
„Ein herrlicher Tag bricht an“, sagte am 13. Oktober des vergangenen Jahres ein gewisser Donald Trump im ägyptischen Badeort Scharm El Scheich vor arabischen Fürsten, hohen Diplomaten und weiteren Statisten in festlichen Gewändern. Der herrliche Tag sollte anbrechen für die Israelis, die seit dem grausamen Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 alle Ängste, Unsicherheiten und Verfolgungen ihres Volkes wieder und wieder durchlebten. Er sollte anbrechen für die rund zwei Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser in dem schmalen Küstenstreifen, denen der israelische Vernichtungskrieg gegen die Hamas seit zwei Jahren eine lebenswerte Zukunft zerbombt und vernichtet hat. Der US-Präsident versprach an diesem Tag nicht nur eine Waffenruhe, eine Befreiung der letzten israelischen Geiseln und eine Entwaffnung der Hamas. Er versprach eine goldene Zukunft. Und ließ sich nur wenige Wochen später von den Vereinten Nationen einen 20 Punkte-Plan absegnen, in dem die UN sich selbst abschaffte: Ein internationaler Friedensrat unter Trumps unbefristeter Führung sollte den Krieg zwischen der Hamas und Israel beenden und Billionen von Dollar in der Welt für den Wiederaufbau des zerstörten Gazastreifens einsammeln.
Seinen Plan für diesen Aufbau ließ Trump seine Immobiliendiplomaten Jared Kushner (Schwiegersohn) und Steve Witkoff (Golfpartner) auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos herumzeigen: ein Luxusmodell mit Hochhäusern am Gaza-Strand, Hotels und Flughafen. Ein atemberaubendes, zynisches Panorama für die Menschen, die seit Jahren zwischen Trümmern, endlosen Tunneln, aus denen immer neue schwer bewaffnete Hamas-Kämpfer auftauchen, und wieder und wieder vertrieben durch das israelische Militär von Nord nach Süd in erbärmlichen Zelten leben, abgeschnitten von der restlichen Welt. Zu dem „herrlichen Tag“ und der goldenen Zukunft gehörte auch ein von Trump berufener Verwaltungsrat: Dreizehn palästinensische Experten, Technokraten und ehemalige Politiker sollen unter der Leitung von Ali Schaath, des ehemaligen Vizeministers der Autonomiebehörde, in dem Küstenstreifen für Ordnung, Bildung und Verteilung der UN-Lebensmittel ohne Korruption und Bandenkriminalität sorgen.
Nicht einmal ein halbes Jahr später hat Donald Trump das Interesse an seinem Friedensrat verloren und führt mit Israel einen Krieg gegen den Iran, den Finanzier, Ausbilder und Waffenlieferanten der Hamas wie der Hisbollah im Libanon. Ein Krieg, aus dem sich zurzeit kein Ausweg abzeichnet.
Kommunalwahl als starke Botschaft
Gaza, wo liegt das? Der palästinensische Rat der Technokraten hat den Küstenstreifen seit seiner Ernennung nicht betreten dürfen: Das israelische Militär hält die Grenzen geschlossen. Er sitzt in Kairo in einem Luxushotel, kontrolliert und überwacht von einer US-Frau aus der Botschaft, finanziert von den Arabischen Emiraten, wie Le Monde am 29. Mai berichtet. Ohnehin ist der schmale Küstenstreifen für die Palästinenser noch schmaler geworden. Das israelische Militär hat auf Anweisung der Regierung das Land von Nord bis Süd durch eine gelbe Linie geteilt und beherrscht damit 60 Prozent des Gebiets. Zwischen der gelben Linie und der israelischen Grenze (die die Hamas am 7. Oktober 2023 leicht überwandt) haben Bulldozer das Land, die Olivenhaine und Häuser plattgewalzt. Es ist tödlich gefährlich, sich der Linie zu nähern: Es heißt, seit dem Waffenstillstand habe es an der gelben Linie über 800 Tote gegeben. Neben dem israelischen Militär herrschen dort von Israel bewaffnete Milizen und zwei Clans alteingesessener Familien, die sich bereichern an den wenigen Lebensmittelkonvois, am Schmuggel und sich auch gegenseitig ermorden.
Doch wen kümmert das noch? Und so findet auch ein Ereignis kaum Erwähnung: Kümmerlich, aber immerhin fand zum ersten Mal seit zwanzig Jahren im Süden von Gaza eine Kommunalwahl statt (und in einigen Städten des Westjordanlandes). Im halbwegs noch bewohnbaren Deir Al-Balah gingen am 25. April 22 Prozent der eingeschriebenen Wahlberechtigten zur Wahl, in Zahlen: 15 000 von 70 000 (Quelle: Le Monde vom 28. April). Jamil Al-Khalidi, der regionale Direktor der Wahlkommission, ist (telefonisch gegenüber Le Monde) dennoch stolz, diese Wahl geschafft zu haben, denn Israel untersagte den „Import“ von zugelassenen Wahlurnen und Stempelkissen für den Fingerabdruck. Die 750 Wahlhelfer und 350 Wahlbeobachter behalfen sich, bastelten 105 Wahlurnen und markierten die Daumen der Wählerschaft mit Stiften, die Ärzte beim Impfen von Kindern zur Markierung benutzen. Sie bauten Zelte, weil die Schulen, in denen früher einmal Wahlen stattfanden, weitgehend zerstört sind. „Trotz der schwachen Beteiligung“, so Khalidi, „ist die Botschaft stark: Das palästinensische Volk hält an freien Wahlen und einer friedlichen Machtübergabe fest.“
Ist die Aufmerksamkeit erloschen?
Wen aber wählten die 15 000? Über den Ausgang ist nur in der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo am 6. Mai etwas zu finden: Die Liste der Hamas erhielt 2 von 15 Sitzen, die Liste der Fatah 6. Über die restlichen sieben Gewählten erfährt man nichts, aber für Charlie Hebdo ist es dennoch ein kleines, nicht unerhebliches Zeichen, dass die säkulare Fatah, die 2006 (bei den letzten Wahlen) gegen die islamistische Hamas verlor, doch nicht völlig ohne Einfluss sei. Ein Schlaglicht nur in diesem gegenseitigen Vernichtungskrieg: Hamas gegen Israel, Israel gegen Hamas, Hamas gegen Fatah, Gaza-Clans gegen Hamas? Ist die weltweite Aufmerksamkeit erloschen? So erloschen, dass die erste Stellungnahme Karim Khans, des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, nach seinem Rückzug vor einem Jahr (nach Vorwürfen sexueller Belästigung) kaum erwähnt wurde? In einem Interview mit dem britisch-amerikanischen Journalisten Mehdi Hasan stellte Khan klar: Derzeit sähe er keine ausreichenden Beweise für den Vorwurf eines Völkermordes durch Israel im Gazastreifen (eine der raren, deutschen Quellen: am 19. Mai im kath.net). Ist das Thema abgehakt, sind Meinungen und Gegenmeinungen festgezurrt?

Wer an der Geschichte dieses winzigen Landstrichs und seiner Bevölkerung wirklich interessiert ist, der könnte zu einem Buch greifen, das in diesem Frühjahr im Fischer-Verlag erschienen ist. Hamza Abu Howidy, 1997 in Gaza-Stadt in eine 1948 aus Jaffa im damaligen Palästina-Mandatsgebiet vertriebene Familie geboren, schrieb mit der taz-Redakteurin Judith Poppe seine „Erinnerungen an ein zerstörtes Land“. In „Muscheln am Strand von Gaza“ lässt sich zum ersten Mal in Deutsch nachlesen, was in den letzten Jahrzehnten in Gaza geschehen ist, nicht quellenbelegt und politikwissenschaftlich wie im kenntnisreichen Hamas-Buch von Joseph Croitoru (2024 erschienen), sondern lebensnah, sehr persönlich und beeindruckend offen. Hamza Abu Howidy gelang eine abenteuerliche Flucht aus Gaza über Ägypten, Türkei und Griechenland nach Deutschland, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Er ist „geduldet“ und nutzt doch seine Stimme: „Ich kritisiere die Hamas und ich kritisiere die israelische Regierung, und manchmal fühle ich mich wie der einsamste Palästinenser auf der ganzen Welt“, schreibt er.
Hamza Abu Howidy erzählt nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch wie er vom Schüler einer stramm islamistischen Hamas-(Privat-)Schule zum Gegner der Terrormänner mit den grünen Stirnbändern wurde. Abu Howidy nimmt die Leserin mit in sein Viertel von Gaza-Stadt, das Al Rimal, „der Sand“, heißt und das schönste von Gaza überhaupt gewesen sei, erbaut im europäischen Stil in dem Jahrzehnt nach 1930: bürgerliche Villen mit Gärten, in denen die Büsche von Jasmin betörenden Duft verströmten. In diesem Viertel wohnte nicht nur Hamzas Familie, die es mit einem Hotel am Strand, einem Atelier für Hochzeitskleider und wichtigen Posten in der Stadtverwaltung von Gaza zu einem gewissen Einfluss und Wohlstand gebracht hatte. In diesem Viertel wohnten hohe Funktionäre der säkularen Fatah und der islamistischen Hamas, residierten Verwaltungsbehörden und Polizeistationen.
Ein eigener Studiengang für die Techniken des Tunnelbaus
„Es gibt Dinge, die dein Gedächtnis nicht vergisst“, schreibt Abu Howidy. „Es legt sie ab in einem dunklen Raum, bis irgendwann ein weiterer Horror das Licht wieder anknipst.“ Es sind die Bilder vom 7. Oktober 2023, die die Hamas von ihrem Terrorangriff auf Kibbuzim und ein Tanzfestival in die Küchen und Wohnzimmer Gazas sendet, die bei Abu Howidy „das Licht wieder anknipst“. Als zehnjähriger hat er unmittelbar vor der Haustür miterlebt, mitangesehen, wie die Hamas erbarmungslos alle ihre politischen Gegner ermordete: Fatah-Funktionäre, angebliche Verräter, Ungläubige oder Kollaborateure, mit wem auch immer. Es sind Tage, „in denen ich sah, was kein Kind sehen sollte“. Die Hinrichtungen auf offener Straße nannte die Hamas „Hasem“, die entscheidende militärische Schlacht, gebilligt und befördert durch Prediger wie Junis Al Astal. Der Schock sitzt tief bei diesem Kind.

(Foto: Hussein Jaber auf wikimedia commons)
Und dennoch stimmten er und seine Mitschüler auf dem Schulhof islamische Gesänge an: „O, Jerusalem, wir kommen zurück“ oder „Schnall deinen Gürtel fest, oh Märtyrer“, ein die Selbstmordattentate verherrlichender Song. Der Junge, wachsam und neugierig, belauschte die Gespräche seines Hamas-kritischen Vaters mit hohen Ministern dieser Organisation, die im Haus aus- und eingingen. In diesen Kreisen, auch in Hamzas Familie, wusste man Bescheid über die Korruption: Fathi Hamad, dem ehemaligen Innenminister, gehörten weite Teile des nördlichen Gazastreifens. Er kontrollierte Hühnerfarmen und Brütereien. Geklatscht wurde auch im bürgerlichen Viertel Al Rimal: Fathi Hamad habe 21 Kinder, ließe sich jedes Jahr scheiden, unterhalte aber stets vier Ehefrauen. Ähnliche Geschichten über Luxusleben in Katar oder der Türkei, Korruption und blühende Geschäftemacherei erzählt der Autor über die berüchtigten, nach dem 7. Oktober von Israel getöteten Führungsköpfe der Hamas, Ismail Hanijeh und Jahja Sinwar. Das Bild einer heroischen Widerstandsorganisation, die für die Interessen des palästinensischen Volkes in Gaza kämpft, zerstört Abu Howidy gründlich.
Das Netzwerk der Hamas reichte bis in den Studiengang Ingenieurwissenschaften an der Islamischen Universität Gaza, für den sich Hamza Abu Howidy einschrieb. „Ich dachte, ich könnte lernen, wie ich Straßen und Abwasseranlagen ausbessern, die Energieversorgung optimieren könnte – es gab so viel zu tun“, schreibt er. Doch bald stellte er fest, dass sich ein Großteil der Fakultät „auf die Entwicklung der militärischen Fähigkeiten der Hamas konzentrierte und nicht auf die zivile Infrastruktur“. Das Raketenentwicklungsprogramm leitete ein gewisser Jamal Al Zebda, der seinen Doktortitel in Maschinenbau an einer Universität in Virginia (Texas) gemacht habe, berichtet Abu Howidy. Den Techniken des Tunnelbaus widmete sich ein eigener Studiengang. „Ich fühlte mich unwohl in dieser Umgebung, inmitten von Menschen, die sich darauf konzentrierten, bessere Methoden für den Kampf gegen Israel zu entwickeln.“ Er wechselt die Fakultät, aber die Korruption „war auch dort überall spürbar“: Die teuren Studiengebühren von fast 2000 Dollar im Jahr übernahm die Hamas für ihre Mitglieder und ihre Unterstützer, berichtet Abu Howidy. Als sein Vater nach Konflikten in der Stadtverwaltung seinen Job aufgab, war auch für seinen Sohn das Studium beendet.
„Man überlebt Folter nicht, ohne etwas zu verlieren“
An der ersten Demonstration seines Lebens beteiligte er sich 2019. Im Flüchtlingslager Jabalia rebellierten junge Menschen unter der Parole „Wir wollen leben“ gegen die Hamas. Die reagierte mit aller Brutalität: „Am Ende des Tages waren über tausend Menschen verhaftet worden.“ Er selbst wurde in die Haftanstalt der Hamas in Jabalia gebracht, endlos verhört, geschlagen und gefoltert. Nach 22 Tagen retteten ihn die Beziehungen seines Vaters. Aber: „Man überlebt Folter nicht, ohne etwas zu verlieren. Der Körper erinnert sich an jeden Schlag, die Psyche an jede Minute der Ohnmacht.“ Es blieb nicht die einzige Verhaftung, vier Jahre später (ein paar Monaten vor dem 7. Oktober) gingen junge Menschen in Jabalia erneut auf die Straße und Hamza war dabei. Sie wussten, was ihnen drohte: Für Abu Howidy folgten zwei Wochen Haft in einer Einzelzelle ohne Fenster und ohne Licht, Verhöre und Folter. Die Einzelheiten erspart er keinem Leser und keiner Leserin.
Nach seiner Freilassung (wieder erreicht sie sein Vater) begibt er sich auf eine abenteuerliche Flucht. „Das Packen war das Schwierigste. Wie packt man sein Leben in eine Tasche? Wie bereitet man sich darauf vor, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen?“ Es sind Fragen, die sich nicht nur Hamza Abu Howidy stellen musste, sondern auch diejenigen, denen er auf seiner langen Flucht begegnet ist. Jetzt lebt er „geduldet“ in Berlin, sieht die Bilder, als Donald Trump den „herrlichen Tag“ und „die goldene Zukunft“ verkündet. Gegen seine eigene Hoffnungslosigkeit kämpft er mit einem Traum, dem des gemeinsamen Lebens von Palästinensern und Israelis von Rafah bis Haifa, von Ramallah bis Tel Aviv. Den Traum träumt er nicht allein.
Siehe von Jutta Roitsch auch die Rezension
„Joseph Croitoru erhellt die islamistische Geschichte der Hamas„
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