Eine Zeitenwende der Grünen

KKW Nein Rag I (Screenshot: youtube)

Wenn die Eintracht Fußball spielt, was derzeit wenig Freude bereitet, suche ich meine Stammkneipe auf. Dort schaue ich mir mit Freunden die bescheidenen sportlichen Darbietungen an. Diesmal treffe ich Theo. In der Halbzeitpause unterhalten wir uns über eine Gruppe an einem anderen Tisch. Ob das wohl Ossis sind, frage ich. Eine Stunde vorher hatte die Gruppe höflich gefragt, ob sie an einem Tisch Platz nehmen könne, der weitgehend unbesetzt war. Die zwei Leute, die dort schon saßen, haben das nicht verweigert, aber nicht gerade begeistert geguckt. Die Gruppe begab sich deshalb zu einem anderen Tisch, wobei einer von ihnen etwas von typisch Frankfurter Überheblichkeit motzte. Eine ärgerliche Szene, die man als Lebenskünstler locker wegstecken sollte. Mit Frankfurter Arroganz hat das nichts zu tun, das kann einem überall passieren.

Aber die Gruppe sah sich benachteiligt. Wie immer. Gewohnheitsmäßig herabgesetzt. Sie kennen das zur Genüge und werden es heimzahlen, wir ahnen schon, wie. Diese beleidigte Reaktion erinnert an ostdeutsche Gefühlslagen, wenngleich man in Frankfurt auch damit rechnen muss, dass es sich um Offenbacher handelt. Theo bot an, zu den Leuten rüberzugehen und sie zu fragen, woher sie kommen. „Mein Kumpel hätte gern gewusst, ob ihr Ossis seid.“ Gottseidank war es nur ein Scherz.

„Ich war’s net.“

Nicht ganz unlogisch fingen wir an zu politisieren und Theo sagte: 9 Prozent! Nochmal, NEUN PROZENT bekomme die SPD in aktuellen Umfragen gerade noch. Ich antwortete, früher hätte ich gesagt, neun zu viel, aber inzwischen sei es mir vergangen. – Die AfD vor der Union! – Umfragen halt, wandte ich ein, stell den Leuten die passenden Fragen und sie liefern die bestellten Antworten. – So argumentieren wir jetzt schon seit Jahren, konterte Theo und das war in der Tat absolut zutreffend.

Weiter: „Daran seid ihr schuld. Deine Generation.“ Ich möchte es ihm spontan zurückgeben, aber das Wort bleibt mir im Hals stecken. Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter. Also gebe ich ihm eine IT-typische Antwort, „Ich war’s net.“ Weil er in der gleichen Branche arbeitet, müsste er die Ironie verstehen. Die Informationstechnologie ist unter anderem deswegen so wichtig, weil du in diesem Feld nie jemanden persönlich für Fehler verantwortlich machen kannst. Es war dann immer die Technik. Nach diesem Schlenker gebe ich den Vorwurf an unsere prominenten 68er von A wie Altvater bis Z wie Zadek weiter.

Das Fußballspiel, über das ich höflich schweigen möchte, ist zu Ende, und wir gehen unserer Wege. Ich mache noch eine Runde über den Bornheimer Markt, um runterzukommen. Dort ist ein Straßenmusiker bei der Arbeit, und dass Arbeit respektiert werden muss, ist jedenfalls meine Meinung als Gewerkschafter. Ich gebe einen Obulus und höre zu.

Endlich fällt mir auch das richtige Wort für ihn ein, Bänkelsänger

Der Mann, ungefähr mein Baujahr und auch meine Größe, singt ein US-Protestlied, das seiner Meinung nach heute besondere Aktualität besitze. Ich kenne und verstehe es nicht. Er steht da in einem mittelalterlichen Kostüm und sieht ziemlich fertig aus, weil ihm die vorderen Schneidezähne komplett fehlen. Ich bin in der Hinsicht nicht so zimperlich, sowas passiert halt gegen Ende eines langen Lebens. Aber die Klamotten, Himmel nochmal! Alles in Erdfarben, grün, grau, ocker, braun. Er trägt ein Gewand, wie man es manchmal auf Fotos von Horrorshows sieht, die sich als Mittelalter-Feste bezeichnen und im Volk beliebt sind. Es weist ihn als Bauern aus und hat gewiss einen speziellen Namen, den ich nicht erinnere. Vielleicht kann man das in einem Heimatbuch nachschlagen. Es handelt sich um rechteckige Stoff- oder Lederlappen, die neben- und untereinander hängen und den Oberkörper bedecken. Man fragt sich, warum die Fransen nicht einfach runterfallen, sie müssen irgendwie mit Schnüren verbunden sein. Die Ritter trugen sowas manchmal aus Blechstücken. Wollten es die Bauerntölpel mit ihren bescheidenen Mitteln nachmachen?

