Ich würde den Kriegsdienst auch heute verweigern

Cem Özdemir (Screenshot: tiktok)

Krieg ist eine ernste Sache. Menschen werden ermordet, verkrüppelt und traumatisiert. Städte werden zu Schutt und Asche gebombt. Das Geschäft mit dem Tod boomt. Kriegslärm übertönt die drängenden gemeinsamen Menschheitsprobleme wie Hunger, Gesundheit und Klimaschutz. Der Verteidigungsminister will Deutschland kriegstüchtig sehen. Der Kanzler wünscht sich die Bundeswehr als stärkste konventionelle Armee Europas. Die Wehrhaftigkeit der Gesellschaft soll durch Aufrüstung, Wehrpflicht und Zivilschutz gestärkt werden. Angesichts von Putin und Trump gilt die Zeitenwende als alternativlos. Wer nach Antworten jenseits von Aufrüstung und Kriegsunterstützung sucht, wird schnell als Vaterlandsverräter, als pazifistischer Gutmensch, als Putinversteher oder schlichtweg als Trottel denunziert oder belächelt. Angesichts des gewandelten Zeitgeistes und der neuen geopolitischen Lage melden sich Politiker und sogar der alternde Punkrocker Campino zu Wort und verkünden ihr Damaskus-Erlebnis. Robert Habeck, der Meister unscharfer Bestimmtheit, geht auf Distanz zur eigenen Kriegsdienstverweigerung: „Ob ich das heute so tun würde in einer anderen Situation, das weiß ich nicht, beziehungsweise ich vermute, ich würde es nicht tun“.

Im Streben, Grün und Olivgrün zu versöhnen, nahm der ungediente Cem Özdemir als Oberleutnant 2023 an einer Reserveübung teil. Der grüne Bundestagsabgeordnete Lindner hatte schon 2019 seine Kriegsdienstverweigerung zurückgezogen. Im Juli 2026 entschied sich der grüne Bundestagsabgeordnete Dahmen, seinem Gewissen zu folgen, seine Kriegsdienstverweigerung zurückzunehmen und der Truppe als Reservist beizutreten.

Es ist wohlfeil, als alte Männer für ein paar Stunden in den Tarnanzug zu steigen, um öffentlichkeitswirksam die persönliche Kampfbereitschaft zu dokumentieren und für den Wehrdienst zu werben. Heute ist es nicht mehr zeitgemäß und falsch, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern. Das Vaterland braucht Soldaten. Im Notfall kämpfen und sterben allerdings die jungen Soldaten und nicht die konvertierten Reservisten.

Militärische Stärke verleitet zum Krieg

Im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gibt es keine Zweifel zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse. Der Krieg ist völkerrechtswidrig. Russland führt diesen Krieg mit rücksichtsloser Brutalität. Gewaltdrohungen gegen Europa bis hin zur Atombombe sind an der Tagesordnung. Putin unterdrückt das eigene Volk. Politische Gegner werden ermordet. Als Staatsmann, Militär- und Wirtschaftsführer ist er ein gefährlicher Vollversager. Einem solchen Diktator muss entschlossen entgegengetreten werden. Heldenhaft kämpfen die Ukrainer und Ukrainerinnen um ihre Freiheit. Sie zu unterstützen ist eine Frage des Eigennutzes und der Solidarität. Das Notwendige zu tun, befreit aber nicht von der Notwendigkeit, den Frieden zu suchen.

Kriegstüchtigkeit erhöht die Gefahr der Kriegswilligkeit. Oder: Je mehr eine Gesellschaft hochgerüstet und mental auf den Krieg vorbereitet ist, desto niedriger ist die Schwelle, in militärischer Gewalt die Lösung zu sehen. Nicht nur Russlands Krieg gegen die Ukraine, sondern auch Netanjahus oder Trumps Vorstellung, durch militärische Schläge politische Probleme lösen zu können, zeigen, wie leicht militärische Stärke zum Krieg verleitet.

Wer alles außer Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit als unrealistisch abtut, gerät in die Sackgasse der Alternativlosigkeit. Wenn alle in Reih und Glied in Richtung Zeitenwende marschieren, ist Krieg schnell statt Ultima Ratio die Ratio praeferenda. Nach über vier Jahren Krieg, Sterben, Verwüstung und Leid braucht es neben Geld und Waffen für die Ukraine Ideen und Initiativen, wie der Krieg beendet werden kann. „Suchet, und ihr werdet finden“! Nicht jeder, der sucht, findet, aber wer nicht sucht, wird mit Sicherheit nicht finden.

Bertha von Suttner, 1906 (Foto: Carl Pietzner auf wikimedia commons)

Große Pazifistinnen und Pazifisten wie Bertha von Suttner („Die Waffen nieder!“), Ludwig Quidde und Carl von Ossietzky wurden zu ihrer Zeit als „Friedensbestien“ beschimpft, inhaftiert oder gar ermordet. Aber sie und nicht die „Friedenskämpfer in Uniform“ sind als mahnende Stimmen gegen den Krieg und die Aufrüstung in unserem kollektiven Gedächtnis. Willy Brandt, ein weiterer Friedensnobelpreisträger, leistete mit seiner Ostpolitik einen fundamentalen Beitrag, um die Erstarrung und Konfrontation des Kalten Krieges aufzubrechen. Dafür musste er sich von denen, die nicht wagten, jenseits der Gewissheiten des Kalten Krieges zu denken, beschimpfen und verleumden lassen.

Wer die Frage der Alternative Alice Weidel und Sahra Wagenknecht überlässt, verhindert, dass in der Gesellschaft ernsthaft über Wege zum Frieden nachgedacht wird. Wer António Costa, dem Präsidenten des Europäischen Rates, in die Parade fährt, weil er Gesprächskanäle mit Russland eröffnen will, wer nach 20 Sanktionspaketen sich vom 21. wesentliche Erfolge verspricht, wer hofft, dass die Ukraine mit ihren erfolgreichen Drohnenangriffen und weiterer Unterstützung doch auf dem Schlachtfeld siegen wird, der lässt es an Entschlossenheit vermissen, nach Wegen zu suchen, den Krieg zu beenden. Politik scheint erstarrt in dem Glauben an die tragische Unausweichlichkeit eines endlosen Abnutzungskrieges.

Die Lösung steht am Ende eines Verhandlungsprozesses

Ich würde auch heute den Kriegsdienst verweigern, weil ich den Krieg verabscheue. Ich will Menschen, die ich weder kenne noch hasse, nicht töten müssen, und als alter Mann anderen nicht den verteidigungswilligen Reservisten vorspielen. Aber auch damit die Regierenden sehen, dass Bürger ihrer eindimensionalen Politik, nur Aufrüstung und die Fortsetzung des Krieges führe zum Frieden, nicht widerspruchslos folgen.

Kein Lösungsversuch wird – ob es einem gefällt oder nicht – darum herumkommen, die diametralen Interessen zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie anzuerkennen. Natürlich wäre der Krieg sofort zu Ende, wenn Putin den völkerrechtswidrigen Krieg beenden würde, aber er tut es eben nicht. Wenn man ihn dazu nicht zwingen kann, wird es ohne Zugeständnisse nicht gehen. Der Krieg wäre auch zu Ende, wenn die Ukraine sich Russland unterwerfen würde, aber das ist für die Menschen, die seit vier Jahren um ihre Freiheit kämpfen, völlig unannehmbar. So gilt, was Olaf Scholz zu Beginn des Krieges sagte: Russland darf den Krieg nicht gewinnen, und die Ukraine darf ihn nicht verlieren.

Habe ich eine Idee, wie mit Putin Frieden erreicht werden kann? Leider nein! Gibt es mögliche Vermittler, die mit beiden Seiten separat und dann vielleicht auch gemeinsam sprechen können? Der türkische Präsident, der sowohl daran verdient, Waffen an die Ukraine zu verkaufen, als auch Russland hilft, die Sanktionen zu umgehen? Der Papst, dessen ruhige, klare Worte sich so wohltuend von westlichen Trumpschmeichlern unterscheiden? Oder doch eine „elder statesperson“? Es ist sinnlos, bereits im Vorfeld schwierigster Verhandlungen Lösungen zu präsentieren. Die Lösung steht am Ende eines Verhandlungsprozesses. Niemand kann sagen, ob er überhaupt gelingt oder ob erst noch Hunderttausende sterben werden, bevor aus purer Erschöpfung die Waffen schweigen.

Die Regierenden müssen wissen, dass sie daran gemessen werden, den Frieden zu finden. Sie müssen wissen, dass sich Menschen der Kriegslogik verweigern. Sie müssen wissen, dass sie nur dann ein Recht haben, junge Menschen zum Kriegsdienst zu zwingen, wenn sie wirklich alles für den Frieden tun, und da ist im fünften Jahr des Krieges mehr vom Gleichen nicht gut genug.

Entgegen dem Zeitgeist den Kriegsdienst zu verweigern, ist daher nicht Drückebergerei, sondern ein Dienst an Demokratie und Vaterland.


Entdecke mehr von bruchstücke

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Frank Hoffer
Dr. Frank Hoffer ist ehemaliger Mitarbeiter der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und Associate Fellow an der Global Labour University Online Academy. Zuvor war er als Sozialreferent in der Deutschen Botschaft in Moskau und Minsk sowie als Geschäftsführer der Initiative ACT tätig, die sich für existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie einsetzt.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert