? Ein Vulkan macht keinen Unterschied zwischen arm und reich, Schaden und Schrecken verbreitet er mit dem (drohenden) Ausbruch gleichermaßen.

Lächerlich geradezu die Behauptung der Täter, die normalen Berliner Haushalte seien gar nicht das Ziel der Aktion gewesen: „Ziel der Aktion ist es, der Gaswirtschaft und der Gier nach Energie einen hohen Schaden zuzufügen. Wenn es zu längeren Ausfällen in privaten Haushalten kommt, wollen wir hiermit deutlich machen, sie sind nicht Ziel des Angriffs. Und dieser Effekt war von uns weder beabsichtigt noch kalkuliert.“ Wie steht es nun um den hohen Schaden, welcher der Gaswirtschaft hat zugefügt werden sollen? Wer sich auch nur ein bisschen umtut auf dem Strommarkt, der weiß: Der Energiebedarf zum Jahreswechsel ist bekanntermaßen gering, weshalb die Energy Charts des Freiburger Fraunhofer Instituts pünktlich für die erste Woche des neuen Jahres einen hohen Stromexport der Bundesrepublik anzeigen. Mit anderen Worten: Der Ausfall des Kraftwerks in Berlin-Lichterfelde war aus der Sicht des Strommarkts nicht mehr als die Reduzierung eines Überschusses.
Kindischer Größenwahn
Meine Bilanz bisher: Die selbstproklamierten Ansprüche der Vulkanisten sind heuchlerisch. Und ihr Tun ist komplett missraten; selbst wenn es nur an diesen eigenen Ansprüchen gemessen wird. Ob dies nun Rechts- oder Linksterroristen sind — wer weiß? Nach der bisherigen Analyse ist beides möglich. Deshalb nun zum nächsten Punkt: Was sagt dieses Bekennerschreiben über die Ideologie, die politische Positionierung der Täter? Alle halten sie für linksextrem, was ist da dran?
In jedem Absatz des Textes finden sich Passagen, die mindestens professionelle Leser, welche im Laufe der Jahre Dutzende von Bekennerschreiben zu ertragen hatten, irritieren müssten. Da ist zunächst die Erde – nicht das Klima -, deren Zustand die Verfasser verzweifeln lässt. An ihr finde ein Raubbau statt, sie werde zerstört. „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört„, lautet schon der Eingangssatz des Schreibens, der an die Schollen-Poesie von Hermann Loens — von den Nationalsozialisten besonders geschätzter Heimatdichter mit Erfolgsromanen wie „Der Wehrwolf“ — oder die leidenden Wälder von Ludwig Ganghofer gemahnt. Und als ob dies nicht schon genügte: „Unsere gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll. Wir versuchen damit, die Ausbeutung der Erde zu unterbrechen, die CO²-Toten zu verhindern und die mit der Klimakatastrophe zusammenhängenden Krankheiten zum Stoppen zu bringen. Wir versuchen damit außerdem, dem Artensterben ein Ende zu setzen und die Welt für alle wieder lebenswerter zu gestalten.“ Kindischer Größenwahn, wie er aus diesen Zeilen spricht, ist unter linken Sektierern durchaus anzutreffen, aber das Gemeinwohl als Kriterium ist ihnen dann doch arg fremd.
Seltsam aus Sicht von Linksextremen auch diese Passage: „Sabotiert die fossile Infrastruktur, die Stromnetze, den Raubbau an der Erde, die Serverzentren, die Chipindustrie und deren Zulieferbetriebe, zerstört die Voraussetzungen für die Automobilwirtschaft und die Rüstungsindustrie, für den Flugverkehr, die Villen, die Yachten, die Spaceships und die Golfplätze. Zerstört die Polizeizentralen, die der Garant für die patriarchalen Eigentumsverhältnisse sind, denn die Erde gehört sich selbst und allen Lebewesen und nicht den Menschen, bzw. den Männern allein und nicht den Reichsten unter ihnen.“ Warum spielen die Stromnetze, die ja im Mittelpunkt des Tuns stehen, eine solch‘ geringe Rolle? Und: Bis wann gehörte die Erde sich selbst und woher wissen wir, dass sie diesen Besitz abgetreten hat?
Ein Querfront-Testlauf?
Weiter in diesem bekennerischen Wirrwarr. Der Angriff auf das Gaskraftwerk wird als ein „Akt der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das Leben schützen“ beschrieben. Eine Kommentatorin der freien Radios erinnert das meines Erachtens zurecht an die rechte frauenfeindliche Bewegung der Lebensschützer. Sie weist auch darauf hin, dass ökoromantische Vorstellungen von einem Zurück-zur-Natur bestenfalls naiv seien, weil sie ein radikales Konzept der Deindustrialisierung verfolgen. Das alles ist ungewöhnlich für Linksextremisten.
