Putin, ein risikobereiter, schlauer Taktiker, aber ein jämmerlicher Stratege

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Der russische Krieg gegen die Ukraine geht ins fünfte Jahr. Er dauert bereits länger als der Große Vaterländische Krieg. Wie in den Stellungskriegen des 1. Weltkrieges werden an der sich kaum verschiebenden Frontlinie täglich Tausende verwundet und getötet. Die Bilanz des Krieges ist furchtbar für die Ukraine. Soldaten sterben im erbitterten Stellungskrieg. Millionen Menschen wurden vertrieben, werden bombardiert und leiden jeden Tag unter den Kriegsfolgen. Infrastruktur und ganze Städte werden durch pausenlose Luftangriffe zerstört. Die Menschen sind erschöpft, sind ohne Strom und Heizung bei bitterer Kälte. Es fehlen Soldaten. Dennoch haben die russischen Militärschläge die Ukraine bisher nicht brechen können.

Der Abwehrkampf hat die nationale Identität der Ukraine in beispielloser Weise gestärkt. Es ist eine bittere Ironie, dass Putin, der behauptet, eine ukrainische Nation gäbe es nicht, wie kein anderer das ukrainische Nationalbewusstsein erweckt und mobilisiert hat. Die Ukraine ist nicht länger ein weitgehend unbekanntes Stück Land auf der Weltkarte neben Russland, sondern eine Nation mutiger Männer und Frauen, die für ihre Freiheit kämpfen.

Auch in Russland weinen Mütter, Frauen und Kinder über Hunderttausende Gefallene und Millionen verwundete Soldaten. Aber sie haben nichts, worauf sie stolz sein könnten. Der Krieg ist für Russland ein Desaster. Putin ist der schlechteste Führer seines Landes – ein versagender Tyrann. Der Diktator im Kreml lässt vergessen, worauf Generationen von Russinnen und Russen zu Recht stolz waren. Er zerstört das größte historische Vermächtnis der Sowjetunion – den mit einem ungeheuren Blutzoll erkämpften Sieg über Nazi-Deutschland. Er fügt sich ein in die Reihe rücksichtsloser russischer und sowjetischer Diktatoren von Iwan dem Schrecklichen bis Stalin – nur dass diese mit ihrer Brutalität russische Macht mehrten, während er sie verspielt.

Die einstige Supermacht sinkt herab

Putin kann nur zusehen, wie seine Freunde in Venezuela und Syrien entmachtet werden. Armenien muss er aus Schwäche im Stich lassen, dem Iran kann er nicht helfen, Aserbaidschan baut stärker auf die Türkei und Israel, Kasachstan und Usbekistan distanzieren sich Schritt für Schritt von russischem Einfluss. Tatenlos musste er hinnehmen, dass die USA einen russischen Öltanker im Nordatlantik aufbrachten. Indien kauft nach Trumps Drohungen kein russisches Öl mehr. Die einstige Supermacht sinkt herab zum wirtschaftlichen Juniorpartner und Rohstofflieferanten Chinas. Selbst Lukaschenko, der treueste Vasall, streckt seine Fühler zu den USA aus.

Russischen Bürgerinnen und Bürgern ist der Weg nach Europa versperrt, vom akademischen Austausch mit der freien Welt sind sie abgeschnitten, ausländische Touristen finden kaum noch ihren Weg nach Russland. Russlands Bemühen eine faschistische Internationale aufzubauen, scheitert am Überfall auf die Ukraine. Marine Le Pen, Giorgia Meloni, Nigel Farage und sogar Alice Weidel sehen sich gezwungen, gegenüber Putin auf Distanz zu gehen. Russland hat jegliche Soft Power verloren, selbst die unmittelbaren Nachbarn entgleiten seiner Kontrolle. Die wenigen verbliebenen „Freunde“ kann es nicht schützen.

Die Bevölkerung schrumpft jährlich um eine Million. Die Geburtenrate ist dramatisch niedrig. Eine Million überwiegend gut ausgebildete Menschen haben das Land seit 2022 verlassen. Technologisch ist das Land abgehängt. Dreißig Jahre Putin sind dreißig Jahre Niedergang. Der KGB-Mann im Kreml ist ein risikobereiter und schlauer Taktiker, aber ein jämmerlicher Stratege.

