Panikblödheit oder Wir sind zwar dumm, aber klug genug zu lernen

Gerd Altmann auf Pixabay

Seit Monaten höre ich zwei verschwisterte Klagen. Die eine: Deutschland sei ein Flickenteppich. Die andere: Europa sei ein Flickenteppich. Beklagt wird gleichermaßen, dass es zu wenig einheitliche, abgestimmte, synchronisierte, am besten aber: irgendwo „von oben“ durchgreifende Maßnahmen gibt, um das allwaltende mikrobielle Böse in seine Schranken zu weisen. Deutschland ist den Klagen nach ein föderalistischer Flickenteppich. Europa ein Flickenteppich der irgendwie eigensinnigen bis national-egoistischen Staaten. Durchgreif-Staaten wie China hingegen werden gelobt, aber zugleich verdächtigt, zu vertuschen, zu verschleiern, zu unterdrücken, was das Durchgreif-Lob dennoch nicht entkräftet. Es wird vielleicht geahnt, dass das harte Durchgreifen sich nur durch Verschleierung von Kollateralschäden legitimieren kann. Wäre mehr davon auch für deutsche Mentalitäten sinnig?

Der Politikwissenschaftler Hendrik Träger (UNI Leipzig) warnt vor „Unsicherheit und Unverständnis in der Bevölkerung“ angesichts der vielen unterschiedlichen Lock-up- wie Lockerungsregeln. (Immerhin kommen nun nach den Virologen wieder Politikwissenschaftler zu Wort; ein Zeichen der Entspannung.) Zeitungen (Handelsblatt) beschwören ein „Scheitern des Föderalismus“. Und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mediales Bollwerk des Föderalismus, werden Stimmen laut, die „weniger Partikularismus und mehr Zentralismus“ fordern.

Ich halte die Flickenteppich-Klage für den Ausdruck von Defiziten bei der Verarbeitung komplexer Probleme, böser: Panik-Blödheit angesichts unübersichtlicher Ereignisse. „Wir“ (durch mediale Überforderung verwirrte Milieus) scheitern mit unserer klassisch-eindimensionalen Ratio. Die war – anthropologisch betrachtet – evolutionär lange Zeit ausreichend, um durchs wilde, gefahrenträchtige, aber risikoarme, mithin also einfach gestrickte vormoderne Leben zu kommen. Heute reicht sie nicht mehr aus, was wir nicht wahrhaben wollen, so dass wir die Verantwortung für Klarheit und Eindeutigkeit dem uns beschützenden Staat aufzubrummen versuchen. (Agenten dieser Klarheits-Sehnsucht sind in diesen Tagen TV-Moderatoren, die Politiker durch ihre Fragen auf eine Eindeutigkeit verpflichten wollen, der die Politik nur stotternd ausweichen kann.)

Vieles mag richtig und falsch zugleich sein

Womit nicht gesagt ist, dass manchmal zögerlich wirkendes Verhalten, oder – positiver – , dass eine differenzierte Step-by-Step-Politik sowohl der Maßnahmenverschärfung wie auch der Maßnahmenrücknahme der Virusweisheit letzter Schluss sei. Es kann alles Mögliche mehr oder minder richtig oder falsch sein. Oder schlimmer: Vieles mag richtig und falsch zugleich sein, weil in komplexen Systemen keine „Maßnahme“ sofort eindeutige Ergebnisse liefert. Und nach einiger Zeit die Ergebnisse so „ausgefranst“ sind, dass keine eindeutigen Bewertungen vorheriger Maßnahmen möglich sind.

An eindeutig wirksame „Maßnahmen“ glauben beispielsweise noch niedere Beamte der städtischen Bauaufsicht, wenn sie einen Bagger in eine Straße schicken, um ein Loch baggern zu lassen. Was in dem Loch an Überraschungen auf den Baggerfahrer wartet, ist etwas ganz Anderes, jenseits der Fantasie eines verbeamteten Maßnehmers. Trifft die Baggerschaufel auf ein vergessenes Gas- oder Wasserrohr, werden „Verantwortliche“ gesucht. Was am Problem sauber vorbeigeht. In der trendigen Unternehmensberaterszene spricht man in solchen und schlimmeren Fällen von „Ambiguity“, also Mehrdeutigkeit. Die Systemtheorie operiert mit Kontingenz. Die Kybernetik und Physik mit der Idee einer Black Box. Für Maßnahmen verantwortliche Menschen sagen, dass damit doch keiner rechnen konnte.

