
Die Süddeutsche Zeitung hat den Folgen des Rücktritts der SPD-Politikerin Bärbel Bas eine ganze Seite gewidmet. „Jetzt wird´s persönlich“ ist die Seite drei am 15. Oktober überschrieben. Es gehe um den „menschlichen Faktor“ im politischen Geschäft ist da zu lesen. Im Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) hieß es, der Rücktritt zeige “die Brutalität des politischen Geschäfts”. Bärbel Bas war wegen der Last und der Trauer um den Tod der Tochter zurückgetreten. Und auch, so hatte sie geschrieben, wegen forcierter persönlicher Angriffe auf sie. Sie trat als Ministerin und als Parteivorsitzende zurück. Die einfachste Erklärung für all das lieferte der Politikwissenschaftler Professor Schroeder. Man habe “immer den Eindruck” gehabt, “Bärbel Bas will das Amt gar nicht“. Immer? Vom ersten Tag an? Da müsste der Professor Schroeder über ein erstaunliches Solowissen verfügen.
Mir ist aufgefallen, dass Bas sich nicht um die nie endenden Kämpfe zwischen politischen Persönlichkeiten um öffentliche Aufmerksamkeit, um ein “Vorkommen” in Medien gekümmert hat. Sie war als erste Frau im Staate, als Parlamentspräsidentin durchaus geachtet. Sie hat damals, wie man so sagt, einen guten Job gemacht. In Lehrbüchern über Methoden, wie man von vorn oder von hinten, von oben oder von unten Aufmerksamkeit für sich herstellt, werden später einmal andere stehen als Bärbel Bas. Spahn, Amthor, Kubicki, Lauterbach.
Guck sie dir nur an
In den Berichten über den „menschlichen Faktor“ oder die „Brutalität“ in politischen Abläufen und deren Wiedergaben geht es immer auch um Mobbing. Eines der Beispiele für Mobbing einer Politikerin ist der Ausspruch des Schriftstellers Richard David Precht über die damalige Außenministerin Annalena Baerbock: „Die hätte doch unter normalen Bedingungen im Auswärtigen Amt nicht mal ein Praktikum gekriegt.“
Hab´ ich doch immer gesagt! Wundert mich nicht! War doch klar! Die Grünen! Guck sie dir nur an. So wird der dümmliche Spruch Prechts auf einer Alltagsebene abgehandelt. Wie ein frivoler Refrain. Er ist im Gedächtnis der digitalen Welt angekommen und verankert.
Der entsetzlichste, der schlimmste Fall in diesem Zusammenhang war der Umgang mit der damaligen Frau des Bundespräsidenten, Bettina Wulff. Ich folge einer Darstellung in der Zeit: “Nach Recherchen der SZ haben CDU-Kreise in Hannover seit 2006 das Gerücht gestreut, dass Bettina Wulff früher im Rotlichtmilieu gearbeitet habe. Die Denunziation sollte offenbar vor allem Christian Wulff treffen, der damals noch CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen war. Er hatte in der Partei einige einflussreiche Feinde und auch außerhalb der Partei etliche Gegner. Im Internet verbreiteten sich die Verleumdungen dann schnell. Bereits am Rande der Bundesversammlung Ende Juni 2010 in Berlin, als Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde, hatten CDU-Politiker Journalisten auf die Internet-Veröffentlichungen aufmerksam gemacht.”
Mobbing als Geschäftsmodell
Sechs Jahre lang war diese wahrhaft schweinische Geschichte im Umlauf. Der dazu passende frivole Refrain wurde nicht gesungen, weil der Ursprung, die Quelle verdächtig war. Er wurde gepfiffen. Die Rotlicht- Erfindung über Bettina Wulff wurde Gott sei Dank beendet, bevor sie im Boulevard und anderswo auf der Seite eins aufschlagen konnte. Glaubt man der Fama in Berlin, waren entsprechenden Texte bereits geschrieben und Kommentare bereits auf Vorrat gesprochen, man wartete nur noch auf das „go“ aus den Chefredaktionen. Es wird erzählt, diese üble Geschichte sei von einigen sehr respektablen, einflussreichen Frauen in der Republik gestoppt worden; wiederum der Fama nach auch mit Hilfe aus dem Kanzleramt.
Die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte da weniger Unterstützung. Auf einer Ärzte-Demonstration am 18. Januar 2006 in Berlin war zu lesen: „Ulla nach Guantanamo“. Ein Orthopäde aus Bayern soll der „Schriftsteller“ des entsprechenden Plakats gewesen sein; mit einem Richter bekam er es nicht zu tun, sein Verband habe ihm den Kopf zu Recht gesetzt, ist zu hören. Ich wette darauf, dass der sprachliche Umgang mit Frauen in der Politik ungenierter und brutaler war – und ist – als der Umgang mit Männern.
Woher kommt das? Leute, die aus dem Dunkel heraus versuchen, zu treffen, die gab es immer. Beispiel: Vor vielen Jahren waberte Gequatsche über die Abstammung Willy Brandts. Konrad Adenauer spielte mit den Namen Frahm-Brandt, wohl wissend, dass das sitzen und den ins Visier genommenen Mann treffen würde. Mobbing als Machtmittel einer Art Geschäftsmodell unter Konkurrenten.
Die Regeln bestimmen heute “Zocker-Märkte”
Im Fall der Medien kommt hinzu, dass es für Mobbing „Märkte“ gibt. Früher gab es wie heute auch Hintergrund – Treffen, in denen Türen zu persönlich zielenden Einschätzungen und nebenbei zu allerlei Bösem geöffnet wurden. Man verständigte sich darauf, was mit Quelle weitergesagt/geschrieben werden dürfe; was ohne Quelle berichtet und was nicht berichtet werden dürfe. In der Regel hat das geklappt. Es stand nun in den Notizbüchern der Zunft, wartete darauf quasi vergessen oder zu einem späteren Zeitpunkt publiziert zu werden. Das war kein “Schwarzmarkt”, aber immerhin wurden Ansatzpunkte geboten, die sich zu Stories ausbauen ließen. Nicht jeder und jede hatte Zugang. Man wurde eingereiht: Hier ein Tanzplatz für die Rechten, dort für Linke und eher Liberale, ebenso nur für Frauen und den für bestimmte Regionen.
Natürlich wurde nicht während aller stattfindenden “Hintergrund- Treffen” mit verdächtiger Ware gehandelt. Manche blieben “sauber” und sachlich, andere eben nicht. Legendär waren zu Bonner Zeiten der konservative „Ruderclub“ und die anders positionierte „Gelbe Karte„.
All das gibt es noch und wird auch genutzt. Aber die Regeln bestimmen heute “Zocker-Märkte”. Auf digitalen Plattformen wird ziemlich alles ausgeliefert, was sich elektronisch bestellen lässt. Auch Schmutz und was man braucht, um eine „verlorene Ehre“ zu fabrizieren. Das ist es, was heute hinter der eingangs erwähnten “Brutalität” lauert. Jeder und jede kann sich der Ansichten bedienen, die auf solchen Plattformen geboten werden. Wie früher über den sogenannten „Flurfunk“ wird heute informell, anonym, unter dem Siegel der Besorgnis oder der Schadenfreude weitergereicht, was zu lesen war.
Und wenn nun anständige Leute erklären: Es reicht, ich steige aus, sollte niemand sich darüber wundern. Da hat dann das eigentlich Menschliche sich durchgesetzt.
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