Russlands Atomwirtschaft gestern – und morgen vielleicht in Lingen

Screenshot: Website Advanced Nuclear Fuels (ANF)

In Osteuropa laufen teilweise stark überalterte Atomkraftwerke sowjetischer Bauart.
Um für deren Versorgung mit Brennstäben nicht länger vom russischen
Staatskonzern Rosatom oder dem US-Anbieter Westinghouse abhängig zu sein, soll
nun in Lingen eine neue Fertigung aufgebaut werden, allerdings ebenfalls mit
Rosatom. Kritiker sagen, in Lingen drohe das dramatisch gescheiterte Modell von Gazprom
Germania wiederholt zu werden.

Zum Jahrestag des SuperGAUs von Tschernobyl berichtete die taz über das Trauma, das die Reaktorkatastrophe unter ukrainischen Kulturschaffenden bewirkt habe. Schriftsteller, Dichter, Künstler hätten lange Zeit gebraucht, um ihre Sprache wiederzufinden. Man habe das Ereignis als Symbol für das Scheitern der Moderne gesehen, vor allem der damals noch sowjetischen Moderne, sich aber auch gegen eine Vereinnahmung durch „Konjunkturritter“ gewehrt, „die stets am Schauplatz von Katastrophen auftauchen“. Schweigen sei irgendwie anständiger gewesen. Müssen wir das als Verdikt gegen die (westlichen) Antiatom-Demonstrationen lesen, die in der Folge des SuperGAUs einen Aufschwung genommen hatten? So ist es hoffentlich nicht gemeint.

Allerdings muss es ein Schisma zwischen der Kulturszene und dem wissenschaftlich-technischen Milieu gegeben haben. Die Historikerin und Kolumnistin Anna Veronika Wendland hat anschaulich berichtet, wie sie dieses Feld auf Reisen in der Ukraine erlebt hat. Im Rahmen eines Forschungsprojekts konnte sie Ingenieure und Facharbeiter ukrainischer Atomkraftwerke persönlich kennenlernen. Unter ihnen habe sie einen „technologischen Stolz“ wahrgenommen, die anspruchsvolle Technik zu beherrschen, ein Gefühl, das mit Nationalstolz einherging. Das hat der damals jungen Frau Wendland imponiert und so kam es, dass sie ausgerechnet in der Ukraine und ausgerechnet nach Tschernobyl zur entschiedenen Befürworterin von Atomenergie mutierte. Ihre arglose Erzählung beschreibt eine in Osteuropa verbreitete Mentalität, welche im direkten Gegensatz zu den Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima auf Atomkraft schwört. Jetzt erst recht!

19 russische Reaktoren in östlichen EU-Mitgliedsstaaten

Im Zuge der Osterweiterung brachten Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Finnland ihre aus Russland bezogenen Atomkraftwerke in die Europäische Union ein. Brüssel war nicht begeistert, aber der Wunsch zu expandieren, war stärker als die Bedenken gegen Anlagen, die kein Containement besaßen und den westlichen Sicherheitsstandards nicht genügten. Eine Handvoll Kraftwerke wurde nicht akzeptiert, beispielsweise zwei RBMK-Reaktoren im litauischen Visaginas. Die waren just vom gleichen Typ wie in Tschernobyl, graphitmoderierte Leichtwasserreaktoren. Sie liefen noch bis 2004 bzw. 2009, immerhin zwei Jahrzehnte nach dem SuperGAU. Hingegen wurden für die Mehrheit dieser Reaktoren Nachrüstungsprogramme beschlossen und natürlich auch von Brüssel finanziert, womit Siemens beispielsweise eine Menge Geld verdiente.

Stand jetzt werden in den östlichen EU-Mitgliedsstaaten 19 russische Reaktoren betrieben, darunter 15, die mit 440 Megawatt im mittleren Leistungsbereich operieren und vier, die mit 1000 Megawatt zum oberen Bereich gehören. Dementsprechend werden sie meist als WWER-440 beziehungsweise WWER-1000 bezeichnet (WWER: Wasser-Wasser Energie-Reaktor, d.h. Wasser dient sowohl als Kühlmittel als auch als Moderator). Die kleineren Reaktoren sind zwischen 40 und 50 Jahren alt, die größeren zwischen 25 und 40 Jahren. Hinzu kommen noch „mitten in Europa“, wie die frühere Außenministerin Baerbock zu sagen pflegte, neun Atommeiler in der Ukraine, davon zwei der 400 Megawattklasse und sieben WWER-1000 im Alter von 20 bis 40 Jahren. Ebenfalls der Ukraine gehören die sechs Reaktoren des AKW Saporischschja, die sich seit 2022 in russischer Gewalt befinden. Die EU-Kommission ging ursprünglich davon aus, dass alle diese Reaktoren nach einer 30-jährigen Betriebsdauer stillgelegt werden würden. Davon ist inzwischen keine Rede mehr, aber es zeigt, dass diese Technik nicht für die langen Laufzeiten konzipiert wurde, die heute als selbstverständlich hingenommen werden.

Kurios ist, dass die rechtspopulistisch regierte Slowakei zwei 1992 eingemottete Altmodelle nach 16-jähriger Unterbrechung zuende gebaut hat: Mochovce-3 ist seit drei Jahren am Netz, Mochovce-4 befindet sich bereits in der heißen Testphase. In Bratislava hat man eben auch ein feines Gespür für EU-Subventionen, gepaart mit einem eigenwilligen Verständnis von Nachhaltigkeit. „Punktuell“ wurden russische Experten bei diesem Projekt konsultiert, also nur ein ganz kleines Bisschen.

Ein Joint Venture mit der russischen TWEL

Noch stärker ist die Abhängigkeit von Russland bei den Brennstofflieferungen. All diese Reaktoren benötigen spezifische sechseckige Brennelemente, die sich nicht nur in Form und Abmessungen von den im Westen gebräuchlichen Modellen unterscheiden, sondern auch bei den verwendeten Materialien. Staaten, die WWER einsetzen, mussten daher in Kontrakte mit dem russischen Brennstoffproduzenten TWEL einwilligen, einer Tochter des Staatskonzerns Rosatom. Auch das entsprach nicht gerade den Wunschvorstellungen, die man in Westeuropa mit der Osterweiterung der EU gehegt hatte.

TWEL-Bürogebäude in Moskau (Foto, 2015: RudolfSimon auf wikimedia commons)

Der US-Konzern Westinghouse erkannte diese Situation frühzeitig und entdeckte darin eine Marktlücke. Bereits im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends experimentierten die Amerikaner mit eigenen Brennelementen im finnischen AKW Loviisa, im ukrainischen AKW Südukraine und im tschechischen AKW Temelin. Die Probleme, die dabei auftraten, waren zum Teil erheblich: verbogene Brennelemente und Beschädigungen an ihrer Aufhängung im Reaktorcore. Finnland und Tschechien kehrten zum russischen Lieferanten zurück, aber im AKW Südukraine blieb man bei jener Wahl, auch wenn es bis 2018 dauerte, bis ein Block vollständig mit Brennstoff von Westinghouse geladen wurde. Inzwischen haben alle ukrainischen AKWs ihre Belieferung durch TWEL beendet.

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 begann Brüssel, Druck auf die WWER-Betreiber auszuüben, damit sie ihre Brennstofflieferanten endlich „diversifizieren“. Nun sah sich auch die französische Framatome berufen, in das Geschäft einzusteigen, ohne das Knowhow für WWER-Technik zu besitzen. Die Tochter des französischen Staatskonzerns EDF versprach eine zweigleisige Strategie: Erst werde man die russischen Brennelemente nachbauen und dann eigene, komplett europäische Produkte entwickeln. Zu diesem Zweck kaufte Framatome die Firma Advanced Nuclear Fuels (ANF) im niedersächsischen Lingen und ging ein Joint Venture mit der russischen TWEL ein. Doch die Produktion bei ANF muss von den deutschen atomrechtlichen Aufsichtsbehörden erst noch genehmigt werden.

Die SPD ist bereits weichgekocht

Der Plan ist auf den ersten Blick absurd und provozierend. Die Russen ins Boot zu holen, um sich von russischer Abhängigkeit zu befreien, erinnert – wenn es nicht so ernst wäre – an die Geschichten von Schilda. Kritiker bringen es mit dem Satz auf den Punkt, hier werde das dramatisch gescheiterte Modell von Gazprom Germania, der deutschen Tochter des russischen Gaskonzerns, die 2022 verstaatlicht wurde, buchstäblich wiederholt. Wie ein Affront wirkt es, dieses Unternehmen ausgerechnet in Deutschland zu starten, um aller Welt zu demonstrieren, dass der Atomausstieg letztlich doch eine Mogelpackung sei.

Weil die Angelegenheit so heikel ist, schieben sich die Umweltministerien von Niedersachsen, geleitet von Christian Meyer (Die Grünen) und vom Bund, geleitet von Carsten Schneider (SPD), die Bälle zu. Doch Bundeskanzler Merz (CDU) hat das Thema zur Chefsache gemacht und sich mit dem französischen Präsidenten Macron darüber ausgetauscht. Ergebnis: Schneider kann keine Sicherheitsbedenken bei der geplanten Produktion von ANF erkennen. Damit ist die SPD bereits weichgekocht. Der formal zuständige Entscheider Christian Meyer von den Grünen wird sich wahrscheinlich dem Bund beugen. Kein Wunder: Auch Sozialdemokraten und Grüne liebäugeln mit künftigen Kleinreaktoren (SMR) und wenn diese zum Einsatz kämen, wäre eine heimische Brennelementfabrik doch ganz praktisch.

Frau Wendland hingegen ist enttäuscht, dass ihre Atomfreunde nun ausdrücklich mit Rosatom zusammenarbeiten wollen, ist doch der Nuklearriese aufs engste mit dem russischen Militär, der russischen Atomstreitmacht und mit Putin verbunden. Vielleicht hilft ihr diese Erfahrung, einen anderen Blick auf das bisher von ihr geschätzte Milieu zu werfen und darin die mächtigen Triebkräfte von Profit, Korruption und Größenwahn zu erkennen.

Unter dem Titel „Atomchaos in Osteuropa“ erschien der Beitrag zuerst in jungle.world


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Detlef zum Winkel
Detlef zum Winkel, ursprünglich Physiker. Lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.

1 Kommentar

  1. Es ist einfach nur deprimierend zu lesen, wie wir uns in Deutschland und Europa nicht von der Atomenergie lösen können, sondern erneut im tiefer in diesen Sumpf hineingeraten.

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