Zorn, der Geschichte macht

Es sieht aus wie ein schmales, schwarzes Notizbuch. Und Notizen, Beobachtungen und nachdenkliche Überlegungen sind es, die James Baldwin aufgeschrieben hat. Seinen Essay „Fremder im Dorf“ schrieb er 1955 in Leukerbad. Die Mutter seines Freundes hatte ihm ihr dortiges Chalet zur Verfügung gestellt. Mit einer Schreibmaschine im Gepäck zog der schwarze New Yorker mit Pariser Adresse in das Thermalbad: „Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, hatte vor mir kein schwarzer Mann dieses kleine Dorf in der Schweiz jemals betreten.“ So beginnt Baldwin seinen Essay, der vor zehn Jahren erstmals in deutscher Übersetzung in der edition sacré in Zürich erschienen ist. Ohne Seitenzahlen und eine ISBN-Nummer. Und doch ein kleines, wertvolles Fundstück zum Thema Zorn der Schwarzen, der Minderheiten in den USA, Europa und weltweit [… in diesen Tagen, in welchen ein Papst Kanada besucht, um sich bei der indogenen Bevölkerung für seine Kirche zu entschuldigen].

Den Text gilt es gerade heute wieder zu entdecken, da Rassismus und Antisemitismus wüten, die Vernichtung der europäischen Juden und die kolonialen Verbrechen der Sklaverei gegeneinander aufgerechnet, gar gewichtet und in „kulturspezifische“ Rangfolgen gebracht werden, wie jüngst durch ein riesiges Plakat der Agitprop-Kunst auf der „documenta“ in Kassel. Für die zumindest in Deutschland häufig vergiftete Auseinandersetzung hilft es, Baldwin in dem Schweizer Badeort (der nicht mehr so verschlafen ist wie vor über einem halben Jahrhundert) zu begleiten und mit ihm durch die Dorfstraße zu gehen, wo ihn Menschen berühren wollen, um zu sehen, ob seine Haut nicht abfärbt, wo Kinder schnell aufgeschnappt haben , was Schwarzen in Amerika abschätzig und verachtend nachgerufen wird. Diese Kinder nimmt Baldwin in Schutz, „sie können nicht wissen, welches Echo sie damit in mir auslösen.“

In der Dorfkirche von Leukerbad…

Anders geht er mit der Geschichte über die christliche Mission in Afrika um, die in der Dorfkirche von Leukerbad zu jener kleinen (auch in Deutschland bekannten) schwarzen Kinderfigur geführt hat, die mit dem Kopf nickt, wenn ein Geldstück in einen Schlitz geworfen wird. Mit dem gesammelten Geld, so erfährt Baldwin im Dorf, „kauften“ Missionare in Afrika schwarze Kinder für die Kirche. Diese Form der Eroberung durch erkaufte Bekehrung stellten die Dörfler nicht einmal ansatzweise in Frage, registriert Baldwin im Jahr 1955. „Ich hingegen finde mich ohne jeden Gedanken an Eroberung unter Menschen wieder, deren Kultur mich beherrscht, mich sogar in gewisser Weise erschaffen hat (…)“. Amerika mit seiner weißen Siedlerschicht sei ein Produkt Europas, „die Bewohner dieses Dorfes aber haben Amerika nie gesehen (…). Trotzdem bewegen sie sich mit einer Autorität, die ich niemals haben werde, und betrachten mich zu Recht nicht nur als Fremden in ihrem Dorf, sondern auch als verdächtigen Nachzügler, als jemanden, der keine Ansprüche auf etwas erheben kann, was sie, wie unbewusst auch immer, als ihr Erbe betrachten.“ Die europäische Kultur zum Beispiel von Dante bis Rembrandt, von Bach bis Beethoven in einer kulturellen Blütezeit, in der Missionare und Sklaverei „sein“ afrikanisches Dorf eroberten. Er schreibt „ich“: „ich aber war in Afrika und sah die Eroberer kommen“.

