
Wer als Mann in der deutschen Nachkriegszeit Sex mit Männern hatte, musste seine Orientierung verbergen. Denn die junge Bundesrepublik bestrafte gleichgeschlechtliche Beziehungen rigide. In den zwanzig Jahren nach der Staatsgründung wurden Hunderttausende Ermittlungsverfahren eingeleitet, über fünfzigtausend Männer auch verurteilt. In den sogenannten Sittendezernaten arbeiteten damals häufig Polizisten, die schon in der Nazizeit Jagd auf Schwule gemacht hatten. Rechtliche Grundlage war der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der aus dem Kaiserreich stammte, von den Nationalsozialisten drastisch verschärft worden war und in Westdeutschland zunächst unverändert gültig blieb. Die ehemalige DDR griff immerhin auf die etwas liberalere Regelung der Weimarer Republik zurück, schon ab Ende der 1950er Jahre wurden Schwule dort kaum noch juristisch verfolgt.
“Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende”, kommentierte 1963 der deutsch-jüdische Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps, damals Hochschullehrer in Erlangen, die Lage in Westdeutschland. Viele schwule Männer flüchteten in eine heterosexuelle Ehe, die sie selbstverleugnend aufrecht erhielten, viele gründeten sogar Familien. Erst das vereinigte Deutschland beendete die rechtliche Diskriminierung, 1994 wurde der Paragraf endgültig aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen. An die Stelle von Ächtung und Angst vor Kriminalisierung trat im Laufe der Jahrzehnte unter den Betroffenen Stolz. Die erste öffentliche Demonstration fand am 28. April 1972 ausgerechnet in der damals noch erzkatholischen Bischofsstadt Münster statt. Nicht nur in Köln oder Berlin, auch in der tiefsten Provinz tanzen inzwischen Schwule, Lesben und Transen auf umjubelten “Prides” am Christopher Street Day.
„Stonewall“, Symbol einer weltweiten Bewegung
Der Tag erinnert an eine Straße im New Yorker Szeneviertel Greenwich Village. Dort liegt die Bar “Stonewall”, 1969 Schauplatz eines Aufstands von Homosexuellen gegen ihre Diskriminierung. Anlass waren ständige Razzien, Personenkontrollen oder gar Verhaftungen durch die Polizei. Mehrere Tage lang kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und den Ordnungskräften, auch Lesben und Transpersonen waren beteiligt. Stonewall wurde zum Symbol einer weltweiten Bewegung, zum Auftakt einer Wertewandel-Revolution. Immer mehr Menschen trauten sich, ihre sexuelle Orientierung individuell zu bekennen und dies auch öffentlich kundzutun.

In seinem Buch “Come out!” schildert Thomas Sparr die turbulenten Ereignisse jenes Sommers. Der Literaturwissenschaftler verfolgt dabei nicht den Anspruch, die (historisch schön früher beginnende) queere Emanzipation lückenlos zu erzählen. Sein Werk, betont der Autor, sei “keine Geschichte der Homosexualität nach 1969″, sondern handele von “einem historischen Moment und dessen Selbstverständnis”. Und er analysiert dessen bis in die Jetztzeit reichende Folgen: “Mit Stonewall wurde zum ersten Mal erzählbar, was bis dahin gar nicht oder nur vorgehaltener Hand oder verschlüsselt erzählt wurde.”
In den USA, aber auch in Deutschland entstand ein langsam toleranter werdendes Klima. Der Gesetzgeber trug diesem nur in kleinen Schritten Rechnung. Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt entschärfte zwar den “Schwulenparagrafen” 175, doch erst 1994 folgte verspätet die vollständige Streichung. 2001 erlaubte die damalige rotgrüne Bundesregierung die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Beziehungen. 2002 wurden, längst überfällig, sämtliche Urteile aus nationalsozialistischer Zeit gegen schwule Männer aufgehoben. Seit 2006 können sich Menschen auf der Grundlage des Antidiskriminierungsgesetzes gegen Benachteiligungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung wehren. 2017 beschloss der Bundestag schließlich mit großer Mehrheit, auch mit Stimmen aus der CDU/CSU-Fraktion, aber gegen das Votum von Angela Merkel und Friedrich Merz, die “Ehe für alle”.
Queerfeindliche Angriffe von rechts
Homosexuelle Orientierungen sind in Deutschland mittlerweile bis in konservative Kreise hinein nichts Besonderes mehr. Sie sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, ihre öffentliche Wahrnehmung hat sich schleichend verändert. In der Politik machte Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit kurz nach der Jahrtausendwende mit seinem mutigen Parteitags-Bonmot “Ich bin schwul, und das ist auch gut so” einen damals Aufsehen erregenden Anfang. Danach wagten auch Ole von Beust, Guido Westerwelle, Barbara Hendricks, Jens Spahn oder Kevin Kühnert ihr Outing. In der Wirtschaft und in den meisten Sportarten, noch am wenigsten im Männerfußball, gilt Homosexualität meist nicht mehr als randständig oder gar anrüchig.
Konträr zum liberalen (West)Europa ist die Lage in anderen Weltgegenden. In Ungarn und Russland fallen autokratische Regierungen immer wieder durch homophobe und antifeministische Äußerungen auf. Präsident Wladimir Putin redet verächtlich von “Gayropa”, auch in vielen Ländern Afrikas kann von einer gesellschaftlichen Akzeptanz queerer Lebensstile kaum die Rede sein. In den Vereinigten Staaten, wo die Schwulenemanzipation mit den “Riots” in New York und im Castro-Viertel von San Francisco ihren Anfang nahm, versuchen christliche Fundamentalisten das Rad zurückzudrehen. Einige republikanisch regierte US-Bundesstaaten haben das Recht auf Abtreibung eingeschränkt. Die Trump-Administration untersagte Diversity-Programme in staatlichen Behörden und fordert von privaten Unternehmen, diesem Vorgehen zu folgen.
Global betrachtet stehen queere und feministische Bewegungen unter starkem Druck, auch in Deutschland machen sich in rückwärts gewandten Milieus antiemanzipatorische Einstellungen breit. Vor allem Transpersonen haben trotz des von der Ampelkoalition durchgesetzten Selbstbestimmungsgesetzes weiterhin mit Abwertung und Diskriminierung zu kämpfen. Die sexualpolitischen Errungenschaften der Vergangenheit sind keineswegs selbstverständlich und für die Ewigkeit gesichert, sondern durch Geschlechterkämpfe von rechts gefährdet.

Thomas Sparr verweist in seiner historischen Darstellung auf befreiende Impulse gerade aus der Kultur, auf für den Widerstand ikonische Fotos, Kunstwerke, Romane, Theaterstücke und Filme. In Deutschland steht dafür vor allem der kürzlich verstorbene schwule Aktivist Rosa von Praunheim. Die Ausstrahlung seiner umstrittenen Fernsehsendung “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt” boykottierte 1971 der von der CSU dominierte Bayerische Rundfunk. Praunheims Film wurde damals in die Dritten Programme verbannt, erst Jahre später sendete ihn kurz vor Mitternacht auch die ARD.
Benno Gammerl und Rainer Herrn haben die von dem Mediziner Magnus Hirschfeld geprägte, bis ins Kaiserreich zurückgehende Geschichte queerer Bewegungen in jüngerer Zeit umfassend beschrieben. Hirschfeld gründete nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft, das in der Weimarer Republik ein wichtiger Treffpunkt war, von den Nazis nach ihrer Machtübernahme aber sofort geschlossen wurde. Die Emanzipation der Homosexuellen in Deutschland warf das um Jahrzehnte zurück. Mit seinem Bericht über die weltweit folgenreichen Auseinandersetzungen in der Christopher Street knüpft Sparr an wegweisende Forschungstraditionen an. “Der Nationalsozialismus endete für Homosexuelle in Deutschland 1969 in New York” lautet das knappe Fazit des Autors.
Thomas Sparr: Come out! Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte.
Verlag C.H. Beck, München 2026. 208 Seiten, 24 Euro.
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