Gebt mir, gebt mir ein Leitbild

Um Kärnten zumindest topografisch von slawischen Ursprüngen abzugrenzen, gibt es die Karawanken. Dahinter, so die Befürchtung, könnte in Slowenien das kärntnerischste Kärnten sein. Die Slowenen wiederum werden von einigen im Vielvölkerland Jugoslawien als piefige ›Deutsche‹ verunglimpft. Weiter südlich wird es auf dem Balkan gänzlich unübersichtlich Für Nichteingeweihte. Aus dem Schmelztiegel Jugoslawien ist seit dem Tod des Staatsgründers Tito (wieder) ein Pulverfass unterschiedlichster Identitäts- und Nationalitätsvorstellungen geworden. Da hilft nur noch Kunst, um die festgelegten Weltbilder gänzlich zu irritieren. Für Aufsehen und Hören sorgt seit Anfang der 80er Jahre die Rockband ›Laibach‹ als lautstarker Kern des Künstlerinnenkollektivs »Neue Slowenische Kunst« (NSK).

Bereits der Name ›Laibach‹ ist eine Provokation, wurde so doch die heutige slowenische Hauptstadt Ljubljana zuletzt von den Nazis und davor während der tausendjährigen Herrschaft der österreichischen Habsburger benannt. Auch die Abkürzung ›NSK‹ lässt sich als Verballhornung des SHS-Staates (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) deuten. Dazu kann man wissen, dass sich der SHS-Staat nach dem ersten Weltkrieg anschickte, das heutige Kärnten zu regieren, Klagenfurt also beinahe Teil des SHS-Staates geworden wäre.

Luther Blisset und Sonja Brünzels schreiben in ihrem Handbuch der Kommunikationsguerilla, dass es ›Laibach‹ vor allem darum ginge, »die Ästhetik von Macht und Unterwerfung zu besingen, die Inszenierung von Herrschaft und das Aufgehen des Einzelnen im Kollektiv. Dabei hat sich NSK/Laibach konsequent einer Strategie der Überidentifizierung verschrieben.« (Blisset, Brünzels 2001: 47).

Eine Kostprobe für diese subversive Strategie Laibachs ist der 1987 auf dem Album »Opus Dei« veröffentlichte Song »Geburt einer Nation (One Vision)«, der auch als Musikvideo verfilmt wurde. Der Song ist eine deutsche Coverversion des Queen Songs »One Vision«, wobei ›Laibach‹ ausdrücklich nicht von Coverversion, sondern von »neuen Originalen« bzw. »Kopie ohne Original« (Monroe 2004) spricht. Passend zum martialisch vorgetragenen deutschen Text erklingen bei Laibach Fanfaren und Trommeln im Militärmarschrhythmus. Das Video verstärkt den faschistoiden Eindruck insbesondere durch uniforme Kleidung und steife Bewegungen der Protagonisten.

Hier ein Textauszug im Vergleich mit dem Original der Band Queen:

Die Originalität von Laibach entsteht durch eine Kontextverschiebung. Das gelingt verblüffend einfach durch eine recht genaue Übersetzung des Originaltextes von Queen. Durch die audiovisuelle Inszenierung des Textes werden ansonsten unstrittige Gemeinplätze wie ›Leitbild‹ und ›Vision‹ infrage gestellt. Die Wörter werden in eine andere alternative Realität gerückt. Der Originaltext von Queen wirkt dagegen eher religiös, wie vielleicht von Martin Luther King inspiriert. Dazu noch ein Ausschnitt:

»So reicht mir eure Hände
Und gebt mir eure Herzen
Ich warte
Es gibt nur eine Richtung
Eine Erde und ein Volk
Ein Leitbild

Was ist nun aber das Problem von Visionen und Leitbildern, die in Wirtschaft und Politik unvoreingenommen Anhang finden? Spontan denken wir vielleicht an das geflügelte Wort eines Ex-Bundeskanzlers: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Allerdings ist die Urheberschaft des Zitats strittig. Unstrittig ist dagegen, dass Thomas Bernhard das Zitat auf die Bühne des Wiener Burgtheaters gebracht hat. Im Drama ›Heldenplatz‹, das anlässlich des 50. Jahrestags des Anschlusses Österreichs an Hitlerdeutschland uraufgeführt wurde, lässt Bernhard jemand sagen: »Wer Visionen hat, braucht einen Arzt, hat der Bundeskanzler gesagt.«

