Liegt es an der Politik? Nein, an trantütigen deutschen Unternehmern

Bild: Peggy_Marco auf Pixabay

Nicht den ach so unfähigen Politiker, nicht den ach so faulen Beschäftigten — den Trantüten in den ach so tollen Führungsetagen der deutschen Wirtschaft, ob milliardenschweren Familienunternehmen oder Konzernzentralen — denen hat unsere größte Sorge zu gelten, Dummkopf! Wir kennen das fast bis zum Erbrechen: Konzern-Manager, ihre Verbandsvertreter schimpfen unaufhörlich auf allen Medienkanälen über die unfähigen Politiker, die unfähigen Sozen, die unfähigen Christdemokraten, den völlig versagenden Kanzler — die alle ihnen das Wirtschaften unmöglich machten: die Bürokratie, ach die Bürokratie, die exorbitanten Energiekosten, die exorbitanten Steuern und dann auch noch die ständig steigenden Lohnkosten.
Die Botschaft: Wir wären ja soooo toll, aber wenn die Politik unsere Arme und Hände fesselt, dann können nicht einmal wir etwas ausrichten … .

Wer kennt sie nicht sattsam, jeder und jede dürfen auf allen Kanälen über die demokratische Politik herziehen: Marie-Christine Ostermann, Präsidentin der Familienunternehmen, der alte Künzelsauer Reinhold Würth, Konzern-Schraubentüftler, die Ober-Autolobbyistin Hildegard Müller, von 2005 bis 2008 Staatsministerin im Kanzleramt, seit Jahren für die unaufhörliche Mehrung der Verbrenner-Profite zuständig, Peter Leibinger, seit 2025 Präsident des BDI, der langjährige Linde-Manager Wolfgang Reitzle.
Deren Botschaft: Alles wäre gut, ginge es nur nach unserem Gusto. Ach so.

Zwei Zahlen signalisieren, wo in Deutschland die Trantüten sitzen: weder an der Werks-, noch auf der Parlamentsbank. Anfang April weist Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, in seinem morgendlichen Analysebrief auf folgende Befunde hin: Nur 17 Prozent der europäischen Industrieunternehmen nutzten 2025 Künstliche Intelligenz (KI). Stephan weiter:

„Besonders auffällig: Deutschland, Europas industrielles Kernland, liegt bei der Software-Kapitalausstattung seiner Industrie mit nur 2,1 Prozent der Bruttowertschöpfung weit unter dem EU-Durchschnitt von 6,3 Prozent. Kurz gesagt, spart Deutschlands Industrie bei Softwareinvestitionen. Dabei ist das Potenzial enorm – von KI-gestützter Qualitätskontrolle über selbstlernende Roboter bis hin zu automatisierten Angebotsprozessen. Das größte Effizienzpotenzial liegt nicht im hochautomatisierten Kernprozess, sondern in den umgebenden Bereichen wie Logistik, Service und Verwaltung. Angesichts chronischen Fachkräftemangels ist die KI-Adoption kein Luxus, sondern Notwendigkeit.“

Demokratieschädliche Jammerei

Ulrich Stephan (Screenshot: Website Deutsche Bank)

Investitionen in Software und Daten seien auffallend gering. Damit endet Stephans verheerende Bilanz des glorreichen deutschen Unternehmertums erst einmal. Und geht Mitte Juni so weiter: Investitionen der Wirtschaft in Software und Daten seien mit lediglich 0,8 Prozent des BIP vergleichsweise niedrig und stagnierten zudem. Und weiter: „Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland nicht nur hinter den USA zurückliegt, sondern auch unter dem Niveau anderer OECD-Volkswirtschaften bleibt. Selbst unter Einbeziehung von Hardware der Informations- und Kommunikationstechnik bleibt die digitale Investitionsquote gering.“ Und er weitet die Perspektive zu dieser Bilanz:
„Insgesamt ergibt sich ein Bild, bei dem die deutsche Wirtschaft weiterhin auf Ingenieurskunst und Export setzt, gleichzeitig aber zu wenig im Thema Digitalisierung unternimmt. In Zukunft könnte uns dieser Trend weiteres Potenzialwachstum kosten.“

Auf deutsch gesagt: Die Unternehmer machen in der Regel weiter wie bisher und wollen auf ihrem Spaziergang durch ihre vergehende Gegenwart auch noch mit Steuer-Milliarden gepampert werden.

Ich finde: Die demokratischen PolitikerInnen, ob Klingbeil oder Merz oder wie immer sie heißen, sollten erst einmal den Respekt vor sich selbst und ihrer Arbeit wiedergewinnen. Und nicht nur sich, sondern mit gutem Grund auch die versammelte Unternehmerschaft fordern und sich deren demokratieschädliche Jammerei verbitten.

Immerhin spielt Deutschland eine zentrale Rolle bei dem Versuch, in Europa eine Infrastruktur aufzubauen, die künftigen Herausforderungen gerecht wird. Dazu investierte der Bund im vergangenen Jahr immerhin fast 90 Milliarden Euro, deutlich mehr als in 2024. In diesem Jahr sollen es insgesamt 120 Milliarden werden.

Und entsprechend selbstbewusst sollte die demokratische Politik von den sich selbst so toll findenden alt-deutschen Unternehmern verlangen: dass sie erst einmal tüchtig arbeiten, etwas wagen, etwas riskieren, mehr tun, als sich mit Steuermilliarden pampern zu lassen — so wie die leider viel zu wenigen tatsächlich tollen Startups und neuen Unternehmen von 2g energy bis neura robotics.


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Wolfgang Storz
Dr. Wolfgang Storz (sto), (*1954), arbeitet als Publizist, Kommunikationsberater und Coach, zuvor tätig bei Badische Zeitung, IG Metall und Frankfurter Rundschau. Das Foto gibt eine jüngere Ausgabe der Person wieder.

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