Putin hat seine Kriegsziele verfehlt

Trotz der großen zahlenmäßigen Überlegenheit und der hohen Opfer sind die russischen Erfolge an der Front gegen verzweifelt kämpfende Ukrainer begrenzt. In den letzten drei Jahren konnte mit knapp 8000 qkm lediglich eine Fläche etwas kleiner als Kreta erobert werden. In den letzten Monaten wird von Verlusten, Toten und Verletzten, von bis zu 35.000 Mann pro Monat berichtet. Die Rekrutierung von Soldaten wird immer schwieriger oder zumindest teurer. Um 1000–1500 „Todesmutige“ für den Fronteinsatz zu gewinnen, gibt Russland täglich ca. 24 Millionen Dollar aus – Tendenz steigend. In einigen Regionen werden Söldnern Anwerbeprämien von über 50.000 Dollar geboten. Je mehr sich auch in armen und abgelegenen Regionen herumspricht, dass Rekruten direkt in den Tod geschickt werden, desto höher steigt der Preis. Die Misshandlung und Ausbeutung russischer Soldaten durch ihre eigenen Offiziere zeigt den moralischen Verfall innerhalb der Armee. Soldaten müssen sich bei ihren Offizieren von Todeskommandos freikaufen.

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Um die enormen Kriegskosten von jährlich 170 Milliarden US-Dollar (30 % des Budgets) zu finanzieren, steigt das Budgetdefizit auf 2,6 % des BIP. Zwei Drittel des National Wealth Funds sind in die Finanzierung des Krieges geflossen. Steuern müssen erhöht werden, und die Inflation steigt. Die europäischen Sanktionen sind entgegen russischer Propaganda trotz zahlreicher Umgehungstatbestände nicht wirkungslos. Durch geringere Nachfrage nach Öl und die verschärften Sanktionen Trumps sind die russischen Öleinnahmen um 25 % gesunken.

Putin hat seine Kriegsziele verfehlt. Schweden und Finnland hat er in die Arme der NATO getrieben. An eine Eroberung oder Unterwerfung der gesamten Ukraine ist nicht zu denken. Wozu das größte Land der Erde zusätzlich zu seinen 17 Millionen Quadratkilometern noch mehr Land braucht, scheint ohnehin ähnlich irrational wie Trumps Gier nach Grönland.

Obwohl es um Russland schlecht bestellt ist, besteht die große Gefahr, dass die Ukraine zusammenbricht, bevor Russland am Ende ist. Ein Kapitulationsfrieden mit Abtretung des Donbass wäre zweifellos sehr bitter, aber letztendlich entscheidet sich die Zukunft der Ukraine nicht am Grenzverlauf, sondern am Frieden danach. Trump drängt auf einen schnellen, schlechten Frieden. Wenn ein besserer nicht zu haben ist, mag dies trotz allem für die Ukraine besser sein, als den Krieg mit ungewissem Ausgang noch Jahre fortsetzen zu müssen. Die Ukrainer und Ukrainerinnen sind erschöpft, ihre Kräfte sind endlich. Aber auch Putin kann nicht weiter tägliche Tausende in den Tod schicken und die russische Kriegsökonomie stößt an ihre Grenzen. Europa lebt in Frieden und ist reich, seine ökonomischen Ressourcen übersteigen die russischen um ein Vielfaches. Europas Unterstützung oder fehlende Unterstützung wird darüber entscheiden, wie dieser Krieg zu Ende geht.
Dabei gilt auch noch heute was Olaf Scholz zu Beginn des Krieges sagte: Russland darf den Krieg nicht gewinnen und die Ukraine ihn nicht verlieren.

Die Ukraine aufzubauen ist eine Herkulesaufgabe

Die Ukraine möchte verständlicherweise Sicherheitsgarantien. Doch Europa und die NATO haben bisher nicht für die Ukraine gekämpft, und es ist nicht erkennbar, dass man in europäischen Hauptstädten dies für die Zukunft ernsthaft in Erwägung zieht. Die Ukraine sollte, statt auf Verträge und Versprechen zu bauen, besser Waffen und Wirtschaftshilfe fordern. Es wird darum gehen, die Ukraine maximal defensiv aufzurüsten, damit Russland nicht wagt, sie ein weiteres Mal anzugreifen.

