Kampflustige Promis: Männlichkeit in Zeiten des Krieges

Foto: Magnussen, Friedrich (1914-1987) auf wikimedia commons

In der Raucherecke unseres Jungengymnasiums trafen sich die Meinungsführer, manche pafften nur. Optisch dominierte die Farbe olivgrün, das lag an den Bundeswehr-Parkas, in den 1970er Jahren trug sie mindestens jeder zweite Schüler. Ich mochte den Military-Look nicht, bevorzugte meinen Dufflecoat mit den altmodischen Knebel-Verschlüssen. Der Kampfanorak mit Deutschland-Fahne am Revers passte weder zu den langen Haaren noch zu unserer Haltung zum Militär. Denn wir waren fast alle Pazifisten, und als die Musterung kam, versuchten manche, untauglich zu sein, andere flohen nach (West)Berlin, wo man wegen des Vier-Mächte-Status unbehelligt blieb. Der Rest verweigerte und leistete Zivildienst.

500 Meter vom Eigenheim meiner Eltern entfernt lag eine britische Kaserne. Auf der anderen Seite der Hauptstraße standen schnell hochgezogene Billighäuser für Soldaten, es sah aus wie in einer nordenglischen Arbeiterstadt. Die hohen Dienstränge wohnten in der Gegenrichtung, doch auch in dieser besseren Gegend waren die Grundstücke schmucklos. Gärtnern lohnte sich nicht, die meisten “Besatzer” blieben nur wenige Jahre. In dieser Nachbarschaft holte sich mein anglophiler Vater Unterstützung: Ein Offizier half ihm beim Englisch-Examen für das nachgeholte Lehramt an Berufsschulen. Als 12-Jähriger fuhr ich mit ihm nach London. An der Speakers Corner im Hyde Park, wo jeder öffentlich reden darf, was er will, erklärte er mir die Demokratie. Ressentiments gegen Großbritannien habe ich aus seinem Munde nie gehört, nur Bewunderung.

Auch zu Russland hat er sich nicht abfällig geäußert. Ende der 1920er Jahre geboren, gehörte er zur skeptischen Generation, ein Begriff des Soziologen Helmut Schelsky. Diese Alterskohorte wurde um ihre Jugend betrogen, musste die Schule abbrechen, um in letzter Minute noch eingezogen zu werden. Mit 17 landete mein Vater bei einer Ausbildungseinheit der Marine im ostfriesischen Leer.

Neuanfang um den Preis der Verdrängung

Dass “der Russe kommt”, hörte ich eher von meiner vertriebenen Mutter. Sie erlebte auf der Flucht die Bombardierung Dresdens. Nach Kriegsende kehrte sie nach Schlesien zurück, aber das frühere Wohnhaus war mit Neuankömmlingen aus Ostpolen belegt. Sie arbeitete als Dienstmädchen, wurde 1947 endgültig ausgewiesen. In ihrer Herkunftsfamilie hat sie als einziges Kind überlebt. Ein Trauma, würde man heute analysieren, damals interessierte das niemanden. Ob sie vergewaltigt wurde, weiß ich nicht, sie hat darüber nie geredet. In Erinnerung geblieben sind mir ihre Berichte über den unheimlichen und bedrohlichen Osten: ein imaginiertes fernes Land, wo Wölfe leben – und der böse Iwan.

Wie die meisten Deutschen wollten meine Eltern einen Neuanfang, um den Preis der Verdrängung und der Unfähigkeit zu trauern. Die 1950er und 1960er Jahre wurden zu einem letzten Hoch für das Christentum  und für die Partei, die ihre religiöse Orientierung bis heute im Namen trägt. Mit acht Jahren ging ich zur Heiligen Kommunion – in einer “Mischehe”, wie man sie damals nannte, mussten die Kinder katholisch getauft sein. Das Wertesystem zu Hause aber war protestantisch, wegen meiner Mutter. Sie machte sich lustig über ihren Mann, wenn der sonntags den obligatorischen Kirchgang absolvierte. Der Clash der Konfessionen ersparte mir das Messdienertum, vom Schulfach Religion habe ich mich so schnell wie möglich abgemeldet (Freistunde!), ohne Protest zu ernten. In der Spätpubertät las ich Hesse, Sartre und Kierkegaard, schwankte zwischen Existenzialismus, Buddhismus und Philosophie.

