Corona-Bekämpfung durch allgemeine Depression?

Gesundheit durch Depression? Foto: Kilian Seiler auf Unsplash

Mein Thema ist das psychologische Muster der Coronapolitik. Zwar gibt es seit kurzem wohl die  Positiv-Perspektive eines Impfstoffs. Aber kaum gibt es den Hoffnungsstrahl, wird gleich darauf hingewiesen, dass mindestens noch ein Jahr bis zur Normalisierung des Lebens gewartet werden müsse. Also noch einmal die gleiche Dauer Ausnahmezustand, vielleicht sogar mehr, bis zur Rückkehr zu einem normalen Leben – wenn überhaupt, wie manche anfügen (z.B. Markus Lanz). Mein Eindruck: Die Regierung setzt auf eine allgemeine Depressions-Strategie. Nur durch Angst, Rückzug und Verlust an Lebenslust sei eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Das ist gefährlich und keineswegs alternativlos.

Karl Lauterbach nehme ich als einen besonders typischen Vertreter für ein Argumentationsmuster heraus, das von Söder und Merkel kaum weniger vehement vertreten wird. Es ist ein Muster, dem bisher eine große Mehrheit folgt, und das gleichzeitig eine wachsende Minderheit in radikale Gegnerschaft treibt. Es könnte sein, dass sich so politischer Sprengstoff ansammelt, der bei einer ungünstigen Entwicklung „hochgehen“ kann. Konkret: Aus den noch sehr vereinzelten Ausschreitungen wie in Frankfurt, Stuttgart, Neapel, Madrid, Leipzig und Berlin könnte dann ein Flächenbrand werden.

Um jeden Zweifel auszuräumen: Ich halte Covid19 für eine gefährliche und für Millionen lebensbedrohliche Infektion, wenn auch nicht vergleichbar mit Pest und Ebola. Handlungsbedarf ist unbestreitbar, der bei entsprechender Notwendigkeit auch vor unangenehmen Einschränkungen nicht halt machen darf. Ich kritisiere also die beschlossenen Maßnahmen nicht im Grundsatz. Ich kritisiere das psychologisch-argumentative Muster, das von vorne herein die eine Antwort als alternativlos adelt und die andere nicht einmal zur ergebnisoffenen Diskussion zulässt.

Intensivstation der Rechbergklinik Bretten (Foto: Lacu Schienred | wikimedia commons CC BY-SA 4.0)

Was ist das „Lauterbach-Muster“?

 Es appelliert an etwas tief Verwurzeltes, nämlich die uralte Erzählung vom breiten, bequemen Weg, der in die Hölle und dem steinigen, der in den Himmel führt. Und suggeriert, je härter und schmerzhafter die Maßnahmen jetzt – desto süßer bald die allgemeine Erlösung. Und das Muster schwappt über zu einer Haltung, die Schmerzhaftigkeit schon mit Lösung verwechselt. Die versteckte Botschaft: Positives dürfe es vor der großen Erlösung nicht geben

Wie kann diese These belegt werden? Ich hatte (im Mai) auf der Basis der bekannten virologischen Hauptaussagen in meinem Text „Ping-Pong der  Extreme“ Vorschläge gemacht, wie Hochrisikogruppen geschützt und wie ein Komfort-Lockdown im Herbst organisiert werden könnte. Vorschläge, die alles andere als genial sind, sondern einfach auf der Hand liegen und die Situation jetzt wesentlich hätten entspannen können. Ihr eigentlicher Mangel liegt nicht bei der praktischen Realisierbarkeit, sondern in etwas anderem. Nämlich dass sie nicht den Schmerz betonen, sondern auf eine möglichst positive Ausgestaltung ausgerichtet sind. Meine Vorschläge waren:

  • Für die Hochrisiko-Personen, die sich separieren sollten und wollen, werden spezielle Einkaufsstunden eingerichtet, auch spezielle Lieferdienste;
  • Personen unter ihnen, die sich digitaler Kommunikation nicht auskennen, werden dabei unterstützt.
  • Es gibt Fahrdienste, um für Spaziergänge in den Wald, überhaupt in die Natur zu kommen, damit Menschen ohne Auto nicht die Decke auf den Kopf fällt.
  • Für Begegnungen mit Verwandten könnten spezielle Begegnungsräume (wie in Gefängnissen seit Jahrzehnten üblich) eingerichtet werden – gerade für die Mehrheit der Risikopersonen, die glücklicherweise nicht in Heimen wohnen muss.
  • Auch könnten diese Menschen – unterstützt durch kompetente BeraterInnen – Kohorten von bis zu fünf befreundeten Menschen bilden, die untereinander intensiven Kontakt pflegen – bei weitgehender Abschottung nach Außen.

Eine seltsame Diskrepanz

Gut acht Monate sind ins Land gegangen, aber fast nichts dergleichen wurde organisiert! Jedenfalls für die Risikopersonen außerhalb von Heimen. Ist sie nicht seltsam, diese Diskrepanz? Zwischen der Vehemenz des Solidaritätsappells und dem, was tatsächlich für die Gefährdeten getan wird? Die Jüngeren sollen schmerzhaften Verzicht üben zugunsten der Risikopersonen. Der Tunnelblick erscheint einzig darauf ausgerichtet, Corona-Infektionen zu verhindern. Was mit den Menschen, auch den Gefährdeten, sonst passiert, wird kaum beachtet. Überspitzt ausgedrückt: Es erscheint zweitrangig, ob sie leiden oder sonst sterben, Hauptsache nicht an Corona! 

