AUCH DAS NOCH! | Februar 2022

  • Die kleine Schweiz, das große Geld und der russische Krieg
  • „Baby don‘t hurt me, don‘t hurt me no more“:
    Die olympischen Spiele als organisierte Körperverletzung
  • Die Dummheit auf Schmetterlingsjagd
  • „Seems like everybody’s got a price“

Die kleine Schweiz, das große Geld und der russische Krieg

Sie nehmen jedes Geld, das sie kriegen können, und machen dann ein Geheimnis daraus. Diesen Ruf haben Schweizer Banken weg.
Die kleine Schweiz und das große Geld, das ist ein Dauerbrenner. „Die Phönizier haben das Geld erfunden – aber warum so wenig?“ Auf diese Frage des Vaters des Altwiener Volkstheaters, Johann Nestroy, haben Wirtschaftsexperten die Antwort schnell bei der Hand: Knappheit ist das Lebenselixier der Ökonomie. Wo Überfluss herrscht, braucht nicht gewirtschaftet zu werden.

Im Zentrum stehen, wenn es um Geld geht, die Banken. Eine Bank ist eine geniale Erfindung. Sie verleiht geliehenes Geld. Sie macht aus Geld, das ihr nicht gehört, mehr Geld, indem sie ihre Schulden mit Gewinn verkauft. »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ hat Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper gefragt.
Gut oder böse, gerecht oder ungerecht, das interessiert weder den Panzer noch den Goldbarren. Ob eine Waffe zum Angriff oder zur Verteidigung eingesetzt wird, ändert nichts an ihrer tödlichen Wirkung. Ob mit dem Geld einer Verbrecherbande oder einer Wohltätigkeitsorganisation bezahlt wird, ändert nichts an seiner Kaufkraft. Die Bank ist ein Vatikan der Amoralität.

Geld kennt nur ein Credo: je mehr, desto besser. Deshalb macht Geld gierig und bestechlich, schon für 30 Silberlinge lohnt sich Verrat, das lehrt bereits die Bibel.
Das Schweizer Erfolgsrezept funktioniert genau umgekehrt: Für viel Geld nichts verraten. Bis 2017 konnte noch der größte Steuerhinterzieher ruhig schlafen, sobald er seine Millionen in der Schweiz wusste. Erst als die USA Bußgelder in Milliardenhöhe verhängten, erklärte sich die Alpenrepublik bereit, sich am sogenannten Automatischen Informationsaustausch über Finanzkonten in Steuersachen zu beteiligen.

Aber im Prinzip hat sich nicht so viel geändert. Die Züricher Credit Suisse, die Skandalbank vom Paradeplatz, wie sie gerne genannt wird, hat gerade wieder Schlagzeilen gemacht. Aus einem Datenleak, das ein journalistische Netzwerk ausgewertet hat, scheint hervorzugehen: Seit den 1940er-Jahren bis in die 2020er Jahre bot die Credit Suisse auch Kriminellen, korrupten Politikern und umstrittenen Geheimdienstchefs ein sicheres Versteck für ihr Vermögen.
Gleichzeitig wurde bekannt, dass das geltende Schweizer Bankengesetz dem Schweizer Journalismus verbietet, geleakte Bankdaten zu verwenden. Für den Schweizer Bankplatz gilt: Journalisten, die Verbrechen aufdecken wollen, laufen Gefahr, selbst zu Kriminellen zu werden. Das Bankgeheimnis wiegt schwerer als die Pressefreiheit.

Und jetzt der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Die Schweizer Botschaft in Moskau schreibt in ihrem Jahresbericht 2021: „Die Schweiz ist für wohlhabende Russen seit Jahren weltweit mit Abstand die wichtigste Destination für die Verwaltung ihrer Vermögen.” Pro Jahr fließen – die Zahlenangaben schwanken sehr – bis zu 10 Milliarden Dollar von russischen Privatpersonen auf Schweizer Konten und machen die Schweiz zur größten Empfängerin von russischem Privatkapital.
Darüber hinaus laufen rund 80 Prozent des russischen Rohstoffhandels über die Schweizer Finanzdienstleistungszentren Genf, Zug, Lugano und Zürich. Zum Beispiel haben die Aktiengesellschaften Nord Stream 1 und Nord Stream 2 ihren Sitz im Steuerparadies Zug.

