Kienbaum, übernehmen Sie

Foto: Kevin Bhagat auf Unsplash

Über Homeoffice — das in den Neunzehnhunderter Jahren als besonders ausbeuterische ungeschützte Heimarbeit bekannt war — kann so oder so geredet werden. Zum ersten So: Fabian Kienbaum, einst erfolgreicher Handballer beim Vfl Gummersbach, heute chief empowerment officer und als Geschäftsführender Gesellschafter Spitzenmann der Personalberatung Kienbaum Consultants (730 Mitarbeiterinnen in gut 20 Ländern, etwa 100 Millionen Euro Jahres-Umsatz), durfte am 9. November in einem Anzeigen-Spezial der Süddeutschen Zeitung (SZ) einen PR-Text schreiben. Seit 11. 09. steht das Gleiche mit ein paar anderen Worten auf der Kienbaum-Website als Pressemitteilung und am 17. 09. durfte Fabian K. das Ganze noch einmal im redaktionellen Teil „Forum“ der SZ publizieren.  „Das Ganze“ ist die Botschaft: „Unsere Arbeitswelt steht Kopf“ und Kienbaum Consults sagt den Führungskräften, wie sie wieder auf die Beine kommen.

„Die globale Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt binnen Wochen radikal verändert – und schon jetzt ist klar: ein Zurück wird es nicht geben“ beginnt der Pressetext und der Forum-Beitrag fährt fort: Das Arbeiten im Homeoffice mit Video- und Telefonkonferenzen sei nicht weniger als „ein Richtungswechsel“, ein „fulminanter Kulturwandel“, der natürlich den (von Kienbaum zu beratenden) Führungskräften „viel Mut und Kraft“, damit beinahe alles abverlange, weshalb die Zeit der „Mutgeberinnen“ und „Mutgeber“ gekommen sei. Homeoffice sieht Fabian K. als eine Variante von New Work; eine Wortwahl, so verzärtelt, dass Arbeit als müßiggängerische free time erscheint.

Das sind vielleicht Teufelsdinger

Was bisher war, war jedoch nur Aufwärmen. Das Spiel beginnt jetzt erst, erst jetzt kippt Kienbaum die  Management-Sprech-Schublade hochkant auf dem kleinen Zeitungsplatz aus: Antennen neu ausrichten, New Work als New Normal, Unternehmen mit Purpose, Ruder in die Hand nehmen, Herausforderungen stellen, Vertrauenskultur, Komfortzone der Konformität verlassen, Führungskräfte als Kümmerer und Ermöglicher. Es ist sogar, so Kienbaum, mit Homeoffice endgültig der Abschied von den „streng hierarchischen, häufig maskulin dominierten Command-and-Control-Prinzipien“ gekommen. Führung müsse — echt jetzt! — neu interpretiert werden; Kienbaum, übernehmen Sie!

Und irgendwie geht das alles von diesen nervigen stundenlangen Telkos,  Zoom-Konferenzen und Webex-Meetings aus, das sind vielleicht Teufelsdinger… ; wenn Gewerkschaften zum Streik aufrufen, kommen meistens nur zwei bis drei Prozent Lohnerhöhung raus und sonst bleibt alles beim Alten. Sollten die mehr Homework machen?

Mut – der entscheidende Muskel

Übrigens ist Mut — das ist das, was Führungskräfte für die „Brave New Work“ besonders brauchen — bei Fabian K. in diesen Virenzeiten zu einem Körperteil geworden, es ist nämlich heute „der entscheidende Muskel“, durch dessen „Training es gelingen kann, über den Tellerrand von Effizienz und Profit zu schielen“; näheres über die profithintersichlassende Gymnastik ist in dem Kienbaum- „Manifest für die Arbeitswelt von morgen“ nachzulesen, das kostenlos zu bekommen ist, aber nur zusammen mit Marketinginformationen „in regelmäßigen Abständen“.  

Wir gehen in den Endspurt: Der Tellerrand ist erklommen, und hinter ihm — gut sichtbar —  wartet schon ungeduldig die Nachhaltigkeit und das große radikale Werk, „die Seele des Unternehmens umzukrempeln“. Die echten Unternehmer haben es immer schon geahnt: Wer im Kleinen nachgibt, bei dieser harmlos erscheinenden „Mischform von Präsenzarbeit und virtueller Arbeit“, der wird Kulturrevolution und Systemwechsel ernten. O-Ton Kienbaum: „Wenn wir den Großteil unserer Lebenszeit mit Arbeit verbringen dürfen, dann sollte diese Zeit so erfüllend wie möglich sein.“

Das andere So

Auf Homeoffice kann aus der Perspektive von Fabian K. geblickt werden. Oder aus der von Sigrun Matthiesen. Sie fragt auf Bruchstücke: Wie bleiben die Beschäftigten noch streikfähig? Wie wird verhindert, dass die Arbeit zuhause nicht ausufert? Wer finanziert ein angemessenes ruhiges Arbeitszimmer, wer den schnellen Internetzugang, die rückenschonenden Möbel? Warum will die Mehrheit derjenigen, die im Monat weniger als 1500 Euro netto verdienen, nur ungern im Homeoffice arbeiten? Etwa weil ihr Arbeitszimmer, Garten, Balkon kleiner als der von Fabian K. ist und keine Kinderbetreuung parat steht? Und warum machen wir es nicht ganz anders, nämlich so: von Unternehmen finanzierte wohnortnahe kostenfreie Co-working-Spaces, mit gemeinsamen Küchen, Ruheräumen, Spielzimmern, zeitweiliger Kinderbetreuung… Das wäre vielleicht ein „fulminanter Kulturwandel“. Übernehmen Sie, Kienbaum?

Wolfgang Storz
Wolfgang Storz
Dr. Wolfgang Storz (*1954) arbeitet als Publizist, Kommunikationsberater und Coach, zuvor tätig bei Badische Zeitung, IG Metall und Frankfurter Rundschau. Das Foto gibt eine jüngere Ausgabe der Person wieder.

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