
Es sind diese 25 Minuten, die irritieren: Fünfundzwanzig Minuten lang stand die Filmgemeinde in Venedig, um dem israelischen Regieduo Yuval Abraham und Rachel Szor für ihren Film NAZA über den Krieg in Gaza Applaus zu spenden. Noch nie hat es Derartiges in den heiligen Hallen der Mostra auf dem Lido gegeben. Doch wem galten diese stehenden Ovationen eigentlich? Einem herausragenden Filmkunstwerk? Oder nicht vielmehr der versammelten Kunst- und Filmwelt selbst, die sich mit diesem Film in ihrer Kritik an Israel, an den Zionisten, dem jüdischen Staat schlechthin bestätigt sahen und mit dem Applaus ihre eigene Haltung feierten? Und über das Massaker der Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 schweigend hinweggehen?
Seit 30. September läuft der Film in deutschen Kinos, in Frankfurt in einem einzigen: Nun lässt sich in 80 Minuten nachsehen und nachhören, was Männer und eine Frau aus der israelischen (Elite-) Aufklärungseinheit 8200 Yuval Abraham im nächtlichen Tel Aviv und hoch über den Dächern der Stadt über den Krieg in Gaza berichten. Anonyme Schatten reden auf dieser Dachterrasse, mit verfremdeten Stimmen und mit Mützen, Schals und Jacken unkenntlich gemacht. Und immer wieder schwenkt die Kamera auf die erleuchteten umliegenden Hochhäuser, in denen die Menschen im Bett liegen, in der Küche kochen, auf den Balkonen Wäsche aufhängen, ihrem Regierungschef Benjamin Netanjahu im Fernsehen zuschauen.
An wen richtet sich dieser Film?
Dieser Film, der seit dem 25minütigen Applaus in Venedig und einem Sonderpreis der Jury weltweit für Schlagzeilen und Aufmerksamkeit sorgt, ist keineswegs ein herausragendes filmisches Kunstwerk. Dazu wiederholen sich die Gespräche, die Abraham mit den Militärs führt, zu oft, erschöpfen sich die Kamerafahrten rauf und runter an den Häuserfassaden Tel Avivs. Es ist die Botschaft, die die beiden Israelis mit NAZA, dem hebräischen Wort für „Kollateralschaden“, vermitteln wollen. Und diese Botschaft ist für niemanden, der den israelischen Verteidigungsschlag gegen die Hamas und andere islamistische Milizen nach dem grauenhaften Massaker am 7. Oktober 2023 auch nur annähernd aufmerksam verfolgt hat, neu.
Die Antwort Israels auf die grausige Ermordung von über tausend Jüdinnen und Juden auf einem Musikfestival und in Kibuzzim, die nahe an der Grenze zum Gazastreifen lagen, ist ein brutaler Krieg, der immer mehr zu einem vernichtenden Rachefeldzug wurde. Über alle Details dieses Krieges ist in französischen, englischen und amerikanischen Medien früh und immer wieder berichtet worden: Über die israelischen Scharfschützen, die aus „Spaß“ Palästinenser töten, die sich für Essen angestellt haben, über Kinder, die über die „gelbe Linie“ gelaufen sind, mit der die israelische Armee den schmalen Gazastreifen noch einmal geteilt hat, über die gezielten Raketenangriffe auf Hamas-Terroristen im siebten Stock, die aber nicht sie, sondern Frauen und Kinder im Schlaf trafen. All das ist bekannt, nicht zuletzt auch durch kleine israelische NGOs wie „Breaking the Silence“ und die linksliberale Zeitung „Haaretz“, die aber in Israel kaum jemand liest. An wen also richtet sich dieser Film? Mit Sicherheit nicht an die Antisemiten dieser Welt, für die der jüdische Staat zum Bösen schlechthin geworden ist und für die die Massaker der Hamas zum legitimen Widerstand gehören. Und die bei jeder sich bietenden Gelegenheit dafür Beifall klatschen.
Dieser Film des israelischen Regieduos richtet sich an die eigene Bevölkerung, die seit dem Massaker nicht wirklich wissen will, was in ihrem Namen im Gazastreifen geschieht. Dunkelheit herrscht nicht nur in diesem Film, sondern in der jüdischen Gesellschaft, die sich seit dem 7. Oktober im uralten Trauma der Pogrome eingeigelt hat und sich von allen Seiten bedroht sieht. Mit ihren filmischen Mitteln versuchen Abraham und Szor das Nicht-wissen-wollen zu durchbrechen. Ihre Kamera zeigt in den erleuchteten Räumen der Hochhäuser die Menschen, die ihrem Alltag nachgehen: Sie sind gemeint, sie sollen mit diesem Film erreicht werden. Nur so erhalten die Kamerafahrten rauf und runter an den Hochhäusern einen Sinn: Es ginge den Filmemachern um den „Bruch des Schweigepakts“, schreibt der Psychoanalytiker und Historiker Eran Rolnik am 18. September in „Haaretz“ (auf Deutsch beim Kulturportal textor am 22. September).
Über manche eiskalte Antwort stockt der Atem
Die Gespräche auf der Dachterrasse kreisen um das Thema, was Befehle, mit ausgefeilter Computertechnik vom Schreibtisch aus zu töten, in Männern und Frauen beim Militär anrichten. Sie löschen Menschlichkeit oder überhaupt Gefühle wie Mitleid aus. Die beiden Israeli versuchen, das bisher immer noch unerschütterliche Vertrauen der jüdischen Gesellschaft in ihr Militär zu hinterfragen, indem sie an die hochgehaltene Moral erinnern. Immer wieder kreisen Abrahams Fragen um dieses Thema, versucht er, Empathie für das Leid der zivilen Opfer unter den Palästinensern, die „Kollateralschäden“, zu erzeugen.
Über manche eiskalte Antwort stockt Yuval Abraham der Atem. Und nicht nur ihm. Aber das Anliegen, mit diesem Film die Köpfe und Herzen der israelischen Gesellschaft zu erreichen, den gesellschaftlichen Schweigepakt zu durchbrechen, wird scheitern, denn NAZA wird in Israel öffentlich nicht gezeigt: Dem Regieduo wurde Verrat am Militär, ein Tabubruch im Land, vorgeworfen. Gegen ihre Familien im Land wird gehetzt, rechtsextreme Minister wollen Abraham und Szor, die sich zurzeit im Ausland aufhalten, die Staatsbürgerschaft aberkennen. Von Benjamin Netanjahu bis zu anderen prominenten Wahlkämpfern wagt niemand, sich den Wahrheiten, die in diesem Film angesprochen werden, zu stellen. Das ist die Erkenntnis, wenn nach der Dunkelheit auf der Leinwand im Kino das Licht wieder angeht. Das ist tieftraurig und erstickt jeden Applaus.
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