Bundespressekonferenz zum Einschlafen (sekundäre Produktionsempfehlung)

Man merkt schnell, dass man sich entspannt zurücklehnen kann, wenn ER spricht, denn darauf ist Verlass, dass er sicherlich keine unerwarteten oder überraschenden Aussagen machen wird. Grafik: Eva Streit

Ich bin  eigentlich ein  guter Schläfer.  Normalerweise reicht mir eine halbe Seite eines trockenen Buches  (meistens Geschichtsbände) und ich bin weg.  Während der endlos gleichen, unstrukturierten und  screenlastigen Tage dieser Pandemiezeit kann es aber mal vorkommen, dass  ich keine Ruhe finde. Dann greife ich inzwischen zielsicher zu meiner Geheimwaffe – der Bundespressekonferenz. Ganz  im Sinne  einer  sekundäreren Produktion, wie sie Michel de Certau beschrieben hat, benutze ich die  Bpk-Aufzeichnungen  nicht zur Informationsbeschaffung,  sondern als Audiolandschaft, die es mir  ermöglicht, absolute  Ruhe und Gemütlichkeit zu finden und einzuschlafen. Warum funktioniert das so gut?

Erstmal sind die Mitschnitte, die Tilo Jung im Podcastformat in voller Länge  hochlädt, schön  lang (mindestens eine  Stunde) – so kann ich mir also sicher  sein,  dass  ich das  Ende  wirklich nicht mehr mitbekomme. Dann  ist der  narrative  Rahmen  unglaublich beruhigend.  Symbolhaft dafür  steht für mich die Tonlage von Steffen  Seibert, mit der  er es erfolgreich meistert, allein durch  seine  Intonation die Abwesenheit von kommunikativer Kompromissbereitschaft und die Gravitas und Unumstürzlichkeit  der   getroffenen  Aussagen  zu  manifestieren  –  oft  noch   bevor   er  inhaltlich irgendetwas gesagt hat.  Man merkt  schnell,  dass  man  sich entspannt zurücklehnen kann,  wenn er spricht, denn darauf ist Verlass, dass er sicherlich keine unerwarteten oder überraschenden  Aussagen machen  wird.  Er  ist  jedoch  nur der Meister dieser  Disziplin, auch alle anderen Sprechenden handeln innerhalb eines  klar abgesteckten Kommunikationsprogramms, das  weder spontan ist, noch  irgendeine Form  menschlicher Regung durchschimmern lässt, und  das  ist sehr beruhigend.

Was jedoch fast noch  einschläfernder wirkt, sind die Dinge,  die nicht gesagt werden. Der  Klang  im Raum  und  die  einzelnen wahrnehmbaren Geräusche bezeichnen das, was  sich im Phänomen ASMR zusammenfassen lässt. Wikipedia sagt: Autonomous Sensory Meridian   Response  (abgekürzt ASMR) bezeichnet die Erfahrung eines  kribbelnden, angenehm empfundenen Gefühls  auf der Haut (sogenannte Tingles); oft ähnlich erlebt wie sanfte elektrostatische  Entladungen. Es beginnt typischerweise auf der Kopfhaut des  Hinterkopfs und bewegt sich entlang des Nackens und der oberen  Wirbelsäule bis in den Schulterbereich. Dieses  Gefühl  ist für die  meisten  Personen mit Entspannung, Beruhigung und Wohlbefinden verbunden. Vielen Menschen hilft ASMR beim Einschlafen.


Bild: Emma L. Barratt, Nick J. Davis, CC BY 4.0/ wikimedia commons

Das Hallen der Stimmen im Pressezentrum lässt den Raum hörbar werden, in dem wir uns befinden. So werden die angesprochenen, beruhigenden Grenzen dieses Szenarios auch in der Geräuschhaftigkeit deutlich. Darüber hinaus  verleiht es den Stimmen ein gewisses Vibrieren,  eine sphärische Ausbreitung über die natürliche Kapazität der menschlichen Stimme hinaus.

Das mannigfaltige ASMR-Material,  das man online findet, lässt sich in zwei Kategorien aufteilen: Die mit Stimme und die ohne. Die Videos, die eine sprechende Person beinhalten,  simulieren in der  Regel gut bekannte, klar abgesteckte Situationen, in denen ein kompetentes Gegenüber  (oft flüsternd -> Vibrieren  der  Stimme)  im ruhigen Ton erklärt,  was uns  fehlt, was zu tun ist, oder einem andersartig deterministische Aussagen entgegenraunt. Die andere Kategorie im ASMR sind die Videos, die sich auf Sound allein beschränken. Wer auf diese Art von Geräuschen sensibel reagiert, für den ist die Bundespressekonferenz ein Sinnesfest:

Wenn  Frau  Adebahr vom  Auswärtigen Amt  scharf  die  Luft einsaugt, bevor sie eine Antwort  auf ein heikles Thema gibt,  wenn sich aufgerufene Presseleute räuspern, bevor sie ihre Fragen fragen dürfen, wenn Kugelschreiber, Mikroständer oder anderes Gerät  klappert oder Gegenstände auf Tischplatten oder furnierten Stühlen abgelegt werden. Die Auslöser  von dicken Spiegelreflexkameras, in Gläser  gegossenes Wasser  (besonders schön,  wenn  kohlensäurehaltig), das  Sortieren oder Umblättern von Papierseiten und Absätze, die übers Parkett  klappern. Das ist das  Wimmelbild aus Geräuschen, das ich so unglaublich beruhigend finde.  Eigentlich kann man das ganze vorhersagbare Gerede auch lediglich als eine rechfertigende Rahmenhandlung für die köstliche  Geräuschkomposition verstehen, die ich jedem mit Einschlafstörungen gerne ans Herz legen möchte.

Gute  Nacht.

Haus der Bundespressekonferenz zu nachtschlafender Zeit
(Foto: Ansgar Koreng, CC BY-SA 3.0 de/ wikimedia commons)
Eva Streit
Eva Streit, in Starnberg geboren, lebt seit 2011 in Berlin, studiert nach einem unvollendeten Kunststudium Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste (UdK) Berlin. Im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis, ihrer Jobs im Content- und Strategiebereich, sowie ihrer Tutorenstelle am Institut für Strategische Kommunikationsplanung beschäftigt sie sich mit verschiedenen Kontexten von Kommunikation.

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