Charles Cunningham Boycott und die Macht der Verbraucher:innen

Bild: Gordon Johnson auf Pixabay

Zuerst einmal: Verbraucher:innen können nicht streiken. Sie könnten sich höchstens dagegen wehren, als solche tituliert und somit zu einer Schrumpfform menschlicher Existenz herabgewürdigt zu werden. Verbrauchen tun wir alle. Darin liegt die Albernheit der Beschreibung. Trotzdem ließe sich sagen, dass große Menschengruppen, die sich weigern, das eine oder andere auch fürderhin zu kaufen und zu verbrauchen, eine Art Streik durchführen. Im digitalen Zeitalter kann dies auch weitaus einfacher als früher zu einer machtvollen Ansage werden, die Unternehmen zwingt, Änderungen vorzunehmen, zum Beispiel im Umgang mit ihren Mitarbeitenden oder an der Produktpalette.

Es wäre sicher für die Umwelt und unsere Zukunft von nicht unwesentlichem Vorteil, kaufte niemand mehr einen SUV. Reden wir trotzdem, statt von Streik, vom Boykott, mit dem es seit vielen Jahrhunderten Menschen gelingt, etwas an den Verhältnissen zu ändern. Und bleiben wir beim Einzelnen, bzw. einer kollektiven Handlung, denn der Boykott als organisiertes, wirtschaftliches oder politisches Druckmittel dient Personen, Gruppen von Personen, Unternehmen und Staaten als Zwangsinstrument, Interessen durchzusetzen. Kollektive Verweigerungshaltung also, ökonomisch, politisch, sozial.

Mit dem Boykott einher geht die Ächtung, und er ist eine gewaltfreie Form des Widerstandes, der Gegenwehr, der Abwehr. Gut oder böse, richtig oder falsch – der Boykott an sich setzt nicht voraus, so oder so gedacht zu sein. Denn im finstersten Kapitel unserer Geschichte war auch »Kauft nicht beim Juden!« ein Boykott, initiiert von den Nationalsozialisten, und fast alle haben mitgemacht.

Charles Cunningham Boycott (1832-1897), eine Karikatur aus Vanity Fair von Leslie Ward

Tatsächlich geht der Boykott auf einen Mann gleichen Namens zurück, Charles Cunningham Boycott, ein in Irland lebender, englischer Grundstücksverwalter, der nach dem Aufruf eines irischen Nationalistenführers zum gewaltlosen Widerstand keine Pächter mehr für sein Land fand. Er wurde »boykottiert« – und zwar erfolgreich. Quäker in den USA boykottierten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Waren, die durch Sklavenarbeit entstanden waren, und Gastgeber, die Sklaven hatten. Gandhi begann 1920 seine »Kampagne der Nichtkooperation«, mit der Waren, die unter dem Handelsmonopol der Briten (Besatzungsmacht) standen, boykottiert wurden. Rosa Parks steht für den Beginn der Bus-Boykotte, initiiert durch die USamerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Der Boykott, der kein Streik ist, aber sehr wohl im Charakter einem Streik ähneln kann, ist eine machtvolle Demonstration gegen etwas. Und es gibt interessante Beispiele, auch in der jüngeren Geschichte, die es angeraten erscheinen lassen, über diese gewaltfreie Kampfform (Wikipedia schreibt, der Boykott sei eine Untergruppe innerhalb der 198 gewaltfreien Aktionsformen, die man zu kennen meint) nachzudenken und sich ihrer Möglichkeiten zu bedienen. Das mit dem SUV wird nicht klappen, auch wenn es toll wäre. Aber im Zeitalter verschärfter und zunehmender Finanzialisierung aller Lebensbereiche lässt sich (wie eigentlich immer) aus der Geschichte lernen.

Als am 1. Juni 1969 die überwiegend im Besitz der Preussen Elektra befindlichen hannoverschen Verkehrsbetriebe (Üstra) die Preise massiv erhöhten – sie nannten es neue Fahrpreisstruktur –, wurde die Aktion »Roter Punkt« ins Leben gerufen. Zwei Studenten des Asta der TU Hannover bastelten ein Flugblatt. Auf dem wurde die Preiserhöhung kritisiert und der Vorschlag gemacht, Autofahrende mögen Menschen, die kein Auto haben, mitnehmen. Um diese Bereitschaft zur kostenlosen Mitnahme zu signalisieren, sollten sie sich einen roten Punkt an die Windschutzscheibe kleben. Das funktionierte, begleitet von Sitzblockaden und Demonstrationen, die mit Wasserwerfern und Tränengas bekämpft wurden. Am 12. Juni mussten die Verkehrsbetriebe für eine Woche die Arbeit einstellen. Am Ende solidarisierte sich die Stadtverwaltung Hannover mit der Bewegung, die Üstra nahm die Preiserhöhung zurück, ein Jahr später wurde sie in einen kommunalen Dienstleister umgewandelt.

Die einen haben es nicht nötig. Die anderen sind in Not

Als hierzulande erfolgreichster Boykott gilt der 1995 erfolgte Aufruf von Umweltverbänden, Tankstellen von Shell zu meiden. Vorausgegangen war das Bekanntwerden der Planung, die Ölplattform Brent Spar zu versenken. Auf der Seite von Greenpeace heißt es: »Die Brent Spar, 190 Kilometer nordöstlich der Shetland-Inseln im Meer verankert, diente von 1976 bis 1991 als Rohöl-Zwischenlager. Aus finanziellen und technischen Gründen wollte Shell den Stahlkoloss mitsamt rund 130 Tonnen Ölschlämmen, Schwermetallen und radioaktiven Abfällen einfach im Meer versenken. Nach einer beispiellosen Kampagne gegen die geplante Versenkung lenkte Shell im Juni 1995 ein: Die Brent Spar sollte nun doch an Land zerlegt werden. Seit 1998 gilt zudem ein generelles Verbot für Plattformversenkungen.«

Daraus ließe sich wirklich Mut schöpfen. Allerdings ist eines klar: So etwas funktioniert nur, wenn es – wie bei Shell – ausreichend Alternativen gibt. Denn die damalige Anstrengung der »Verbraucher:innen« bestand darin, an der Shell-Tankstelle vorbeizufahren und sich eine andere zu suchen, nicht etwa darin, das Auto stehen zu lassen. Es ist, das zeigen die Erfahrungen der Geschichte, möglich, große Menschengruppen unter einem »kollektiven Interesse« oder in einer »kollektiven Empörung« zu vereinen. Und das sollte auch nicht unterschätzt werden. Aber so wenig, wie man Wohlhabende (Ausnahmen gibt es natürlich) dazu wird bringen können, auf ein Statussymbol wie den SUV zu verzichten, so undifferenziert und arrogant wäre es, zu glauben, man könne Menschen, deren Existenz prekär ist, davon überzeugen, das Fleisch künftig im Biomarkt zu kaufen oder sich doch lieber gleich lecker vegetarisch zu ernähren. Die einen haben es nicht nötig. Die anderen sind in Not.

Unter der Überschrift “Die Macht der diffusen Gruppe ” erschien der Beitrag zuerst in der Juni-Ausgabe von OXI zum Thema Streik.

Kathrin Gerlof
Kathrin Gerlof ist Chefredakteurin der Wirtschaftszeitung OXI, Filmemacherin, Texterin und Schriftstellerin. „Nenn mich November“ ist der Titel ihres jüngsten, im Aufbau-Verlag erschienen Romans. Als freie Journalistin schreibt sie für verschiedene Medien.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: