Corona ist gut für die Politik

oder Von der zarten Blüte einer neuen Sachlichkeit

„Man sieht Sachlichkeit am besten, wenn man sie als Erfahrungsvernarbung versteht.“ Oskar Negt / Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn (Foto: Unsplash / Library of Congress)

Zwei der größten Fehlbesetzungen der globalen Politik scheinen sich durch Corona selbst ins Knie zu schießen, so dass sie zu Fall gebracht werden könnten.

Brasiliens Halbdiktator und Familienclanführer Bolsonaro ist der eine. Er hat den Virus zu lange als ein „Grippchen“ verunglimpft. Das hat dieser nicht auf sich sitzen lassen; er hat mit seinem Durchmarsch durchs Land begonnen, was vor allem Favela-Bewohner beunruhigt. Aber auch Politiker präsentieren sich rationaler und positionieren sich gegen Bolsonaro – auch, weil das klug ist, wenn es um einen Machtwechsel geht. So bringt sich derzeit vor allem ein starker Gouverneur für die nächste Präsidentschaftswahl in Stellung. Er verhängte eine Ausgangssperre für Sao Paolo. Das Volk wird es schätzen und hoffentlich belohnen.

Der andere ist – natürlich – Trump. Das dumpf-dumme Amerika (es ist erschreckend groß) applaudiert zwar immer noch, wenn er jetzt die WHO wegen genau der Unfähigkeit torpediert, die man ihm selbst anlasten muss. Aber nachhaltige öffentliche Wirkung hat ein Herr Anthony Fauci, der oberste US-Epidemiologe. Eine graue Eminenz, ultrasachlich, uneitel diplomatisch. Und mit 45 Ehrendoktortiteln versehen, was ihn zum Hassobjekt des dummen, verschwörungssüchtigen Amerika macht.  Niemand kannte ihn bis Corona. Jetzt steht er häufig neben, aber auch vor dem Noch-Präsidenten. Er verkörpert einen anderen Stil, die Welt zu sehen. Stellte man den frischen Kandidaten Jo Biden neben ihn, gäben sie ein gutes Gespann. Nicht wegen Parteizugehörigkeiten. Sondern weil ihnen demagogisches Auftreten abgeht, sie auf Versachlichung setzen.

Und bei uns? Da ist es Jens Spahn, der die Rolle des unaufgeregt Konzentrierten übernommen hat. Ein Mann, der engagiert wirkt, aber in emotionalen Debatten dämpfend agiert. (Aber nicht die mimikarme Kälte eines Olaf Scholz abstrahlt.) Würden wir einige seiner Auftritte hintereinander schneiden, und einem seit zehn Jahren in der medialen Abgeschiedenheit lebenden Deutschen vorspielen, und müsste der raten, welcher Partei der Mann zugehörig ist, hätte er es schwer.  Nun ja, nicht bei den Zwangsrekrutierungs-Passagen des frischen Krankenhaus-Gesetzes aus den Spahn-Büros. Da brach der illiberale Notstands-Kämpfer aus ihm heraus. Ob das einzig parteipolitisch erklärbar ist, oder einer archaisch-männlichen Rettungs-Manie entspricht, die unter älteren Bedingungen der Hordenexistenz durchaus Vorteile hatte, sei dahingestellt. Das System hat ja funktioniert und ihn sanft ausgebremst.

Fazit: Corona hat einen Trend zur Sachlichkeit und zur Paranoia zugleich losgetreten. Letztere infiziert zwar schnell geschwächte Köpfe, überlebt aber unter ernsten Bedingungen (Corona) nicht, weil der Virus keiner Ideologie, sondern der natürlichen Evolution folgt. Und der ist mit rationaler Analyse wirksamer zu begegnen.

Wird Sachlichkeit unter weniger bedrohlichen Umständen in der Post-Corona-Ära überleben? Keine Sorge, es wird bedrohlich weitergehen. Corona wird uns wellenförmig begleiten. Und die anderen Bedrohungen sind ja nicht fort: Die Wirtschaft agiert global kollapsnah, das Schuldenproblem wird uns schwer beschäftigen, die arme Welthälfte wird gerade ärmer. Und gestern las ich die ersten bedrohlichen Nachrichten, dass dieses so sommerartig freundliche Frühlingswetter uns bereits wieder in die Zone der Dürre treibt. Es gibt also genug Gründe zu verschärfter Sachlichkeit. Die ist auch das einzige Mittel, gegenüber den sich gegenseitig ach so komplex beeinflussenden Faktoren halbwegs intelligent zu reagieren. Dezidierte Partei-Ideologie erscheint da als überholtes Werkzeug, als so etwas wie die steinzeitliche Keule, mit der auf den Gegner eingeschlagen wurde. Also fort mit den Keulen. Werkzeugtechnik auf der Höhe vernetzter globaler Probleme sollte etwas filigraner daherkommen.

Jo Wüllner
Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

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