Stagnationsgefahr: Großes Geld für alte Industrien, ein paar Münzen für neue

Bild: Afzaal0001 auf Pixabay

Wie 100.000 andere LeserInnen, bin auch ich ein großer Fan von Paul Krugmans Substack-Beiträgen sowie seiner zahlreichen Beiträge für die New York Times über viele Jahre hinweg, ganz zu schweigen von seinen meist bahnbrechenden wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings habe ich schon vor Jahren begonnen, seinen Analysen der europäischen Volkswirtschaften skeptisch gegenüberzustehen. So vertritt er schon länger gerne die Ansicht, die Lage der europäischen Volkswirtschaften, also auch der deutschen, sei deutlich besser, als es Gutachten anderer Forscher oder gar Internationaler Organisationen wie der OEDC nahelegen. Ich glaube, da spielt ihm seine Hoffnung, der Kapitalismus sei zwangsläufig NICHT schlecht für die Mehrheit der BürgerInnen, einen Streich; beeinträchtigt zumindest etwas seine ansonsten so klaren Analysefähigkeiten.

Nun rudere ich gleich wieder ein Stück zurück. Er hat da in Gänze nicht Unrecht. Denn die Europäer, zumindest in den Kernländern, genießen beispielsweise erschwingliche oder gar kostenlose Gesundheitssysteme, leben viel länger als US-BürgerInnen, haben deutlich länger bezahlten Urlaub und sind zudem im Durchschnitt besser ausgebildet als Nordamerikaner. Das Produktivitätsniveau der EU-Wirtschaften und der in Deutschland ist zwar niedriger als in den USA — aber wer zugleich das Preisniveau von Waren und Dienstleistungen vergleicht, stellt fest: Die Lage in der EU ist gar nicht so schlecht. Und das, obwohl die Zahl der jährlichen Arbeitsstunden bedeutend geringer ist als die us-amerikanischer Arbeiter. Und weiter: Im Vergleich zu den USA leben die Europäer in einem funktionierenden unabhängigen Rechtsstaat. Korruption auf höchster politischer Ebene kommt in Europa vor, aber längst nicht in dem Ausmaß wie in den USA, wo es bald Alltag zu werden droht. Auch ein Blick auf die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen zeigt: Diese Ungleichheit hat auch in Europa zugenommen, aber das Ausmaß ist deutlich geringer als in Nordamerika.

Wohlstands-Errungenschaften in Gefahr

Aber: Bedeutet dieser Vergleich nun, dass in Europa alles oder fast alles oder wenigstens das Wesentliche gut ist? Mit Verweis auf meinen Einstieg in diese Kolumne halte ich fest: Krugman würde nun diese Frage mit einem vorsichtigen Ja beantworten. Ich beantworte sie mit einem: Nein! Ganz und gar nicht. Europa bewegt sich aus Gründen, die in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft liegen, auf eine Stagnation zu. Die bringt die folgende große Gefahr mit sich: Hält eine Stagnation an, dann sind genau die Wohlstands-Errungenschaften, welche die Durchschnitts-Bürger heute genießen und die ich oben im Vergleich mit den USA hervorgehoben habe, in Gefahr.

Lassen Sie mich mit dem Problem der Produktivität beginnen. Arbeitproduktivität, also die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde, sagt etwas über die Effizienz einer Volkswirtschaft aus und sie gibt den ökonomischen Verteilungsspielraum vor. Laut Krugman ist das im Vergleich geringere Produktivitätswachstum Europas kein echtes Problem. Er registriert sehr wohl: Die Produktivitätslücke — gemessen als Output pro Stunde pro Beschäftigten – zwischen den USA und Europa werde zunehmend tiefer. Er erläutert diese Entwicklung jedoch so: Das im Vergleich schnellere Produktivitätswachstum der USA erkläre sich mit deren „Dominanz in einem engen Sektor, der IT, … “; ob Nvidia, Meta, Microsoft oder Apple, alle weltweit führenden Tech-Konzerne sitzen in den USA. Die konstatierte Kluft sei in diesem Vorteil begründet und keinesfalls in einer insgesamt rückläufigen europäischen Produktivität.

Paul Krugman (Screenshot: substack)

Bei seiner Vergleichsarbeit unterscheidet Krugman einmal die Messung des BIP in konstanten und aktuellen Preisen, und kalkuliert dann in sogenannten Kaufkraftparitäten (KKP). Letztere, so Krugman, ist die beste Methode, wenn man internationale Produktivitätvergleiche vornimmt. In seiner empirischen Betrachtung zeigt sich, dass Europa keineswegs signifikant zurückfällt. Die Produktivitätslücke hat sich zwischen 2019 und 2023 nur leicht vergrößert. Krugman erklärt dieses Ergebnis damit, dass die Mischung an produzierten Gütern und Dienstleistungen in den USA und Europa unterschiedlich sei, und KKP genau erfasse, dass die Effizienz Europas über das gesamte Angebot hinweg sehr wettbewerbsfähig sei.

