
Stillschweigend nicht mitmachen, selbst dieser weiche Widerstand fällt nicht immer leicht. Machthaber, die „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ praktizieren, sehen darin eine strafwürdige Verweigerung. Den Mund aufmachen und Nein sagen, gilt als der Anfang von Freiheit. Eine eigene Entscheidung zu treffen, die den Erwartungen der Familie, des Arbeitgebers, des sozialen Umfeldes widerspricht, macht sichtbar und angreifbar. Diese mutige Freiheit ist nicht zu vergleichen mit der bequemen Konsumfreiheit, die der Markt mit seiner Werbung für die permanente freie Auswahl vorgaukelt. Hier geht es um Zahlungsfähigkeit, dort um Zivilcourage. Matthias Meisner und Paul Starzmann haben ein hohes Lied auf Zivilcourage in Buchform publiziert: „Mut zum Unmut. Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“.
„Ja-Sagerei, Stiefellecken und Opportunismus gibt es schon genug. Deshalb brauchen wir mehr Widerspruch, Aufmüpfigkeit und Renitenz. Denn wir leben alle besser, wenn wir einfach öfter ‚nein‘ sagen“, schreiben die beiden Journalisten in ihrer Einleitung und zitieren (S. 21) Carolin Emcke mit dem Satz „Das Eigene beginnt mit einem Nein“. Unter kunterbunten 14 Stichwörtern (Kinder, Graffiti, Erinnern, Wohnen, Arbeit, Streik, Protest, Politik, Frauen, Recht, Staat, Medien, Spott, Bündnisse) greifen die Autoren in das gesellschaftliche Leben wie in die Regale eines Supermarkts. Sie sammeln Beispiele für ihre Alternative zum „„ewigen Hamsterrad aus Stress, Frust und Machtlosigkeit, in dem sich viele abstrampeln“. „Renitenz“ ist ihr Zauberwort. Renitenz gilt ihnen als „Mittel gegen die oft zitierte Spaltung der Gesellschaft, gegen das Erstarken rechtsextremer Kräfte, die ungleiche Verteilung des Wohlstands, gegen Ausgrenzung und Ungerechtigkeit“ (S. 14).

Wenn Renitenz – eine „positive Charaktereigenschaft“ – das Heilmittel ist, liegt es auf der Hand, dass „der Schlüssel in uns selbst“ liegt, dass es auf den und die Einzelne(n) ankommt. So machen sich die Autoren auf die Suche nach „Held:innen der Renitenz“ und werden fündig. Die ersten vier Beispiele sind Seda Başa-Yildiz, die das aufmunternde Vorwort beisteuert, der Hamburger Sprayer Walter Fischer, bekannt unter dem Künstlernamen OZ, Mnyaka Sururu aus Tansania, der sich gegen Rassismus und Kolonialismus wehrt, die Professorin Rahel Jaeggi, die als Jugendliche zur Berliner Hausbesetzer-Szene gehörte; von einschlägigen Erfahrungen weiß übrigens auch Angela Merkel zu berichten (S. 55) Weitere Beispiele folgen. Unter jedem der 14 Stichwörter stehen sorgfältig recherchierte, mit Verve geschriebene, informative Features, die Zeugnis ablegen, dass hier gute Journalisten am Werk sind.
Das Schlusskapitel bilden „Die zwölf Gebote der Renitenz“, auf die ich allerdings gut verzichten könnte: arg viel Küchenpsychologie, man wird als Leser:in onkelhaft an die Hand genommen. Meisner & Starzmann machen es sich politisch aus meiner Sicht insgesamt zu einfach, aber anders geht es wohl nicht, der Charme des Buches lebt davon. Man kann kein hohes Lied singen, ohne Zwischentöne wegzulassen. Gleichwohl halte ich es für politisch fahrlässig, sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass es auch ein stark verbreitetes Nein zu Demokratie gibt, lautstarken Unmut gegen Emanzipation, gewalttätigen Widerstand gegen Toleranz, Respekt und Menschenwürde.