Atomenergie, keine Lösung, sondern Problemerzeuger

Bild: distelAPPArath auf Pixabay

Die Stichworte heißen: Fusionsreaktioren, modulare Kleinreaktoren, Wiederinbetriebnahme von stillgelegten Alt-Reaktoren. In erster Linie die KI-Strategie von Konzernen und Regierungen hat einen exorbitanten Energiebedarf zur Folge, der zu einer Debatte über eine Renaissance der Atomkraft führt. Dabei kristallisiert sich als roter Faden heraus: Regierungen, nicht nur im Westen, scheinen ganz wild zu sein, die Atomenergie wiederzubeleben, während die Energie-Konzerne selbst daran sehr viel weniger Interesse haben, wohl weil sie wissen: Diese Energieform hat sich noch nie gerechnet und wird sich auch nicht rechnen. Weshalb diese Strategie — im Gegensatz zur Versorgung mit Erneuerbaren Energien — mit der Frage steht oder fällt: sind die jeweiligen Steuerzahler bereit, diese Renaissance mit zig Milliarden zu subventionieren? Weil die Debatte anhält, sogar intensiver wird, erinnert bruchstücke hier an eine Erklärung, die Experten der Atomaufsicht aus verschiedenen Industriestaaten vor wenigen Jahren unter dem Titel „Nuclear is not a practicable means to combat climate change“ veröffentlicht haben.

 Im Januar 2022 nahm eine Gruppe von ehemaligen Verantwortlichen für die Sicherheit der Kernenergie und den Strahlenschutz, darunter der ehemalige Leiter der Nuclear Regulatory Commission (NRC), der US Behörde für die Atomaufsicht, sowie der ehemalige Leiter der deutschen Atomaufsicht öffentlich Stellung gegen die Klassifizierung der Kernenergie als nachhaltige Energiequelle durch die Europäische Union . Mit der Verordnung der Europäischen Kommission sollte u.a. die Grundlage geschaffen werden, die öffentliche Förderung der Kernenergie zu ermöglichen

 In ihrer gemeinsamen Stellungnahme kamen die ehemals für die Sicherheit der Atomreaktoren und des Strahlenschutzes Verantwortlichen zu dem Ergebnis, dass Kernenergie weder ökologisch noch finanziell nachhaltig ist und in den nächsten 10-20 Jahren keinen relevanten Beitrag zur CO2 Reduzierung zu leisten vermag. Die Stellungnahme wurde u.a. an die Fraktionen im europäischen Parlament, an die Kommission und die verantwortlichen deutschen Ministerien versandt sowie zusammen mit einer Presseerklärung veröffentlicht. Diese Stellungnahme ist nach wie vor aktuell.

Die Autoren der Stellungnahme sind Mitglieder der INRAG (International Nuclear Risk Assessing Group), einer internationalen Vereinigung aus Wissenschaftlern, Sachverständigen und ehemaligen Verantwortlichen für die Sicherheit von Atomkraftwerken sowie für den Strahlenschutz. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, nukleare Risiken zu evaluieren und für Entscheidungsträger und für die Öffentlichkeit transparent zu machen. Im Folgenden eine deutsche Übersetzung des englischen Originaltextes.

Ehemalige Leiter von staatlichen Atomaufsichtsbehörden und Strahlenschutzkommissionen erklären: „Atomenergie ist kein praktikables Mittel, um dem Klimawandel zu begegnen.“


Dr. Greg Jaczko,
ehemaliger Leiter der U.S. Nuclear Regulatory Commission.
Prof. Wolfgang Renneberg (i.R.),
ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktor Sicherheit, Strahlenschutz, Ver- und Entsorgung im Bundesumweltministerium.
Dr. Bernard Laponche,
ehemaliger Generaldirektor der französischen Energiemanagement-Agentur, ehemaliger Berater des französischen Ministers für Umwelt, Energie und Nukleare Sicherheit
Paul Dorfman,
ehemaliger Leiter des Komitees der Britischen Regierung zur Bewertung von Strahlenrisiken

Die Temperaturen auf unserem Planeten steigen. Das sich entwickelnde Wissen über die Auswirkungen der Klimaveränderungen und die Geschwindigkeit des Abschmelzens der Pole zeigen deutlich, dass der Meeresspiegel weiter steigen wird, zerstörerische Stürme an Stärke zunehmen und häufiger werden – zusammen mit höheren Niederschlägen und Überschwemmungen – und dass Waldbrände immer häufiger auftreten und ungeahnte Ausmaße annehmen.