Ein veritables Produktivitätsproblem

Ich habe mehr empirische als methodische Zweifel. Wenn ich diesen Vergleich mit KKP für den Fall Deutschland noch um zwei Jahre bis 2025 verlängere, dann zeigt sich, dass die Lücke ständig größer wird; für Europa gilt die gleiche Entwicklung. Und das kann nicht allein mit dem Vorteil der USA erklärt werden, dass alle weltweit führenden Tech-Konzerne in den USA sitzen. Da widerspreche ich Krugman.

Nehmen wir den Fall Deutschland. Die deutsche Industrie ist rückständig in Sachen Digitalisierung und der Anwendung der KI. Warum ist sie das? Einmal, weil die deutsche Wirtschaft seit einigen Jahren stagniert oder wenigstens nur ein minimales Wachstum hat. Und deshalb ist sie auch in Sachen Digitalisierung, Roboterisierung und KI im Rückstand. Das gilt für die gesamte Wirtschaft in der EU, nicht nur für die in Deutschland. Fehlende Investitionsdynamik führt auch dazu, dass die breite Anwendung moderner IT sehr moderat ausfällt, und dies wiederum behindert Effizienzfortschritte. Nicht nur Deutschland, sondern die EU hat ein (im Durchschnitt) veritables Produktivitätsproblem.

Grafikt: Kurt Hübner auf substack

Der Draghi-Bericht über den Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit bietet zu unserem Thema wertvolle Einblicke. Wie Krugman erklärt Draghi die Produktivitätslücke zwischen der EU und den USA wesentlich mit dem Fehlen eines leistungsfähigen IT-Sektor in Europa. Er wird jedoch meines Erachtens in einem entscheidenden Punkt deutlich konkreter: Draghi sieht das Hauptproblem — und damit die Hauptursache für die zu geringe Produktivität — in der Fragmentierung des europäischen Wirtschaftsraumes.
Einige Zahlen: In der EU gelten etwa 100 Gesetze, die sich auf die Entwicklung und Anwendung von Techniken beziehen. In den EU-Mitgliedsstaaten gibt es mehr als 270 Regulierungsbehörden, die versuchen, digitale Netzwerke zu steuern. Jedes Mitgliedsland finanziert und subventioniert neue Techniken nach eigenem Gusto. Die Folge: Große Investoren werden faktisch blockiert, alle Finanzierungsvorhaben sind überaus komplex und langwierig. Es gibt von der EU ein ehrgeiziges Förderprogramm für Forschung und Entwicklung namens „Horizont Europa“. Das Budget beträgt stolze 100 Milliarden Euro. Jedoch: Die Gelder sind auf zahlreiche Sektoren verteilt, damit verzettelt sich dieses Programm, die Förderzugänge sind sehr bürokratisch bis unzugänglich organisiert, es gibt keine Konzentration auf disruptive Innovationen, was unabdingbar wäre.
Die Folge: Anstatt riskante innovative Vorhaben in Angriff zu nehmen, beschreiten europäische Unternehmen hauptsächlich wie in den vergangenen Jahrzehnten den Weg der inkrementellen und damit betulichen Trippelschritt-Innovation; einst war dies gerade so in Ordnung, heute kannst Du das buchstäblich vergessen. Denn es gilt eine Besonderheit: Wenn ein Unternehmen, auch wenn eine Volkswirtschaft Lücken in der Innovation zulässt, dann mögen die konkreten Folgen zuerst gering sein. Jedoch: Wenn nicht nur eine Innovation verpasst wird, die zweite oder dritte auch noch, dann können schnell und unberechenbar in der Addition große Krisen, gar Verwerfungen entstehen.

Eine große Errungenschaft und ein großes Problem

Europäische Sozialstaaten sind nicht billig. Auch deshalb ist ökonomische Stagnation ein großes Problem. Denn diese Sozialstaaten benötigen Steuereinnahmen des Staates, stetig und wachsend, um dieses System finanzieren zu können. Stagniert die Wirtschaft, wächst sie nicht, dann schwinden die Ressourcen des Staates und die Konflikte wachsen: Rüstung oder Sozialwohnungen, Pendlerpauschale oder Suppenküche, Auto-Subventionen oder 9 Euro-Ticket.

