Auferstehung als Marktlücke. Wem gehört die Zeit? Wem gehört das Leben?

Screenshot: bruchstueckeVideo

Die höchsten religiösen Feste von Christentum, Judentum und Islam – Ostern, Pessach und Eid al-Fitr – fallen in diesem Jahr zeitlich so eng zusammen wie selten. Die drei abrahamitischen Religionen verbindet, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, der Glaube an die Überwindung des Todes und an ein ewiges Leben. Selten war in den vergangenen Jahrzehnten die Diskrepanz größer zwischen dieser lebenverheißenden Botschaft und einer politischen Realität, in der Staaten, die sich auf diese Religionen berufen, Gewalt legitimieren und einsetzen – und ihr Handeln als göttliche Sendung interpretieren.
Gleichzeitig wird, als andere Seite derselben Medaille, weltweit mit enormem Aufwand an der technischen Verlängerung des Lebens gearbeitet, ja an der Überwindung des Todes selbst. Der entscheidende Unterschied: Während Religion Erlösung verspricht, organisiert der Transhumanismus Erlösung als Markt.

Der Fortschritt, insbesondere in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz, ist messbar, auch wenn die tatsächliche Überwindung des Todes weiterhin eine Schimäre bleibt. Die zentralen Fortschritte liegen in der Biomedizin: Zellreprogrammierung, KI-gestützte Wirkstoffentwicklung, Brain-Computer-Interfaces und regenerative Technologien. Life Biosciences konnte 2024/25 erste Ansätze der epigenetischen Reprogrammierung in klinische Studien überführen¹. Damit wird erstmals sichtbar, dass Alterungsprozesse zumindest partiell reversibel sind. NewLimit arbeitet an mRNA-basierter Zellreprogrammierung und erhielt 2025 rund 130 Millionen US-Dollar Risikokapital². Altos Labs wurde von Beginn an mit rund 3 Milliarden US-Dollar ausgestattet³ – ein Volumen, das eher an Staatsprogramme als an klassische Forschung erinnert. Diese Kapitalströme sind kein Zufall. Sie markieren den Übergang von Grundlagenforschung zu einem neuen industriellen Feld: Langlebigkeit als Geschäftsmodell.

Auch Europa forscht – aber anders. In Großbritannien, Deutschland und der Schweiz existieren privat finanzierte Longevity- und Verjüngungs-Unternehmen. Shift Bioscience in Cambridge arbeitet mit einer KI-gestützten „virtual cell“-Plattform an der Zellverjüngung und meldete 2025 ein neuartiges, sehr zielgenaues Verfahren, das zelluläre Alterung reduzieren soll, ohne negative Nebenwirkungen. Programme der EU wie STAGE, SysAge oder LifeLongFit sind auf Gebrechlichkeit, Multimorbidität, Resilienz und öffentliche Gesundheit ausgerichtet⁴. Das Fördervolumen bleibt im Vergleich marginal.
Während Europa Alter als soziales Problem behandelt, behandeln US-getriebene Modelle Altern als Marktversagen.

KI und die Industrialisierung des Lebens

Die eigentliche Dynamik entsteht durch KI. Sie verwandelt Biomedizin in ein skalierbares Produktionssystem. Insilico Medicine konnte erstmals KI-entwickelte Wirkstoffe bis in klinische Studien bringen. Es kooperiert mit China und strebt einen Zwei-Milliarden-Dollar-Deal mit dem Pharma-Riesen Eli Lilly an. Isomorphic Labs, ein Spin-off von DeepMind, erhielt 2025 rund 600 Millionen US-Dollar zur Weiterentwicklung KI-basierter Arzneimittelprogramme⁵. Isomorphic Labs erhielt 2025 ebenfalls rund 600 Millionen US-Dollar zur Industrialisierung KI-basierter Arzneimittelentwicklung⁶. Damit verschiebt sich der Charakter von Medizin fundamental: Nicht mehr Heilung einzelner Patienten, sondern algorithmisch optimierte Produktion biologischer Eingriffe.

China treibt diese Entwicklung staatlich voran. KI-gestützte RNA-Programme und großskalige Datennutzung sind Teil industriepolitischer Strategien⁷. Hier zeigt sich eine neue Konstellation: In den USA ist marktgetriebene Optimierung mit den großen Tech- und Pharmakonzernen vorherrschend. China ist von staatsgetriebener Optimierung mit dem Ziel des technologischen Vorrangs bestimmt. Europa versucht eine regulierte Versorgung mit dem öffentlichen Gut Gesundheit zu organisieren. Der Mensch wird in allen drei Modellen zum Gegenstand systematischer Optimierung.

Besonders deutlich wird dies bei Brain-Computer-Interfaces. Neuralink arbeitet an implantierbaren Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer. Erste Studien zeigen Fortschritte bei Kommunikation und Motorik⁸. Parallel dazu hat China 2026 erstmals ein kommerzielles BCI-Produkt zugelassen und fördert das Feld massiv⁹. Projekte wie Beinao-1 wurden bereits am Menschen getestet¹⁰.

Was heute eine medizinische Hilfe ist, kann morgen Infrastruktur der Kontrolle sein. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob diese Technologien funktionieren werden, sondern: Wer kontrolliert sie – und zu welchem Zweck?

Kryonik: Spekulation statt Wissenschaft, Markt für Hoffnung

Neuer Kunde für „Beloved Brethren Moratorium“, ein fiktives Bestattungsunternehmen aus dem Science-Fiction-Roman Ubik (1969). (Foto: Prototyperspective auf wikimedia commons)

Die Kryonik bleibt wissenschaftlich spekulativ, ökonomisch jedoch real. Unternehmen wie Alcor oder das Cryonics Institute in den USA sowie Tomorrow.bio in Europa bieten die Konservierung von Körpern in der Erwartung zukünftiger Wiederbelebung an¹¹. Bis heute existiert dafür keine empirische Grundlage. Dennoch wächst der Markt. Warum? Weil hier nicht Wissenschaft verkauft wird, sondern Hoffnung – und zwar an eine zahlungskräftige Klientel. Kryonik bleibt ein Grenzbereich zwischen Wissenschaft, Marketing und transhumanistischer Ideologie.

Transhumanismus als säkulare Erlösungslehre: Der Transhumanismus reproduziert zentrale religiöse Motive in säkularer Form: Unsterblichkeit, Erlösung, Überwindung der Natur. Religionswissenschaftliche Analysen sprechen daher von einer „technologischen Religion“¹².

Der französische Jesuit Pierre Teilhard de Chardin interpretierte in seinem Buch „Der Mensch im Kosmos“, (posthum veröffentlicht 1955), die Evolution als Bewegung auf einen „Omegapunkt“ hin. Er sah, ohne Technik, eine ungeheure Entfaltungsmöglichkeit des Menschen bis hin zu einer diesseitigen Einheit von Mensch und Transzendenz. Heute wird dieser Gedanke technisiert: nicht mehr Gott, sondern Technologie vollendet den Menschen. Der Tod erscheint nicht mehr als Grenze, sondern als Defekt.

Transhumanität kippt in Inhumanität

Die technologische Optimierung des Menschen birgt eine fundamentale Gefahr: die Neubewertung von Leben. Mit dieser Perspektive verändert sich der normative Status des Menschen. Wenn Verbesserung möglich ist, wird Nicht-Verbesserung zum Defizit. Wenn Optimierung möglich ist, wird Nicht-Optimierung zur Abweichung. Beeinträchtigung wird zum Makel, zu Wertminderung. Hier schließen sich historische Linien zur Eugenik. Julian Huxley formulierte bereits im 20. Jahrhundert die Idee einer gezielten Verbesserung der Menschheit¹³. Die Konsequenz ist absehbar: Die Grenze zwischen „lebenswert“ und „nicht lebenswert“ verschiebt sich.

Befreiung oder Beherrschung: Technologie kann befreien – etwa bei Krankheit oder Behinderung. Dieselbe Technologie kann jedoch zur Kontrolle werden und Beherrschung ermöglichen. Brain-Computer-Interfaces eröffnen prinzipiell die Möglichkeit, Denken und Verhalten zu beeinflussen. Es ist sicher nicht vermessen zu vermuten, dass in China oder in anderen staatlichen und privaten Labors der Welt an solchen Möglichkeiten geforscht wird. Die Dystopie aus Brave New World ist keine literarische Fantasie mehr, sondern eine technische Option¹⁴. Ob sie Realität wird, ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung.