 Einhergehend mit wachsender Besorgnis und wachsendem Erkennen darüber, dass der Übergang zu einer weitgehend CO2 freien Energieversorgung immer dringender wird, ist die Atomenergie als Klimaretter in die öffentlichen Debatten zurückgekehrt. Aber im Kern der Debatte steht die Frage, ob die Atomenergie überhaupt gegen die Klimaerwärmung helfen kann, ob Atomenergie eine ökonomisch machbare Alternative darstellt, wie sich die Folgen von nuklearen Unfällen auf das Leben, auf die Umwelt und die Wirtschaft auswirken, was mit dem radioaktiven Abfall geschehen soll und wie die Atomenergie zu dem sich entwickelnden Markt erneuerbarer Energien passt.

Als führende Experten, die an vorderster Front zu nuklearen Fragestellungen gearbeitet haben, waren wir alle auf den höchsten staatlichen Ebenen der Atomaufsicht und des Strahlenschutzes in den USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien tätig. In diesem Zusammenhang sehen wir es als unsere kollektive Verantwortung an, Stellung zu nehmen zu der entscheidenden Frage: Kann die Kernkraft eine bedeutende Rolle in einer Strategie gegen den Klimawandel spielen.

Die zentrale, wieder und wieder wiederholte Botschaft, dass eine neue Generation von Atomkraftwerken sauber, sicher, klein, smart und billig sein werde, ist Fiktion. Die Wirklichkeit ist, dass die Atomenergie weder sauber, sicher noch smart ist, sondern eine sehr komplexe Technologie mit dem Potential, großen Schaden anzurichten. Die Atomenergie ist nicht billig, sondern extrem teuer. Vielleicht am wichtigsten ist die Tatsache, dass die Atomenergie nicht Teil einer realisierbaren Strategie zur Begrenzung des Klimawandels sein kann: Um einen relevanten Beitrag zur weltweiten Stromerzeugung zu leisten, wären je nach Reaktordesign bis zu mehr als zehntausend neue Reaktoren erforderlich.

Zusammengefasst ist Atomenergie als Teil der Strategie gegen den Klimawandel:

  • zu teuer, um einen relevanten Beitrag zur globalen Energieerzeugung zu erbringen.
  • teurer als die CO2 Vermeidung durch erneuerbare Energie, selbst wenn man die Kosten berücksichtigt, die beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren für das Netzmanagement oder für Energiespeicher erforderlich werden-
  • zu teuer und zu risikobehaftet für Finanzmarkt-Investitionen und deshalb abhängig von sehr großen Subventionen und Kreditgarantien, die zum größten Teil von der Öffentlichkeit getragen werden müssen.
  • ökologisch nicht nachhaltig wegen der ungelösten Probleme des langlebigen radioaktiven Abfalls.
  • finanziell nicht nachhaltig, weil keine Versicherung bereit ist, Atomkraftwerke gegen die möglichen vollen Unfallkosten von Schäden radioaktiver Freisetzungen ausreichend zu versichern,
  • sicherheitspolitisch gefährlich, weil eine Vielzahl neuer Reaktoren und gerade auch neu vorgeschlagene Reaktortypen dazu beitragen, das Risiko der Weiterverbreitung von Atomwaffen zu erhöhen
  • inhärent gefährlich wegen unvermeidlicher Unfälle aufgrund von Ursachenketten menschlicher und technischen Versagens sowie äußerer Einwirkungen; dieses Risiko wird erhöht durch die Auswirkungen des Klimawandels wie z.B. den Anstieg der Meeresspiegel, vermehrte und stärkere Stürme, Überflutungen, wodurch auch mit internationalen ökonomischen Auswirkungen gerechnet werden muss.
  • konfrontiert mit zu vielen ungelösten technischen und Sicherheitsproblemen „neuer“ Reaktorkonzepte, einschließlich „fortgeschrittener“ und kleiner modularer Reaktoren (SMRs)
    als Projekt gegen den Klimawandel viel zu groß und zu komplex, um industriell, technologisch und operativ in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit und in dem notwendigen Ausmaß eine Realisierungschance zu haben.
  • bereits deshalb keine realistische Option zur notwendigen zeitnahen Begrenzung des Klimawandels, weil die erforderliche Anzahl der Kernreaktoren, die gebraucht würden, um einen relevanten Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels zu leisten, viel zu groß ist, die erforderlichen Entwicklungs- Planungs- und Bauzeiten viel zu lang und die daraus entstehenden Kosten zu hoch sind.

Siehe auf bruchstücke auch das Interview mit Wolfgang Renneberg.

 


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