Der offene Antihumanismus der AfD

In der aktuellen „Wochen Taz“ ist auf Seite 1 als Eyecatcher zu lesen: „Alarmstufe Blau“, wie die „Identitären den Staat umbauen wollen, wie sich Institutionen auf das Schlimmste vorbereiten…“ Die Taz widmet diesem Themenkranz vier Seiten. Lesenswert und informativ, aber leider schreiben Autorinnen und Autoren weitgehend an der Gruppe aus Menschen vorbei, die Teilen der AfD offenkundig besonders verhasst ist.

Für Björn Höcke und andere gibt es drei Gruppen, die sie aggressiv ablehnen und attackieren. Das sind die Menschen, Zeitgenossen, die man in Höckes Kreisen “linksgrünversifft” nennt, weil die nach AfD-Überzeugung Staat und Gesellschaft verderben.
Dann gibt es, zweitens, Menschen, die nicht hierhergehören, weil sie nach AfD- Überzeugung einer mit hiesigen Verhältnissen nichtkompatiblen Kultur anhängen; weit überwiegend in Deutschland eingereiste Menschen.
Und drittens gibt es Menschen, die durch Geburt anders sind; “nicht gesund” werden die in der AfD genannt. Das sind die Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, die Behinderten im Land, Kinder, Jüngere Ältere und ganz Alte, alles in allem rund acht Millionen.

Inklusion ziehe die „Gesunden“ hinab

Der Bundesverband Rehabilitation schreibt mit Blick auf Björn Höckes im Sommerinterview 2023 des Mitteldeutschen Rundfunks geäußerte Ansichten-Absichten („Gesunde Gesellschaften haben gesunde Schulen“): Höcke „verhöhnte den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung als eines der Ideologieprojekte, die ‚unsere Schüler nicht weiterbringen, unsere Kinder nicht leistungsfähiger machen und die nicht dazu führen, dass wir aus unseren Kindern und Jugendlichen die Fachkräfte der Zukunft machen‘.“

An dieser Seite der AfD- Ideologie geht auch der lesenswerte Text der TAZ schlicht vorbei. In den Feuilletons auflagenstarker Zeitungen, in Fernsehsendungen und anderen Informationsmöglichkeiten wird sehr säuberlich getrennt und abgewogen: Dies und jenes sei zwar grob und falsch, aber daraus auf eine Verbindung mit dem Nationalsozialismus zu konstruieren, das sei gewagt, zu gewagt. Beim Thema Umgang mit Behinderten ist die Verbindung zum Nazitum offenkundig. Das Menschenrecht auf Teilhabe und Chancengleichheit wird aus Gründen der Gesundheit, also in der Regel aus eugenischen Gründen nicht akzeptiert. Wer erkennbar behindert ist, hat einen anderen Weg zu gehen als diejenigen, die als nicht behindert angesehen werden. In ihren Reden und Verlautbarungen äußern sich AfD-Repräsentanten ablehnend gegen die Inklusion, weil durch gemeinsame Schulen und gemeinsamer Unterricht „gesunde“ Kinder benachteiligt würden. Inklusion ziehe die „Gesunden“ hinab. Das „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt geht deutlich in diese Richtung.

Faktisch geht es der AfD um wertes und weniger wertes Leben. Also um eine alte Ideologie, die im Kern von einer „Reinheit des Volkes“ handelt. Diese Ideologie war in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren weit verbreitet. Mit Blick auf behinderte Menschen gestatten wir der AfD offenen, keineswegs intellektuell verbrämten Antihumanismus. Keinerlei Differenzierung. Nur gesund oder nicht gesund.

Behinderte Menschen haben ihre Organisationen, ihre Fürsprecher und Fürsprecherinnen. Aber die große Stimme, der die meisten zuhören, die fehlt heute. Wissen Sie noch, wer in der letzten großen Stimme steckte, die ein Bekenntnis zu den Schwachen ablegte? Nein? Dann zur Erinnerung:

Für John F. Kennedy und seinen Bruder Robert gab es ein Schlüsselwort, in dem sich ihre politische Leidenschaft sammelte, und es wird von ihren Landsleuten, die ihre Trauer um den Tod dieser beiden Männer noch nicht abgeschüttelt haben, wieder und wieder zitiert. Dieses Wort heißt ‚compassion‘. Die Übersetzung ist nicht einfach Mitleid, sondern die richtige Übersetzung ist die Bereitschaft, mitzuleiden, die Fähigkeit, barmherzig zu sein, ein Herz für den anderen zu haben. Liebe Freunde, ich sage Ihnen und ich sage den Bürgern und den Bürgerinnen unseres Volkes: Habt doch den Mut zu dieser Art Mitleid! Habt Mut zur Barmherzigkeit! Habt Mut zum Nächsten! Besinnt euch auf diese so oft verschütteten Werte! Findet zu euch selbst! Die Menschlichkeit braucht zuletzt immer den einzelnen.

Willy Brandt am 12. Oktober 1972 in der Dortmunder Westfalenhalle.


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Klaus Vater
Klaus Vater arbeitet als Kommunikationsberater und Autor. Er war stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, zuvor Pressesprecher des Gesundheitsministeriums sowie des Arbeitsministeriums. Seinen Jugend-Kriminalroman "Sohn eines Dealers" wählte die Kinderjury des Literaturpreises "Emil" 2002 zum Kinderkrimi des Jahres. 2025 erhielt Vater den Gregor-Gog-Literaturpreis.

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