Arbeit unter der Regie des Geldes, Leben im Bann der Arbeit

“Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.”
Karl Marx, Das Kapital, Erstes Kapitel: Die Ware | Foto: Unsplash

Wenn aus Trauer Trauerarbeit wird, eine Liebesbeziehung in Beziehungsarbeit mutiert, sich das Spiel in eine globale Gamesbranche verwandelt und aus dem angenehmen Umstand, dass Menschen sich miteinander unterhalten, eine riesige Unterhaltungsindustrie erwächst – wie hängt das mit Arbeit, Wirtschaft und Kapitalismus zusammen?

Eine essayistische Annäherung an Wirtschaft und Kapital in vier Teilen.

Teil 1 _ Arbeit

Existenzsicherung
auf unfreiwillige, anstrengende, qualifizierte, kooperative,
sich selbst verwirklichende,
sozial anerkannte Weise

Ob Arbeit als Ehrenbezeichnung verstanden wird oder doch mehr als Klage-, vielleicht sogar Schimpfwort, unterliegt dem historischen Wertewandel und wird auch unter Zeitgenossen konträr diskutiert. Unabhängig davon haben wir es offenkundig mit der Entwicklung zu tun, aus menschlichen Aktivitäten, sofern sie nicht belanglos und unsinnig erscheinen, Arbeitstätigkeiten zu machen. Sie zumindest als solche anzusehen, und was dann noch bleibt, als Erholung von oder Vorbereitung auf Arbeit zu verstehen. In der Industriegesellschaft, die auch Arbeitsgesellschaft genannt wird, herrschen ein Alltagsverständnis und ein Sprachgebrauch, alle Zeit in Arbeitszeit und Freizeit einzuteilen, alles Tun und Lassen der Unterscheidung zwischen Arbeit und Nichtarbeit unterzuordnen. Historiker wissen, das war schon anders. Historisch wie systematisch ist es ein langer Weg, bis sich die berühmte Frage aufdrängt, arbeiten, um zu leben, oder leben, um zu arbeiten. Gearbeitet haben Menschen immer, weil sie wie jedes Lebewesen von etwas leben, sich ernähren müssen. Aber es gab zunächst gar kein eigenes Wort für solche Tätigkeiten, die der Lebenserhaltung dienen, es wurde gesammelt, gejagt, Feuer gemacht, gepflegt und gebaut, ohne dass dafür der übergeordnete Begriff Arbeit existierte.

Produkte und Dienste

Ohne Zweifel kommt die Arbeit aus dem Reich der Notwendigkeit. Leben erhält sich nicht von selbst. Arbeit in ihrer ursprünglichen Form meint die Tätigkeiten, mit welchen Lebewesen ihr Überleben sichern. Zur Subsistenzsicherung braucht es nicht nur Produkte, sondern auch Dienste. Menschen kommen als hilfsbedürftige Wesen auf die Welt, die gehegt und gepflegt werden müssen. Im mittelalterlichen Europa wurde mehr als die Hälfte der Kinder keine 14 Jahre alt. In den Jäger- und Sammlervölkern der Frühzeit überlebte mehr als ein Viertel der Geborenen nicht einmal das erste Jahr.

Die existentielle Bedeutung der Arbeit verweist auf ein Moment von Unfreiwilligkeit. Arbeit muss geleistet werden; von wem, auf welche Weise, unter welchen Bedingungen sind andere Fragen. Da die Arbeitstätigkeit auf einen Zweck ausgerichtet ist, bedarf es der Fähigkeit, der Qualifikation, die damit verbundenen Aufgaben zu erfüllen; zudem muss damit gerechnet werden, dass es sich nicht von selbst erledigt, dass es anstrengend werden kann. Dabei bietet es sich häufig bei Arbeitstätigkeiten an, sie kooperativ auszuführen. Mit der Arbeitsleistung ist es nicht getan, Arbeit erschöpft sich nicht darin, die notwendigen Überlebensbedingungen herzustellen, es gehört auch dazu, die Mittel zum Leben zu konsumieren. Produktion und Konsum werden oft als getrennte Sphären behandelt, der funktionale Blick auf die Arbeit erkennt jedoch, dass die Arbeitsleistung und der Gebrauch ihrer Erzeugnisse zwei Seiten derselben Sache sind. Der Arbeitsprozess erweist sich als eine Komposition, Arbeiten als eine einzelne Tätigkeit aufzufassen, wie es gängiger Sprachgebrauch ist, bewirkt nur ein äußerst reduziertes Verständnis. Vier Komponenten lassen sich ausmachen: Der abschließende Gebrauch, die vorangegangene Leistung, das daraus resultierende Erzeugnis (Produkt oder Dienst) und der vorausgesetzte Bedarf. Wer nämlich schon alles hat, wer keinen Bedarf hat, braucht auch keine Arbeit zu leisten. Es lohnt sich, dieses ungewohnte kompositorische Verständnis des Arbeitsprozesses zu übernehmen, denn man wird bemerken, dass man mit ihm mehr und besser sieht.

