Das Conspi-Virus. Kleiner Ratgeber zum Umgang mit dem Verschwörungs-Syndrom

Was regnet da auf uns nieder? Kondenstreifen sind beliebtes Spekulationsobjekt für Verschwörungs-Infizierte. (Foto: iStock / Wikimedia / Montage: Wüllner)

Der kleine Ratgeber bietet Antworten auf folgende Fragen: Wie funktioniert ein Verschwörungs-Infekt? Was hilft bei der Verbreitung des Conspi-Virus? Kann man Verschwörungsinfektionen eindämmen? Kann man Verschwörungsspekulationen voraussehen? Warum sind Prominente empfänglich für das Conspi-Virus? Können Verschwörungsspekulanten zum Star werden? Wie verführen Conspis andere Menschen? Warum ist das Impfen so ein beliebtes Verschwörungsthema? Sind Conspis ein politisches Problem? Sind Rechte Conspi-gefährdeter als Linke? Sind kirchliche Würdenträger verschwörungsanfälliger? Welche Conspis sind die Gefährlichsten? Gehört Putin zu den Conspis unter den Mächtigen? Hilft mehr Aufklärung gegen Conspi-Infektionen?

(Vorspiel, privates) Hat der Autor persönliche Erfahrungen mit Verschwörungsspekulanten?

Ich rede seit letztem Sommer nicht mehr mit meiner Nachbarin. Sie, Anfang 70, trotz starken Rauchens eine rüstige Gartenarbeiterin, ohne alle Anzeichen von Demenz und in mannigfache soziale Kontakte eingebettet, hatte mir zunächst bei einer gänzlich überflüssigen Debatte über die Vor- und Nachteile des Rauchens erklärt, es gäbe aussagekräftige Studien, nach denen Zigarettenrauchen die Lunge trainiere und durchlüfte, was zu einer Kräftigung des Organismus beitrage. Meine Irritation war groß, sie führte aber noch nicht zu einem Abbruch der Kommunikation. Ich erinnerte mich, es gab US-Studien aus den 1940er-Jahren, die zu solchen Ergebnissen gekommen, aber auch von der Zigarettenindustrie finanziert waren.

Der Bruch kam kurze Zeit später, als sie mich freundlich darauf hinwies, ich solle doch Schalen mit Essigwasser in meinem Garten aufstellen. Sie selbst und ein weiterer Nachbar machten dies auch. Und es würde schon Wirkung zeigen. Sie wies zum blauen Frühsommerhimmel. „Sehen Sie, es ist schon weniger.“ Wovon weniger? „Keine Chemtrails zu sehen.“

Ich wusste, dass seit ungefähr 25 Jahren weltweit eine Verschwörungsidee wuchert, nach der Flugzeuge mit Strahltriebwerken gezielt mit Chemikalien versetzte Kondensstreifen am Himmel produzieren, mit denen je nach Verschwörungslager Wetterbeeinflussung, Verhaltenssteuerung oder die Reduzierung der Bevölkerung betrieben sein soll. Es existiert umfängliches Material, vor allem im Web, dass solche Hypothesen beweisen soll. Es gibt auch Experten, die die Wirkung von Essigwasser gegen Chemtrails bestreiten, stattdessen die Anschaffung eines „Orgonit Cloudbusters“ zu Preisen zwischen 2.000 und 4.500 Euro empfehlen. Conspi-Bedrohungen führen in einer Marktwirtschaft sofort zu Produkten mit den passenden Heilsversprechen.

„Ihr wünscht Euch wieder einen freien und sauberen Himmel? Ihr habt keine Lust mehr, Euch zusprühen zu lassen und wollt Euch endlich mal wieder ohne Sorge sonnen? Dann braucht Ihr einen leistungsstarken Orgonit-Chembuster nach Don Craft.“ Orgonworld

Das kann hier nicht diskutiert werden. Ich tat es auch mit der Nachbarin nicht. Ich fragte sie nur, wie denn in meinem Garten verdunstendes Essigwasser Kondensstreifen, die bekannterweise erst in Höhen von ungefähr 8000 Meter bei Temperaturen um minus 40 Grad entstehen, beeinflussen könnte. (Das war ein Fehler und diente nur meiner Eitelkeit, die gerne stolz auf logische Argumente ist.) Man könne noch nicht alles erklären, so die Nachbarin, aber man könne es beobachten. Viele Menschen würden die Wirkung von Schalen mit Essigwasser bestätigen.

