Sündenbock der Politik Deutschlands

Foto: Olaf Kosinky auf wikimedia commons

Nach einem Jahr schwarz-roter Regierungskoalition ist die Stimmung sowohl unter den Regierenden als auch in der Bevölkerung auf einem Tiefpunkt. Nur noch 11 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sind mit der Regierung zufrieden. Die Zustimmungswerte für die CDU gingen in der Sonntagsfrage seit dem Wahlergebnis im letzten Jahr von 28,5 Prozent auf 22 Prozent zurück und die SPD verliert gegenüber dem historisch schlechten Wert im Wahljahr 2025 nochmals mehr als 4 Prozent und sinkt auf den Status einer Splitterpartei von 12 Prozent. Die Regierungsparteien wären also bei einer Wahl heute von einer Parlamentsmehrheit weit entfernt. Die AfD liegt mit 27 Prozent vorn. In Sachsen-Anhalt kommt die AfD sogar auf 41 Prozent und könnte die absolute Mehrheit im dortigen Landtag schaffen. Angeführt von der Springerpresse BILD und WELT hat sich auch in den meisten anderen Medien die Lesart eingestellt: Die Sozialdemokraten sind an allem schuld.

Die SPD „blockiert“ , sie „sperrt sich“, sie „stellt sich dagegen“, sie „trägt nicht mit“, sie „tritt auf, als hätte sie die Wahl gewonnen“, sie „provoziert einen Rauswurf“, sie „bestimmt den Kurs der schwarz-roten Regierung“. So oder so ähnlich lautet die Litanei der Schuldvorwürfe an die SPD. Vielfach wird der Eindruck erweckt, als regiere die SPD.

Kanzler Merz, dessen Zufriedenheitswerte auf einem Tiefstand von 16 Prozent abgesackt sind, versucht in seiner Verzweiflung diese (allerdings nur mediale)  Stimmung zu nutzen und beklagt sich in der Fernseh-Sendung mit Caren Miosga, die SPD solle nicht auf den Gedanken kommen, „sie könnte mit uns machen, was sie will“ und in der Koalition müsse „auch die Union vorkommen“. Er erwarte von der SPD die gleiche Kompromissbereitschaft, wie CDU/CSU sie zeigten.

Niederlagen auf der ganzen Linie

Man muss nicht die angeblich 189 Gesetzentwürfe und Maßnahmen durchgehen, die diese Regierung nach eigenen Angaben im ersten Jahr ihrer Amtszeit im Kabinett verabschiedet haben soll, es reicht ein Blick auf einige Politikfelder bei denen erkennbar wird, dass die CDU/CSU der SPD auf ganzer Linie Niederlagen zugefügt hat.

Als da wäre etwa die Abschaffung des Bürgergeld-Gesetzes, dem die CDU/CSU noch vor vier Jahren mit ganz überwiegender Mehrheit zugestimmt hatte. Das neue Grundsicherungsrecht schafft ein Sanktionsregime, das in weiten Teilen restriktiver ausfällt als das unter Kanzler Gerhard Schröder eingeführte Hartz-IV-System. Als ob es die SPD damals nicht die Mehrheit kostete, verteidigte Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bas im Bundestag das Vorhaben: „Wir haben im Ergebnis eine gute Reform, mit der wir Menschen helfen, die Unterstützung brauchen und mit der wir mehr Mitwirkung erwarten“.

Die SPD hat ohne Murren hingenommen, dass sich Innenminister Alexander Dobrindt bei der Ausländerpolitik – unter dem Oberbegriff des Koalitionsvertrages einer „effektiven Steuerung der Migration“ – nahezu ungehindert austoben konnte. Trotz eines entgegenstehenden Gerichtsurteils hält der Innenminister an Zurückweisungen von Asylsuchenden hinter der deutschen Grenze fest. Er setzt die Aussetzung des Familiennachzugs rigoros um. Auf der Grundlage von Vereinbarung des Bundesinnenministeriums mit der De-facto Regierung Afghanistans will Dobrindt Abschiebungen dorthin „Schritt für Schritt“ ausweiten, er will „Abschiebehemmnisse“ reduzieren und sog. „Return Hubs” (Abschiebezentren) in Drittstaaten außerhalb der EU schaffen. Auch dass das Bundesinnenministerium die Schutzzusage für fast 800 Militärhelfer aus Afghanistan nicht einhält, wird von der SPD klaglos hingenommen.

Die SPD hat weder der Senkung der Luftverkehrssteuer, noch CSU-Forderungen nach Einführung einer Mütterrente oder nach Wiedereinführung der Subventionen für Agrardiesel oder nach Senkung der Mehrwertteuer für Speisen in der Gastronomie „widersprochen“. Hat die SPD im Koalitionsausschuss die Lockerungen beim geplanten Verbrenner-Aus ab 2035 nicht etwa „mitgetragen“? Wo blieb der Aufschrei der SPD als im EU-Parlament mit den Stimmen der extrem rechten Fraktionen die Forderung der CDU nach Aufweichung des Lieferkettengesetzes beschlossen wurde? Die SPD stellte sich nicht dagegen, die tägliche Höchstarbeitszeit in eine Wochenarbeit umzuwandeln, so dass Schichten bis zu 13 Stunden dauern könnten.

Screenshot: Website SPD

Fragen über Fragen

Bei der Gesundheitsreform lässt es die SPD zu, dass vor allem die Beitragszahler durch Einschnitte bei der Familienversicherung oder der Zuzahlung für Medikamente zur Kasse gebeten werden und dass die gesetzlichen Krankenversicherungen die Gesundheitskosten für Grundsicherungsempfänger weiterhin zu einem erheblichen Teil tragen sollen, während der Bund den Zuschuss an die Krankenkassen um 2 Milliarden kürzen will.

Zur Splitterpartei verzwergt

Man könnte die Liste der Gesetze und Maßnahmen nahezu beliebig fortsetzen, in denen die SPD in der schwarz-roten Koalition den Kürzeren gezogen hat. Die meisten konservativen Medien, die CDU/CSU und Bundeskanzler Merz rufen aber „Haltet den Dieb“ und versuchen damit von der Verantwortung für das eigene Versagen abzulenken und die Schuld an der Misere auf die SPD zu schieben. Und das, obwohl selbst die CDU-Ministerpräsidenten im Bundesrat gegen die 1000-Euro-Prämie für Arbeitnehmer stimmten.

Der profillose und vor allem als Netzwerker aktive SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil und seine Co-Vorsitzende Bärbel Bas sind beide in die Kabinettdisziplin eingebunden, sie können und wollen sich nicht gegen Schuldvorwürfe wehren, geschweige denn eine sozialdemokratische Perspektive entwickeln. Die SPD nimmt im Gegenteil die Rolle des „Diebes“ klaglos an und wundert sich, dass sie eine Wahl nach der anderen verliert und sich nach jüngsten Umfragen zur Splitterpartei verzwergt.

Meint die SPD-Führung tatsächlich, dass die Sozialdemokratie mit der Androhung der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und dem Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ dem Schicksal anderer sozialdemokratischer Parteien in Mitteleuropa entgehen kann? Nämlich von der politischen Landkarte zu verschwinden!

Unter dem Titel „Nach der Methode „Haltet den Dieb“ wird der SPD alle Schuld an der Misere zugeschoben“ erschien der Beitrag zuerst auf dem Blog der Republik.


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Wolfgang Lieb
Wolfgang Lieb ist Jurist und Publizist, er arbeitet als freier Autor. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. 2009 wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet.

1 Kommentar

  1. Wolfgang Liebs Sanktionen- Beschreibung bringt aufmerksame Leserinnen und Leser, also die die sich um Wahrheit und Klarheit bemühen, in eine schwierige Situation. Das neue Grundsicherungsrecht schaffe ein „Sanktionsregime“, so schrieb er, „das in weiten Teilen restriktiver ausfällt als das unter Kanzler Gerhard Schröder eingeführte Hartz-IV-System“.
    Die neuen Grundsicherungsbedingungen nennen als Ansatzpunkt die „beharrliche“ Verweigerung. Was ist das? Im Arbeitsrecht wird als beharrliche Verweigerung eine bewusste und auch nachhaltige Einstellung bezeichnet. Das hat mit einer Augenblicksentscheidung nichts zu tun. Und in der Regel zieht die so verstandene Verweigerung der Arbeit eine Kündigung nach sich. In Arbeitsrecht und Praxis wurden zu Recht die Hürden für eine Kündigung hoch angesetzt. Anders: Es geht also um eine wiederholte Pflichtverletzung, über welche sich der Betroffene auch im Klaren ist. So soll auch jenes – wie Lieb schrieb – „Sanktionsregime“ funktionieren.
    Lieb stützt sich in der Argumentation auf eine Ausarbeitung von Harald Thomé, in welcher steht: „Die Reform ( des Bürgergelds zur Grundsicherung) markiert einen historischen Richtungswechsel: Sie hinterlässt ein Grundsicherungsrecht, das sich schärfer gegen Menschen in Armut richtet als jede Phase des deutschen Sozialrechts seit 1945.“ Das ist angesichts der Tatsache, dass es erst seit 1961 ein Bundessozialhilfegesetz gibt falsch. In Paragraph 45 des Gesetzes, 1962 in Kraft getreten, heißt es beispielsweise, dass Behinderten die Unterstützung komplett gestrichen werden kann, wenn sie der Arbeitsverpflichtung nicht folgten. Also Vorsicht bei derartigen Behauptungen wie die des Herrn Thomé.
    Mensch sollte da schon aufpassen, wem er in der Argumentation folgt. Das ist freilich nicht mein hauptsächlicher Einwand gegen Liebs Argumentation.
    Es geht um Antworten auf die Existenz und das Vorankommen der AfD. Das hängt nicht von verbreiteten schlechteren oder besseren Lebensbedingungen ab. Das ist eine Illusion. Solche Parteien wie die AfD reüssieren in Zeiten, in denen Millionen mit den kulturellen Dissonanzen in sich nicht mehr klarkommen.

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