Schule als Schauplatz für Kulturkampf

Foto: K. Mitch Hodge auf Unsplash

Seit Jahren führen christlich-konservative Hardliner in den USA einen Kreuzzug gegen „unmoralisches, gotteslästerliches und unpatriotisches“ Schriftwerk in Schulbüchereien und Klassenzimmern. Beispielsweise flankiert von einem Gesetz, das Eltern ermöglicht, Bücher, die nicht in ihr religiös-nationalistisches Weltbild passen per Prüfungsantrag aus Schulen zu verbannen. Werke wie „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess oder „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood zählen zu den prominenten Beispielen. Ob im Mormonenstaat Utah, in Texas, Louisiana, Arkansas oder Alabama: die jahrelange biblische Lobbyarbeit zeigt Ergebnisse. Nun folgt der nächste Schritt: die Lektüre der Bibel wird an öffentlichen Schulen in Texas verpflichtender Bestandteil des Unterrichts.

Mehr als zehntausend Titel wurden aus Schul-Bibliotheken bereits entfernt. Was als „moralischer Schutz“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Parallel dazu gewinnen Lehrpläne an Boden, die biblische Inhalte betonen und teilweise sogar staatlich unterstützt werden. Erzkonservative Organisationen mit wachsendem Einfluss, etwa die Moms for Liberty, haben in einigen Bundesstaaten für Gesetze gesorgt, die das Anbringen der Zehn Gebote in Klassenzimmern vorschreiben. Für Greg Abbott, den republikanischen Gouverneur von Texas, ein „riesiger Erfolg“: Die Zehn Gebote seien Grundlage westlicher Moral und gehörten daher in jede Schule.

Republikaner feiern die neuen Vorgaben

Texas macht jetzt den nächsten Schritt: die Lektüre der Bibel wird an öffentlichen Schulen verpflichtender Bestandteil des Unterrichts. Der von den Republikanern dominierte Bildungsausschuss verabschiedete mit neun zu fünf Stimmen neue Bildungsstandards für alle 5,5 Millionen Schülerinnen und Schüler an öffentlichen Schulen. Damit ist Texas bislang der einzige US-Bundesstaat, der die Lektüre religiöser Texte verbindlich vorschreibt und zum Prüfungsstoff erklärt. Die staatliche Bildungsbehörde verlangt für alle Klassenstufen (1. bis 12. Klasse) das Lesen bestimmter Passagen, wie etwa die Schöpfungsgeschichte oder das Gleichnis vom verlorenen Sohn.  Künftig müssen Kinder und Jugendliche im Unterricht zahlreiche Bibelstellen und -geschichten analysieren – von David und Goliath sowie Daniel in der Löwengrube in der zweiten Klasse bis zum Buch Hiob in der zehnten Klasse.

Die Republikaner feiern die neuen Vorgaben als Sieg für christlich-jüdische Werte und klassische amerikanische Ideale. Nach ihrer Auffassung dient der verpflichtende Unterricht zu Jesus, Abraham und Mose nicht der Evangelisierung, sondern soll Kindern helfen, einen moralischen Kompass zu entwickeln. Sie argumentieren, dass jüdisch-christliche Traditionen für die Gründung der Nation von grundlegender Bedeutung waren und dass sich dies im Lehrplan der öffentlichen Schulen widerspiegeln sollte. Texas, wo etwa jeder zehnte Schüler der öffentlichen Schulen des Landes unterrichtet wird, steht an der Spitze der Bestrebungen konservativer Kräfte, mehr Religion in den Unterricht zu integrieren. Der Bundesstaat erlaubt es öffentlichen Schulen auch, Seelsorger einzustellen, um Schüler zu beraten und hat einen optionalen, biblisch geprägten Lehrplan genehmigt.

Staatliche Bevormundung in Glaubensfragen

Mit der Bibel-Lesepflicht setzt sich eine Entwicklung fort, die weit über den Religionsunterricht hinausreicht. Während historische und kulturelle Vielfalt im Lehrplan zurückgedrängt wird, erhalten christliche Inhalte einen immer größeren Stellenwert im staatlichen Schulwesen. Das Prinzip der weltanschaulichen Neutralität des Staates hingegen verschwindet, ersetzt von einem Bildungssystem, das eine religiöse Überzeugung privilegiert. Um christliche Inhalte noch stärker im Schulalltag zu verankern.

Kritiker verweisen darauf, dass religiöse Handlungen oder Unterweisungen an öffentlichen Schulen dem Ersten Verfassungszusatz unterliegen, der die Trennung von Kirche und Staat garantiert und staatliche Bevormundung in Glaubensfragen verbietet. Die Trennung von Religion und Staat ist der amerikanischen Verfassung zwar »heilig«, doch ist Gott in der amerikanischen Politik allgegenwärtig. Die Präambel der Unabhängigkeitserklärung beruft sich auf den Schöpfer („Creator“), auf den Dollarnoten ist „In God We Trust“ geprägt und Amtseide werden traditionell auf die Bibel geschworen. Konservative Historiker sprechen gerne von einer »civil religion« (zivilen Religion), die den Glauben an eine göttliche Vorsehung Amerikas („God’s own Country“) mit dem Patriotismus verschmilzt. Insbesondere im Umfeld von Donald Trump verschwimmen die Grenzen zwischen politischem Amt und religiöser Heilsgeschichte.

Amerikanische Schulen sind ein zentrales Schlachtfeld im Kulturkampf um Religion, Bildung und gesellschaftliche Werte. Kommt nach den »Zehn Geboten« und der Bibel-Lektüre demnächst das gemeinsames Pflicht-Gebet? Die geplante Anrufung des Supreme Court of the United States zeigt, dass der Kampf noch nicht entschieden ist.


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Helmut Ortner
Helmut Ortner hat bislang mehr als zwanzig Bücher, überwiegend politische Sachbücher und Biografien veröffentlicht, Zuletzt erschienen: Widerstreit: Über Macht, Wahn und Widerstand und Volk im Wahn - Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit (April 2022). Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt.

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