„Gier nach Macht, Gier nach Energie, Gier nach Destruktion„, das wollen die Vulkanisten bekämpfen. Klingt löblich, aber kennt irgendwer irgendwelche Linken, ob extremistisch oder gemäßigt, denen bei dieser Aufzählung nicht zuerst die Gier nach Profiten einfällt? Dass die Profitmacherei als kapitalistische Gesetzmäßigkeit und böser Charakterzug von Superreichen hier fehlt, ist kein Zufall. Lieber sprechen sie von Energiehunger, der sich durch Leben und Erdkrusten frisst, und dem sie „den Saft abdrehen“ wollen, beginnend mit der Stromversorgung alternder Mietshäuser im Südwesten Berlins. Was zuallererst der AfD natürlich wieder Prozente einbringt. Diese Leistung spricht für sich.
Einige Kommentatoren glauben in dem Sammelsurium von Schlagworten den Einsatz künstlicher Intelligenz zu erkennen, obwohl die Vulkanisten gerade den Gefahren der KI und ihres Energiebedarfs viel Platz einräumen. Wieder andere sind überzeugt, der russische Geheimdienst fingere inzwischen auch an Berliner Stromverteilern herum.
Beim jetzigen Stand der Textanalyse halte ich für entscheidend: In diesem Bekennerschreiben sind über weite Strecken sowohl linke wie auch rechte Sprach-Codes und Argumente vertreten, als wollten die Verfasser sowohl die einen wie auch die anderen erreichen. Bisher könnte die Analyse also auf einen Querfront-Testlauf hindeuten.
Wenn, ja, wenn die Verfasser mit all ihren Aussagen zur Energiepolitik nicht so weit rechts in rechten Gewässern fischen würden. Beispiele: Eine Energiewende gibt es für sie nur in Anführungszeichen. Sie sei eine „Nebelkerze, die verschleiert, dass es um Energie ohne Wende und ohne wenn und aber geht.“ Ausgerechnet im Kontext weitschweifiger energiepolitischer Erörterungen die Atomenergie, den Ausstieg aus ihr, die atomfreundliche Industrie auszulassen — wer in der großen weiten Welt der Linksextremisten bringt denn das fertig?
Umsturz- und Panikphantasien
Zur Dummheit gesellt sich manchmal ein schlauer Plan. Es sticht ins Auge, dass diese ganze Aktion ziemlich genau dem Bild entspricht, das sich rechtsextreme Strategen schon lange vom Ausbruch ihrer Revolte machen. Erst soll eine empfindliche Störung im Stromnetz einen großflächigen Blackout auslösen, dann sollen allgemeine Verunsicherung, Wut und Chaos folgen, die von den Behörden nicht mehr kontrolliert werden können und schließlich würden nazistische Preppermilizen zu ihren Waffenverstecken und Sammlungspunkten marschieren, um die „Ordnung wiederherzustellen“. Dies ist im Kern eine rechtsextreme Strategie, bekannt unter dem Stichwort Tag X.
Dass die Fans von Martin Sellner, dem österreichischen Identitären, bis zu den Reichsbürgern, von den Preppern bis zu den Hannibal-Verschwörern, von Vollnazis bis zu Elitesoldaten in solchen Phantasien schwelgen, sollte sich eigentlich herumgesprochen haben. Weniger wahrgenommen wird, dass diese Umsturz- und Panikphantasien in verblüffender Weise mit den Blackout-Szenarien der Atomenergie-Fans in Industrie, radikalisiertem Mittelstand und konservativem Lager korrespondieren; in bürgerlichen Medien dürfen sie fast täglich über den großflächigen Stromausfall orakeln, den die Energiewende und der damit verbundene Verzicht auf Nuklearenergie Deutschland bald bescheren wird.
Vielleicht unbeabsichtigt hieß es in der FAZ vom 12. Januar: Zum Brandanschlag auf das Berliner Gaskraftwerk habe sich eine Gruppe bekannt, „von der man zunächst nicht viel mehr wusste, als dass sie linksextremistisch ist.“ So ist der Stand der Erkenntnisse nach vielen Tagen derselbe wie nach der ersten Sekunde: Wir wissen nichts, außer dass es sich um Linksextremisten handelt. Der antike Philosoph Sokrates — der nur das Eine wusste, nämlich nichts zu wissen — hätte seine helle Freude daran gehabt.
Inzwischen wissen wir aber auch, dass der Brandanschlag unter Linken und Linksextremisten auf selten einmütige Ablehnung stieß. Die ging so weit, dass sich eine erste Vulkangruppe, die bereits 2011 von sich reden gemacht hatte, von allen Aktionen distanzierte, die in den letzten Jahren unter ihrem Namen verübt worden seien. Schließlich machten auch die Vulkanisten vom 3. Januar einen Rückzieher. „Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen für Teile der Bevölkerung, hätten wir diese Aktion in eine warme Jahreszeit verlegt.“ Eine klassische Selbstkritik sieht anders aus. Kann linksextrem so kümmerlich sein?
Es ist beruhigend und ermutigend, dass es immer noch Menschen gibt, die Texte wirklich lesen und in der Lage sind, sie zu analysieren und einzuordnen.