Kapitalismus des Lebens

Die zentrale Dynamik des Transhumanismus und der Longevity-Projekte ist ökonomisch. Die Konfliktlinie verläuft zwischen egalitärer und elitärer Nutzung. Lebensverlängerung entwickelt sich zunehmend zu einem ökonomischen Produkt – kontrolliert von Tech-Konzernen und Pharmariesen. Zugang wird zur Frage von Kapital. Zeit wird zur Ware.

Ein erheblicher Teil der Investitionen stammt von Tech-Milliardären und Risikokapitalgebern¹⁵. Peter Thiel formulierte bereits 2009 die These, dass Freiheit und Demokratie nicht kompatibel seien¹⁶. Im Umfeld von Curtis Yarvin werden offen postdemokratische Modelle diskutiert¹⁷. Während in den USA „disruption“, „rejuvenation“ und „escape velocity“ dominieren, bleibt Europa stärker sozialstaatlich geprägt: Gesundheit als öffentliches Gut, Pflege, Würde, Resilienz. Allerdings ist angesichts der Finanzierungsprobleme im öffentlichen Gesundheitswesen ohne radikale Strukturreformen fraglich, ob dieser technische Fortschritt nicht auch bei uns elitär und spaltend eingesetzt werden wird. Diese Ideologien der Neoreaktionären sind kein Randphänomen. Sie bilden den kulturellen Hintergrund eines ökonomischen Projekts: Lebensverlängerung erscheint hier nicht als öffentliches Gut, zugänglich für alle, sondern als exklusives Upgrade für Reiche.

Die Überwindung des Todes bleibt spekulativ. Die Transformation der Gesellschaft ist es nicht. Wenn sich das nur markt- und gewinngetriebene Modell durchsetzt, werden Tech- und Pharmakonzerne nicht nur Märkte dominieren, sondern auch die Bedingungen menschlicher Existenz definieren¹⁸. Ohne politische Regulierung entsteht eine neue Form von Ungleichheit: Nicht mehr nur zwischen arm und reich, sondern zwischen verlängertem und nicht verlängertem Leben. Der entscheidende Konflikt der Zukunft lautet daher: Wem gehört die Zeit? Wem gehört das Leben? Ob Religionen zur Antwort etwas beitragen können – mehr als fraglich.


1 David A. Sinclair, Lifespan (New York: Atria, 2019).
2 NewLimit, “Series B Funding Announcement,” 2025.
3 Antonio Regalado, “Altos Labs Launch,” MIT Technology Review, 2022.
4 European Commission, “Healthy Ageing Projects Overview,” 2024.
5 Insilico Medicine, “AI Drug Discovery Pipeline,” 2025.
6 Alphabet/DeepMind, “Isomorphic Labs Funding,” 2025.
7 State Council PRC, “AI and Biotech Strategy,” 2025.
8 Neuralink, “Clinical Trial Updates,” 2025.
9 Reuters, “China Approves First BCI Device,” March 2026.
10 Reuters, “Beinao-1 Human Trials,” 2026.
11 Alcor Foundation, “Membership and Preservation Data,” 2025.
12 Hava Tirosh-Samuelson, “Transhumanism as Religion,” Zygon (2012).
13 Julian Huxley, New Bottles for New Wine (1957).
14 Aldous Huxley, Brave New World (1932).
15 McKinsey, “Longevity Economy Report,” 2024.
16 Peter Thiel, “The Education of a Libertarian,” Cato Unbound, 2009.
17 Curtis Yarvin, Unqualified Reservations, Blog Essays.
18 Yuval Noah Harari, Homo Deus (2017).
19 WHO, “Global Ageing Report,” 2023.
20 Nature Aging, “Epigenetic Reprogramming Studies,” 2024.


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Klaus Lang
Dr. Klaus Lang studierte Katholische Theologie, Psychologie und Politik. Er war zunächst Pressesprecher des Vorstandes der IG Metall, 1981 wurde er Leiter der Abteilung Tarifpolitik, später leitete er die Abteilung des 1. Vorsitzenden und war Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung, 2003 wurde er Arbeitsdirektor der Georgsmarienhütte Holding GmbH. Er ist Mitglied im Rat der Stiftung Menschenrechte, der Förderstiftung von Amnesty International und im Sozialethischen Arbeitskreis Kirchen und Gewerkschaften.

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