1500 Milliarden Euro dürfte der  Corona-Lockdown, ausgerufen im Namen der Gefährdeten, kosten, aber nichts wurde für professionell organisierte Dauererleichterungen ausgegeben.  Jedenfalls nicht vom Bund – im Gegensatz zum Grünen-Außenseiter-Oberbürgermeister Boris Palmer, der in Tübingen neben besonderen Einkaufsstunden für Gefährdete auch Taxifahrten zum Buspreis anbieten lässt.

Ebenso hatte ich im Mai einen mehrwöchigen Herbst-Lockdown vorgeschlagen, der lange vorher angekündigt werden sollte. Er hätte, eben weil er langfristig hätte vorbereitet werden können, viele positive Seiten gehabt: Schul- und Uni-Prüfungen hätten von vornherein gezielt auf die Zeit danach verlegt werden können. Ein solcher Lockdown hätte zu einem großen Programm zur Unterstützung des In- und Auslandstourismus werden können: getestet in den Flieger zum  dreiwöchigen All-Inclusive-Aufenthalt und nur getestet wieder aus der Hotelanlage heraus. Ein Angebot für die Party-Szene könnten zweiwöchige Disco-Party-Aufenthalte sein, ich denke z.B. an das katalonische Lloret de Mar. Wenn es zum Schluss doch Infektionen gibt, dann eben eine zweiwöchige Quarantäne-Verlängerung.

Warum kein Bemühen um positive Lösungen?

Meine Vermutung: Wegen des unausgesprochenen Musters: „Heilung nur durch Schmerz“. Darum  gibt es die Maskenpflicht draußen z.B. auf dem durchwindeten  Deck von Bodenseeschiffen oder in Innenstädten wie von Halle/Saale, wo es nur in seltenen Ausnahmefällen zu längeren Begegnungen kommt. Kein namhafter Virologe sieht draußen ein quantitativ relevantes Verbreitungsrisiko (Ausnahme Kundgebungen, Partys) – ganz im Gegensatz zu Aufenthalten in Innenräumen.

Foto: Tom Barret auf Unsplash

Fragwürdig wird auch das Ziel, die Virus-Verbreitung um buchstäblich jeden Preis zu verhindern. Nämlich dann, wenn es über das unbestritten richtige Ziel hinausgeht, die Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Denn je besser die vulnerablen Gruppen geschützt sind, desto weniger Gefahr geht von Infektionen bei Jüngeren aus. In diesem Zusammenhang wirkt es verdächtig, wenn auch bei schnell einsetzenden Impfungen – zunächst und wohl schnell bei Hochrisiko-Personen und systemrelevanten Berufsgruppen – eine Rückkehr zur Normalität frühestens im Herbst 2021 stattfinden soll. Wenn die Gefährdeten schon im März 21 nicht mehr an Covid19 erkranken können, warum dann noch einschneidende Beschränkungen?

Statt eines flexiblen problemorientierten Umgangs mit dem Coronaproblem zeichnet sich eine 1000%-Sicherheits-Obsession ab. So wenn Karl Lauterbach durch Panikmache die Jüngeren bei der Stange zu halten versucht. Wie anders lässt sich erklären, dass er auf Folgeschäden auch für junge Erkrankte hinweist, ohne die Zahlenverhältnisse offenzulegen.  Ob es sich um 2000 oder nur 20 Fälle handelt, erwähnt er nicht. Und begibt sich so leider auf das Niveau mancher „Impfgegner“, die ohne Nennung von Zahlenverhältnisse durch Aufbauschen einzelner Schadensfälle Angst vorm Impfen schüren wollen.

Ein Art Gesundheits-Staatstrauer

Ich unterstelle Karl Lauterbach keinen bösen Willen, sondern eine bei Idealisten im Politik- und Wissenschaftsbetrieb nicht seltene Haltung: „Du sollst keine anderen Lösungs-Götter haben neben mir!“ Und seine göttliche Botschaft lautet: Erst wenn die perfekte Impfstrategie durchgesetzt sei und rein niemand mehr infiziert sein könne, dann dürfe es Lockerungen geben. Bis aber diese ferne Belohnung verdient sei, habe eine Art Gesundheits-Staatstrauer zu gelten. Auch was aus epidemiologischen Gründen an Lockerungen oder positiven Lösungen unbedenklich sei, müsse aus quasi Pietätsgründen unterbleiben.

Ob Karl Lauterbach und Markus Söder tatsächlich im Innersten so denken, wie ich zu erkennen meine, ist nicht entscheidend. Sondern diese Wirkung auf die – oft jungen Menschen – die sich ihrer Lebensfreude beraubt fühlen. Wenn in ihnen auch nur den Verdacht aufkeimt, die Epidemie werde zum Vorwand für Machtmissbrauch, dann droht Schlimmes.  Depression und Aggression stehen in einem engen Verhältnis zueinander und schnell kann Niedergedrücktheit in Wut und Zerstörungswut umschlagen.

1 Kommentar

  1. Der Gedanke ist interessant, gerade weil er vermittelnd zwischen den Blöcken steht. Nur: Ist die Psychologie (von Herrn Lauterbach z.B.) tatsächlich die große, treibende Kraft, aus der sich die Diskrepanzen erklären lassen, die Du ansprichst? Ist die Cui-bono-Frage schon als solche eine Verschwörungstheorie – oder darf man sie stellen?

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