AUCH DAS NOCH! | März 2022

  • Fridays for Future, (nur?) in Hannover ein engstirniger Provinzclub
  • Stunde der Helden, Tage der Toten
  • Willkommen in Absurdistan
  • Lügen + Gewalt = Politik?

Fridays for Future, (nur?) in Hannover ein engstirniger Provinzclub

Die Kreuze, die in den Unterrichtsräumen bayerischer Schulen hängen, haben schon das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. US-amerikanische Eltern haben einem Kinderladen die Farbstifte verboten, mit denen sich ein Regenbogen zeichnen lässt. Die Ortsgruppe Hannover von Fridays for Future ließ die Musikerin Ronja Maltzahn nicht auftreten, weil sie Dreadlocks trägt; die globale, weltoffene Bewegung Fridays for Future präsentierte sich als engstirniger Provinzclub.
Was haben das Kreuz, der Regenbogen und die Dreadlocks miteinander zu tun? Sie sind Symbole.

Menschen, das sind diese komplizierten Lebewesen, die allem einen Sinn geben wollen und sich mit Hilfe von Symbolen verständigen, vor allem mit sprachlichen, aber auch mit religiösen und politischen; deshalb verbrennen manche Leute Nationalflaggen. Die Summe der Symbole, die in einem bestimmten Lebensbereich gelten, heißt Kultur.

Tiere haben keine Kultur. “Kultur ist, grob gesprochen, alles, was wir tun und die Affen nicht.” (Lord R. Raglan, Anthropologe und Feldmarschall) Im Unterschied zum Menschen verständigen sich Tiere mit Signalen. Sie hören bestimmte Laute oder sehen bestimmte Farben und wissen: Fressen, Feinde, Flucht. Menschen kennen das auch. Rote Ampeln oder der Piepton der S-Bahntür sind Signale, die eindeutig festlegen, was zu denken und was zu tun ist.
Symbole geben eine Orientierung, aber sie schreiben nichts vor, sie erlauben Gedankenspiele und lassen dem Handeln Freiräume.

Warum sorgen Symbole für so viel Aufregung? Ein Symbol ist nicht die Sache selbst. Ein Kreuz ist nicht die christliche Religion, ein Regenbogen ist nicht die sexuelle Freiheit, Dreadlocks sind nicht die schwarze Bürgerrechtsbewegung (allein ein Blick auf wikipedia zeigt, dass auch diese Deutung viel zu eng ist). Gleichwohl verbinden mehr oder weniger Menschen diese Bedeutungen mit diesen Symbolen, andere nicht. Und hier beginnt die schwierige Gratwanderung, bei der die Ortsgruppe Hannover von Fridays for Future so kläglich abgestürzt ist.

Wir können nicht miteinander diskutieren, wenn wir die Bedeutung einer ziemlich großen Anzahl von Symbolen nicht kennen und teilen. Aber es bedeutet eben nicht jedes Symbol für jeden Menschen dasselbe. Die sieben Buchstaben Kapital etwa können für Ausbeutung und Unterdrückung stehen oder für Fortschritt und Wohlstand. Darüber hinaus können sich Bedeutungen ändern. Das Wort Russland zum Beispiel bekommt für viele gerade einen anderen Sinn. Und was für die einen ein Symbol ist, ist für Andere vielleicht gar keines. Man kann in einem Kreuz auch nur eine einfache Holzkonstruktion sehen, in einem Regenbogen ein schönes Naturwunder und in Dreadlocks eine interessante Frisur.

Die große Herausforderung liegt darin: Wir brauchen Verbindlichkeit im Umgang mit Symbolen, sonst wissen wir nicht, woran wir sind. Aber wir brauchen gleichzeitig Offenheit und Toleranz, sonst simplifizieren und verhärten wir. Festhalten und loslassen, beides ist notwendig, ohne dass es ein allgemeingültiges Rezept für die Dosierung gibt. Klar ist nur, eine Überdosis erzeugt entweder Sturheit oder Gleichgültigkeit.