Selbstverwirklichung und Anerkennung

In der individualisierten Gesellschaft muß der einzelne (…) bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaft usw. zu begreifen.
Ulrich Reck, Risikogesellschaft, S. 217 | Foto: Jo Wüllner

Insbesondere ist zu erkennen, weshalb die sozialphilosophischen Perspektive auf Arbeit zwei wiederkehrende Gesichtspunkte stark macht, nämlich Selbstverwirklichung und Anerkennung. Im Erzeugnis der Arbeitsleistung, sei es ein gutes Produkt oder eine gelungene Dienstleistung, ein preisgekrönter Film oder eine schöne Frisur, vergegenständlicht sich die Arbeitsleistung. Im Werk, das die Meisterin und den Meister lobt, verwirklichen diese sich auch selbst; auf einem anderen Blatt stehen Formen der Arbeitstätigkeit, deren Spezialisierung und Zersplitterung den persönlichen Bezug der Werk- Tätigen zum fertigen Gesamtwerk bis zur Unkenntlichkeit verschwinden lassen. Die soziale Anerkennung verdankt sich dem Gebrauch. Das Erzeugnis der Arbeitsleistung wird in aller Regel von anderen gebraucht, es handelt sich um eine – Fähigkeiten und Anstrengungen erfordernde – Leistung für andere und in diesem Sinn um einen sozialen Akt, der mit Anerkennung rechnen darf. Ob mit dem Erzeugnis wirklich Nutzen gestiftet oder nicht vielmehr gesellschaftlicher Schaden angerichtet wird, ist wiederum eine andere Frage.

Arbeit in ihrer Funktion der existentiellen Grundversorgung weist inhärente Eigenschaften auf, die im empirischen Einzelfall mehr oder weniger ausgeprägt, perfektioniert, mangelhaft, auch modifiziert bis an die Grenze ihres Gegenteils auftreten können, aber immer irgendwie vorkommen: unfreiwillig, anstrengend, qualifiziert, kooperativ, sich selbst verwirklichend, sozial anerkannt. Aber was passiert mit der Arbeit, sobald sie bewirtschaftet wird? Welche Folgen hat es, wenn die Ökonomie in den Arbeitsprozess eingreift?

Teil 2 _ Wirtschaft

Vorsorge treffen,
an der Arbeit das Verhältnis von Leistung und Gebrauchsmöglichkeiten,
von Aufwand und Ertrag wichtig nehmen

Um nicht nur von der Hand in den Mund leben zu müssen, liegt es nahe, Vorratshaltung zu betreiben, heute dafür zu sorgen, dass die Bedarfsbefriedung auch morgen gesichert ist. Der Übergang von der Versorgungsleistung der Arbeit zur Idee der Vorsorge, heute an morgen zu denken, ist fließend. Mit der Vorsorge fängt wirtschaftliches Denken an, Sparen, Leistungssteigerung und Investieren betreten den Möglichkeitsraum. Weniger zu verbrauchen oder/ und mehr zu erzeugen, werden zu sinnvollen Zielen. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag beginnt eine Rolle zu spielen, Qualifikation, Organisation und Technik der Arbeitsleistung geraten in den Blick. Wirtschaftlich zu denken, das Verhältnis von Leistung und Gebrauchsmöglichkeiten, von Aufwand und Ertrag wichtig zu nehmen, beginnt früh, bei Jägern, die Fallen stellen, Fischern, die Reusen bauen. Die Ökonomisierung der Arbeit erreicht mit der Landwirtschaft auf fruchtbaren Böden einen ersten Höhepunkt, ihr folgt das Handwerk, dem bald ein goldener Boden nachgesagt wird.