Und daher kann auch der Ruf nach weiterem hartem Durchgreifen oder schneller Normalisierung sehr falsch, ein bisschen falsch oder richtig und falsch zugleich sein. Manches kann man eben erst sehen, wenn man beobachtet, was passiert, nachdem man etwas getan hat. Über die Angemessenheit der Handlungen, die nicht vermeiden können, als „Maßnahmen“ aufzutreten, entscheidet dann die Beobachtung möglichst vieler Wirkungsstränge. Handlungen wirken dann wie virale Hotspots. Man muss sehr viele Wirkungsketten beobachten. Wehe, dafür fehlt das Personal.

Hart ist nicht automatisch klug

Wer das harte Durchgreifen fordert, ist nicht klüger oder weiser. Er setzt nur auf eine griffige Lösung, von der er weiß, dass verunsicherte Menschen solche vermeintlichen Lösungen herbeisehnen. Durchgreifen ist also vor allem auch eine PR-Maßnahme.

Ein Land von 80 gut Millionen Menschen ist immer, grundsätzlich und unvermeidbar ein Flickenteppich. (Wer anderes behauptet, ist doktrinärer Zentralist, der Differenzierung nicht wahrnehmen will.) Ein Flickenteppich aus Dörfern, Städten, Landkreisen, sehr unterschiedlich großen Bundesländern, die sehr unterschiedlich gelegen (Grenzen zu sehr unterschiedlichen Nachbarstaaten), sehr unterschiedlich geographisch gegliedert sind. (Das Saarland hat gerade ein Viertel der Einwohner von Berlin. NRW hat doppelt so viele Einwohner wie der Nachbar Niederlande.) Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein beliebiger seuchenpolitischer Verschärfungs- oder Entspannungs-Beschluss gleichermaßen für mecklenburg-vorpommersche Obstanbaugebiete wie für hochverdichtete Großstädte im Rhein-Ruhr-Gebiet angemessen ist. Daher gibt es wenig Einwände, wenn ein Reiner Haseloff (Sachsen) in diesen Tagen „vorprescht“ und auch die inter-haushälterische Kontaktaufnahme zwischen zwei Familien gestattet. Normalisierung lässt sich nicht normieren, sondern nur mit Risiken austarieren.

Natürlich kann man bundesweit den Hammer schwingen und rigorose Maßnahmen durchsetzen. Aber wenn das nicht passiert, ist das nicht automatisch Ausdruck von Entscheidungsschwäche, sondern möglicherweise (nicht notwendigerweise) von differenzierten Entscheidungen. Auch die sind daher nicht alle automatisch richtig, aber sie basieren (optimistisch betrachtet) zumindest auf differenzierter Betrachtung. Und die differenzierte Betrachtung differenzierter Verhältnisse hat höhere Chancen, dass Maßnahmen ihre grundsätzliche Schrotschussmentalität nicht offenbaren. (Mehrere Schrotschüsse von unterschiedlichen Punkten treffen vielleicht hinreichend viele Ziele, so dass am Ende gesagt werden kann, dass die Jagd erfolgreich war.)

Alles über einen kanzleramtsförmigen Kamm?

Daher auch die Peinlichkeit des Herumruderns von Bundesregierung und Ministerpräsidenten bei der Beschlussfassung über Normalisierungsschritte. Alles sollte abgestimmt sein oder zumindest als abgestimmt präsentiert werden können. Alles musste wirken wie über einen kanzleramtsförmigen Kamm geschoren. Aber dennoch sollten alle Länder sie selbst bleiben dürfen, mit eigenen „Akzenten“ (?), die auf keinen Fall als Verweigerung oder eigensinnige Abweichung in der Öffentlichkeit missverstanden werden durften.

Aber wie auch anders. Föderalismus bedeutet nun mal im funktionalen Kern differenzierte Entscheidungsstrukturen. Dass dies zu besser abgestimmten Entscheidungen führen kann (nicht muss), zeigt der Vergleich mit unseren meist zentralistisch sich gebärdenden französischen Nachbarn. Da ist der Protest der Provinzen, der Widerstand der Regionen der Normalfall. Verweigerung ist wahrscheinlicher, wo Vermittlung schwieriger ist, weil Vermittlungsebenen fehlen.