Doch das christliche Erbe war nicht völlig verschwunden. Jesus, wie er sich der Brutalität im römischen Palästina mit Gewaltlosigkeit entgegenstellt, blieb eine imponierende Figur. Meine schriftliche Begründung zur Kriegsdienstverweigerung war vom Konzept der Nächstenliebe geprägt, wie sie in der Bergpredigt zum Ausdruck kommt. Mit politischen Analysen zur Rolle der USA in Vietnam konnte man den Prüfern der Gewissensgründe ohnehin nicht kommen. Ich fiel trotzdem durch, wusste danach wenig mit mir anzufangen. Erneut traf ich eine christliche Wahl, wurde “Jahreshelfer” in einer von Nonnen geleiteten Psychiatrie im westlichen Münsterland. Die dort untergebrachten Patientinnen hatten nur dank der couragierten Predigten des Kardinals Clemens August Graf von Galen die Euthanasie-Morde der Nazis überlebt.

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) brach ich nach acht Monaten ab, in zweiter Instanz wurde ich endlich als Verweigerer anerkannt, doch das FSJ zählte nicht. Im Zivildienst war ich Pfleger auf einer Krebsstation der Uni-Kinderklinik, die vollen 16 Monate lang. Zusammengerechnet habe ich dem Staat zwei Jahre für ein Taschengeld “gedient”. Da können Anton Hofreiter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann nicht mithalten. Ihre biografische Bilanz ist simpel: null Monate. Und so machen sie auch Politik.

Berlin, Mai 1990: Demonstration zur Abschaffung der Wehrpflicht
(Foto: ADN, Settnik auf wikimedia commons

Die neue Wehrhaftigkeit

Campino stellt alte Grundsätze auf den Prüfstand”, schrieb im Mai 2022 die Frankfurter Rundschau. Auf den Ukraine-Krieg angesprochen, bekannte der Rocksänger, passenderweise Frontmann einer Band mit dem Namen „Die toten Hosen“: Er persönlich habe 1983 den Kriegsdienst verweigert, aber “das würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr tun”. Zuvor hatte sich ein noch bedeutenderer Prominenter vom Antimilitarismus losgesagt: Olaf Scholz, Erfinder des Unwortes „Zeitenwende“. Wie Campino gehört der Kanzler zu jener mehrere Millionen Männer umfassenden Gruppe in Deutschland, die den Kriegsdienst verweigert hat. Gleich nach der russischen Invasion polemisierte der Münchner Journalist Tobias Haberl im Spiegel gegen angeblich verweichlichte Männer. Unter der reißerischen Überschrift “Pesto schützt nicht vor Pistolen” forderte er mehr “Männlichkeit in Zeiten des Krieges”. In den Zeitungen häuften sich die Klagen über die mangelnde “Wehrhaftigkeit” des deutschen Mannes. Der Tonfall erinnert an AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und dessen Forderungen nach mehr “Maskulinität”.

Solche Appelle wurden plötzlich in der bürgerlichen Mitte salonfähig, trotz ihrer problematischen Anschlussfähigkeit an nationalmilitaristische und -sozialistische Diskurse. Mit ähnlichen Argumenten hatten die Nazis die Freizügigkeit der Weimarer Republik kritisiert. Später kämpften deutsche Männer “hart wie Kruppstahl” für Familie, Frauen und Kinder – und töteten Millionen nichtdeutscher Familien, Frauen und Kinder. Die mit Abstand meisten zivilen und militärischen Opfer beklagte im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion: Von 27 Millionen Toten gehörten 7 Millionen zur Zivilbevölkerung. Auch der Schriftsteller Ralf Bönt hatte im vergangenen August im Freitag öffentlich bekannt, dass er den Wehrdienst heute nicht mehr verweigern würde, lieber läge er „bewaffnet hinter einem Sandsack und trüge zum Kampf um die Zukunft bei” (Ausgabe 22/2022).

