
Ich will nicht lange drum herum schreiben: Ich gehöre zur Gruppe der Wählerinnen und Wähler, die man Traditionswähler nennt. Und zwar rechne ich mich zu den wertegebundenen Überzeugungswählern: Typ Hans Matthöfer. Der stritt nie müde werdend um Beachtung der Menschenrechte; der war für eine möglichst gute Bildung als Voraussetzung für den Aufstieg, für Mitbestimmung so weit wie möglich, er war ein früher Ökopolitiker und schließlich scheute er sich nicht, im Bundestag Diktatoren an der Staatsspitze eine Mörderbande zu nennen. Wie geht es solchen Wählern in der Wahlkabine?
Solchen Wählern geht es, ironisch beschrieben, so: Du stehst in der Wahlkabine, in dir brodelt schon länger Ärger über all die Unzulänglichkeiten der aktuellen Politik, deine Hand mit dem Kugelschreiber kreist über der Parteien-Liste, um im letzten Augenblick, quasi automatisch brav die Partei anzukreuzen, die du stets gewählt hast. Ein unerforschter Kommunikations-Automatismus? Weder von Habermas noch von Luhmann entdeckt? Eine Millisekunden- Amnesie? Ein genetischer Defekt? Oder etwas anderes?
Suchen Sie sich etwas aus. Manche werden mich/uns deswegen als Deppen bezeichnen. Und dann auch noch als unbelehrbar. Meinetwegen. Ein Glück, dass man Wählerinnen und Wählern nicht mit Noten und Bewertungen kommen kann: Versetzung gefährdet! Die erwähnte Gruppierung aus Wählerinnen und Wählern wird kleiner. Sie liegt, bezogen auf die Zahl der Wahlberechtigten bei geschätzt 25 v.H.
Sie war mal Mehrheit. War auch nicht gut. Das war jene Zeit, in der zum Beispiel gegen eingefleischte Sozis und anderes linkes Gelichter Kanzel und Weihwasser eingesetzt werden konnten. So wird heute erzählt.
Der Zeitschriftenhändler, ein Brauner, schnaubte
Die geschilderte Situation erkläre ich mir so: Während solcher Augenblicke kommt einiges zusammen: Erinnerung an Prägendes: Meine Leute hatten nichts dagegen, dass ich mir mit 14 den Spiegel kaufte – aber der örtliche Zeitschriftenhändler, ein Brauner, der schnaubte. Der erschien, um mit meinen Leuten zu schimpfen. Hat meinen Großvater nicht beeindruckt. Der saß da in seiner Arbeitskleidung, eine Hand in der Hosentasche, die andere auf dem Tisch, einen Finger durchs Tassenohr gesteckt. Guckte den Zeitungshändler so an, dass der wusste: Nun verschwindest du besser! Ich habe mir den Spiegel einfach in der Kreisstadt gekauft, in welcher ich zur Schule ging. Ätsch.
Ernst wurde es – politisch ernst, nachdem ich mit anderen zusammen einer Rede des damaligen gesamtdeutschen Bundesministers zugehört hatte. Der rief: “Die Türen und Fenster der Republik müssen weit aufgerissen werden! Weit, weit auf! Es muss frische Luft hinein ins Haus der Republik.” Wow! Und daran reihen sich später aufwühlende Zusammenkünfte, innerparteiliche Wahlen, Begeisterung, Enttäuschung, Erinnerung an Zusammenraufen, Zorn und Gelächter, Erinnerungen an Einigungen und Streit, an Siege, Niederlage, an Freundschaften und “weißt Du noch”. Teile gelebten Lebens. Pardon, wenn ich jemandem zu heftiger Gegenrede herausfordere: Aber das war Leben! Das kriegt Mensch nicht so leicht aus der Birne. All das fließt dann ein in diesen winzigen Raum zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger
Auf einem der ersten Treffen nach meinem Eintritt in eine Partei, sagte ein älterer Mann zu mir: Klaus, bist Du jetzt bei uns?… Dat is jut. Grüß deine Mama schön von mir. Er zögerte einen Augenblick, sagte etwas strenger, ein wenig vorwurfsvoll: Da, wo Du jetzt sitzt, sitz ich immer.
Heute möglicherweise ein Fall für eine Awareness-Commission. Damals habe ich mir einfach den Platz neben ihm genommen. So wirst du im Verlauf vieler Zeiten “Veteran.”
Die FAZ schrieb dieser Tage mit Blick auf das Abschneiden der Sozialdemokratie in Baden-Württemberg: Wählerinnen und Wähler seien unerbittlich. Ja, das ist so: Sie sind unerbittlich. Und ungerecht. Das sind in der Politik Axiome. Als der damalige Finanzminister Hans Apel – ich glaube das war 1978- aus dem Urlaub zurückkam, sagte er: “Ich dacht mich tritt ein Pferd.” Er hatte eine Steuerreform mit beträchtlicher Entlastungswirkung im Bundestag auf den Weg gebracht –und wurde heftig kritisiert.
In der SPD war dieser Tage zu hören: Abtreten! Zurücktreten! Andere an die Spitze! Und dann?
Ehemalige Juso-Häuptlinge melden sich zu Wort
Schauen wir uns die Sache in Baden-Württemberg mal etwas genauer an. Dort haben in Wahlkreisen mit lokalen Arbeitsmärkten in der Nähe der Vollbeschäftigung und – wie man heute sagt – “sehr guter Arbeit” 25 Prozent und mehr der Wahlberechtigten mit der Zweitstimme AfD gewählt. Für viele, die das taten, hatte das sogenannte “Wirtschaftswunder” eigentlich nie aufgehört; das bekam erst in den letzten zwei Jahren Risse. 5, 5 Prozent der abgegebenen und gültigen Stimmen bekam die SPD.
Ich wette, dass die weit überwiegende Mehrheit unter den 5,5 v.H. solche Traditionswähler und Traditionswählerinnen waren. Was glauben Sie, hätte die Wahlstatistik ohne die Stimmen der Traditionalisten ausgespuckt? 1,2 v.H. – oder 0,8 v.H.? Das hätte den ersten Landtag ergeben, in welchem dann keine Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen säßen.
Und wie wäre das in Rheinland- Pfalz gewesen? Statt eines Viertels der Stimmen lediglich 20 v.H. oder gar nur 17 v.H. – weniger als die AfD einsammelte?
Nun werden in vielen Unterorganisationen – und nicht nur in der Sozialdemokratie – Workshops und Konferenzen abgehalten, …. was auch immer die Parteien-Kommunikation hergibt. Ehemalige Juso-Häuptlinge melden sich in Grundsatz- und Perspektivpapieren zu Wort. Die einen schreiben, die anderen schweigen – beredt. Und letzte Reste innerparteilicher Verlässlichkeit gehen flöten. Glauben Sie nicht?

Die führenden Frauen und Männer der SPD hatten angeraten, gebeten, bis zur Vorlage des Erneuerungskonzepts der Rente mal bitte die Klappe zu halten. Interessiert jemanden wie den Professor Karl Lauterbach nicht. Der riet im Fernsehen, die Renten derjenigen zu beschneiden, die mehr erhalten als der Durchschnitt und die Geringverdiener, die das Rentenalter erreichen. Renten gründen auf einem gesetzlichen Anspruch und darauf, dass man im Alter erhält, was man an Rentenwerten im Erwerbsleben angesammelt hat. Stichwort: Äquivalenz, von Karlsruhe bekräftigt. Interessiert den Professor offenkundig nicht. Hauptsache, wird er denken und daheim sagen: Ich war in der Glotze, Schatz.
Über Pensionen hat Lauterbach im Übrigen nicht geredet. Merkwürdig. Kann ja sein, dass sich der Harvard-Mann an das Sätzlein erinnert, hat: Never talk in the Hangmans House from the Rope.
Zuverlässig und hilfsbereit
Aber wie wär´ es, wenn die echten Kommunikationsspezis ausrecherchieren würden, was Oma Mü und Opa Paul, die Hausfrau Gerda, der Busfahrer aus dem Irak erwarten? Fragen: Was bedeutet Ihnen/Dir der Stolz auf die eigene Leistung? Und sorgt Deine Partei dafür, dass deine Leistung anerkannt wird? Gefordert wäre eine Wertediskussion dieser Art. Ferner müsste Gespür für die Notwendigkeit kultureller Debatten um die Herzen und Hirne an der Basis entwickelt werden!
Es ist Zeit, dass wir uns ein wenig näher mit denen beschäftigen, die noch an Matthöfer und Wehner denken oder auch an Hans, auf dessen Platz ich mich gesetzt hatte, der mir gleichwohl auftrug, meine Mutter zu grüßen. Nebenbei: Wie lange ist´s her, dass jemand zu Ihnen gesagt hat: Grüßen sie ihre Mutter von mir. Ist das aus der Mode gekommen?
Was ist den Traditionalisten der beschriebenen Art eigen? Sie sind in der Regel stolz auf ihr Leben. Wer sich ein wenig mit ihnen beschäftigt, findet das. Es ist Stolz auf Geleistetes, auf die Arbeit und darauf, dass die Kinder was geworden sind – obwohl vor wenigen Jahrzehnten der handfeste Stress bereits begann, wenn man mittags ne Viertelstunde zu spät kam, um den Sprössling „vom Kindergarten“ abzuholen.
Die Arbeitswelt hatte ein zentrales „Attribut“: Zuverlässig. Unbedingte Zuverlässigkeit der Kollegen, mit denen man zusammen auf der Schicht war, im Bergbau. Nichts war wichtiger. Gilt das heute noch? Zuverlässig hatte die Familie zu sein. Ohne zuverlässige Familie funktionierte auch die Erwerbsarbeit nicht. Die Frauen hatten eine nie endende Arbeit zu leisten, sie waren nicht weniger zuverlässig als die Männer auf der Schicht. Der Zuverlässigkeit folgte die Hilfsbereitschaft. Man half sich untereinander. Für einen oder zwei Esser mehr reichte es stets. Und wenn es mal wirklich sehr knapp wurde, war die AWO da. Man hielt zusammen.
Eine heile Welt war das verdammt noch mal nicht. Absolut nicht. Die alten Leute waren sich mehr oder weniger selbst überlassen. Geistig eingeschränkte Menschen, chronisch Kranke wurden nicht so alt wie heute. Niemand wünscht sich solche Verhältnisse zurück. Aber wer der Sozialdemokratie noch ein langes Leben wünscht, der sollte sich mit der ein wenig beschriebenen Lebensrealität beschäftigen.