Realitäten einer konkurrenzgetriebenen, verantwortungsfreien Freiheit

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Die real existierende Demokratie ist von der demokratischen Idee ähnlich weit entfernt wie der real nicht mehr existierende Sozialismus von der sozialistischen. In der Diskrepanz zwischen der proklamierten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und den Lebenserfahrungen der Menschen in der individualisierten, vermarkteten Konkurrenzgesellschaft liegt eine wesentliche Ursache für den Aufstieg weitrechter Politik in vielen Ländern bis hin zur Weißen-Hausbesetzung in Washington. Ein freies und unabhängiges Leben im Wohlstand? Eine bedrohte und betrogene Existenz in Unsicherheit und Unzufriedenheit? Widersprüche, wo man hinschaut.

Amts- und Würdenträger:innen versichern, das Volk lebe in Freiheit und regiere sich selbst, die Leitartikel der Leitmedien lobpreisen „freedom and democracy“. Gleichzeitig informiert die Demoskopie über allgegenwärtige Sorgen und Ängste, ausgelöst von steigenden Lebenshaltungskosten, Armut, sozialer Ungleichheit, von Migration, katastrophalem Klimawandel, Gewalt, militärischer Bedrohung.

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Die dominierende Selbstdarstellung des neuzeitlichen Europa und dessen amerikanischen Ausläufern wurzelt in der sogenannten Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Die Aufklärung entzündet, so ihre Botschaft, das Licht der Vernunft – „siècle des lumières“, “the age of reason“, „illuminismo“ –, um die mittelalterliche Finsternis zu vertreiben. Auf ihre Ideen kamen die Aufklärer (und ihre Vordenker wie z. B. Montaigne 1533-1592, Descartes 1596-1650, Leibniz 1646-1716) in der Auseinandersetzung mit der feudalistischen Gesellschaft und dem absolutistischen Staat. Will sagen: Die Leitwerte der modernen westlichen Industrieländer werden zu einer Zeit und unter Bedingungen formuliert und propagiert, als noch niemand wissen kann, jedenfalls keine Erfahrung zur Verfügung steht, wie diese moderne Gesellschaft sich ordnen und organisieren wird. Fehlende Erfahrungen speisen große Erwartungen. Wir feiern bis heute Wunschvorstellungen von Denkern und Dichtern, die keine Ahnung haben konnten, wie es um ihre Ideen bestellt sein wird, wenn sich nach den revolutionären Aufbrüchen neue gesellschaftliche Verhältnisse etabliert haben werden.

Die Freiheit der Aufklärung

Weder Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch Fortschritt, Vernunft und Demokratie, um den repräsentativen Sixpack westlicher Kultur aufzurufen, verraten als Labels, was sich im richtigen Leben dahinter verbirgt. Der moderne Mainstream, die berühmte Mitte der Gesellschaft, verweigert es hartnäckig, Differenzen zwischen Leitsternen am Ideenhimmel und Erfahrungswirklichkeiten des irdischen Alltags ernst zu nehmen. Greifen wir Freiheit und Demokratie heraus, weil sie sicherlich die beiden Fixsterne sind [und heben uns dabei die Versprechungen und Enttäuschungen der Demokratie für einen späteren Beitrag auf].

Die Freiheit der Aufklärung meint Befreiung von der alten Ordnung, die Thron und Altar den Menschen von der Wiege bis zur Bahre von oben vorgegeben haben. In den Palästen herrschte Tradition, in den Hütten Untertänigkeit. Gefangen in einer engen, alternativlosen Arbeits-, Waren- und Gedankenwelt, war es ein Zusammenleben ohne Spielräume für eigene Wege, mit seltener Kommunikation und mühsamer Mobilität über das lokale Umfeld hinaus.

Als Idee dagegengesetzt wird von den Aufklärern vernünftige Selbstbestimmung, frei von äußeren Zwängen und frei für den eigenen als richtig erkannten Weg. Willig und fähig, eigene Entscheidungen zu treffen, vertreibt der mündige Mensch den Untertanengeist, regiert sich selbst und wendet sich der Zukunft zu, die, da er sie nun selbst in die Hand nimmt, eine bessere werden soll. Im Namen dieses Anspruchs und dieser Hoffnung auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben in Unabhängigkeit und Freiheit soll ab jetzt, nach Außen und im Inneren, Geschichte geschrieben werden. Und was geschieht?

Nach Außen. In seinen besten Zeiten unterwirft das britische Empire im Namen der Freiheit ein Fünftel des Planeten und ein Viertel der Erdbevölkerung. Aufgeklärte Länder erobern, besetzen und berauben weite Teile der Erde. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erreicht der neuzeitliche Kolonialismus seinen Höhepunkt.

Vom Normativen zum Faktischen

Im Inneren. Die Aufklärung hat sich Freiheit nicht als individuelle Willkür, als selbstbezogenes Ausleben privater Wünsche vorgestellt, sondern denkt die Beziehung zu den anderen stets mit. Ob Kant (1724-1804) oder Hegel 1770-1831), es geht um ein Bei-sich-selbst-Sein im Anderen, klassisch ausgedrückt mit dem kategorischen Imperativ, nur nach derjenigen Maxime zu handeln, von der man wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz wird. Das heißt, in einem vernünftigen Zusammenleben, in einem guten Gemeinwesen bin ich nicht trotz der Gesetze frei, sondern durch sie. Was ist daraus geworden? Adam Smith (1723-1790), Moralphilosoph, aber auch Ökonom, macht in seinem Bestseller „Der Wohlstand der Nationen“ den Sprung vom Normativen zum Faktischen:

Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.

Über den Realismus, der in dieser Analyse steckt, täuscht die Selbstdarstellung der Moderne regelmäßig hinweg. Sie feiert die Win-Win-Situation, die in einem (Tausch-)Akt sowohl das Bedürfnis der einen befriedigt als auch den Egoismus der anderen bedient, und tut so, als sei das alles, als sei das immer so. Ausgeblendet wird der logische Umkehrschluss, dass die Bedürfnisse der einen nicht befriedigt werden, wenn der Egoismus der anderen nicht bedient wird.

Ohne Frage vollzieht sich im Tausch (meist Geld gegen Ware) Freiheit, denn jede Person entscheidet selbst, ob sie einwilligt oder nicht – frei von jeglicher sozialen Verpflichtung anderen gegenüber. Die Entscheidung, zu geben beziehungsweise zu nehmen, kann sich restlos auf das Tauschobjekt und die Tauschkonditionen konzentrieren; wie es der anderen Person (oder Organisation) dabei und damit geht, ist egal. Die Anderen sind brauchbare Mittel für eigene Zwecke – oder unbrauchbar; sofern sie nicht zu gebrauchen sind, können sie ignoriert werden. Das ist die sozio-ökonomische Grundkonstellation moderner Freiheit.

Die Freiheit, die sich in der Neuzeit realisiert, ist frei von Verantwortung, also gerade nicht die Freiheit in Verantwortung, welche die Aufklärer sich vorgestellt haben, sondern eher das Gegenteil davon. Am inflationärem Reden über Verantwortung (in jeder Festansprache, jeder Regierungs- und Presseerklärung, jedem Leitartikel) und an permanenten Konflikten um juristisch verankerte Freiheitsschranken (z. B. Arbeits-, Wettbewerbs-, Wohn- und Miet-, Familien-, Versicherungsrecht) offenbart sich die generelle, strukturelle Verantwortungslosigkeit unserer Gesellschaft.

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Ausgangspunkt großer sozialer Bewegungen

Das ist noch nicht alles, denn nicht Brüderlichkeit, sondern Konkurrenz dominiert: eigene Chancen erwachsen auch aus dem Scheitern der anderen, und umgekehrt wird mein Nachteil zum Vorteil für andere. Aussicht auf Erfolg hat, wer es schafft, für möglichst wenig möglichst viel zu bekommen. Konkurrenzgetriebene, verantwortungsfreie Freiheit – eine Männerfreiheit – entwickelt eine Steigerungslogik, die dem Matthäus-Prinzip folgt. Matthäus 25,29: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden“. Genau so, wer hat, dem wird gegeben, funktionieren unter diesen Bedingungen Erfolgsmedien wie Geld, Macht, Sex, Sieg, Aufmerksamkeit, Wissen. Die Realitäten einer konkurrenzgetriebenen, verantwortungsfreien Freiheit, mal mehr geregelt, mal weniger, prägen den Alltag unserer Gesellschaft.

Das ist meine These: Konkurrenzgetriebene verantwortungsfreie Freiheit als soziales Grundmuster modernen Lebens bildet den Ausgangspunkt der großen politisch-sozialen Bewegungen der Neuzeit, der sozialistischen, der feministischen, der faschistischen, der ökologischen. Trotz aller himmelweiten Unterschiede: Die Kritiken, die sie formulieren, und die Antworten, die sie politisch propagieren, richten sich gegen diese Form der Freiheit und deren Folgen.

Fragen an Freiheit und Demokratie

Unter dieser Überschrift steht eine Beitrags-Reihe des Bruchstückeblogs, die in loser Folge – Teil 1 Jeder Wahnsinn hat seine Methode: Zur Anziehungskraft des faschistischen Codes – gesellschaftstheoretische Probebohrungen in herrschende kulturelle, wirtschaftliche und politische Zustände macht. Ausgangspunkt ist das Buch „Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken – Strukturen, Erfahrungen, Erzählungen“. Dessen Argumentationsstränge werden aufgegriffen und mit den Beiträgen dieser Reihe weitergeschrieben.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt (at) arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Aktuelle Publikationen: "Aufstieg der Rechten, Abstieg der Linken"; "Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne"; "Spielen ist unwahrscheinlich. Eine Theorie der ludischen Aktion" (mit Fabian Arlt).

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