In den Schützengraben könnten ihn Hofreiter und Strack-Zimmermann begleiten. Als die FDP-Waffennärrin von der heute-Show gefragt wurde, ob sie “gedient” habe, konterte die 64-Jährige mit fragwürdiger Ironie, sie sei „gut für den Volkssturm“. Das war so wenig witzig wie jüngst Annalena Baerbock, die bei der Verleihung des Aachener Ordens wider den tierischen Ernst verkündete, sie sei bewusst nicht als Leopard kostümiert erschienen. Darauf einen Tusch!

Die kampflustigen Promis finden derweil im gemeinen Volk nur wenige Nachahmer. Ende Januar meldete das Kölner Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA), dass im vergangenen Jahr gerade mal 487 Menschen ihre Verweigerung widerrufen haben. Mit einer formlosen Verzichtserklärung ist dies jederzeit möglich, anders als auf dem steinigen Weg im Anerkennungsverfahren. “Gewissen kann sich wandeln”, jubelte der Stern, andere Medien sprangen begierig auf. Allerdings steht der Meldung die Tatsache gegenüber,  dass sich die Zahl der Kriegsdiensverweigerer innerhalb der Bundeswehr – trotz ausgesetzter Wehrpflicht – in jüngster Zeit verfünfacht hat. 2022 stiegt sie laut BAFzA auf 951 Personen, 2021 gab es nur 201 Anträge. Dem standen im gleichen Jahr 304 Verweigerungs-Widerrufe gegenüber – 2016 waren es ganz ohne Zeitenwende mit 718 erheblich mehr.

 Mobilisierungsproblem

Dass Kriegsdienstverweigerer derzeit massenhaft von ihrer Entscheidung abrücken, ist nicht belegbar – auch wenn manche Feuilletons versuchen, die „neue Wehrhaftigkeit“ herbeizuschreiben. Im „Ernstfall“, bei einer Intervention durch NATO-Bodentruppen und einer Abkehr von der Berufsarmee, hätte die Bundeswehr ein massives Mobilisierungsproblem. Zwischen veröffentlichter Meinung und pazifistischer Grundstimmung in der Bevölkerung klafft eine riesige Lücke. Das kann Campino so wenig ändern wie die Zeitenwendehälse Scholz und Robert Habeck, ein weiterer früherer Antimilitarist, der jetzt Waffen in Krisengebiete schickt. Grüne Ex-Maoisten wie Ralf Fücks oder Jürgen Trittin dagegen mussten ihre Ansichten nicht so sehr revidieren. Ihre stalinistischen Kaderzirkel waren nicht pazifistisch, dort fantasierte man auch von „allgemeiner Volksbewaffnung“. Fücks‘ wie Trittins Verweigerungen wurden nicht anerkannt; ersterer wurde nicht eingezogen, zweiterer hatte Erfolg mit seiner Klage und konnte nach einem halben Jahr den Grundwehrdienst abbrechen. Fücks, Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) und später Chef der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, leitet heute das Zentrum Liberale Moderne – eine Denkfabrik auf bellizistischem Hardliner-Kurs, die jede Diplomatie mit Wladimir Putin ablehnt. Parteifreund Reinhard Bütikofer, ebenso einst KBW, scheut bei Resolutionen im Europaparlament, die sich gegen das „Zaudern“ von Bundeskanzler Olaf Scholz richten, nicht die Kooperation mit Konservativen und Reaktionären. So schließt sich der Kreis: Moralisch einwandfrei kehren die Herren (und auch manche Damen) zurück zu den Feindbildern ihrer Väter und Großväter.

Unter dem Titel „Auf in den Schützengraben? ‚Njet!‘“ erschien der Beitrag zuerst in derFreitag.

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Thomas Gesterkamp
Dr. Thomas Gesterkamp ist Politikwissenschaftler, Journalist und Buchautor. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Geschlechter- und Männerpolitik, zudem berichtet er über wirtschafts-, sozial-, bildungs- und kulturpolitische Themen. Er schrieb fünf Sachbücher und veröffentlichte rund 4000 Beiträge im Hörfunk, in Tages- und Wochenzeitungen sowie in Sammelbänden und Fachzeitschriften. Website: https://thomasgesterkamp.com/

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