Die Kränkung der Medienexperten

“Meine These: Nicht die Regierenden haben die Medien vor sich hergetrieben, wie das Verschwörungstheoretiker so gerne behaupten. Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten.”

Stephan Ruß-Mohl: Das Corona Panikorchester, Süddeutsche Zeitung vom 26. Oktober 2020
Es gibt nur ein echtes Panikorchester! Gottfried Böttger und Udo Lindenberg im Jahr 1974
(Foto: Heinrich Klaffs / Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0)

Politik ist ein hartes und undankbares Geschäft. Meist besteht es darin, den Druck verschiedener gesellschaftlicher Interessengruppen wahrzunehmen und behutsam in ein halbwegs konsensfähiges gemeinschaftliches Handeln zu kanalisieren. Dabei spielen funktionierende Netzwerke, gute Kommunikation, harte Verhandlungen mit gelegentlichen psychologischen Tricks eine Rolle, sowie der mediale Druck einer Öffentlichkeit, die das Geschehen oft nur unzureichend versteht. Das Resultat sind meist faule Kopromisse, für die nur selten echtes Lob angebracht ist oder ausgesprochen wird.

Das ist es, womit unsere politische Kaste und wir vertraut sind, was wir in seinen medialen Reflexen mit einer Mischung aus Abscheu und Amüsement verfolgen. Deshalb tun wir uns all das an: die oft oberflächlichen Nachrichtenformate, halbdurchdachten Kommentare, die bräsigen ‘Qualitätsmedien’ wie Süddeutsche Zeitung oder FAZ, und die grotesken Politikparodien der sogenannten Talkshows.

Manchmal jedoch gerät Politik unter Rahmenbedingungen anderer Art: militärische Invasionen, Flutkatastrophen oder flächendeckende Waldbrände sind von dieser Art. Hier wird ein politisches Handeln ohne größeren Vorlauf nötig, es geht erstmal nicht um aushandelbare Interessenkonflikte oder mediale Reaktionen – auch wenn diese unweigerlich dazwischenfunken. Aber im Vordergrund stehen Prozesse, die nicht mit sich verhandeln lassen. Auf diese gilt es zu reagieren, schnell und unter Berücksichtigung einer sich permanent verändernden Fakten- und Wissenslage, meist unter Bedingungen sehr großer Unsicherheit.

Von dieser Art ist auch der aktuelle Verlauf der Corona-Pandemie. Und wenn der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl in seinem oben zitierten Gastbeitrag in der SZ behauptet, die Medien würden zurzeit einen Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugen, dann zeugt das von einer massiven Fehlwahrnehmung. Denn die Alternative ist ja nicht, wie er vorgibt, dass die Politik die Medien vor sich her treibt. Es ist vielmehr das Virus, das der Politik und den Medien Vorschriften macht. Vorschriften, die sich nicht durch irgendwelche medialen Wahrnehmungen beeinflussen lassen.

Der Medienzirkus rund um die Seuche ist in der Tat in vielen Bereichen fragwürdig. Aber dazu tragen nicht zuletzt solche Medienexperten bei, die anscheinend von der Wichtigkeit ihres Arbeitsfeldes so besoffen sind, dass sie ständig Ross und Reiter verwechseln. Die, wie es scheint, die Kränkung nicht ertragen können, dass es Entwicklungen gibt, die auf das Echo der Medien und diesbezügliche Einschätzungen der Fachwelt keine Rücksicht nehmen.

“Mit Physik kann man keine Deals machen”, erläuterte vor gut einer Woche die in dieser Hinsicht sehr viel nüchternere Greta Thunberg in einem Interview mit den tagesthemen. Sie meinte den Klimawandel, aber dasselbe gilt auch für das Coronavirus und die Pandemie. Anders als am Beginn der Pandemie sind die Eckdaten mittlerweile klar: Wir wissen genug darüber, wie die Infektionszahlen sich entwickeln, wir kennen die Anteile schwerer Krankheitsverläufe und den daraus resultierenden Behandlungsbedarf. Wir wissen auch um die Kapazitäten der medizinischen Notversorgung und die Bedrohung des medizinischen Personals. Wer den Prognosen von Experten wie Drosten oder Lauterbach gefolgt ist, weiß, dass diese überwiegend von erstaunlicher Genauigkeit waren.

Wer bei einem Waldbrand “Feuer” ruft, ist kein Alarmist
(Foto: Noah Berger / Public Domain)

Es sind also keine komplizierten Faktenlagen, die im Kern der politischen Entscheidungen stehen, und auf die die Politik immer wieder zurückgeworfen wird: Wie sind die aktuellen Wachstumsraten, wie ist das Altersprofil der Betroffenen, ab welchem Tag im Krankheitsverlauf verschlimmern sich die Verläufe, wie sind die jeweiligen Versorgungskapazitäten? Das ist alles keine Raketenwissenschaft. Schwierig und oft bitter sind die verbleibenden Handlungsoptionen, deren Horizont sich gerade bei der aktuellen Beschleunigung des Pandemiegeschehens rapide verengt.

Sind dann vielleicht die Handlungsziele Verhandlungssache? Unter den jetzt erreichten Grenzbedingungen einer zweiten Welle wohl kaum. Kann es Zweifel daran geben, dass verhindert werden muss, das medizinische Personal vor Triage-Entscheidungen zu stellen, die dann über kurz oder lang unweigerlich dazu führen müssten, dass Tausende von Patienten unbehandelt zuhause oder auf der Straße sterben, wie das in den ersten Pandemiewochen in Wuhan der Fall war? Der vorhersehbare Zusammenbruch des Gesundheitssystems sowie die direkte Bedrohung des in ihm arbeitenden Personals sind jetzt nicht mehr hintergehbare limitierende Faktoren jeden politischen Handelns.

Es mag in diesem Sommer eine Zeit gegeben haben, in der die Handlungsspielräume größer waren, in der verschiedene Modelle zur Verfügung standen, so dass man sich bei sorgsamer Abwägung für klügere Varianten hätte entscheiden können. Ein gründlicherer Blick nach Ostasien, nach Taiwan, Hongkong, Japan oder Südkorea hätte hier helfen können. Er wurde durch einen selbstgefälligen Ethnozentrismus verstellt, auch wenn die betreffenden Korrespondenten vor Ort sich die Finger wund geschrieben haben. Ihre Botschaften kamen hier bei den Meinungsmachern und in den allgegenwärtigen Talkshows nicht an.

So ist der primäre Vorwurf, den man den Medien machen müsste, mit Sicherheit nicht der des Alarmismus. Wer bei einem Waldbrand “Feuer!” ruft, ist kein Alarmist. Vielmehr hätten die Medien viel klarer auf die vorhersehbaren Risiken der zweiten Welle hinweisen und vorbereiten müssen, statt sich in zweifelhafter Selbstbeweihräucherung auf den eher mittelmäßigen Erfolgen der ersten Eindämmungsmaßnahmen auszuruhen. Ein paar Lektionen in elementarer Mathematik, Statistik und in Public Health – wie sie beispielsweise die grandiose Mai Thi Nguyen-Kim angeboten hat, hätten eine größere Reichweite verdient.

Texte wie der von Ruß-Mohl zeugen von einer letztlich selbstverschuldeten Halbinformiertheit vieler Meinungsmacher. Etwa wenn er nach all diesen Monaten immer noch herumraunt, es sei unklar, wie viele Patienten AN und nicht nur MIT dem Virus verstorben seien. Das mag für Länder mit einigermaßen geglückter Prophylaxe gelten, aber ein nur halbwegs aufmerksamer Blick in Länder mit anderen Verläufen – zyklisch Italien, Spanien, die USA, Großbritannien, Belgien – hätte dieser Fehlwahrnehmung schnell ein Ende setzen können. Erstaunt und befremdet stellt Ruß-Mohl fest, dass die Medien in einer solchen Krisensituation nachfrageorientiert den Wissensdurst des Publikums zu stillen suchen. Sein Lamento über den angeblich immergleichen Expertenreigen ließe sich angesichts der Vielfalt von Perspektiven, mit denen die Medien in den letzten Monaten auf die absolut verständliche Nachfrage ihres Publikums reagiert haben, schnell widerlegen.

Wie gesagt, es sind Fehler gemacht worden. Ich würde diese – neben der schon erwähnten Ignoranz gegenüber den positiven und negativen Erfahrungen in anderen Ländern – eher darin sehen, dass der Perspektive der Querdenker, Sekten und Todeskulte, der uninformierten ‘Skeptiker’ viel zu viel Platz eingeräumt wurde. Dies obwohl eine große Mehrheit der Bevölkerung den Ausnahmecharakter der Katastrophenlage und die Notwendigkeit temporärer Einschränkungen nüchtern anerkannt hat. Auch wenn es problematisch klingen mag: Der Drang, zu jeder Meinung eine Gegenmeinung zu finden, liegt auch in den Genen unserer Medien, und er ist nicht immer segensreich – zumindest dann nicht, wenn keiner sich die Mühe macht, nachzusehen, was denn nun stimmt. Und so steht neben eitler Nabelschau und Ethnozentrimus der Relativismus im Zentrum dessen, was bei den Medien schieflief.

Verpasste Chancen: Screeningcenter in Korea
(Foto: Republic of Korea / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Die Politik hat derweil natürlich auch nicht alles richtig gemacht. Schon Mitte Juli hat Moritz Birk von der österreichischen Sektion von Amnesty International in einem Interview der ars electronica darauf hingewiesen, dass man bei einer Wiederholung einschneidender Maßnahmen anlässlich einer vorhersehbaren zweiten Welle strengere Bewertungsmaßstäbe an das staatliche und politische Handeln legen werde.

Jetzt sind wir so weit, und wieder sind wir in die Falle gelaufen, in eine Situation hineingesteuert, in der der Politik kaum noch Spielräume bleiben. Schuld daran ist aber nicht ein ‘Panikorchester’ der Medien. Schuld ist letztlich ein katastrophischer Naturprozess, der uns offensichtlich alle strukturell überfordert. In so einer Situation ist Furcht gar keine schlechte erste Reaktion. Wir können heute schon mal üben, wie wir mit der sehr viel größeren, bereits angelaufenen Klimakatastrophe umgehen wollen.

Und zwischenzeitlich können wir von Glück sagen, dass die Bundeskanzlerin eine Naturwissenschaftlerin ist und keine Medienwissenschaftlerin.

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Lorenz Lorenz-Meyer
Lorenz Lorenz-Meyer ist seit 2004 Professor für Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt. Nach seiner philosophischen Promotion an der Uni Hamburg arbeitete er von 1996 bis 2001 als Redakteur bei Spiegel Online und Zeit Online. Im Anschluss war er Internetberater für die Bundeszentrale für politische Bildung und die Deutsche Welle.

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