Während der Mann aussieht, als hätte er den Bauernkrieg – der war vor 501 Jahren – eben erst verloren, hat auch seine Gitarre wohl so manches erlebt, Hüttendörfer, Baumhäuser, alternative Landkommunen, Cannabis-Plantagen. Aber das Instrument klingt noch, und der Mann singt noch, gar nicht mal schlecht und ohne elektronische Hilfen. Er gibt sich kämpferisch und stimmt eine lange, nicht enden wollende Ballade über die CO2-Verschmutzung an. Was ich davon verstehen kann, nur Bruchstücke, gefällt mir. Endlich fällt mir auch das richtige Wort für ihn ein, Bänkelsänger! Er ist ein Original, das heißt, er lebt es tatsächlich und putzt sich nicht bloß fürs Fernsehen oder für den Karneval heraus.

Mut zeigt er jedenfalls, auch Trotz. Denn er spielt nur für zwei Zuhörer. Der andere außer mir ist ein Hippie mit langen Haaren, anscheinend sein Begleiter, der am Fuß des Brunnens auf diesem kleinen Marktplatz hockt. Somit ergibt sich die einmalige Gelegenheit, die Inschrift dieses schlichten Brunnens bekannt zu geben: „Weil immer schon des Wassers Kraft / In aller Welt es Lewe schafft / So mög auch dieses Brünnlein fliesse / und alle Welt aus Bernem grüsse„. Es passt zu der musikalischen Darbietung an diesem Nachmittag.

Singen, aber mal wieder die Zähne zeigen

Klaus, der Geiger (Foto, 2008: Elya auf wikimedia commons)

Optisch erinnert mich der Hippie am Sockel des Brunnens an Klaus, den Geiger, wie er früher aussah. Aber er kann es nicht sein, weil er a) keine Latzhose trägt und b) keinen Geigenkasten dabeihat. Akustisch erinnert mich sein Kumpel, der Protestsänger, an den Freiburger Liedermacher Walter Mossmann. Dieser sang und textete gern Balladen, seine legendäre „andre Wacht am Rhein“ oder sein „KKW Nein Rag“ gehörten zum Repertoire einer ganzen Politgeneration, eben meiner. Hatte er sich zunächst von Georges Brassens und dem französischen Chanson inspirieren lassen, machte Mossmann während der siebziger Jahre Anleihen bei der amerikanischen Folk-Musik, um sich mit „Flugblattliedern“ direkt an die sogenannten einfachen Leute zu wenden. So wurde er zum Barden des Widerstands im Dreyeckland zwischen Basel, Freiburg und Straßburg, wo sich die anbrechende Anti-AKW-Bewegung erfolgreich gegen Atomkraftwerke im badischen Wyhl und im schweizerischen Kaiseraugst wehrte, aber das französische AKW Fessenheim und die schweizerischen AKW Leibstadt und Beznau nicht verhindern konnte. Mossmann starb 2015, fünf Jahre vor dem Aus für Fessenheim. Auf die Stilllegung von Leibstadt und Beznau warten wir immer noch, aber warten reicht eben nicht.

Walter Mossmann auf einer Konferenz der Heinrich Böll Stiftung (Foto, 2011: Stephan Röhl auf wikimedia commons)

Die Moral des kleinen Berichts über Theo, die Schuldfrage und den Straßenmusiker wäre also, dass wir noch singen können, aber dringend mal wieder Zähne zeigen müssten. Leider ist die Pointe zu schlicht. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl reiste Mossmann zusammen mit Rebecca Harms, grüne Parlamentarierin des Kreises Lüchow-Dannenberg, also Gorleben, in die Ukraine, um die Folgen des SuperGAUs zu recherchieren. Das war eine sehr verdienstvolle Initiative, da die Katastrophe sowohl von russischer als auch von ukrainischer Seite sowie von der Wiener Atomagentur IAEA krass verharmlost wurde. Das grüne Duo lieferte viele wichtige Informationen aus erster Hand und konterkarierte die offiziellen Darstellungen.

Dann geschahen merkwürdige Dinge. Harms muss eine Art Paula-Erlebnis gehabt haben. Fortan interessierte sie sich nicht mehr für Tschernobyl und die Atomfrage, sondern fast nur noch für die Verteidigung der Ukraine gegen die russische Aggression. Ihr politisches Programm las sie von den Lippen Klitschkos, ich glaube Vitali, aber es hätte auch Wladimir sein können. Das klingt ein bisschen hämisch, aber diplomatisches Feingefühl ist fehl am Platz, wenn wir über das Leben sprechen wollen, wie es wirklich ist.

