
Sie waren die Stars des Bücherherbstes 2023: Ein Forschungstrio an der Humboldt-Universität hatte die “Triggerpunkte” untersucht, umstrittene Reizthemen und zentrale Konfliktlinien, die gesellschaftliche Polarisierung befördern. Vor allem Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie und neben Thomas Lux und Linus Westhuser einer der Autoren, wurde in den Folgemonaten in den politischen Thinktanks herumgereicht. Bei einer Klausurtagung der damaligen Ampelkoalition auf Schloss Meseberg durfte er vortragen, war bei der grünen Bundestagsfraktion zu Gast. So entstand auch der Kontakt zur grünen Ex-Vorsitzenden Ricarda Lang, mit der er jetzt das gemeinsame Buch “Der große Umbruch” vorgelegt hat.
Dass Maus Thesen gerade im linksliberalen Milieu dankbar aufgenommen wurden, ist kein Zufall. Denn als Triggerpunkte – und Gründe für rechtspopulistische Wahlerfolge – benannte er vorrangig die Politikfelder Migration, Gender und Klimaschutz. Kontroversen aus jüngerer Zeit dagegen ignorierte er, bagatellisierte Themen wie Corona oder Kriegsgefahr als “einzelne, nicht langfristig angelegte Krisen”.
Dabei haben die teils überzogenen staatlichen Schutzmaßnahmen gegen Covid maßgeblich zum Unmut und zu den Wahlerfolgen der AfD beigetragen. Auch die mit Floskeln wie “Zeitenwende” und “Kriegstüchtigkeit” begleitete Politik von Waffenlieferungen und unbegrenzter Aufrüstung ist ein bedeutsamer Faktor. Die von nicht betroffenen älteren Politikern betriebene Wiedereinführung der Wehrpflicht verunsichert die junge Generation massiv. Und der Boykott russischer Gaslieferungen, kombiniert mit äußerst zögerlicher Aufklärung über die Zerstörung einer Milliarden Euro teuren Pipeline, führte zu rasant steigenden Energiepreisen und zeitweise hohen Inflationsraten.
Sind das keine Triggerpunkte? Als die Wissenschaftler vor gut zwei Jahren eine politische “Taxonomie” vorlegten, standen die Grünen immer ganz oben auf der progressiven Skala, die AfD stets weit unten als negativer Gegenpol. Das wirkte schon damals nicht stimmig. Denn nicht nur Rechtspopulisten, auch Teile der Linken kritisierten die Kriegsvorbereitung und plädierten für mehr Diplomatie. Und vor allem Liberale haderten mit der Einschränkung von Freiheitsrechten während der Pandemie.
Nachrangige Triggerpunkte?
Solche widersprüchlichen und irritierenden Konstellationen müssten eigentlich ein besonderes Forschungsinteresse wecken. Steffen Maus dem öffentlichen Mainstream gefälliger Blick wirft ein fragwürdiges Schlaglicht auf die Tätigkeit von Wissenschaftlern als allzu stromlinienförmigen Politikberatern. Es hat ein Geschmäckle, wenn sich ein renommierter Soziologe derart gemein macht mit einer grünen Politikerin – auch wenn diese von ihrem Spitzenamt zurückgetreten ist und Mau sich bei der Präsentation auf der letzten Frankfurter Buchmesse als “Wechselwähler” vorstellte.
Ricarda Lang ist als Tochter einer Alleinerziehenden aufgewachsen, sie setzt sich mit glaubwürdiger Empathie für “den Busfahrer und die Pflegekraft”, für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Umverteilung ein. Doch viele ihrer Parteifreund:innen verbreiten zu den von Mau für nachrangig erklärten Triggerpunkten seit Jahren nur Regierungskonformes – oder schlicht gar nichts. Die Grünen waren Teil der großen Corona-Koalition, sie haben die massive Aufrüstung der Bundeswehr durchgewunken, sie interessierten sich wenig für die Folgen explodierender Energie- und Lebensmittelpreise in armen Haushalten.
Erst seit dem Erfolg der Linkspartei bei der Bundestagswahl hat bei manchen Parteimitgliedern – und ihren Beratern – ein Umdenken eingesetzt. Doch es reicht nicht, bei heiklen Themen wie der Wehrpflicht die “jungen Leute mitzunehmen” und eine “Kommunikationsoffensive” zu starten, wie Mau und Lang nun vorschlagen. Schon ihre Unterstützung von Waffenexporten und Kriegstüchtigkeit wollten die Grünen, einst die Partei der Friedensbewegung, ständig “erklären, erklären, erklären”. Geändert haben sie ihren politischen Kurs nicht. Auch das schafft Verdrossenheit.
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