An der Vorsorge tritt hervor, was ohnehin in der zeitlichen Logik der Arbeit liegt: Die Leistung findet vor dem Gebrauch statt (bei der Dienstleistung ist es das Leistungsangebot, das vorher bereitgehalten wird). Später, im Kapitalismus, wird diese zeitliche Abfolge zu dem sprichwörtlichen Risiko, das Unternehmer, auch Arbeit-Geber genannt, eingehen. Sobald Arbeit bewirtschaftet wird, drängen sich Anschlussfragen von hoher Brisanz auf. Erzeugnisse, die nicht sofort ge- und verbraucht werden, sondern als Überschuss vorhanden sind, müssen verwaltet und verteilt werden, die Eigentumsproblematik wird unausweichlich, Haben oder Nicht-Haben steigt in den Rang einer gesellschaftlich relevanten Differenz auf. Es können Güter mit längerfristigem kollektivem oder persönlichem Gebrauchswert entstehen. Wer entscheidet darüber, ob Kirchen oder Hütten gebaut, Waffen geschmiedet oder Felder bewirtschaftet, Roben geschneidert oder Röcke geflickt werden, und wem stehen Nutzungsmöglichkeiten solcher Güter offen? Bewirtschaftet ist die Arbeit nicht länger nur Schützerin vor Notstand, sie wird auch Schöpferin von Wohlstand.

Mangel, Überfluss und Knappheit

Für unsere Kultur ist ökonomisches Denken so selbstverständlich, dass die Bewirtschaftung der Arbeit als das Natürlichste der Welt erscheint. Aber bei der Ökonomisierung der Arbeit handelt es sich nicht um einen naturgegebenen Tatbestand, sondern um soziale Prozesse, die vorangetrieben werden oder nicht, die vielleicht zurückgeschraubt werden könnten, aber wer sollte es wollen und wie wäre zu bewerkstelligen. Die Ökonomie behält solange gesellschaftliche Bedeutung, wie nicht genug für alle da ist. Die Wirtschaft schmückt sich (zurecht) mit dem Nimbus, gegen Mangel zu helfen, aber zugleich organisiert sie Knappheit, denn sonst würde sie bedeutungslos. Wirtschaft erzeugt auch im Überfluss Knappheiten, indem sie den Zugriff auf Erzeugnisse reguliert, erst durch Eigentum – nur zur Abwehr des Zugriffs anderer macht Eigentum Sinn –, danach zusätzlich mittels Geld. Was wird aus der Arbeit, wenn die Wirtschaft Geld als Tauschmittel und zur Schatzbildung einsetzt, wenn Münzen, Banknoten und Schuldverschreibungen wie goldene Kälber zum Volkstanz einladen?

Teil 3 _ Geldwirtschaft

Jetzt muss es sich rechnen,
Bedarf wird zu Geldbedarf,
Leistung wird gegen und wegen Bezahlung erbracht,
eine paywall erhebt sich vor dem Gebrauch

“Fast möchte man meinen, die Menschheit sei von einem Taumel des Warenbesitzes, von einer Gerätetollheit befallen, die man in früheren Zeiten vielleicht gewissenlosen Spekulanten oder auf Ablenkung bedachten Regierungen zur Last gelegt hätte.”
Walter Rathenau: Gesammelte Schriften, Berlin, S.Fischer: 1925, S. 56