Man kann nicht Haltung zeigen, wenn man nicht an bestimmten Bedeutungen festhält; man kann sich nicht engagieren, wenn man keine Maßstäbe hat, was gerecht oder ungerecht, was richtig oder falsch ist. Aber man wird intolerant und respektlos, schlimmstenfalls übergriffig (wie die Ortsgruppe Hannover von Fridays for Future) oder gewalttätig, wenn man nicht offen dafür bleibt, dass Kreuze auch anders gesehen, Regenbögen auch anders gedeutet, Dreadlocks auch anders verstanden werden können.
„Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt.“ (Odo Marquard)


Stunde der Helden, Tage der Toten

So unverhohlen hat sich das Böse auf dem europäischen Kontinent lange nicht mehr gezeigt, so viel Brutalität und Grausamkeit mitten in Europa war für die meisten unvorstellbar. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist der Großbrand bekannter, lange schwelender Konflikte.

Wie Konflikte entstehen und verlaufen, folgt immer den gleichen Gesetzen, sie gelten im Kindergarten genau so wie in der Politik. Bis Konflikte in einen Krieg ausarten, muss lange Zeit vieles falsch gemacht worden sein. Dabei fängt es meist ganz harmlos an. Die einen sagen, was sie wollen, die anderen sagen nein. Tausendmal praktiziert und nichts passiert. Denn noch sind alle Wege offen, man kann einlenken, sich verständigen, nach Kompromissen suchen.

Ein Konflikt bahnt sich an, wenn beide Seiten auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt entscheidet sich, ob sie sich noch als Verhandlungspartner sehen oder ob eine Spirale der Eskalation in Gang gesetzt wird. Sobald aus dem anderen ein Gegner wird, zählen nicht mehr Argumente, sondern Kräfteverhältnisse. Wer ist der Stärkere, wer der Schwächere?

Die gegnerischen Parteien machen sich auf die Suche nach Verbündeten. Zwischen den Stühlen wird es zunehmend ungemütlich. Alle, die sich nicht als Freunde outen, werden zu Feinden erklärt. Das Gefühl macht sich breit, nicht mehr nachgeben zu können, ohne das Gesicht zu verlieren. Jedes Zugeständnis erscheint als Niederlage.

Der Konflikt hat ein Stadium erreicht, in dem er Sieger und Verlierer braucht. Es kann nur einen geben! Es wird aufgerüstet, koste es, was es wolle. Die Gewaltbereitschaft wächst, der Ausbruch eines Krieges wird zu einer Frage der Zeit.

Feindbilder verhärten sich, die Feinde des Feindes bekommen Freundschaftsanfragen. Verschwörungsfanatiker und Rechtsradikale führen es gerade vor. Corona war gestern, aber die demokratische Regierung ist für Querdenker ein Feind geblieben. Also sehen sie in Putin ihren Freund.

Mit dem Krieg kommen die Tage der Toten. Feiglinge und Verräter werden entlarvt, es schlägt die Stunde der Helden. Viele verlieren ihr Leben, einige verlieren ihre Ehre, andere kommen zu Heldenruhm. „Unglücklich“ nennt Bertolt Brecht das Land, das Helden nötig hat. Wer auf der einen Seite als Verräter gebrandmarkt und verfolgt wird, hat gute Chancen, auf der anderen als Held gefeiert zu werden. Man stirbt als Held oder lebt so lange, bis man selbst der Böse wird“, heißt es im Batman-Film „The Dark Knight“.

Der Held ist eine Kopfgeburt des Publikums. Helden funktionieren als Bilder, sie werden bewundert und verehrt als Heilsbringer, als Retter in der Not. Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen wie du und ich, die zu Helden erkoren werden, haben unter besonderen Umständen Mut bewiesen. Dafür gebührt ihnen größte Anerkennung. Heldenverehrung aber ist nur eine andere Art Fanatismus – in einem schönen Gewand.

Für den ganzen Wahnsinn, der jetzt wieder Helden gebiert, fehlen die Worte – aber nicht das Wissen, wohin es führt, wenn man Konflikte laufen und zu Kriegen werden lässt. Über die Unendlichkeit der menschlichen Dummheit hat Albert Einstein alles nötige gesagt. Der russische Krieg gegen die Ukraine beweist erneut – Einstein hätte es präziser formulieren können: Es ist vor allem die Unendlichkeit der männlichen Dummheit.


Willkommen in Absurdistan

„Meine Damen und Herren, wir haben unsere Reiseflughöhe verlassen und befinden uns im Anflug auf Absurdistan. Die Außentemperatur liegt bei Minus 18 Grad, die weiteren Aussichten: düster. Bitte bleiben Sie noch so lange angeschnallt , bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben und alle Lichter erloschen sind. Und bitte denken Sie daran, dass die Strafe für die Benutzung des K-Wortes bis zu 15 Jahre beträgt, wir wollen Sie ja wieder an Bord begrüßen dürfen. Wir danken Ihnen, dass Sie mit Aeroflot geflogen sind.“

Am zehnten Tag seines Angriffskrieges gegen die Ukraine besuchte der russische Staatspräsident in der Nähe Moskaus eine Flugschule der Fluggesellschaft Aeroflot. Es wurde Tee gereicht, es gab Blumen für und Selfies mit 25 Stewardessen und Pilotinnen. Das dazugehörige Video kennt inzwischen fast die ganze Welt.

Die Inszenierung ließe sich mit wenig Aufwand in andere Aufführungen verwandeln: Alternder Popstar mit Groupies, gütiger Herrscher mit Harem, steinreicher Kunde mit Escortdamen. Und das alles anlässlich des Weltfrauentages.

Der alte Mann plaudert gestenreich über Flugverbotszonen, Kriegsrecht, Sanktionen, Kampfhandlungen und katastrophale Konsequenzen für die ganze Welt. Die Frauen, angespannt und aufmerksam, ihre Mimik verrät nichts über ihre Gedanken. Sie lächeln.

Lächeln und winken, eingefrorene Freundlichkeit, das Weglächeln von allem und jedem, gehört zur Grundausbildung von Flugbegleiterinnen. „Jenny Jenny, Wolkenreiter, lächelt einfach immer weiter, so wie alle Flugbegleiter“, singt die Rockband AnnenMayKantereit.

Wie Soldaten den Marschbefehl so erhielten die Frauen die Regieanweisungen für ihren Einsatz als Komparsinnen. Ihre Uniformen sitzen perfekt. Ihre Lippen sind rot wie russische Revolutionsfahnen. Einige sind zurecht gemacht wie Geheimagentinnen, frisch dem James-Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“ entsprungen.

Schneidet man Putin aus dem Filmchen heraus, könnte es Werbung für die internationale Kosmetikindustrie oder für die Haute Couture der Berufsbekleidung sein. Aber mit Putin ist es viel besser. Mag sich der Kremlherrscher noch so sehr wie Jesus vorkommen, der die Menschheit erlöst, im Gespräch der Stewardessen untereinander würde er vermutlich als „Baby Jesus“ eingestuft. Baby Jesus, steht im Flugbegleiter-Jargon für ein verhätscheltes Kind, von dem zu befürchten ist, dass es während des Fluges größere Probleme machen wird.

Probleme haben russische Fluggesellschaften inzwischen aber mehr mit dem Fliegen selbst. Über den Wolken mag die Freiheit grenzenlos sein, aber auf dem Boden türmen sich die Schwierigkeiten. Von den rund tausend Passagierflugzeugen mit russischer Flagge sind fast 800 von westlichen Firmen geleast. Die EU hat den Leasingfirmen eine Frist bis zum 28. März gesetzt, die Verträge mit russischen Airlines zu beenden und die Maschinen zurückzuholen. Wie das praktisch gehen soll, weiß heute noch niemand.

Dazu kommen der Boykott von Wartungsarbeiten und der Lieferstopp für Ersatzteile, die die Flugsicherheit der russischen Inlandsflüge bald gefährden werden. Statt in der Luft werden die Maschinen in nächster Zeit wohl mehr am Boden anzutreffen sein.

Keine schönen Aussichten für die lächelnden Wolkenreiter. Ob die 25 Flugbegleiterinnen und Pilotinnen vor Putins Besuch gerne den Abflug gemacht hätten, wissen wir nicht.
Sicher ist: Die Zwischenlandung in Absurdistan war eine spektakuläre, unvergessliche Etappe ihrer Karriere.


Lügen + Gewalt = Politik?

Als Held wird Wladimir Wladimirowitsch Putin nicht einmal in die russischen Geschichtsbücher eingehen. Donald Trump sieht das anders, er findet für Putin die Worte „genial“, „schlau“, „ausgebufft“, ist voller Bewunderung und wünscht sich, er könnte es genauso machen wie der Kremlherrscher. .

Dass die beiden Herren zwei vom gleichen Kaliber sind, ist alles andere als eine neue Erkenntnis. In Russland werden politische Oppositionelle verprügelt, in Straflager geschickt, vergiftet.
Trump mobilisierte seine Anhänger, das Kapitol zu stürmen; seine demokratische Abwahl erkennt er bis heute nicht an. Auf beide Politiker trifft voll zu, was der Streetart-Künstler Banksy an eine Wand gesprayt hat: „If you repeat a lie often enough, it becomes politics“.

Als Reaktion auf die Wahl Trumps zum US-Präsidenten veröffentlichte der amerikanische Historiker Timothy Snyder das Buch „Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand“. Er beschreibt, wie sich moderne Tyrannen Terroranschläge zu Nutze machen und schildert, wie sehr Putin seinen Aufstieg zur Macht dem Management von Terror verdankt. Tatsächliche und fingierte Terroranschläge hätten Putin zum Beispiel geholfen, das Privatfernsehen auszuschalten und die gewählten Regionalgouverneure zu entmachten.

Donald Trump versteht sich nach eigener Aussage mit dem russischen Präsidenten „phantastisch“. Tief beeindruckt zeigte sich der vormalige US-Präsident von Putins Ankündigung, „Friedenstruppen“ in den Osten der Ukraine zu entsenden. „Das ist die stärkste Friedenstruppe, die ich je gesehen habe. Ich habe noch nie so viele Heerespanzer gesehen. Die werden den Frieden bewahren!“, schwärmte Trump zwei Tage vor Kriegsbeginn und dachte laut voraus: „So etwas könnten wir an unserer Südgrenze gebrauchen“. Dass er den Angriffskrieg auf die Ukraine dann verurteilt, gehört zu den Notwendigkeiten öffentlicher Rhetorik.

Putin und Trump sind Gallionsfiguren einer Politik, für die Menschenrechte , Demokratie und Gleichberechtigung Irrwege sind, Illusionen von Feiglingen, die nicht wahrhaben wollen, dass Freund oder Feind, befehlen oder gehorchen, fressen oder gefressen werden die Realitäten des Lebens sind. Dass sich beide mit der chinesischen Staatsführung gut verstehen, ist sicher kein Zufall.

©Banksy

Von Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi aus dem Heldenepos Krieg der Sterne wissen wir: Die Anhänger der dunklen Seite der Macht kennen nichts als Extreme. Engel oder Teufel, Held oder Feigling, wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Als Erzengel, die mit harter Hand für Ordnung sorgen, als Helden, die sich nehmen, was ihnen vorenthalten wird, so fühlen und sehen sich Putin und Trump. Machthaber mit einem Über-alles-Weltbild – ob Russland first oder Amerika first – machen aus Krisen Katastrophen. Sie denken in Extremen, reden in Lügen und handeln mit Gewalt.

Machen wir uns nichts vor: Auch auf deutschen uns anderen europäischen Straßen wird seit mehreren Jahren für eine Schwarz-Weiß-Diktatur des Denkens und für die Gewaltbereitschaft des Handelns demonstriert.
Fatal wäre, wenn am Ende die dunkle Seite der Macht auch in demokratischen Ländern als einzige noch mögliche Realpolitik erscheinen würde.

Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. Die Weltgesellschaft ist auf fast allen Gebieten eng vernetzt, in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Sport, Verkehr und nicht zuletzt über die Massenmedien. In diesen dichten Netzen bleibt nichts ohne vielfältige, unberechenbare Rückwirkungen. Selbst politische Diktatoren großer Länder können diese globalen Netze nicht kontrollieren. Sie können ihre Zerstörungswut ausleben, vielleicht auch einen Krieg gewinnen, aber ihre Zukunft verlieren sie dabei.

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