Eine wahrhaft historische Chance für die ungarische Hochschulbildung

Péter Magyar (Foto: Révész Gábor auf wikimedia commons)

Andrea Pető, Historikerin und Professorin am Department für Gender Studies der Central European University in Wien, zugleich Research Affiliate am Democracy Institute der Central European University in Budapest sowie Doktorin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, hofft auf einen Wahlsieg der Respect and Freedom Party (TISZA) und fragt in ihrem Beitrag nach der Zukunft von Wissenschaft und Hochschulbildung in Ungarn. Orbán-Herausforderer Péter Magyar bezichtigt die Fidesz-Partei, seit Monaten Wahlbetrug zu begehen, Geheimdienstaktionen, Desinformation und Falschmeldungen zu organisieren. Victor Orbán wirft seinen Gegnern vor, „vor nichts zurückzuschrecken, um die Macht zu ergreifen“ und sich mit ausländischen Geheimdiensten zu verschwören.

Vor zehn Jahren begann Ungarns illiberale Regierung ihre Kampagne gegen die Central European University (CEU). „Andrea, was wird jetzt aus dir?“, wurde ich damals auf einer Konferenz in Budapest gefragt. Der Kollege meinte nicht mich, sondern die CEU. Er war ein gut bezahlter, überzeugter Fidesz-Apparatschik. Später, als sich Fidesz noch weiter nach rechts bewegte, wurde er zu einem sogenannten „Fidesz-Waisen“. Heute, im Jahr 2026, ist er Berater der Respect and Freedom Party (TISZA); ein typisches Beispiel für pragmatischen Karrierismus.

Andrea Pető

„Wir verlassen Budapest. Wir werden gut in Wien leben, der lebenswertesten Stadt der Welt. Und wenn hier alles zusammenbricht, kommen wir zurück und bauen wieder auf, was sich wieder aufbauen lässt“, antwortete ich. Schon damals war mir klar, dass das “System der Nationalen Zusammenarbeit”, wie der von Fidesz aufgebaute illiberale Staat genannt wird, irgendwann zusammenbrechen würde. Kein Land lässt sich auf Dauer ohne fachliche Expertise regieren.
Nun ist es so weit: Die ungarischen Wahlen stehen unmittelbar bevor. Péter Magyar, der Oppositionsführer, liegt in den Umfragen deutlich vorn. Meine Prognose aus dem Jahr 2017 beginnt sich zu bewahrheiten.

Was den Kollaps betrifft, hatte ich recht: Andere öffentliche Institutionen sind tatsächlich zusammengebrochen, auch jene der Hochschulbildung und Forschung. Doch eine entscheidende Frage bleibt offen: Wie soll dieses System wieder aufgebaut werden? Mit Blick auf Magyars Programm sind Zweifel durchaus angebracht. Sein erklärtes Ziel ist bislang, die Autonomie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und der Universitäten schlicht wiederherzustellen. Mit anderen Worten: Er möchte den Status quo der Zeit vor der Fidesz-Ära reaktivieren. Doch ist das überhaupt möglich? Und vor allem: Ist es notwendig, zu dem zurückzukehren, was in den letzten 16 Jahren zerstört wurde?

Sollte TISZA tatsächlich eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit erreichen, stünden die ungarische Wissenschaft und der Hochschulsektor vor der historischen Chance, ein neues System für das 21. Jahrhundert zu bauen, anstatt das alte nur zu restaurieren. Dieses Umdenken ist wichtig. Es ergibt wenig Sinn, zu Strukturen zurückzukehren, die sich als so anfällig für illiberale Angriffe erwiesen haben – das gilt besonders für die Personen, die diese Institutionen leiteten. Illiberale Politiker und ihre Wählerschaften werden nach der Wahl nicht einfach verschwinden. Gleiches gilt für die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen. Ebenso wenig wird der illiberale Drang verschwinden, Hochschulbildung, Ressourcen und Wissensproduktion sowie deren Genehmigung und Verbreitung zu kontrollieren. Umso mehr kommt es darauf an, dass Wissenschaft und Hochschulen diesmal besser darauf vorbereitet sind.

Was ist in den letzten 16 Jahren zusammengebrochen?

Ungarns Hochschulbildung hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine tiefgreifende illiberale Transformation durchlaufen. Betroffen sind nicht nur Universitäten, sondern auch die Lebenswege der Studierenden, die Forschungsfreiheit, akademische Akkreditierungen und das gesellschaftliche Ansehen von Wissen.

Oft wurden die Maßnahmen der Regierung als kühne Lösungen für reale Strukturprobleme inszeniert und als „Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ verkauft. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild: die bewusste Verarmung der öffentlichen Hochschulbildung und der Aufbau eines parallelen, zentralisierten und politisch kontrollierten Systems.

Am sichtbarsten ist die Überführung zahlreicher Universitäten in eine stiftungsbasierte Verwaltung. Ein erheblicher Teil der staatlich finanzierten, öffentlichen Universitäten wurde der Kontrolle von Vermögensverwaltungsstiftungen unterstellt. Formal agieren sie als „private“ Akteure. Tatsächlich sind ihre Kuratorien häufig mit aktiven oder ehemaligen politischen Figuren besetzt, die über lange Zeiträume mandatiert sind. In der Theorie versprach dieses Modell mehr Flexibilität. In der Praxis verwischte es jedoch die Grenze zwischen öffentlich und privat organisierten Universitäten. Öffentliche Gelder wurden nicht weniger kontrolliert, sondern schlicht in intransparentere Ebenen verlagert.

Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung war der Ausschluss Ungarns aus den Horizon-Programmen. Das darauf von der illiberalen Regierung aufgelegte sogenannte „HU-rizont“-Programm scheiterte kläglich an mangelnder wissenschaftlicher Autonomie, da das Ministerium die Entscheidungen der Fachjurys überging.

Zugang zu „Dark Money“

Parallel dazu entstand ein alternatives Modell der Internationalisierung, in dem Ungarn eine Schlüsselposition einnahm. Die Gründung des Mathias Corvinus Collegiums läutete eine neue Ära ein. Die Institution erhielt Zugang zu außergewöhnlich umfangreichen staatlichen Mitteln, privaten Stiftungsgeldern sowie zu „Dark Money“ aus dem In- und Ausland. Ihre Bildungs- und Forschungsaktivitäten haben ein Parallelsystem geschaffen, das nicht in traditionelle Hochschulstrukturen passt, aber dennoch erheblichen Einfluss auf sie ausübt.

Das Vertrauen in die Hochschulbildung ist erodiert. In den letzten 16 Jahren hingen zentrale Entscheidungen über Führung, Strategie und Budgets zunehmend von externer politischer Zustimmung oder dem Segen der Stiftungsräte ab. Selbstzensur hat sich zu einer vorherrschenden Überlebensstrategie innerhalb der Institutionen entwickelt.Das heißt nicht, dass es gar keine Autonomie mehr gibt. Sie ist aber an Bedingungen geknüpft: Sie wird nur toleriert, solange sie nicht mit politischen oder ideologischen Prioritäten kollidiert. Eine wettbewerbsorientierte, fachlich begutachtete Forschungsförderung wurde weitgehend durch zentralisierte Entscheidungen, gezielte Subventionen und designierte „nationale Schwerpunktinstitutionen“ ersetzt. Das schwächt wissenschaftlichen Wettbewerb, Vertrauen und vor allem akademische Exzellenz. Häufig entscheiden nicht wissenschaftliche Leistungen, sondern Beziehungen über Fördermittel, was zum Niedergang der ungarischen Wissenschaft beigetragen hat.

Zugleich sieht sich das ungarische Hochschulsystem mit einer sich selbst verstärkenden Abwanderungsspirale konfrontiert: Talentierte Studierende gehen frühzeitig ins Ausland, während junge Forscher zu Hause keine planbare akademische Zukunft mehr sehen. Der demografische Rückgang verschärft diese Dynamik. Sinkende Gruppen im Studierendenalter treffen auf ein überdimensioniertes Hochschulsystem, das seine Zulassungsstandards senkt, um Einschreibungen zu sichern. Der gesellschaftliche Wert eines Hochschulabschlusses für die soziale Mobilität ist gesunken. Das liegt einerseits daran, dass er nicht mehr verlässlich zu einer sicheren Karriere führt, und andererseits daran, dass geistige Arbeit durch den bewussten Anti-Intellektualismus der illiberalen Politik an öffentlichem Ansehen verloren hat.

Systemwechsel statt bloßem Wiederaufbau

Jetzt muss es um mehr gehen als nur die immer selben Akteure und Ideen in einem neu etikettierten System zu recyceln. Vielmehr braucht es neue Menschen, die wirklich neue Denk- und Handlungsweisen einbringen. Es genügt nicht, die Vergangenheit mechanisch wiederherzustellen. Es geht jetzt darum, ein offenes, pluralistisches und wettbewerbsorientiertes Wissenschaftssystem zu schaffen, in dem Mut an die Stelle von Selbstzensur tritt.

Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn die Ausgangsbedingungen dafür sind denkbar schlecht, auch im Vergleich zu den Nachbarländern. Doch die Lage ist nicht völlig aussichtslos. Es gibt historische Vorbilder für einen Wiederaufbau. Zudem existiert inzwischen ein beachtlicher Pool gut ausgebildeter Wissenschaftler:innen mit internationaler Erfahrung im Exil. Wenn sich diese wahrhaft historische Chance für die ungarische Hochschulbildung eröffnen sollte, könnten enorme Ressourcen mobilisiert werden. In den vergangenen sechzehn Jahren ist so viel Geld in das System geflossen wie nie zuvor. So wurden zum Beispiel mindestens sechs historische Forschungsinstitute mit identischem Profil zur Geschichte des 20. Jahrhunderts gegründet. Diese Mittel könnten nun für neue Ziele genutzt werden, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden.

Ob die CEU und das ungarische Hochschulsystem bereit sind, sich diesen Herausforderungen zu stellen – sollte sich nach dem 12. April 2026 diese historische Chance bieten –, bleibt eine offene Frage. An ihr wird sich erweisen, ob sich auch der zweite Teil meiner Prognose bewahrheitet.

Unter dem Titel „Nach dem Kollaps“ erschien der Beitrag zuerst auf dem Verfassungsblog


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