Aufblühen kann die Bewirtschaftung der Arbeit, genauer berechnet werden kann das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, sobald Geld als universales Tauschmittel funktioniert. Für Bedarf, Leistung und Gebrauch wird der Unterschied zwischen Bezahlen und Nichtzahlen ausschlaggebend. Bedarf tritt als Geldbedarf auf, an der Arbeitsleistung interessiert zuallererst ihre Bezahlung und vor dem Gebrauch ist ein Kauf nötig. Geld schiebt sich zwischen Bedarf und Gebrauch, und wer bedürftig ist, aber kein Geld hat, verhungert vor vollen Scheunen beziehungsweise vor den Wolkenkratzern der Banken. Diejenigen jedoch, die genug Geld haben, können ihren Bedarf und den Gebrauch direkt miteinander verbinden, ohne eine Arbeitsleistung dazwischen zu schalten; das ist natürlich ganz schief ausgedrückt, ohne eine eigene Arbeitsleistung muss es korrekt heißen, denn andere Leute müssen etwas geleistet haben, damit etwas zum Kaufen und Gebrauchen vorhanden ist.

Märkte, Preise und Kredite

Alle, die ihre Familien und sich selbst zu versorgen haben, wissen um die Notwendigkeit, das Geld, das sie dafür ausgeben, auf irgendeine Weise wiederzubeschaffen. Die Notwendigkeit, zur Bedarfsbefriedigung eine Arbeitsleistung zu erbringen, verwandelt sich in die Aufforderung, irgendwie an Geld zu kommen. Für die große Mehrheit der Bevölkerung läuft es darauf hinaus, sich eine bezahlte Arbeitsleistung zu suchen. Gefunden werden kann sie in abhängigen und in selbständigen Formen. Der Unterschied liegt darin, ob die Leistung zum Verkauf angeboten wird oder das Erzeugnis der Leistung, also das Produkt oder der Dienst. Im Fall der Selbständigkeit werden zahlungsbereite Verbraucher des Erzeugnisses gesucht, im Fall der abhängigen Beschäftigung sogenannte Arbeit-Geber. In beiden Fällen stellt sich sofort die Preis-Frage: Wie viel soll und darf die Arbeitsleistung, wie viel soll und darf das Erzeugnis kosten.

Mit dem Geld als universalem Tauschmittel entstehen Märkte für Rohstoffe, Produkte und Dienste, aber auch für Arbeitskräfte – und Geld. Neben Bauern und Handwerker treten Händler. Kolonialismus und Merkantilismus prägen das Europa des 15. bis 18. Jahrhunderts und das Kreditgeschäft entfaltet sich. Der Unterschied zwischen Schuld und Schulden liege, schreibt der Ethnologe David Gräber, in der „Fähigkeit des Geldes, Moral in eine Sache unpersönlicher Arithmetik zu verwandeln – und dabei Dinge zu rechtfertigen, die ansonsten empörend oder obszön erscheinen würden“. Auf der anderen Seite werden Geld und Freiheit zunehmend in einem Atemzug genannt. „Deine Freiheit, deine Möglichkeiten, dein Kredit“ plakatiert die Commerzbank 2020.

Für die Arbeit dreht es sich, in Europa etwa seit dem 15. Jahrhundert, zunehmend mehr um Geld. Aber das erklärt noch nicht, weshalb sich, spätestens seit dem 19. Jahrhundert, praktisch alles um Arbeit dreht. Dafür muss die Ökonomisierung der Arbeit ihre Höchstform erreichen, dafür muss sich die Wirtschaftsweise durchsetzen, die in modernen Zeiten berühmt und berüchtigt wird, der Kapitalismus. Welches Schicksal widerfährt der Arbeit im Kapitalismus?

Teil 4 _ Kapitalismus

Kapital ist ein Geldscheißer,
der für möglichst wenig Leistung möglichst viel nimmt,
aber allen verspricht, für besonders viel Leistung
nur wenig geben zu müssen

Im Vergleich zur Geldwirtschaft im allgemeinen scheint sich für eilige Beobachter im Kapitalismus an der Arbeit im Grunde nichts zu ändern. Die elementare Funktion der Arbeit, existentielle Bedürfnisse zu befriedigen, besteht offenkundig weiter. Für die große Mehrheit der Bevölkerung ist die Möglichkeit, sich Geld zu beschaffen, nach wie vor an bezahlte Arbeitsleistungen gebunden. Der Zusammenhang zwischen „Arbeit und Brot“, den die Nationalsozialisten in der Weimarer Republik als Wahlslogan auf ihre Plakate schrieben, bleibt präsent.

Zudem ist klar: Das Reich der Notwendigkeit ist ein ewiges Reich, eine Gesellschaft ohne Arbeit wird es nicht geben, auch dann nicht, wenn Roboter Roboter für alle Arbeitsleistungen herstellen. Aber der Eindruck, letztlich sei alles beim Alten geblieben, trügt. Sobald sich Geld in Kapital verwandelt, vollzieht sich eine große Transformation: Aus der Arbeitsleistung wird ein Kostenfaktor, Rationalisierung das erste Gebot; die Arbeitskraft wird zur Ware, ihre extensive und intensive Nutzung eine ständige Herausforderung; und am Gebrauch interessiert primär der Verbrauch, Konsum wird groß und größer geschrieben. Die Arbeit gerät in kapitalistischen Wirtschaften in eine paradoxe Lage, sie wird aufgewertet und abgewertet zugleich. Die Aufwertung führt dazu, dass politische Parteien „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ plakatieren in der Erwartung, dafür Wählerstimmen zu bekommen. Die Abwertung geht bis dahin, dass Arbeitstätigkeiten bis zur Unkenntlichkeit in stupide sich wiederholende Einzelhandlungen zerlegt und Arbeitskräfte ohne Rücksicht auf Bedarfslagen der Menschen geheuert und gefeuert werden. Arbeitslosigkeit wird zum Problem, „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ werden ergriffen (oder auch nicht), ein (stets umstrittener) Sozialstaat erweist sich als erforderlich. Die Frage, was aus einer Person wird, beantwortet sich mit deren Arbeitsleistungen, der Höhe des Entgelts und der Konsumpraxis, die Entgelt plus Kredit erlauben.

Die Genialität entspringt der Trivialität

Es ist einfach, die innere Logik der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu erfassen, denn deren Genialität entspringt ihrer Trivialität. Aber es ist sehr schwer, die Vielfalt der positiven und der negativen Folgen zu begreifen und zu beschreiben, die der Arbeit widerfahren, wenn Geld nicht länger nur als Tauschmittel und zur Schatzbildung dient, sondern als Kapital eingesetzt wird: „Die rastlose Vermehrung des Werts, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Zirkulation zu retten sucht, erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Zirkulation preisgibt.“ (Karl Marx) Das ist die Grundidee: Geld nicht, wie die meisten, in die Hand zu nehmen, um es gegen eine Gebrauchsmöglichkeit einzutauschen oder zu horten, sondern Geld zu verwenden, um mehr Geld daraus zu machen. Kapital ist eine Geldmaschine. Damit sie funktioniert, muss sie alle Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von Aufwand und Ertrag richten.

Auf das Verhältnis, auf die in Prozent ausgedrückte Rendite kommt es an und deshalb lautet die Lösung, aus möglichst wenig möglichst viel zu machen. Nur wenn das Verhältnis stimmt – Josef Ackermann hat es für das Eigenkapital der Deutschen Bank einmal auf 25 Prozent festgelegt, für 75 ausgegebene Euro sollen mindestens 100 hereinkommen –, lohnt es sich, Geld in die Hand zu nehmen. Möglichst viel Geld für möglichst wenig eigene Leistungen, wünscht sich der schlechte Kapitalist und ist beleidigt, wenn der Arbeiter auch so denkt; wenig Geld für viel Leistung offeriert die Werbung und lockt in allen Schaufenstern mit Sonderangeboten, die noch weniger Geld und noch mehr Leistung propagieren.

Scheues Reh, geiler Bock

Das Strukturelement, das die Kapitalbewegung lenkt und diese Kultur der „Arbeit, Arbeit über alles“ auslöst, ist die Anlageambition, ist die Erwartung, aus viel noch mehr, am liebsten am meisten zu machen. Kapital ist ein scheues Reh, weil es flüchtet, sobald sich die Gewinnaussichten eintrüben. Kapital ist ein geiler Bock, weil es sich auf jede aussichtsreiche Anlagemöglichkeit stürzt. Dem Kapital und nur dem Kapital wohnt dieser Vermehrungsanspruch inne, der auf Gütermärkten – der Finanzmarkt funktioniert anders – nicht ohne Arbeitsleistung, menschliche oder maschinelle, zu realisieren ist. Wenn sich Geld laufend vermehren soll, muss möglichst ohne Unterlass gearbeitet, das heißt, etwas geleistet und etwas verbraucht werden. Kapitalanleger ohne (lebendige oder technische) Arbeiter und ohne (zahlungsfähige) Verbraucher wären Haie auf dem Trockenen.

