Die soziale Leere des vergessenen Frankreich

Foto: Touam (Hervé Agnoux) auf wikimedia commons

Im bretonischen Städtchen P. gibt es ihn noch: Den Bar-Tabac gegenüber von der Kirche, in dem sich am Tresen ein Rentner einen „petit rouge“ oder ein kleines Bier genehmigt, die Marktfrau einen „petit noir“. Zum Lebensgefühl der Französinnen und Franzosen, dem bien-être, gehören das „Café de Commerce“ oder der Bar-Tabac, in dem es nicht nur ein Gläschen oder einen Kaffee gibt, sondern auch Lottoscheine, andere Glücksspiele, ab und an auch einen Billard-Tisch und den gemeinsamen Tratsch über Gott und die Welt mit den Nachbarn oder den Arbeitskollegen beim Apéro. Jetzt enthüllt eine Studie, dass in den letzten zwanzig Jahren 18 000 Bars-Tabacs zwischen der Normandie und dem Mittelmeer geschlossen wurden. Und es offenkundig einen Zusammenhang gibt zwischen dem Verschwinden solcher sozialen Treffpunkte und den Wahlerfolgen des rechtsextremen Rassemblement National (RN).

„Die lokale Demokratie entsteht in Räumen, in denen sich die Bürger treffen und sich ihre Meinungen im direkten Austausch bilden.“ So steigt Hugo Subtil von der Universität Zürich in seine Studie „Quand les bars-tabacs ferment“ ein, die jetzt vom Observatoire du bien-être du Cepremap online gestellt wurde. Der junge Wirtschaftswissenschaftler, der vor drei Jahren an den beiden französischen Grandes Écoles Polytechnique und Mines promovierte und jetzt als Postdoc im Politikwissenschaftlichen Zentrum der Universität Zürich forscht, hat für diese Studie einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Er hat sich nicht nur Statistiken und Veröffentlichungen über die Entwicklungen bei den Cafés, Vereinen oder den Postämtern angesehen, sondern vor allem die Unterlagen von „Française des Jeux (FDJ)“, der zentralen Verwaltung der Wett- und Glücksspiele, die lokal über die Bars-Tabacs verkauft werden. Seine Übersicht offenbart in weiten Teilen Frankreichs einen erschreckenden Verlust an Orten der Begegnung, der „Soziabilität“, wie Subtil es nennt.

Hugo Subtil, Website

Seit zwanzig, dreißig Jahren verschwanden in der Provinz, in den Kleinstädten und den Rändern der Großstädte öffentliche Einrichtungen wie Postämter: Allein zwischen 2000 und 2018 sank die Zahl der eigenständigen Postfilialen von 17 000 auf 12 000. Dramatischer noch verlief die Entwicklung bei den Cafés und Bistros: 1960, zitiert Subtil aus Studien, gab es noch 200 000, selbst im kleinsten Dorf und auch dort meist gegenüber von der Kirche, wo die Männer ausharrten, bis die Glocken zum Abendmahl läuteten, an dem man(n) teilzunehmen hatte. Im Jahr 2023 waren es noch 38 000. Die Bars-Tabacs oder die „Cafés des Sports“ („de Commerce“, „du Marché“) verströmten und verströmen, so sie noch existieren, eine eigenartige Atmosphäre: gemütlich sind sie nicht, eher immer ein bisschen verwohnt mit verstaubten Plastikpflanzen in der Ecke. Die Einrichtungen überhaupt erinnern mehr an einfache, praktische Küchen auf dem Lande oder bei Arbeiterfamilien. Eine Studie der Jean-Jaurès-Stiftung aus dem Jahr 2025 belegt, dass sich in dieser Umgebung besonders Männer, Arbeiter, Rentner und kleine Angestellte ohne Diplom oder höhere Bildung wohlfühlten. Aber selbst für diejenigen, die selten oder nie in die Bars-Tabacs gehen, gehörten diese Orte zum „bien-être“.

Rassemblement National (RN) nutzt die soziale Leere

Wie aber ist der Zusammenhang zwischen dem Verlust der sozialen Orte und dem Aufstieg des rechtsextremen Rassemblement National (RN) nachzuweisen? Die Landkarte, die Hugo Subtil aus den Daten der „Française des Jeux“ erstellt hat, zeigt: Vierzig bis fünfzig Prozent der Schließungen in den letzten zwanzig Jahren fanden in heutigen Hochburgen der Partei der Marine Le Pen statt. Von Lothringen bis Le Havre, von den ehemaligen Gebieten des Bergbaus bis zur Schwerindustrie ist die Karte tiefrot (50 Prozent). Es ist ein schleichender Prozess, der da im Norden Frankreichs stattgefunden hat und stattfindet, aber auch in Provinzen, die nicht vom Tourismus in der Südbretagne, am Atlantik oder der Provence profitieren. Während sich ein Konkurs oder eine Verlagerung von wichtigen Industriebetrieben unmittelbar auf Wahlergebnisse auswirkten, erläutert Subtil, brauchten die „sanften Verluste“ Zeit, bis sie zu einem veränderten Wahlverhalten in der Bevölkerung führten. Erst drei bis vier Jahre nach der Aufgabe der Bars-Tabacs seien die Voten für den RN steil angestiegen, zeigt Subtil.

