
„Kriege wurden meist von Männern begonnen, aber ohne die Unterstützung von Frauen konnten sie nicht geführt werden. Frauen dienten seit Jahrhunderten in den europäischen Streitkräften, erinnert werden sie kaum“, sagt die deutsch-amerikanische Historikerin und Geschlechterforscherin Karen Hagemann im Interview mit Thomas Gesterkamp. Die Geschichte der vielen aktiv am Kriegsgeschehen beteiligten Frauen – ehrenamtliche und professionelle Krankenpflegerinnen, Hilfskräfte, Soldatinnen und Partisaninnen – sei größtenteils vergessen. Selbst der massenhafte Dienst von Frauen in den beiden Weltkriegen sei aus der Erinnerungskultur weitgehend verdrängt. Karen Hagemann hat ein Grundlagenwerk über dieses bisher wenig bearbeitetes Thema vorgelegt. In “Vergessene Soldatinnen” beschreibt sie die Rolle von Frauen im Militär und in den Kriegen Europas seit 1600 bis zur Gegenwart.
Thomas Gesterkamp: Frau Hagemann, Sie haben zwei Jahrzehnte in den USA verbracht, sind gerade erst zurückgekehrt und leben jetzt in Potsdam. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Forschungsfeld Militär entwickelt?
Karen Hagemann: Seit den 1980er Jahren gibt es national, vor allem aber international eine stetig wachsende Zahl von Studien zum Thema Militär, Krieg und Geschlecht. Doch deren Ergebnisse wurden von der traditionellen Militärgeschichte bestenfalls am Rande wahrgenommen. Wir haben in Deutschland seit den 1990er Jahren versucht, durch Tagungen und Publikationen die Geschlechterperspektive einzubringen – ohne großen Erfolg. Um dies endlich zu ändern haben wir dann im März 2024 einen interdisziplinären Forschungsverbund zum Thema gegründet.
Was sind die Ziele Ihres Buches, eines umfangreichen Werkes von über tausend Seiten? Mit welchen Quellen haben Sie gearbeitet?
Karen Hagemann: Kriege wurden meist von Männern begonnen, aber ohne die Unterstützung von Frauen konnten sie nicht geführt werden. Frauen dienten seit Jahrhunderten in den europäischen Streitkräften, erinnert werden sie kaum. Bestenfalls einzelne Ausnahmeheldinnen – Amazonen in Männeruniformen – haben einen Platz im kollektiven Gedächtnis. Die Geschichte der vielen aktiv am Kriegsgeschehen beteiligten Frauen – ehrenamtliche und professionelle Krankenpflegerinnen, Hilfskräfte, Soldatinnen und Partisaninnen – ist größtenteils vergessen. Selbst der massenhafte Dienst von Frauen in den beiden Weltkriegen ist aus der Erinnerungskultur weitgehend verdrängt.
Sie sprechen deshalb von “vergessenen Soldatinnen”…
Karen Hagemann: Männer wurden auch dann als „Soldat“ bezeichnet und wahrgenommen, wenn sie militärische Aufgaben fernab der Front ausübten. Dies traf tatsächlich auf einen erheblichen Teil der Armeeangehörigen zu, der mit der Industrialisierung und zunehmenden Technisierung der Kriegführung stetig wuchs. Frauen galten hingegen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein selbst dann als „Zivilangestellte“ oder bestenfalls als „militärische Hilfskräfte“, wenn sie unmittelbar soldatische Aufgaben übernahmen. Ihnen wurde, im Unterschied zu Männern, die Bezeichnung „Soldatin“ nur zugestanden, wenn sie mit einer Waffe in der Hand an der Front kämpften.

Karen Hagemann ist seit 2005 Professorin für Geschichte an der University of North Carolina. Sie ist Mitbegründerin des 2024 entstandenen Forschungsnetzwerks Militär, Krieg und Geschlecht/Diversität. Sie forscht und publiziert zur modernen deutschen, europäischen und transatlantischen Geschichte, der Geschichte von Militär und Krieg und der Kultur-, Frauen und Geschlechtergeschichte.Das Buch “Vergessene Soldatinnen – Frauen im Militär und in den Kriegen Europas seit 1600“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen, hat 1056 Seiten und kostet 48 €.
Warum hat die militärhistorische Forschung dem Thema lange kaum Beachtung geschenkt?
Karen Hagemann: Ein wichtiger Grund war das archetypische Geschlechterkonstrukt, das Männer als „Kombattanten“ beschrieb und Frauen als zu beschützende „Zivilpersonen“. Das gab Männern individuell und kollektiv ein Gefühl der Macht und Überlegenheit über Frauen und stellte eine klare Geschlechterhierarchie her. Krieg und Militär galten aufgrund dieses Konstrukts ebenso als “Männersache” wie deren Erforschung. Diese “doppelte Männlichkeit” trug nachhaltig zur Ausblendung der Geschlechterperspektive bei.
Frauen mussten extrem schwer körperlich arbeiten
Sie konzentrieren sich auf die Geschichte Europas seit dem 17. Jahrhundert. Warum diese zeitliche Begrenzung? Der Amazonen-Mythos zum Beispiel stammt doch aus der Antike…
Karen Hagemann: Ich wollte die vielfältigen Erfahrungen von Frauen im Militär sowie deren zeitgenössische Wahrnehmung und Erinnerung anhand von Selbst- und Fremdzeugnissen sowie durch Bildmaterial sichtbar machen. Deshalb habe ich mich entschieden, mir exemplarisch einige der großen Konflikte auf dem europäischen Kontinent seit dem Dreißigjährigen Krieg und ausgewählte Kolonialkriege anzusehen. Es wäre großartig, wenn mein Buch weitere Studien zu früheren Jahrhunderten anregen würde, zu denen noch sehr viel Forschungsbedarf besteht.
Eine wichtige Rolle, die Frauen im Militär stets spielten, ist die der Krankenpflegerin. Wie hat sich diese im Laufe der Geschichte verändert?
Karen Hagemann: Bereits die Soldaten- und Offiziersfrauen, die den Heeren auf den Feldzügen im 17. und 18. Jahrhundert folgten, waren für die Krankenpflege zuständig. Nur schwerverwundete Soldaten wurden zurückgelassen und der Pflege von privaten Pflegekräften oder konfessionellen Ordensschwestern übergeben. Mit der Mobilisierung von Massenheeren wurde eine vermehrte Unterstützung aus der Zivilbevölkerung für die militärische Krankenpflege notwendig. Diese lag zunächst primär in den Händen von weiblichen Freiwilligen aus der Mittel- und Oberschicht, später professionalisierte und spezialisierte sich die Militärkrankenpflege zunehmend.
Sie beschreiben weitere „helfende“ Funktionen von Frauen im Militär…
Karen Hagemann: Dazu gehörten der Transport von Hab und Gut, die Verpflegung der Soldaten sowie die Wäsche und die ordnungsgemäße Reinigung des Lagers, um Epidemien zu verhindern. Zudem mussten Frauen beim Ausheben von Schanzen und Laufgräben helfen, was extrem schwere körperliche Arbeiten waren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzichteten die Armeen weitgehend auf weibliche Unterstützung. Dies änderte sich erneut in den beiden Weltkriegen, in denen eine wachsende Zahl von Frauen in Administration, Logistik und Kommunikation eingesetzt wurde, um Soldaten für den Frontdienst freizustellen.

Wie vertrugen sich diese Einsätze speziell in Deutschland mit dem NS-Geschlechterbild, das im Kern auf die Mutterrolle fokussiert war?
Karen Hagemann: Bereits seit 1941 dienten Frauen als “Wehrmachtshelferinnen”, bis 1945 erreichte ihre Zahl rund 500 000. Allein 160 000 junge Frauen waren ab 1943 in der Flugabwehr tätig. Die Nationalsozialisten erklärten, dass auch Frauen den „totalen Krieg“ unterstützen müssten. An der Heimatfront sollten verheiratete Frauen und Mütter in der Kriegswirtschaft arbeiten. Vor allem junge, alleinstehende Frauen wurden für das Militär mobilisiert. Die Führerinnen von BDM und NS-Frauenschaft argumentierten, dass der Einsatz für die „Vaterlandsverteidigung“ die Fähigkeit der jungen Frauen stärken würde, als Mütter ihren Kindern die Notwendigkeit des „Dienstes für die Volksgemeinschaft“ zu vermitteln.
Rotarmistinnen wurden als „Flintenweiber“ abgewertet
Klaus Theweleit hat in seinem Klassiker “Männerphantasien” Feldpostbriefe von Frontsoldaten ausgewertet. In den von ihm dokumentierten Texten ist immer wieder von “Flintenweibern” die Rede. Gab es im Ersten Weltkrieg bereits bewaffnete Kämpferinnen in nennenswerter Zahl oder war das nur eine männliche Projektion?
Karen Hagemann: Die deutschen Frontsoldaten dürften von kämpfenden Soldatinnen bestenfalls gehört haben. Ihre Zahl war im Ersten Weltkrieg noch gering. Vereinzelt fanden sich Soldatinnen in den habsburgischen, serbischen und russischen Armeen, die entweder offen als Frau oder als Mann gekleidet mitkämpften. Erste weibliche Bataillone entstanden nach der russischen Februarrevolution 1917, nur eines kam wirklich kurzfristig zum Kampfeinsatz. Auch in den Kriegen in Osteuropa zwischen 1918 und 1922 kämpfen auf beiden Seiten Frauen.
Und im Zweiten Weltkrieg?

Karen Hagemann: Nur in der Sowjetunion waren bewaffnete Frauen zugelassen, aber erst nachdem die extremen Verluste in den ersten Monaten nach dem deutschen Angriff zu einem massiven Personalbedarf geführt hatten. In der Führung der KPdSU und der Roten Armee blieben die Vorbehalte gegen kämpfende Soldatinnen groß. Die Gesamtzahl der Frauen in den sowjetischen Streitkräften wird auf rund 1,2 Millionen geschätzt, gut 500 000 davon waren freiwillige Helferinnen. Frauen stellten dort insgesamt rund acht Prozent des Militärpersonals. In Großbritannien erreichte ihr Anteil neun, in den USA zwei und in Nazideutschland fünf Prozent. In den Partisanen- und Widerstandsbewegungen im Osten, Süden und Westen Europas schwankte er zwischen fünf und 15 Prozent. Die Rotarmistinnen wurden von Wehrmachtssoldaten als „Flintenweiber“ abgewertet, doch auch bei den Alliierten stand man ihnen ablehnend gegenüber.
Was passierte mit den Frauen nach Kriegsende?
Karen Hagemann: Sie wurden meist zügig demobilisiert. Nur in den amerikanischen, britischen, französischen und niederländischen Armeen führte man die weiblichen Hilfskorps weiter, ihre Zahl wurde aber drastisch reduziert. Die Bundeswehr mit ihrer strikten Begrenzung von Frauen auf den Sanitätsdienst und das Musikkorps, die erst 1975 zugelassen wurden, war eine Ausnahme. Das änderte sich im Jahr 2000, als ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Verfahren „Tanja Kreil gegen Bundesrepublik Deutschland“ die völlige rechtliche Gleichstellung von Frauen im Militär vorschrieb. Die Umsetzung erfolgte allerdings uneinheitlich und langsam. Der Widerstand hielt an, obwohl Staats- und Armeeführungen durchaus interessiert waren mehr Frauen zu gewinnen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius rüstet auf und reaktiviert die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht. Junge Männer ab dem Jahrgang 2008 werden wieder gemustert. Wenn sich nicht genug Freiwillige finden, droht der Zwangsdienst. Frauen schreibt die Bundeswehr ebenfalls an, sie müssen den mitgeschickten Fragebogen aber nicht mal beantworten. Ein Widerspruch zum Ziel der Gleichstellung der Geschlechter?
Karen Hagemann: Ich denke ja. Nur durch eine signifikante Erhöhung des Frauenanteils weit über den derzeitigen Stand hinaus wird sich die Militärkultur nachhaltig ändern. Derzeit haben Soldatinnen als Minorität keine Chance, das kulturelle Milieu der Streitkräfte nachhaltig zu prägen. Es gibt in allen NATO-Armeen Diskriminierung und sexuelle Übergriffe. Ich halte es für wichtig, dass Frauen nicht nur in Wirtschaft und Politik, sondern auch in sicherheitspolitischen Fragen gleichberechtigt mitentscheiden. Ein erster Schritt dazu wäre eine Dienstpflicht nach skandinavischem Vorbild. In Schweden liegt der Frauenanteil in der Armee heute bereits bei 24 und in Norwegen bei 20 Prozent. Die Erfahrungen in diesen beiden Ländern zeigen allerdings auch, dass die vermehrte Einbeziehung von Frauen mit einem von der Führung auf allen Ebenen geförderten Wandel der Militärkultur einhergehen muss. Diese sollte in eine Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik eingebettet sein, die sich für soziale Gerechtigkeit, Diversität und Geschlechtergerechtigkeit einsetzt.
Unter dem Titel „Karen Hagemann: ‚Kriege konnten noch nie ohne Frauen geführt werden‘“ erschien das Interview zuerst in der Freitag
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