Den Sanktionen der Europäischen Union will sich die Schweiz bisher nicht voll anschließen. Russische Vermögen einfrieren – das möchten die Schweizer Banken lieber nicht.
Kann man es ihnen zum Vorwurf machen? Ja, das kann man. Aber besser nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn die Sanktionspolitik der EU und Deutschlands wäre auch durchaus steigerungsfähig.

Nun, die Schweiz macht das, was sie am besten kann: Immer schön neutral bleiben, oder wie Reinhold Beckmann singt: „sachlich reif und ausgewogen zum Kotzen souverän“. Neutralität kann eine gute Sache sein, solange sie nicht als Alibi dafür dient, im Interesse der eigenen Geschäfte Kriegsverbrechen zu ignorieren.


„Baby don‘t hurt me, don‘t hurt me no more“:
Die olympischen Spiele als organisierte Körperverletzung

Die olympischen Winterspiele in Peking haben noch gar nicht offiziell begonnen, als Brianna Decker, eine der erfahrensten US-Hockeyspielerinnen, schwer verletzt schreiend auf dem Eis liegt. „Es war schrecklich“, sagt ihre Teamkollegin: „Es war wirklich schwer mit anzusehen. Sie ist eine der härtesten, stärksten Spielerinnen der Welt – und wenn du sie so reagieren hörst, war es natürlich vernichtend und nervenaufreibend für uns.“

Es war schrecklich. Mit diesen drei Worten ist über das größte Sportereignis dieses Jahres das Wichtigste gesagt.
Was ist aus dem Sport geworden, der ein so attraktives, wunderbares Spiel sein kann? Im Leistungssport geht nichts mehr ohne das große Geld. Noch vor 50 Jahren hat . Heide Ecker-Rosendahl, 1972 ein Olympiastar der Leichtathletik, Eierkocher und Bügeleisen als Siegprämien erhalten.
Heute geht es um Milliardengeschäfte. Große Sportstätten tragen die Namen von Wirtschaftskonzernen, mit astronomischen Sponsorengeldern werden auf dem Weltmarkt Mannschaften zusammengekauft. Die Sportindustrie sucht neue Absatzmärkte, Sportstars, aber nur die die bekanntesten, sind gut bezahlte Werbeträger. .

Wissenschaft und Technik rüsten die Sportgeräte und die Körper der Sportlerinnen und Sportler auf, das Wettrüsten kennt keine Grenzen. Zeiten werden inzwischen in Hundertstel- und Tausendstel-Sekunden gestoppt, damit überhaupt noch einzelne Sieger ermittelt werden können. Kein Schuh und kein Ski, kein Trikot, kein Trainingsprogramm und kein Ernährungskonzept, die nicht Jahre der Forschung und Entwicklung hinter sich haben.

Heerscharen von Trainerinnen, Technikern, Medizinerinnen und Psychologen schwirren auf den Sportplätzen herum. Mal ganz abgesehen von den Funktionären, die das alles organisieren und für jede Perversion eine Rechtfertigung finden. Die Massenmedien sind überall dabei, ihre Sendezeiten bestimmen sogar die Startzeiten. Und nicht zu vergessen die Politik, die bei jeder Siegesfeier mit im Scheinwerferlicht stehen will.

Trotz alledem hat sich selbst im chinesischen Staatszirkus von Peking immer wieder auch der Eigensinn des Spiels durchgesetzt. Das Unerwartete, das alle überrascht hat, Favoritenstürze und Außenseitersiege, Dramatik bis zur allerletzten Sekunde, Jubel und Tränen, Wettkämpferinnen, die mit höchster Anstrengung gegeneinander fighten und sich unmittelbar danach in den Armen liegen, denn: es soll ja nur ein Spiel sein.

Aber, und es ist ein riesengroßes Aber: Die Athletinnen und Athleten sind die Knetmasse im großen Getriebe. Sie werden verheizt nach dem Motto, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann kaum noch gehen. „Bewegen kann ich mich leider nicht mehr viel“, sagt die 43jährige Basketballlegende Dirk Nowitzki.

Leistungssport ist organisierte Körperverletzung. Akute Verletzungen und langfristige Folgeschäden beschäftigen ein Heer von Sportmedizinern. Die Krönung bildet das Dopinggeschäft , bei dem jeder den anderen im Verdacht hat, seine Leistung mit unerlaubten Mitteln zu steigern. Gerade im Nachwuchssport, selbst im Breiten- und Freizeitsport wird immer wieder propagiert, ohne diverse Mittelchen seien große Erfolge nicht möglich.

Der Sportjournalismus behandelt Knochenbrüche, Meniskusschäden und Kopfwunden als persönliches Pech der Athleten, wünscht gute Besserung und wendet sich den noch Funktionierenden zu. Als Heldin wird gefeiert, wer wie die Italienerin Sofia Goggia 23 Tage nach Wadenbeinbruch und Kreuzbandriss eine Silbermedaille holt. Es lebe der Sport.


Die Dummheit auf Schmetterlingsjagd

Schmetterlinge im Bauch sind ein gutes Gefühl, Schmetterlinge im Park ein schöner Anblick. Das „National Butterfly Center“, ein Naturschutzgebiet am Rio Grande unweit der mexikanischen Grenze, ist die Heimat für Hunderte von Schmetterlingsarten und für exotische Vögel. Sie bekommen Besuch von Schulklassen, Touristen und Naturfreunden. Aber am Eingangstor hängt gegenwärtig ein Schild mit der Aufschrift „Closed until further notice“.

Das Reservat ist zur Zielscheibe von Trump-Fanatikern und QAnon-Verschwörungspredigern geworden und musste jetzt aus Sicherheitsgründen schließen. Ihre Kinder hätten sich große Sorgen gemacht, ob sie ihren Arbeitstag überlebe“, sagt die Direktorin; „die verrückte Schmetterlingslady“, wie die Ultrarechten sie nennen.

Schon seit mehreren Jahren steht der Schmetterlingspark den Mauerbauplänen an der texanisch-mexikanischen Grenze im Weg. Führende Köpfe der Spendenkampagne „We build the Wall“ machen Stimmung gegen den Park; er sei ein Ort für Menschenschmuggel, Frauenhandel und Ausbeutung von Kindern.
Absurde Vorwürfe, alles erfunden und erlogen, sagen die Betreiber des Parks, die North American Butterfly Association (NABA), eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz und der Erforschung wild lebender Schmetterlinge widmet.

Aber die Stimmung ist aufgeheizt und die Kampagne der Trump-Anhänger läuft. An nichts glauben sie so unerschütterlich wie an ihre eigenen Lügen, Zweifelsfreiheit ist die Droge der Dummheit. Sie versammeln sich in der Umgebung des Parks und halten Kundgebungen ab. Inzwischen kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und natürlich tauchen auch Waffen auf – wir sind schließlich in Texas.

Der ultrarechte Aktivist Ben Berquam filmte sich vor dem Zentrum, hielt einen Kinderschuh hoch, beschwor die Gefahr, dass Kartelle Kinder durch das Parkgelände schmuggeln und appellierte an Präsident Biden mit den Worten: „Beschütze die Schmetterlinge, Joe, schließe die Grenze, denn wir wissen, dass du dich nicht um die Kinder scherst!“
Ausgestrahlt werden Berquams Videos auch auf dem Sender „Real America´s Voice News (RAV)“, der zum Beispiel eine Talk Show des ehemaligen Wahlkampfchefs von Donald Trump, Steve Bannon, sendet, desselben Steve Bannon, der unter Anklage stand, Spendengelder der Kampagne „We build the Wall“ unterschlagen zu haben, und von Trump amnestiert wurde.

Über die Trump-Droge Dummheit hat die österreichische Psychaterin Adelheid Kastner vor kurzem ein Buch geschrieben, das gerade sein 9. Auflage erlebt. „Die Dummheit hat nicht zugenommen“, sagt sie in einem Interview. Dummheit sei ein stabiler und beachtenswerter Bestandteil der menschlichen Natur. Man sollte mit ihr rechnen. Und dann kommt die aufschlussreichen Sätze: „Ich glaube aber, dass die Dummheit aufgehört hat, sich zu schämen. Es ist salonfähig geworden, dumme Positionen lauthals herauszutröten.“

In Brandenburg starb kürzlich ein Dudelsackspieler während einer Protestaktion gegen die Corona-Regeln. Wie sich herausstellte, war er ein ehemaliges Mitglied der Mittelalter-Rockband In Extremo, die er wegen Differenzen verließ. Die Band hat ein Lied über Macht und Dummheit in ihrem Repertoire mit dem Refrain „Dummheit wird mein Henker sein“ und der weltweit gültigen Liedzeile „Wo Macht und Lüge Wahrheit tritt, tut die Dummheit meist den ersten Schritt“. In Texas sind sie schon ein paar Schritte weiter.