James Baldwin: Fremder im Dorf. Ein schwarzer New Yorker in Leukerbad
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao
28 S., brosch. | Edition sacré/Ricco Bilger |Zürich 2011/2012 | 11€ (plus Versandkosten)

Mit seinen Gedanken zur Überlegenheit der Weißen und dem Zorn der schwarzen, rechtlosen Sklaven, die heute, wie er, amerikanische Bürger seien, verlässt James Baldwin das Dorf und findet wuchtige, immer noch gültige Sätze: „Es ist ein Zorn, der allgemein geringgeschätzt und kaum verstanden wird, selbst von denen, deren tägliches Brot er ist; und doch gehört er zu den Dingen, die Geschichte machen. Zorn lässt sich nur schwer und nie ganz von der Vernunft beherrschen und ist daher nicht empfänglich für Argumente, egal welche. Das ist eine Tatsache, die gewöhnliche Vertreter des Herrenvolks nicht im geringsten begreifen können, weil sie diesen Zorn nie empfunden haben. Zudem lässt er sich nicht verstecken, sondern allerhöchstens tarnen. (…) Zweifellos gibt es ebenso viele Methoden, mit den daraus entstehenden Spannungen umzugehen, wie es Schwarze auf der Welt gibt, doch kein Schwarzer kann darauf hoffen, von diesem Zwiespalt in seinem Inneren ganz erlöst zu werden. (…) Der Schwarze versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu erreichen,, dass der Weiße ihn nicht länger als exotische Rarität betrachtet, sondern als menschliches Wesen anerkennt. Das ist ein überaus aufwühlender und schwieriger Prozess, denn hinter der Unbefangenheit des Weißen steckt eine Menge Willenskraft. Die meisten Menschen neigen von Natur aus weder zur Reflexion noch zur Bösartigkeit, und daher hält der Weiße den Schwarzen lieber auf einem gewissen menschlichen Abstand, weil es so leichter für ihn ist, seine Unbefangenheit zu bewahren und der Möglichkeit aus dem Weg zu gehen, dass man ihn für die Verbrechen seiner Vorfahren oder Nachbarn zur Rechenschaft zieht. Trotzdem ist ihm völlig bewusst, dass er eine bessere Stellung in der Welt einnimmt als Farbige, und er kann auch den Verdacht nicht ganz ausräumen, dass er deshalb von ihnen gehasst wird.“

„Eine Welt, die nicht mehr weiß ist und es nie wieder sein wird“

Das Nachdenken im Schweizer Dorf über den Zorn und Hass, die Überlegenheit einer (weißen) Mehrheit und ihre Furcht, Privilegien und Status zu verlieren, führen James Baldwin zurück in seine Heimatstadt New York und seine Existenz als schwarzer Bürger der USA. „Die Wurzel des amerikanischen Rassenproblems liegt in der Notwendigkeit, dass der weiße Amerikaner eine Möglichkeit finden muss, mit den Schwarzen zusammenzuleben, um mit sich selbst zusammenleben zu können. (…) Das daraus resultierende Spektakel, albern und schrecklich zugleich, veranlasst jemanden zu dem durchaus zutreffenden Ausspruch, Schwarzer-in Amerika sei eine Form von Wahnsinn, die den Weißen ereilt“. Wem fielen bei diesem Bild nicht die Erstürmung des Kapitols oder polizeiliche Jagdszenen gegen unbewaffnete Schwarze ein. Und so schreibt denn auch James Baldwin vor über einem halben Jahrhundert: „In dieser langen Schlacht, die noch keineswegs beendet ist und deren unvorhersehbare Folge noch vielen zukünftigen Generationen zu schaffen machen werden, ging es dem weißen Mann darum, seine Identität zu schützen; der Schwarze hingegen musste sich seine Identität erst schaffen.“

Diese Kämpfe um Identität sind weder in den USA noch in Europa abgeschlossen, entfachen immer wieder Wut und Zorn, auch Radikalitäten und geschichtslose Ausgrenzungen, wie die Forderung schwarzer Studierender, weiße europäische Denker von Platon bis Kant aus universitären Lehrplänen zu streichen. Im Schweizer Dorf Leukerbad hoffte James Baldwin damals auf einen neuen Schwarzen und einen neuen Weißen. „Vielleicht erweist sich diese Erfahrung eines Nebeneinanders von Schwarz und Weiß eines Tages als unentbehrlicher Wert in der Welt, vor der wir heute stehen. Eine Welt, die nicht mehr weiß ist und es nie wieder sein wird.“ Welch ein Schlusssatz.

Unter dem Titel „Ein Fundstück zum Zorn“ erschien der Beitrag zuerst auf Faustkultur.

Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik", des Blogs "Faust-Kultur".

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