Die Partei hat die soziale Leere, die sich mit dem Verschwinden von der Post bis zum Tante-Emma-Laden oder dem Bar-Tabac auf dem Land, in kleinen Orten oder am Rande der Großstädte ausgebreitet hat, für sich zu nutzen gewusst. Sie macht damit Propaganda und gibt dem Schließen der Cafés und Bars-Tabacs einen Namen. „Damit ein soziales Phänomen zu einem Problem bei Wahlen wird,“ schreibt Hugo Subtil, „muss eine Partei ihm einen Sinn geben, der im alltäglichen Leben nachvollziehbar ist.“ So hat sich dieser Wissenschaftler an die Arbeit gemacht und 2,19 Millionen parlamentarische Anfragen aus den Jahren 2007 bis 2024 durchforstet. Das Thema „Soziabilität“ und der Verlust von Orten der nachbarschaftlichen Begegnung beschäftige den RN nicht häufiger als die anderen Parteien, stellte er fest, aber Marine Le Pen (wie mit ihr andere rechtspopulistischen Parteien in Europa) habe in den letzten zehn Jahren zu einer anderen politischen Sprache gefunden: Sie und ihre Partei fanden zugkräftige Namen wie „das vergessene Frankreich“, „das aufgegebene Territorium“, „die abgehängte Provinz“ , „der Verlust an sozialen Beziehungen“, „das letzte Bollwerk gegen die Vereinsamung“.

Demonstration der Gelbwesten rund um den Kreisverkehr Vaugine in Vesoul (Haute-Saône). (Foto, 2018: Obier auf wikimedia commons)

Manchmal sind es kleine symbolische Gesten

Die Methode erweist sich bisher als erfolgreich: Im ländlichen Raum fühlen sich 51 Prozent „abgehängt“ (IFOP-Umfrage aus dem Jahr 2018), auch die landesweite Protestbewegung der „Gelbwesten“ gegen eine zusätzliche Benzinsteuer machte 2018/2019 auf den Verkehrskreiseln mit Mahnwachen auf sich aufmerksam, demonstrierte lautstark gegen das Abbröckeln des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der „France profonde“. Die Wahlerfolge der Rechten und Rechtsextremen folgten. In wenigen Wochen, am 15. März 2026, wird die erste Runde der lokalen Wahlen zu den Bürgermeistern und Gemeinderäten zeigen, ob das Kalkül der Rechtsextremen weiter aufgeht.

Der Wissenschaftler Hugo Subtil hält von einem passiven und schicksalsergebenen Abwarten nicht viel. Vor allem im Sozialen und in der lokalen Nachbarschaft seien Entwicklungen umkehrbar, meint er und fordert energisches Umdenken von kommunalen Amtsträgern wie von der Bevölkerung. Nicht eine immer weiter forcierte Digitalisierung aller öffentlichen Dienstleistungen schaffe Bürgernähe und nachbarschaftliche Zusammenarbeit, sondern Treffpunkte wie die „Maisons France“ (eine Art Bürgerämter), die sich allerdings öffnen und zu echten Orten der Begegnung werden müssten: Mit Bibliothek, Café, Vereinsräumen. Davon sind die meisten Kommunen noch weit entfernt.

Und so richtet sich Subtils zweiter Ansatz an die Zivilgesellschaft: Statistiken wie Wahlergebnisse zeigten, dort, wo es ein aktives und öffentlich unterstütztes Vereinsleben und soziales Engagement gäbe, stießen rechtsextreme Parteien an Grenzen. Auch Aufmerksamkeit helfe sehr, schreibt er und verweist auf eine jüngste Untersuchung: Eine Kleinstadt erwies sich plötzlich als RN-resistent, weil die Tour de France durch ihre Straßen fuhr und alle Welt auf den hübschen Ort aufmerksam wurde. Manchmal sind es scheinbar kleine symbolische Gesten, die lokalen Stolz und den sozialen Zusammenhalt wieder herstellen. Dass sie gegen den landesweiten Rechtsruck und eine Erosion des demokratischen Fundaments nicht ausreichen, weiß auch Hugo Subtil. Aber: „Das Bröckeln der sozialen Beziehungen ist kein hinnehmbares Schicksal. “ Recht hat er.

Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik".

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