Zwischen Zukunftsangst und Optimismus: Jugendstudien im Widerstreit

Foto: OrnaW auf Pixabay


„Der Protest der Jugend ist nicht laut, aber unter der Oberfläche braut sich etwas zusammen, was langfristig Wirtschaft, Regionen und soziale Sicherungssysteme gefährden kann.“ Mit diesen markigen Worten machte Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, die Medien auf ihre jüngste Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ aufmerksam. Mit ähnlich aufschreckenden Worten unterstrichen der Studienleiter Simon Schnetzer und Kilian Hempel (Uni Konstanz), wie „der seit Jahren anhaltende Krisenmodus“ Jugendliche zwischen 14 und 29 Jahren überfordere und ihnen zusetze „in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“. Die Folgen seien enorm: „Mit 21 Prozent plant jede fünfte junge Person konkret, Deutschland zu verlassen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden“ (Kilian Hampel). Langfristig könnten sich sogar 41 Prozent grundsätzlich vorstellen auszuwandern.

Kaum ein Fernsehsender, kaum ein Printmedium ließ dieses Alarmzeichen unerwähnt, denn die Schlagzeilen zum Fachkräftemangel und zum dramatischen Geburtenrückgang sind in den Studios und Redaktionen inzwischen bekannt. Doch nachgeprüft, welche 14- bis 29jährigen Jugendlichen und junge Menschen denn im Ausland bessere Lebensbedingungen finden wollen, hat nach der kurzen Pressemitteilung vom 25. März bisher niemand: Die Trendstudie selbst kostet schließlich mit Mehrwertsteuer 73,83 Euro. Und für gründliches Nachlesen und Aufspüren der Details glaubt niemand mehr Zeit zu haben. Aber: Denken 14, 15 oder gar 19jährige, die noch in der Schule, im Studium oder der Ausbildung sind, tatsächlich ans Auswandern, sind genervt, gestresst und perspektivlos?

Wie ticken Jugendliche wirklich?

Die großen Altersspannen von 14 bis 29 (Trendstudie) oder 12 bis 25 (frühere Shell-Studien) bei 2000 repräsentativ Befragten war schon immer in der Jugendforschung umstritten. Sind Jugendliche in der Pubertät, an der Schwelle zur Lebens- und Berufsplanung wirklich vergleichbar mit jungen Menschen Ende Zwanzig, die schon im Beruf stehen, vielleicht bereits eine Familie gegründet haben?

Wie ticken Jugendliche wirklich? Dieser Frage geht seit über einem Jahrzehnt die Sinus-Jugendforschung nach: Sie erforscht die Lebenswelten und Einstellungen der 14- bis 17jährigen, nicht ausschließlich nach dem Bildungsniveau (niedrig, mittel, hoch) oder der Herkunft (mit oder ohne Migrationshintergrund). Dieser Forschungsansatz fängt vielmehr die unterschiedlichen Milieus in der inzwischen sehr individualisierten und fragmentierten Gesellschaft ein, in denen die Jugendlichen aufwachsen und die ihre Lebenseinstellungen, Lebensweisen und ihr „Werteuniversum“ prägen (ausführlich beschrieben in der Studie aus dem Jahr 2024: „Wie ticken Jugendliche?“).

Screenshot: Website Sinus-Institut


Lassen sich in den sieben Milieus der Jugendlichen von den konservativ-traditionell Bürgerlichen oder den „Prekären“ bis zu den Expeditiven oder „Neo-Ökologischen“ tatsächlich dramatische Verschiebungen, Angst und Perspektivlosigkeit nachweisen? Seit Dezember stellt die Sinus-Gruppe unter der Leitung von Heide Möller-Slawinski die Ergebnisse ihrer jüngsten Umfrage (Dezember 2025) im Auftrag der Barmer ins Netz. Verfügbar (zum kostenlosen Herunterladen) sind zurzeit die Daten zur Lebenszufriedenheit, zur persönlichen Zukunft und der der Welt, zur Bedeutung und dem Angstpotenzial des Klimawandels. 

Auseinanderdriftende Lebenswelten

Das Bild, das die große Mehrheit dieser Jugendlichen von sich selbst zeichnet, strahlt eher Lebensbejahung statt Lebensangst aus. Auf die Frage: „Wie zufrieden bist du gerade mit deinem Leben?“ antworteten 84 Prozent der 14/15jährigen und 79 Prozent der 16/17jährigen mit „eher und sehr zufrieden“. In der breiten Mittelschicht der „Adaptiven“, für die Familie, Vertrauen und Zielstrebigkeit ebenso wichtig sind wie Spaß, Konsum und ein intensives Leben, sind es sogar 86 Prozent, aber am unteren Ende der Milieu-Gruppen, unter den „Prekären“, sind 39 Prozent „eher bis sehr unzufrieden“. Diese auseinanderdriftenden Lebenswelten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Befragung der Jugendlichen. „Schaust du eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Zukunft?“ Nur ein Prozent der 16/17jährigen ist „sehr pessimistisch“, 19 Prozent „eher“. Bei den sozial, kulturell und ökonomisch benachteiligten „Prekären“ sind es aber 58 Prozent (eher pessimistisch) und 8 Prozent (sehr pessimistisch). Auffallend sind die null Prozent unter den „Expeditiven“, dem Milieu von gut situierten Jugendlichen mit hoher Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz, Selbstverwirklichung und individuellem Freiheitsdrang. Ihr Blick in die Zukunft ist zu 87 Prozent eher/sehr optimistisch.

Der Blick auf Deutschland und die Welt ist skeptisch und eher pessimistisch, aber hat sich in den letzten fünf Jahren nicht weiter verdüstert. Deutschlands Zukunft sehen 44 Prozent eher optimistisch, 36 Prozent die der Welt insgesamt. Bei dieser Frage wird die große Spannweite der jugendlichen Lebenswelten und Einstellungen deutlich: 70 Prozent der bildungsfernen Jugendlichen in heiklen Lebenslagen (“Prekäre“) sehen die Zukunft der Welt eher pessimistisch, aber auch 64 Prozent der „Neo-Ökologischen“, zu denen Gymnasiasten und Oberschülerinnen aus der Fridays for future-Bewegung, aber auch radikalere Klimaaktivisten mit einem starken Sendungsbewusstsein gehören. Die einen sehen für sich selbst in dieser Welt eine geringere Zukunft, die anderen wollen diese Welt retten. Wie schwierig eine Verständigung unter den jungen Menschen selbst ist, haben viele Fridays Bewegte erfahren, wenn sie in Haupt- und Realschulen oder gar Berufsschulen um Unterstützung geworben haben.

Wissen und Handeln


Die Kluft zwischen den Jugendlichen „da oben“ und denen „da unten“ wird tiefer bei den Fragen nach den Zukunftssorgen und dem Klimawandel. Die auf eine hohe Selbstverwirklichung setzenden „Expeditiven“ sehen nur zu 19 Prozent in der Migration ein Problem, das ihnen große Sorgen bereitet. Bei den benachteiligten Jugendlichen, die um Schulabschluss, Ausbildungsplatz und ihre grundsätzliche Stellung in der Gesellschaft bangen, sind es 72 Prozent: Diese Kinder und Jugendlichen, häufig aus Einwandererfamilien, sehen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche und bei allgemeinen Wirtschaftskrisen bedroht.


Wie weit unter den 14- bis 17jährigen theoretisches Wissen und praktisches Handeln auseinandergeht, zeigen die Fragen zum Klimawandel. Für 34 Prozent der jungen „Konsum-Materialisten“, denen ein schickes Outfit wichtig ist und die auf Markenklamotten, Modeschmuck und schnelles Geldausgeben setzen, ist die Bedeutung des Klimawandels „unwichtig“. Unter den „Neo-Ökologischen“ finden das nur 2 Prozent, aber 59 Prozent haben „große Angst“, in der breiten Mittelschicht der Adaptiven sind es 24 Prozent. Aber wie steht es bei den Jugendlichen insgesamt, durch persönliches Handeln mehr auf Umwelt, Klima und der eigenen Gesundheit zu achten? Die Barmer, die Auftraggeberin dieser Studie, dürfte vor allem diese Fragen zur Ernährung und zum schonenden Umgang mit den Dingen des täglichen Lebens vom Smartphone bis zum Duschwasser interessieren.


Die Antworten der Mädchen und Jungen fallen sehr unterschiedlich aus: Von den 14- bis 17jährigen Jungen wollen 46 Prozent weniger Fleisch essen, bei den Mädchen sind es 70 Prozent. Aber auf Fleisch völlig verzichten wollen in der breiten Mittelschicht nur 32 Prozent der Jugendlichen. Auf weniger Wegwerfklamotten setzen eigentlich nur junge Mädchen, die sich mehrheitlich vorstellen können, in Second Hand-Läden einzukaufen, eine Neigung, die bei den Jungen wenig ausgeprägt ist. Auf Flugreisen wollen nur 35 Prozent der Konsumfreudigen verzichten und vom „kälter Duschen“ halten sie auch nichts, die große Mehrheit aller Jugendlichen befürwortet allerdings das kürzere Duschen (74 Prozent).

Unter welchen Oberflächen brodelt es?

Schwierig wird es für die Jugendlichen, wenn es um den Umgang mit ihrem Smartphone und eine sparsamere Nutzung der digitalen Medien geht. Durch alle Gruppen hinweg halten nur 31 Prozent der Jungen etwas von einer sparsameren Nutzung, je niedriger das Bildungsniveau ist, umso häufiger wird zu einem neuen Smartphone gegriffen, das in ihren Kreisen „in“ ist: Sie wollen, koste es, was es wolle, mithalten. Doch immerhin 81 Prozent der 16- bis 17jährigen können sich vorstellen, „seltener ein Smartphone zu holen“. Was immer „seltener“ heißen mag.

Und nun? Was fängt eine Gesellschaft mit diesen Ergebnissen an, vorausgesetzt sie nimmt sie überhaupt zur Kenntnis und begnügt sich nicht nur mit Schlagzeilen? Die jungen 14- bis 17jährigen haben in einer Offenheit und Ehrlichkeit über sich Auskunft gegeben, wodurch die Probleme zwischen den Jugendlichen „oben“ und denen „unten“ klarer geworden sind. Wie wäre es, den Fragenkatalog auch einmal den über 17jährigen und vor allem ihren Eltern vorzulegen? Spiegeln dieses repräsentativ befragten Jungen und Mädchen nur wieder, was in ihren Familien, in ihren Gruppen und in ihrem allgemeinen Umfeld gedacht, aber nicht ausgesprochen wird? Aus vielen Antworten der Jungen spricht viel Unsicherheit, aber „unter der Oberfläche“ braut sich bei ihnen nichts zusammenn; das Zusammenbrauen gilt eher für die Generation ihrer Eltern und Großeltern.


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Jutta Roitsch
Jutta Roitsch, Diplom-Politologin und freie Autorin, von 1968 bis 2002 leitende Redakteurin der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten »Aus Schule und Hochschule« und »Dokumentation«, seit 2002 als Bildungsexpertin tätig, Engagement in der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative (GHI), Autorin der "Blätter für deutsche und internationale Politik", der "Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik".

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