Verstörte Publika rätseln

Das Stück ›Heldenplatz‹ passt jedenfalls thematisch zu den von NSK/Laibach behandelten Identitätsproblemen. Denn Visionen und Leitbilder sind vor allem Ausdruck eines Begehrens, das im Grunde noch nicht genau weiß, was es begehrt. Für den französischen Kulturanthropologe René Girard »ist der Mensch von intensiven Wünschen beseelt, weiß aber nicht genau, was er wünscht: Er begehrt das Sein – jenes Sein, das ihm seinem Gefühl nach fehlt und von dem ihm scheint, ein anderer besitze es. Das Subjekt erwartet von diesem anderen, daß er ihm sagt, was gewünscht werden muss, um dieses Sein zu erlangen.« (Girard 1987: 215)

Antworten sollen visionäre heldenhafte Führungspersönlichkeiten liefern. So die Hoffnung, die sich jedoch meist als trügerisch herausstellt. Die meisten Visionen bleiben unrealisiert und im Scheitern vor allem totalitärer politischer Visionen nimmt auch die Gefolgschaft ein trauriges Ende. Entweder, weil das Volk von ihrer Führung als visionsuntauglich abgekanzelt wird oder weil selbst erkannt wird, auf welchem Holzweg man im blinden Vertrauen an die Vision unterwegs war.

Wiederum Girard sieht daher den schizophrenen double bind nicht als pathologischen Sonderfall, sondern als gesellschaftliches Massenphänomen:

»Die doppelte widersprüchliche Abhängigkeit oder eher das Netz von widersprüchlichen Abhängigkeiten, in das sich die Menschen gegenseitig ohne Unterlass verstricken, muß uns als eher banales Phänomen, ja vielleicht als das banalste schlechthin erscheinen und als das eigentliche Fundament aller Beziehung der Menschen untereinander.« (ebd. 217)

Genau hier setzt NSK/Laibach an mit der Strategie der Überidentifikation. Durch eine Inszenierung – totaler als der Totalitarismus – könnte die Schizophrenie augenblicklich entlarvt werden, vorausgesetzt, die intimen Sehnsüchte werden vom Publikum in ihrer Peinlichkeit auch wahrgenommen.

So ist die Kunst von NSK/Laibach für den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ein Paradebeispiel für die Lehren des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. Žižek betrachtet Laibach als psychoanalytische Behandlung des Publikums (Žižek 1996: 164 f.), bei der Laibach als Analytiker:in dem Publikum in der Rolle der Analysanden auf die Sprünge hilft. Laibach gibt dabei keine Antworten, sondern erzeugt Fragen. Entsprechend reagiert das Publikum zu Beginn der Laibachtherapie verstört und rätselt, wie das alles zu verstehen ist, was da gehört und gesehen wird. Handelt es sich um eine rechtsradikale Band? Ist das ernst gemeint? Könnte es Menschen begeistern oder durch die zynische Distanz in ihrer Haltung bestärken? Bin ich gefährdet oder bereits angesteckt? Bemerkenswert ist, dass die Ironie Laibachs bedrohlicher empfunden wird als der Faschismus, auf den Laibach verweist. Erleichterung entsteht erst, wenn z.B. der künstlerische Hintergrund aufgedeckt wird und man erfährt, dass Laibach bereits in einer Performance 1993 in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz den FSK-Staat zelebrierte.

Laibach betreibt kein Mimikry in ironischer Distanz zum Gegenstand der Kommunikation. Laibach Gründer Ivan Novak erläutert im Deutschlandfunk Kultur den Unterschied zwischen Laibach und einer ähnlich klingenden deutschen Popband: Laibach ist Rammstein für Erwachsene.

Quellen

Blisset, Luther; Brünzels, Sonja (2001). Handbuch der Kommunikations guerilla, 4. Auflage. Hamburg: Assoziation.
Girard, René (1987). Das Heilige und die Gewalt. Zürich: Benziger.
Laibach (1987). »Geburt einer Nation (One Vision)«. Auf: Opus Dei. London: Mute Records.
Monroe, Alexei (2004). Laibach – Unsere Geschichte, CD-Beiheft Laibach Anthems, London: Mute Records.
Zizek, Slavoj (1996). Die Metastasen des Genießens. Sechs erotisch politische Versuche. Wien: Passagen Verlag

Der Beitrag ist der Ausgabe 196/197 von Ästhetik & Kommunikation „Anders identisch“ entnommen

Jürgen Schulz
Prof. Dr. Jürgen Schulz lehrt und forscht im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin (UdK). Er arbeitet auch in der Redaktion von „Ästhetik & Kommunikation“.

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