„Niemand wird freiwillig Arbeiter“ schreibt Wolfgang Streeck. Die ursprüngliche Notwendigkeit der Existenzsicherung, die am Anfang aller Arbeit steht, drängt sich in der kapitalistischen Wirtschaft akut auf, paart sich aber mit vielversprechenden Möglichkeiten, zu Wohlstand zu kommen sowie mit der Realität immensen Reichtums. Einen Unterschied zwischen Armut und Reichtum, verursacht durch religiöse und politische Herrschaftsverhältnisse, kennen auch vormoderne Gesellschaften. In der Moderne, auf deren Fahnen Freiheit und Gleichheit steht, ist die Kluft wegen des weitaus größeren Reichtums tiefer geworden, doch wenn man nur das sieht, durchschaut man zu wenig.

Elend, Wohlstand, Luxus

Die Rationalität kapitalistischen Wirtschaftens bewirkt gerade nicht nur den Gegensatz von arm und reich, sondern sehr verschiedenartige soziale Verhältnisse, aber Elend und Luxus gehören systemisch dazu. Zum einen geht die Arbeitsleistung primär als Kostenfaktor in das Kalkül ein, weshalb sie möglichst billig eingekauft oder auch gar nicht bezahlt wird. Eine Folge davon ist, dass das Arbeitsentgelt, wo sich kein Widerstand organisiert, so niedrig ausfällt, dass nicht selten Armut trotz Arbeitsleistung herrscht. Eine weitere Folge, nämlich dass Kosten externalisiert werden, zeigt sich an den Zerstörungen der natürlichen Umwelt. Zum anderen kommen und bleiben Arbeitsprozesse nur in Gang, wenn Gewinne gemacht oder zumindest erwartet werden, das heißt, es ist ganz normal, dass Kapitalisten reicher und luxuriöser leben oder eben ihr Arbeit-Geber-Dasein beenden.

Als Drittes benötigt die kapitalistische Ökonomie zahlungsfähige Verbraucher. Deshalb ist gesamtwirtschaftlich höchst sinnvoll, was die einzelnen Arbeit-Geber als eher schmerzvoll erleben, nämlich dass „anständige“ Entgelte bezahlt werden; deutlich höhere Entgelte und Gewinnbeteiligungen liegen nahe, wenn Arbeitskräfte als schwer entbehrliche Fachkräfte oder als Verantwortung tragende Führungskräfte in Wirtschaftsorganisationen tätig sind. Viertens schließlich erweist es sich als unumgänglich, auch im Kapitalismus nicht- kapitalistisch zu arbeiten und zu wirtschaften, weil sich nicht jede gesellschaftlich notwendige Arbeitstätigkeit gewinnbringend organisieren lässt. Im sogenannten öffentlichen Dienst, auch in sozialen und künstlerischen Bereichen werden (bezahlte und unbezahlte) Arbeitstätigkeiten ausgeübt, bei welchen das eingesetzte Geld (noch) keinem Verwertungszwang gehorcht.

Das Anthropozän bricht aus

„Perhaps our greatest distinction as a species is our capacity, unique among animals, to make counter-evolutionary choices.“
Jared Diamond, Why Is Sex Fun? The Evolution of Human Sexuality

Ist die Verwertungs-Idee einmal geboren, muss die Phantasie wohl grenzenlos sein, schaut man sich das Investitions- und Spekulationsgebaren an, das inzwischen auf dem gesamten Planeten um sich greift. Eine Schöpfungsgeschichte beginnt, die anthropozentrische Transformation des Erdballs nimmt Fahrt auf, das Anthropozän bricht aus. Unter der Regie des Kapitals erschafft die Arbeit nicht nur „eine ungeheure Warensammlung“ (Karl Marx). Zwar entstehen Erzeugnisse in einem Artenreichtum und einer Sortenvielfalt, die nicht zu erahnen, kaum zu erträumen sind, bevor sie erfunden werden. Innovation heißt die Zauberformel. In der „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) kann man Läden mit zweitausendfünfhundert verschiedenen Glühlampen finden, Tausenden unterschiedlicher Schrauben, Schuhe oder Computer, mit Kaffee- und Brotsorten in unüberschaubarer Fülle. Die Zuständigkeit der Arbeit reicht jetzt jedoch über das Überleben und mehr oder weniger Wohlstand weit hinaus, Arbeit schafft mehr und mehr die Bedingungen, unter welchen irdisches Leben überhaupt stattfindet. Unter dem Verwertungsdrang des Kapitals sucht die Arbeit Himmel und Erde danach ab, ob sich irgendwo aus irgendetwas ein Problem machen lässt, für dessen Lösung irgendwer so viel zu bezahlen bereit ist, dass aus 75 ausgegebenen 100 eingenommene Cent werden. Gegen die Idee, aus Geld mehr Geld zu machen, koste es den Rest der Welt, was es wolle, scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Was dabei ramponiert und kaputt gemacht wird, untersuchen die nächsten Investoren schon daraufhin, ob sich Reparaturen des Schadens oder Möglichkeiten, die Beschädigungen zu vermeiden, rechnen könnten: Neue Antriebstechniken, bessere Batterietechnologien, alternative Energieerzeugung, selbst bei Kreuzfahrtschiffen tut sich was.

Es bleibt die Wahl zwischen Leistung und Konsum

Die Mixtur aus Existenzminimum, gutem Auskommen und Wohlstandsmaximum, die kapitalistisches Wirtschaften hervorbringt, diese soziale und emotionale Achterbahn des Kapitalismus, treibt alle an, ihr Leben auf Arbeit zu fokussieren, jegliches Tun und Lassen im Spiegel der Arbeit zu betrachten und zu bewerten. Der Treiber Kapital schafft einen Lebensalltag, in dem menschlichen Tätigkeiten nur noch die Wahl zwischen Leistung und Konsum bleibt. Selbst Trauer, Liebe, Spiel und Unterhaltung werden in Zonen von Leistung und Verbrauch eingebunden. Die Tränen am Grab, der Spaziergang im Park, die Information vor dem Bildschirm, die Sonnenstunden am Strand, der Zuschauerjubel im Stadion, die Kreuzfahrt in der Karibik, die Lektüre des Romans, der Kontakt mit einem potentiellen Liebespartner, der Hörgenuss im Konzert – alles geschieht dank oder zumindest im Kontext des Konsums von Arbeitsleistungen anderer Leute.

Mit nichts sonst sind im modernen Leben so viele Ängste und Enttäuschungen, so große Hoffnungen und glanzvollen Erfolge verbunden wie mit der Arbeit. Deshalb hängt so viel, fast alles davon ab, wie wir unsere Arbeit gestalten. Kollaborativ, gleichberechtigt und solidarisch? Die Paradoxie ist umwerfend: Dieselben Menschen, die dank hochentwickelter technischer Arbeitsleistungen selbstbestimmtes, frei gestaltetes, von gegenseitigem Respekt geprägtes Tun zum Mittelpunkt ihres Lebens machen könnten, halten – wie anno dazumal Esel Mühlsteine – mit dem Kapital eine Geldmaschine am Laufen, die ihnen Konkurrenzkämpfe, Unterordnungs- und Ausbeutungsverhältnisse aufzwingt.

Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt
Hans-Jürgen Arlt arbeitet in Berlin als freier Publizist und Sozialwissenschaftler zu den Themenschwerpunkten Kommunikation, Arbeit und Kommunikationsarbeit. Bis 2002 leitete er zehn Jahre lang die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

1 Kommentar

  1. Der Herr hat es ja auf den Punkt gebracht. Aber so viele Punkte hintereinander, ist doch ein bisschen anstrengend. Gut, dass ein paar entspannende Bilder eingelagert sind. Weitermachen.

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