Wir haben noch ein Problem, leider. Es handelt sich hier um ein eigentlich gutes Luxusproblem: das immer höhere Alter. Auch da steht Europa gut da, im Gegensatz zu den USA, weshalb es überaltert ist. Die Lebenserwartung in den USA lag 2024 bei etwa 79 Jahren und blieb damit deutlich hinter dem Durchschnitt vergleichbarer europäischer Länder zurück, der in der Regel zwischen 81 und 84 Jahren liegt. Es spricht für die hiesige Lebensqualität, die vor allem von der Qualität der Sozialsysteme gestützt wird. Was einerseits eine große Errungenschaft ist, wird andererseits ein großes Problem: wenn der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung immer kleiner wird. Gibt es zu wenige Arbeitskräfte, dann ist zwangsläufig das Potential zu wachsen und zu produzieren eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund begehen viele EU-Staaten, allen voran Deutschland, auch noch diese Dummheit: Sie schränken einerseits die Einwanderung ein und beklagen andererseits den Mangel an Wachstum und Produktivität; und viele sehen nicht einmal den Zusammenhang zwischen beidem. Wie soll da noch geholfen werden?

Die zu alte Gesellschaft zeigt sich vor allem hier: Die Menschen arbeiten vergleichsweise in ihrem Leben immer weniger, sie beziehen vergleichsweise immer länger Rente. Das war mit dem hiesigen Renten- und übrigens auch Gesundheitssystem so nicht vorgesehen. Gegen vernünftige Änderungen wehren sich eigentlich alle, die Alten wie die Jungen. Und die aufsteigend nationalistisch-rechten Parteien verschärfen nicht nur hier das Problem noch: indem sie ebenso gefährliche wie illusionäre Versprechen machen, die Renten zu erhöhen, die Vorruhestandsregelungen beizubehalten.

Die Zeit läuft

Bevor meine Diagnose Depressionen auslöst, kehre ich zu Krugman zurück: Er hat recht, wenn er sagt, Europa ist kein Technologiemuseum. Richtig: Europa verfügt über enorm qualifizierte Arbeitskräfte und gut entwickelte Bildungssysteme, die die Grundlage für eine Innovations-Offensive bilden können. Deutschland und die EU haben weltweit eine Vorreiterrolle bei der Festlegung von KI-Standards, der Qualität der Grundlagenforschung und der Anwendung von KI in traditionellen industriellen Prozessen. Ob die KI in der Industrie noch helfen kann, die noch bestehenden komparativen Vorteile in der Fertigung zu verbessern, ist offen. Warum? Weil die deutsche Politik eine solche Innovations-Offensive bisher nur sehr halbherzig unterstützt — handelt diese hochumstrittene Regierung Merz irgendwo richtig fahrlässig, dann hier.
Die mit gerade mal 5,5 Milliarden Euro ausgestattete deutsche KI-Initiative konzentriert sich auf Modelle der nächsten Generation und Dateninfrastruktur mit einem Fokus auf industrielle Anwendungen. Vorzeigeprojekte zum Wissenstransfer in den Bereichen Automobil, Chemie, Biotechnologie, Cleantech, Medizin und Agrar- und Ernährungswirtschaft weisen zwar in die richtige Richtung, doch die verfügbaren (vergleichweise läppisch kleinen) Mittel sind viel zu gering, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Dazu kommt das sogenannte Scaling-Problem: Es bedarf eines echten europäischen IT-Marktes, um Innovationen potenziell profitabel zu machen.

Einige Zahlen für das rückwärtsgewandte Politikmuster illustrieren mein Argument. Die fünf größten EU-Länder geben jährlich 42 Milliarden Euro allein für die Subventionierung von Firmenwagen mit Verbrennungsmotoren aus, wobei Italien 16 Milliarden Euro, Deutschland 13,7 Milliarden Euro, Frankreich 6,4 Milliarden Euro und Polen 6,1 Milliarden Euro aufwenden.

Was Europa derzeit fehlt, ist eine politische Klasse, die nach vorne blickt, anstatt alte Industrien und Techniken zu verteidigen. Die Zeit läuft!


Entdecke mehr von bruchstücke

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kurt Huebner
Kurt Hübner ist Professor für europäische Integration und internationale politische Ökonomie. Er war mehr als zwölf Jahre Direktor des Instituts für Europastudien an der Universität von British Columbia in Vancouver/Kanada. Nach Forschungstätigkeiten und (Gast-)Professuren in Mannheim, Berlin, Kassel und Wien verließ er seine Professur an der Berlin School of Economics und arbeitete zunächst am Centre for German and European Studies an der York University in Toronto, bevor er den Ruf als Full Professor an der University of British Columbia annahm. Dort hält er den Jean Monnet Chair for European Integration and Global Political Economy und den Chair for German and European Studies. Sie können seine Arbeiten verfolgen: kurthuebner.substaeck.com und auf seiner Webseite kurthuebner.com

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert