Mit Atomkraft den explosivsten Weg wählen

Allein eine zeitlich begrenzte Tageslektüre aktueller Medien, kaum länger als zwei Stunden an diesem Samstag, belegt, wie explosiv und geistig begrenzt jegliche Überlegung ist, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Vier Nachrichten, die Streckbetriebs-Propagandisten als ideologisch fixiert und/ oder interessenborniert erscheinen lassen.

Nachricht 1: Wie AKW`s kühlen ohne Wasser?

Das Atomkraftwerk Beznau, Schweiz, musste den Betrieb einschränken, weil das Kühlwasser aus dem nahegelegenen Fluss Aare wegen der anhaltenden Hitze zu warm geworden ist.

Atomkraftwerk Beznau 1967 (Foto: Werner Friedli auf wikimedia commons)

Weil Frankreich seit Wochen quasi austrocknet — anhaltende Dürre, Hitze, vertrocknete Ernten, viele Waldbrände —, können die 56 Atomkraftwerke den Flüssen vielerorts nicht ausreichend Kühlwasser entnehmen, entweder weil es zu wenig gibt oder bereits zu warm ist. Sie produzieren auch deshalb — es gibt noch weitere Gründe wie auffallend häufige Wartungen — deutlich weniger Strom als im Normalbetrieb; weniger als die Hälfte dieser AKW`s ist im Moment mit voller Kraft am Netz. Zum Ausmaß der Wassernot in Frankreich nur diese Zahl: In 93 von 96 Festland-Departements ist die Nutzung von Wasser eingeschränkt. In 62 Departements wurde der Krisenfall ausgerufen. Das heißt konkret: keine Bewässerung von Grünflachen, keine Reinigung von Oberflächen, auch die Bewässerung in der Landwirtschaft ist grundsätzlich untersagt; in Deutschland würde in einem vergleichbaren Fall vermutlich die wöchentliche Reinigung der Personenkraftwagen ausgenommen werden.

Nachricht 2: Wasserland Deutschland?

Deutschland gilt grundsätzlich als wasserreiches Land. Aber auch hier haben die Kämpfe um dieses rarer werdende Gut bereits begonnen. Zumindest warnt der Zweckverband Wasserversorgung Stadt und Landkreis Offenbach bereits vor dem weiteren sorglosen Verbrauch von Trinkwasser, das bei uns fahrlässig und verschwenderisch für Trinken, Duschen wie Toilettenspülung gleichermaßen verwendet wird. Denn: Der Grundwasserspiegel sinke seit Jahren ständig ab. Die grüne Offenbacher Umweltdezernentin Sabine Groß warnt vor „weitreichenden Folgen für die lokale Wasserversorgung“. Ob der Konzern Coca Cola, der im Landkreis Lüneburg einen dritten Brunnen bauen will, oder der Autobauer Tesla in Brandenburg — überall gibt es bei solchen Vorhaben inzwischen Bürgerproteste und Streit um die Frage, wer kriegt dieses teure Gut Wasser und wer nicht.

Nachricht 3: Unsere ach so sicheren AKW`s als potentielle Atombomben.

Solange wir Krieg in nächster Nähe haben und Diktatoren wie Wladimir Putin auch Deutschland erpressen wollen, ist jedes Atomkraftwerk eine potentielle Atombombe. Wer will um diesen Fakt schon herumreden.

Daran ändert auch die Zusicherung des Atomkraftexperten Friedrich Merz nichts, der sich — wie spiegel-online meldete – im Innersten von Isar 2 (vermutlich also dort, wo die Brennelemente aufgehängt sind, und wo niemand außer Markus Söder und Friedrich Merz den Aufenthalt ohne anschließende längere Einweisung auf eine spezialisierte Intensivstation überlebt) davon überzeugte: Natürlich könne das alles hier ohne Bedenken weiterlaufen.

Während spiegel-online das berichtet, spielt auch noch diese Nachricht, gerade zwei Tage alt, eine wichtige Rolle: Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) warnt vor einem Nuklearunfall im ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja im Südosten der Ukraine. Die Lage in Europas größter Atomanlage sei „komplett außer Kontrolle“, erklärte IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi. Die Anlage ist bereits seit Anfang März von russischen Truppen besetzt. Der im Werk angefallene hochradioaktive Atommüll wird zudem an Ort und Stelle gelagert. Entsprechend massiv ist das strahlende Inventar, das sich dort befindet.
In den vergangenen Tagen kam es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen um dieses Atomkraftwerk.

Nachricht 4: „Erneuerbare warten auf Schwung“

Insofern sind Erneuerbare Energien nicht nur „Freiheits-Energien“, so die liberale Führungskraft Christian Lindner, sondern auch Sicherheits-Energien. Nur ein Argument: Ohne die zig Milliarden Dollar Einnahmen aus den Öl- und Erdgas-Geschäften der letzten 20 Jahre könnte Putin-Russland den Ukraine-Krieg gar nicht führen; und die hätte er nicht erzielen können, wenn bereits die rotgrüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder mit voller Kraft auf diese Energien und nicht auf Putin-Gas gesetzt hätte. Aber: Obwohl diese Energien nur Vorteile haben — sie sind sicher, quasi unerschöpflich, schonen die Natur, verschwenden kein Wasser —, werden sie von den meisten Verantwortlichen (FDP, Union, SPD) nur halbherzig gefördert, nur die Grünen tun alles, um Schwung in deren Verbreitung zu bringen; vermutlich sind bei den Altparteien die Einflüsse der Kohle- und Atomindustrie immer noch viel zu stark. So kommt sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung, nicht unbedingt eine publizistische Freundin von solchem neuen Zeug, in einer ausführlichen Analyse zu dem Schluss, sogar mit leicht klagendem Unterton: „Erneuerbare warten auf Schwung. Dynamik für Solar- und Windbranche überschaubar.“

Wie kann die Mehrheit einer Gesellschaft und ihrer Eliten vor diesen Hintergründen Hintergrund sogar in einer Notzeit unverändert auf eine explosive Technik setzen und ebenso friedliche wie freiheitliche Energien vernachlässigen, und diese machbare Alternative mit leicht(sinnig)er Hand zur Seite schieben? Um aufschlussreiche Antworten wird gebeten.

Wolfgang Storz
Dr. Wolfgang Storz (sto), (*1954), arbeitet als Publizist, Kommunikationsberater und Coach, zuvor tätig bei Badische Zeitung, IG Metall und Frankfurter Rundschau. Das Foto gibt eine jüngere Ausgabe der Person wieder.

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