Mossmann verschwand seinerseits in einer ukrainischen Versenkung. Er hielt sich lange Zeit in Kiew auf und mied die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihn so lange begleitet hatte. Wen er dort kennenlernte, wissen wir nicht, nur dass Harms und Mossmann nie wieder in einem Atemzug genannt wurden. Das frühere Paar war nicht mehr existent. Die Tschernobyl-Recherche versandete, obgleich der Boden von Pripyat heute noch radioaktiv ist.

Zum Schluss noch eine Strophe aus dem KKW Nein Rag

Der eine und die andere mögen diese Erzählung als voyeuristische Phantasie verdammen. Ich widerspreche nicht. Nur ist es eben so, dass Olaf Scholz‘ Zeitenwende in ihrem Wesenskern eine Zeitenwende der Grünen war, wie der Philosoph Habermas erschrocken feststellte, und selbstredend hat sie eine, nein: viele Vorgeschichten gehabt. Ein Teil davon muss bei den Grünen begonnen haben, in Fischers Außenministerium, in der Heinrich-Böll-Stiftung, im Europa-Parlament, was weiß man schon von einer Partei, die ursprünglich transparent hatte sein wollen. Das ist der eine Aspekt von Theos Schuldzuweisung, die ich hier ernster nehme, als sie gemeint war, ein Konglomerat von Verführung, Gehirnwäsche und Selbstaufgabe.

Joß Fritz. Holzschnitt von Albrecht Dürer
(Bild: Rosezweig auf wikimedia commons)

Der andere Aspekt ist noch komplizierter und unheimlich obendrein. Für die Publikationen der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen zeichnete das Pseudonym Joß Fritz verantwortlich, und so erschienen auch Mossmanns Flugblattlieder in jener Zeit. Joß Fritz war ein Anführer der mittelalterlichen Bauernkriege und Initiator der Bundschuh-Bewegung am Oberrhein. Die Vordenker der südbadischen Anti-AKW-Bewegung wollten demnach bewusst an die Tradition der alten Bauernaufstände anknüpfen – wie der Straßenmusikant auf dem Bornheimer Markt mit seinem Mittelalter-Kostüm. Während wir anderen AKW-Gegner diese Macke ein bisschen irritiert, aber wohlwollend ignorierten und inzwischen längst vergessen haben, wurde sie andernorts durchaus registriert.

Letztes Jahr zeigte eine Ausstellung zum 500. Jubiläum der Bauernaufstände im thüringischen Mühlhausen, wo Thomas Müntzer zuletzt gepredigt hatte, Dokumente der Anti-AKW-Bürgerinitiativen von Südbaden, Gorleben und Unterelbe, die sich alle auf die Bauernrebellen beriefen. Hegemonisch, um es mit Gramsci zu sagen, war dieses Traditionsbemühen nicht, aber es war auch keine Randerscheinung. Was war daran richtig? Dies wäre eine andere und vermutlich längere Ausarbeitung wert. Zunächst sei einfach mal festgehalten: Der aktuelle Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Cem Özdemir, hat in seiner Zeit als Landwirtschaftsminister keine Sekunde an diesen Gedanken verschwendet. Sein Vorgänger auch nicht. Das sind halt ehemalige KBWler, ihnen bedeutet Mossmann nichts.

Was war falsch an der Berufung auf die mittelalterlichen Bauernaufstände? Halten wir uns nicht lange mit umständlichen Formulierungen auf. In dieser Tradition ist der Antisemitismus fest verwurzelt. Das glaubt ihr nicht? Ja, gut, ich würde es auch lieber leugnen.

Zum Schluss noch eine Strophe aus dem KKW Nein Rag, die mir nicht aus dem Sinn geht:

Beim Frühstück sitzen drei Kapitalisten
Und ein Ministerpräsident
Ein Atomspezialist und ein hoher Polizist
Und ein Typ vom DGB, der pennt!

Mir hat der Typ vom DGB immer schon gefallen. Später taucht er nochmal auf:

Dann singen alle sechs im Chor:
„Wir schaffen Arbeitsplätze, wie schön!“
Davon wacht der DGB wieder auf und sagt:
„Dann kann ich ja beruhigt wieder geh’n!“


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Detlef zum Winkel
Detlef zum Winkel, ursprünglich Physiker. Lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.

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