„Seems like everybody’s got a price“

„Alles hat seinen Preis“ ist eine Lüge, die es allerdings im Laufe der Zeit geschafft hat, der Wahrheit ziemlich nahe zu kommen. Nichts wird mit einem Preis geboren. Grund und Boden, Pflanzen, Arbeitskräfte, Ideen, alles, was verkauft werden soll, muss erst käuflich gemacht werden. Was in Zeiten des Internets richtig teuer wurde, ist Aufmerksamkeit.

Die einen schenken Aufmerksamkeit, andere verkaufen dieses Geschenk für sehr viel Geld. Für Spiele, das beweisen die Olympischen Spiele gerade wieder, verschenkt das Publikum gerne seine Aufmerksamkeit – deshalb kosten die Fernsehrechte an Olympia auch rund 1,5 Milliarden Dollar. Das Geschäftsmodell der privaten Fernsehsender ist alles andere als ein Geheimnis. Sie geben das viele Geld aus, weil sie dem Millionenpublikum, das sich von den Spielen fesseln lässt, Werbung vor die Nase setzen können; Werbung, die noch höhere Einnahmen verspricht.

Als das World Wide Web in den 1990er Jahren die Welt zu erobern begann, wurde viel darüber geredet und geschrieben, dass man jetzt zu jeder Zeit und an jedem Ort arbeiten kann. Die Klügeren haben schnell entdeckt, dass der Computer nicht nur ein Werkzeug ist, sondern auch ein Spielzeug. Mit dem Smartphone in der Tasche kann man immer und überall spielen; was alle bestätigen werden, die in Bussen, U- und S-Bahnen unterwegs sind.

Ein aktueller Spiele-Hype heißt Wordle. Noch vor drei Monaten haben es keine Hundert Menschen gespielt, jetzt jeden Tag Millionen. Die Aufmerksamkeit dieser Millionen Menschen hat die New York Times gekauft – für einen „niedrigen siebenstelligen Dollarbetrag“ . Sie will den Leuten, die Wordle spielen, Werbung vorspielen, vor allem Werbung für die New York Times.

Okay, was die New York Times ist und was ein paar Millionen Dollar sind, bedarf keiner Erklärung, aber was ist Wordle? Wer das Logikspiel Mastermind und das Buchstabenspiel Scrabble kennt, weiß schon ziemlich genau, worum es bei Wordle geht. Es ist ein webbasiertes Wortspiel. Mit maximal sechs Versuchen muss ein englisches Wort mit fünf Buchstaben erraten werden. Richtig platzierte Buchstaben werden grün, richtige Buchstaben an der falschen Stelle gelb unterlegt, falsche Buchstaben werden grau markiert. Jeden Tag gibt es nur ein Rätsel für alle Spielerinnen und Spieler – und eine Share-Funktion ermöglicht es, das eigene Ergebnis auf Twitter und Co. zu teilen. Das war’s. Noch Fragen?

„Wordle is a Love Story“ posaunt die New York Times in die Welt. Wenn es um großes Geld geht, ist der größte Kitsch gerade gut genug. Natürlich, wie könnte es anders sein, hat der Erfinder, der Programmierer Josh Wardle aus Brooklyn, das Spiel als Liebesbeweis für seine Partnerin entwickelt, während das Paar sich in der Coronakrise gemeinsam für das tägliche Kreuzworträtsel der »New York Times« begeisterte. 
Storytelling und Spektakel, Inszenierung, Hypes und Hits, das sind die Stoffe, aus denen das World Wide Web gestrickt wird. Der Treibstoff der globalen Öffentlichkeit kommt aus Hollywood, wo die Profis der Aufmerksamkeitsproduktion Blockbuster am Fließband herstellen.

Kaum etwas ist flüchtiger als Aufmerksamkeit. Hinschauen und wegschauen, hinhören und weghören können in Sekundenbruchteilen wechseln. Vor allem aber funktioniert Zuschauen nur dann, wenn ich von allem anderen wegschaue; klappt Zuhören nur dann, wenn ich von allem anderen weghöre.

Diese Erfahrung macht gerade Facebook oder wie es jetzt heißt: Meta. Besonders junge Leute schenken ihre Aufmerksamkeit inzwischen anderen Plattformen. Plötzlich ist ein Viertel des Börsenwerts von Meta, plötzlich sind 250 Milliarden Dollar – futsch. So schnell wird in digitalen Zeiten aus Cash Crash. Vielleicht war Crash das Wort mit fünf Buchstaben, das an diesem schwarzen Börsentag bei Wordle gefunden werden musste.

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