“Feindbild Frau”

Digitale Anfeindungen sind in jüngster Zeit auch im politischen Umfeld zum Problem geworden. Die Kommunikation zwischen Abgeordneten und Wahlvolk, zwischen Regierenden und Regierten hat sich durch das Internet verändert, leider meist nicht zum Besseren: Unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit werden Abgeordnete im Netz beleidigt und bedroht. Weibliche Parlamentarierinnen sind dabei besonders drastisch mit Hass konfrontiert. Zu einem exponierten Beispiel wurde schon früh die grüne Ex-Ministerin Renate Künast. Wegen ständiger, gegen ihre Person gerichteter Online-Angriffe verklagte sie die Urheber – und bekam in letzter Instanz vor dem Bundesverfassungsgericht Recht.

Ingrid Brodnig ist Kolumnistin bei der Wiener Tageszeitung Der Standard und eine ausgewiesene Expertin für die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung. Die aus Graz stammende Autorin hat bereits in vorherigen Publikationen über Verschwörungstheorien, Fakenews und aggressiv geführte Online-Debatten geschrieben. Ihr neues Buch trägt den Titel “Feindbild Frau”. Systematische Einschüchterung und gezielte Hasskampagnen, lautet ihre wichtigste These, verdrängen gerade weibliche Akteurinnen aus der Öffentlichkeit: “Digitale Gewalt schadet uns allen, sie schwächt den demokratischen Diskurs.”

Brodnig hat hochrangige Politikerinnen in Deutschland und Österreich befragt. Neben Künast dokumentiert sie etwa die Erfahrungen der ehemaligen Bundestags-Vizepräsidentin Yvonne Magwas (CDU), die wegen verletzender Angriffe vor allem aus der AfD-Fraktion die Berliner Bühne verlassen hat. Eine weitere Gesprächspartnerin war die linke Abgeordnete Anke Domscheit-Berg, die von sexistischen Beleidigungen bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen berichtet. Aus Wien standen die liberale Außenministerin Beate Meinl-Reisinger und die grüne Parlamentarierin Sigrid Maurer Rede und Antwort. Andere Frauen baten die Autorin darum, anonym bleiben zu dürfen, um keine neuen Shitstorms zu riskieren: “Sie redeten wohl auch deshalb mit mir, weil sie wollten, dass eine breite Bevölkerung das Phänomen der digitalen Gewalt besser versteht.”

Damit Hass uns nicht zum Schweigen bringt

Die australische Medienwissenschaftlerin Emma Jane hat den Begriff “Rapeglish” geprägt, mit dem Kofferwort aus “rape” und “English” bezeichnet sie einen “Tonfall sexueller Gewalt”. Domscheit-Berg zeigte die gegen sie in diesem Stil gerichteten Nachrichten an, sie konnte sogar einen Verdächtigen ausfindig machen. Dennoch kam es zu keiner Verurteilung. Das Verfahren wurde eingestellt, ohne dass die Politikerin informiert wurde, erst Jahre später erfuhr sie durch Nachforschungen ihrer Anwälte davon.

Manche Ermittlungsbehörden nehmen die Vorfälle immer noch nicht ernst genug, betrachten sie als Bagatelldelikt. Brodnig zufolge liegt das auch daran, dass Gewaltwünsche aus dem Netz sprachlich oft “über Bande gespielt werden”. Die auf subtile Weise angedeuteten Drohungen, oft in wiederkehrenden kleinen Nadelstichen versendet, sind in vielen Fällen nicht justiziabel, bleiben ohne rechtliche Konsequenzen.

HateAid-Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg. Am 23.12.2025 verhängte das US State Department Einreiseverbote gegen sie (Foto: Sven Serkis, Screenshot: Website HateAid)

Die Autorin macht den Opfern dennoch Mut, sich nicht wegzuducken – damit “Hass uns nicht zum Schweigen bringt”. Sie empfiehlt Strategien und Taktiken der “Gegenwehr in Zeiten verrohter Debatten”, appelliert an die Betroffenen, sich untereinander auszutauschen und die Schmähbotschaften öffentlich zu machen. Vor allem in zweiten Teil liest sich ihr klar und verständlich geschriebenes Buch fast wie ein Ratgeber. Am Ende bietet es einen umfangreichen Serviceanhang, der juristische Tipps sowie Adressen von Beratungsstellen, unterstützende Organisationen wie “HateAid” und Hotlinenummern auflistet.

Die Politik befasst sich inzwischen verstärkt mit den Folgen digitaler Gewalt, die Möglichkeiten der Strafverfolgung werden erweitert. Frauen sind den hämischen Kommentaren auf den Plattformen exponierter ausgesetzt, aber nicht allein betroffen. Auch Männer werden im Netz attackiert, auf körperlicher Ebene nach Untersuchungen sogar etwas häufiger bedroht, und sexualisierte Untertöne können auch bei ihnen (allerdings in weit geringerem Maße) eine Rolle spielen. Diese geschlechterübergreifende Perspektive gerät in Brodnigs von berechtigter Empörung durchzogenen Streitschrift ein wenig aus dem Blickfeld.

Ingrid Brodnig: Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können.
Brandstätter Verlag, Wien 2026. 210 Seiten, 25 Euro.


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Thomas Gesterkamp
Dr. Thomas Gesterkamp ist Politikwissenschaftler, Journalist und Buchautor. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Geschlechter- und Männerpolitik, zudem berichtet er über wirtschafts-, sozial-, bildungs- und kulturpolitische Themen. Er schrieb fünf Sachbücher und veröffentlichte rund 4000 Beiträge im Hörfunk, in Tages- und Wochenzeitungen sowie in Sammelbänden und Fachzeitschriften. Website: https://thomasgesterkamp.com/

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