Das ostdeutsche Rätsel

Früher galt die Frage, wie die Pyramiden erbaut wurden, als „Menschheitsrätsel“. Haken dahinter heute. Gelöst. Andere Rätsel sind profaner Natur. Beispielsweise gehört dazu das folgende ungeklärte „Phänomen“: Warum dreht Mensch sich, wenn er unter der Dusche steht, nie zur Wand hin, sondern dreht sich stets in Richtung Duschvorhang? Merkwürdig, denn es heißt doch: Wenn jemand besonders schlau ist, dann schläft der an der Wand. Ein weiteres, schier unlösbares Rätsel: Warum kreuzen Frauen, wenn sie auf einem Bahnsteig verweilen, um auf einen Zug zu warten, die Füße? Rätselhaft, nicht wahr? Niemand kreuzt die Füße, während er im Discounter vor der Kasse wartet. Ein weiteres, schier unlösbares Rätsel hat sich in der Bundesrepublik aufgetan. Man kann es das „ostdeutsche Rätsel“ nennen. 

Die einen meinen, sie wären und würden nach einer Generation Einheit benachteiligt. Die anderen sagen, das sei an den Haaren herbeigezogen. Man zieht Zahlen aus den großen „Wissenstüten“: 1,6 bis 2,2 Billionen Euro seien von West nach dem Osten geflossen, damit der deutsche Osten saniert und modernisiert werden konnte. Andere sagen wiederum, wegen der Wanderung vieler Arbeitskräfte in den Westen und wegen des Kapitaltransfers (Renditen, Profite?) sei die Bilanz ziemlich ausgeglichen. Der zweite Teil des Rätsels besteht darin, dass politisch nicht diejenigen im Osten Beifall finden, die sich an der gegebenen Realität orientieren, sondern diejenigen, die Unsinn versprechen. Glauben Sie nicht? 

Der EU Ade sagen – also einen „Dexit“ praktizieren

Kann mir dann jemand ernsthaft erklären, weshalb vor allem in Ostdeutschland eine Beendigung der Geltung des Euro in Deutschland unterstützt wird? Eine der Parteien behauptet, die Bundesrepublik sei besser dran, wenn sie den Euro-Raum verlassen und ihr wirtschaftliches Heil in einer eigenen Währung suchen würde. Diese Partei hat den Euro satt.  Also eine D-Mark Nummer 2. Warum sollten Lohnabhängige, Arbeiter, Arbeiterinnen, Angestellte, auch Handwerker etc. auf eine D-Mark Nummer 2 setzen?   

Das erste Argument gegen einen Austritt: Die Bundesrepublik müsste gleichzeitig auch der Europäischen Union Ade sagen – also einen „Dexit“ praktizieren. Darüber redet man in der gemeinten Partei nicht. Vielleicht versteht deren Führungsetage das nicht. Am Ende stünde jedenfalls die Isolation unseres Landes.  
Das zweite Argument: In Europa würde der Austritt der Bundesrepublik als Ende der Währungsunion begriffen werden. Die neue Währung würde sofort und wie verrückt nachgefragt werden, daher im Wert steigen und diejenigen, die noch auf dem Euro säßen, würden dessen Abwertung hinnehmen müssen. Da käme keine gute Laune auf – und Exporte der Bundesrepublik würden teurer werden; selbst eine grandiose Exportoffensive mit Simson-Kleinkrafträdern könnte das nicht verhindern.   

Die deutschen Auslandsvermögen liegen bei knapp 15 Billionen, die Verbindlichkeiten bei etwas unter elf Billionen – was wird daraus? Alles, was in Euro gehalten wird, würde abgewertet werden. Die Schulden des deutschen Staates bei den Bürgerinnen und Bürgern hingegen, müssten in neue Währung umgewandelt werden, ihr Wert würde steigen; der Schuldendienst teurer.  Welchen Sinn kann es für die Lohnabhängigen haben, solchem Unsinn wie dem Ausstieg aus dem Euro zu folgen? Sind der oder die, die dem eine Stimme schenken, mit dem Klammerbeutel gepudert? 

Von Beginn an Irrtümer und Fehlannahmen

Wie hat all das angefangen? Erinnern wir uns: Damals, vor einer Generation, machte die aus freien Wahlen hervorgegangene Volkskammer der DDR vom Verfassungsrecht Gebrauch: Sie ist der Bundesrepublik beigetreten. Sie musste nicht bitten, niemand musste sein Haupt beugen; die damalige DDR ist selbstbewusst beigetreten. Gewählte Repräsentanten aus Ost und West, Nord und Süd haben in langwierigen Verhandlungen die Folgen eines Beitritts für das damals so genannte Beitrittsgebiet ausformuliert. Das in der Bundesrepublik geltende Recht wurde im Wesentlichen auf das Beitrittsgebiet übertragen.  

Von Beginn an gab es aber Irrtümer und Fehlannahmen – vor allem wirtschaftlicher Natur: Westdeutsche Institute und Forschungseinrichtungen wussten so gut wie nichts über die reale ökonomische Leistungsfähigkeit der DDR. Als Mitarbeiter des damaligen (2021 verstorbenen) Wirtschaftssprechers der SPD, Wolfgang Roth, ist mir in Erinnerung, dass man auf der „Westseite“ teils glaubte, allein die Übertragung „unserer“ Marktwirtschaftsordnung werde in Ostdeutschland einen Schub ergeben, so dass die Wirtschaftskraft um ein Drittel steigen werde. Und im Osten träumte man – mit der D-Mark im Geldbeutel – von einer rasch sich bildenden Lebensqualität wie im Westen. Fehlurteile. Ich folge in den nächsten Sätzen – einer Ausarbeitung der Bundeszentrale für politische Bildung, von der ich annehme, dass sie in ganz Deutschland gelesen wird:

„Die Bedingungen für eine Wirtschafts- und Sozialunion waren aber alles andere als günstig, denn die Arbeitsproduktivität betrug in der DDR nach DIW-Schätzungen nur etwa 50 Prozent des westdeutschen Niveaus. Unbestritten war die wirtschaftliche Situation sehr desolat. Zahlen der Treuhandanstalt zufolge sah man für 21 Prozent der übertragenen Betriebe nur die Stilllegung als einzige Alternative (tatsächlich waren es dann 30 Prozent) (vgl. Fischer / Hax / Schneider 1993, S. 138). Als die D-Mark schließlich mit einem Umtauschsatz von 1:1 zur Währung der DDR wurde und die ostdeutschen Unternehmen damit der innerdeutschen und internationalen Konkurrenz schutzlos ausgesetzt waren, hatte dies die absehbaren, fatalen Folgen.“/ 

Und bei Gelegenheit die alte DDR-Staatshymne

Der Soziologe Professor Steffen Mau meint, der Osten gehe nun seinen eigenen Weg. Er behauptet, die Entwicklung in Ostdeutschland sei wegweisend. Ich hätte nichts dagegen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland wegweisend wäre. Die Bruttoinlandsprodukte ostdeutscher Länder wuchsen ja auch während der letzten 30 bis 35 Jahre in Größenordnungen zwischen 250 und nahezu 400 v.H. Nichts dagegen einzuwenden, wenn sich „die Wessis“ angucken könnten, was im Osten des Landes geschaffen wurde. Vielleicht wird´s ja so kommen. 

Ein Teil des „ostdeutschen Rätsels“ besteht wohl weiter. Die Jugend im Osten male „wieder Hakenkreuze“, schrieb die Autorin Manuela Müller jüngst. AfD-„Öbere“ fahren mit den in der DDR entwickelten Kleinkrafträdern umher als trügen sie die zehn Gebote durchs Land. Ein abgehalfterter Lehrer erzählt einem tobenden ostdeutschen Publikum, nur sie seien echte Deutsche, die im Westen dagegen eine Art Ersatz-„Amis“. Und dazu singt man bei Gelegenheit die alte DDR-Staatshymne.  

Das alles kann man nicht mal mehr mit Karneval oder Kirmes zur falschen Jahreszeit erklären. Nur als Rätsel, wie die gekreuzten Füße. 


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Klaus Vater
Klaus Vater arbeitet als Kommunikationsberater und Autor. Er war stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, zuvor Pressesprecher des Gesundheitsministeriums sowie des Arbeitsministeriums. Seinen Jugend-Kriminalroman "Sohn eines Dealers" wählte die Kinderjury des Literaturpreises "Emil" 2002 zum Kinderkrimi des Jahres. 2025 erhielt Vater den Gregor-Gog-Literaturpreis.

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