Eine schrittweise Aufhebung der Sanktionen gegen Russland kann in Aussicht gestellt werden, wenn die Waffen schweigen und die Stärkung der ukrainischen Verteidigungskraft von Russland nicht torpediert wird. Auf der Grundlage gegenseitiger Abschreckung kann dann, wenn der Waffenstillstand hält, über eine schrittweise Verständigung gesprochen werden.

Solange die Lage so fragil ist, sollte Deutschland weiterhin stark in die ukrainische Wehrhaftigkeit investieren. Deutschlands Nachbarn dürfte es beruhigen, wenn Berlin nicht nur über europäische Verteidigungsfähigkeit spricht, sondern in sie investiert – statt in nationaler Verengung Deutschland zur stärksten konventionellen Militärmacht aufrüsten zu wollen. Auch bei den Sanktionen sollte klar sein, dass Europa entschlossen ist zu eskalieren, wenn die Waffen nicht endlich schweigen..

Deutschland und Europa müssen Größe, Entschlossenheit und Großzügigkeit zeigen, wenn die Ukraine nach einem zweifellos bitteren Waffenstillstand den Frieden gewinnen können soll. In der Ukraine gibt es tiefsitzende Korruption, schwache Institutionen, eine immense Staatsverschuldung, zahllose traumatisierte Menschen. Das Land aufzubauen ist eine Herkulesaufgabe mit offenem Ausgang. Ohne Geld und Unterstützung aus Europa wird es eine prosperierende Ukraine nicht geben. Ob es selbst dann gelingen wird, hängt von den Ukrainerinnen und Ukrainern ab. Aber eine Ukraine, in der Menschen mit Europas Hilfe in wachsendem Wohlstand und in Freiheit leben, ist die Alternative zur Russkij Mir, die Putin fürchtet.

Ein Waffenstillstand wird nicht an der Ukraine scheitern. Sie hat letztlich keine Wahl. Das größte Hindernis ist Putins Angst vor dem Frieden. Wenn die Kanonen schweigen, die Mütter an den Gräbern weinen, die Kriegsinvaliden durch die Straßen ziehen, die Eliten sich die ganze Dimension des geopolitischen Niedergangs eingestehen müssen und die Menschen ihre Zweifel äußern, ob dieser Unsinn die Opfer wert war, dann wird die Frage aufkommen, wer für diesen moralischen, ökonomischen, politischen und letztlich machtpolitischen Niedergang Russlands die Verantwortung trägt. Ob das russische Volk dann die Kraft zur Selbstbefreiung hat, kann keiner wissen; aber 1905, 1917 und 1991 haben gezeigt, dass auch die sprichwörtliche Geduld des russischen Volkes ihre Grenzen kennt.

Frank Hoffer
Dr. Frank Hoffer ist ehemaliger Mitarbeiter der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und Associate Fellow an der Global Labour University Online Academy. Zuvor war er als Sozialreferent in der Deutschen Botschaft in Moskau und Minsk sowie als Geschäftsführer der Initiative ACT tätig, die sich für existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie einsetzt.

2 Kommentare

  1. Lieber Frank, Danke für den eindringlichen Beitrag. Die Situation, die du beschreibst, ist bitter.
    Man könnte den Schluss daraus ziehen, dass die Ukraine umgehend kapitulieren sollte, damit das sinnlose Töten und Zerstören endlich aufhört. Es wird ihr ja ohnehin nichts anderes übrigbleiben, auch wenn es trotz der abnehmenden Kriegstüchtigkeit Putins noch einige Zeit dauert, bis sie mit ihrer Verteidigungsfähigkeit am Ende ist.
    Heißt dies unterm Strich, die derzeitige Unterstützung der Ukreine mit Waffen verlängert nur das sinnlose Sterben und sollte deshalb sofort aufhören mit dem weiterreichenden Ziel einer massiven europäischen Defensiv-Unterstützung für die Ukraine nach einer wie von dir beschriebenem Kapitulation mit Gebietsabtretung?
    Das würde dann aber im Widerspruch stehen zu dem, was du affirmativ von Scholz zitierst. Oder hab ich da was missverstanden?

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