Reibungsverluste hingegen sind wahrscheinlicher, je mehr Vermittlungsebenen zu berücksichtigen sind. Wer das Problem rein bürokratisch lösen will, gerät in das Dilemma der stillen Post, wo Anweisungen durch zunehmende Störungen bis zur kompletten Umdeutung des Gemeinten überlagert werden. Als Partyspiel erheiternd, verwaltungslogistisch katastrophenfördernd. Am Ende wird wieder darüber geklagt, dass die Bürokratie an allem schuld ist. Natürlich ist sie an allem schuld, weil nur sie Politik in Praxis umsetzt.

Erschwerend auch die Profilierungsneigung von Politik. Welcher Landesvater / welche Landesmutter ist härter (zuerst begrüßenswert), welche/r ist schneller bei der Lockerung (bis zur nächsten Welle begrüßenswert)? Wer hier Kante zeigt, schärft sein Profil. Und Profil ist der halbe Wahlerfolg, da Medien profilierte Gäste brauchen. Hier erschweren föderalistische Strukturen das Spiel der vermittelnden Kräfte. Daran ist aber nicht der Föderalismus, sondern das profilierungsgeile Spiel der meisten Medien schuld. (Und natürlich ein unterhaltungsmedial verdorbenes Volk, dass solche Botschaften nachfragt.)

Die EU ist keine Alltagserfahrung

Von ähnlichen Hauruck-Sehnsüchten ist der Ruf nach einer gemeinsamen EU-Seuchenpolitik getrieben. Liebe Teppichflicker, die EU ist eine Staatengemeinschaft, keine Alltagserfahrung, auch wenn Brüssel manchmal so tut. Was für Norwegen angemessen ist, für Schweden (Durchseuchung) von außen als bezweifelbar erscheint, mag für Korsika oder Zypern sehr falsch sein – allein schon aus klimatologischen Gründen. Auch hier gilt natürlich: Hätte man auf alle Länder den denkbar schwersten Hammer fallen lassen, wäre der EU vielleicht sogar Trumps Beifall gewiss gewesen. Aber ob dies auf längere Sicht das Angemessenste ist, wissen wir nicht. Haben aber gute Gründe, es zu bezweifeln.

Da unsere durchschnittliche systemische Analysefähigkeit bereits die Erkenntnis unserer nationalen Lage überfordert, sollte klar sein, dass prophetische Strategieanalysen auf EU-Ebene unsere kultur-evolutionär antrainierte Intelligenz vollends überfordern. Wir hangeln uns Schritt um Schritt mit Maßnahmen weiter. Und unter dem Aspekt systemischer Lernprozesse liefert dies Vorgehen sogar weit mehr und reichhaltigere Daten, weil eben sehr unterschiedliche Maßnahmen für sehr unterschiedliche Regionen und Länder beschlossen wurden und werden. Bei der rückblickenden Analyse wird der europäische Flickenteppich daher ein besseres Lernfeld für den zukünftigen Umgang mit diesem und anderen Viren gewesen sein. Wir sind zwar zu dumm, um richtig zu entscheiden. Aber lernen nachträglich vielleicht hinzu.

Jo Wüllner
Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

2 Kommentare

  1. Was in diesem Text stärker hätte betont werden können: Dieser sogenannte Flickenteppich führt nicht nur aus Zufall in der Regel zu besseren Entscheidungen, nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft. Jedes zentral organisierte Unternehmen wird zwar erst einmal groß und stark, aber auf Dauer innovationsfeindlich und korrupt. Jeder Zentralstaat ist strukturell weniger demokratisch denn ein föderaler. So führen die seit Jahren erprobten Konzepte der Subsidiarität, des Föderalen, der Dezentralisierung grundsätzlich zu mehr Kreativität, zu mehr Beteiligung wahlweise der Beschäftigten oder der Wahlbevölkerung — wobei die meist sowieso vorhandenen ‘geheimen’ Widerstände an den Tag kommen — und in der Folge zu mehr Kreativität, Effektivität, Engagement und zu mehr Motivation, weil die Leute so überzeugt werden müssen, sich auch eher überzeugen lassen und nicht überwältigt werden können.

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