Ich wollte mich aus dieser Diskussion herauswinden, aber dann kam das Killerargument. Ich müsse ja keinen Essig aufstellen, aber dann verhielte ich mich auch unsozial, weil ich ja auch von den Bemühungen meiner Nachbarn profitieren würde. Sie wies wieder nach oben zum kondensstreifenfreien Himmel. So gehen also Wahn und Nahbereichs-Sozialmoral zusammen … Ich ging ins Haus und überprüfte nicht unsere Essigreserven. Vermied seither aber jegliches Gespräch. Ich weiß also auch nicht, ob sich bei der Nachbarin mittlerweile konspirative Verbindungen zwischen Chemtrails und Corona-Viren eröffnet haben. Verschwörung ist ja vom lateinischen conspirare abgeleitet. Und das meint im Kern eine Art mentales Zusammenklingen oder einen geistigen Kurzschluss, der bei der verschwörenden Verkettung beliebigen Rohmaterials keiner wissenschaftlich anerkannten Logik folgen muss.

Wie funktioniert ein Verschwörungs-Infekt?

Dieses Detail der amerikanischen Ein-Dollar-Note zeigt eine unvollständige Pyramide, über der das Auge der Vorsehung und der lateinische Schriftzug Annuit coeptis („Er ist unserem Tun gewogen“) prangt. Unterhalb befindet sich der Schriftzug Novus ordo seclorum („Neue Weltenordnung“) – für viele Verschwörungstheoretiker ein wichtiger Beweis einer globalen Verschwörung des Illuminatenordens oder der Freimaurer. (Foto: Wikimedia Commons)

Die Nachbarin war also infiziert. Nennen wir das auslösende Element das Conspi-Virus, abgeleitet vom englischen conspiracy. Und den Träger und Verbreiter in menschlicher Gestalt einen Conspi.

Dieses Virus ist weit verbreitet. Und derzeit ist er sehr aktiv. Das Conspi-Virus befällt das rationale, logische, empirisch sich absichernde Denken. Er kommt aber nicht aus China oder von Tiermärkten. Menschen sind und waren immer schon infiziert. Der Infekt ist aus anderer Warte eigentlich auch keiner. Seine Wirkungen schützen nämlich vor den Zumutungen rationaler Anstrengung. Man könnte ihn auch das magische Prinzip nennen. Damit haben Menschen seit Hunderttausenden von Jahren den üblen Zustand überlebt, nicht genau zu wissen, woher Blitze kommen, warum es donnert, wieso man ohne Blut nicht leben kann und was nach dem Tod auf uns zukommt.

Die eher magisch-gläubigen Erklärungen sind immer mit etwas alltäglicher Empirie versetzt. Das macht es so schwer, sie auszuhebeln. Irgendwas muss doch dran sein, so der Grundgedanke. Menschen glauben eher, dass etwas an etwas dran ist, als dass nichts dran ist. Etwas ist eben immer besser als nichts.

Conspi-Spekulation, also magisches Denken, kann in zwei Richtungen gehen. Zum Guten und Bösen, wohin auch sonst. Daher gibt es Weiße und Schwarze Magie, Zauberer und Hexen, Heilsversprechen und Verschwörungsspekulationen. Ein Beispiel für Heilsversprechen wäre der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der an die Wirkung von kleinen, weißen Kügelchen bei gewissen Leiden. Verschwörungstheoretiker unterstellen dagegen die klammheimliche Kooperation von bösen Menschen und bösen Kräften.

Heilssehnsucht und Verschwörungsneigung sind verwandt. Sie können sehr schnell ineinander umschlagen. Das sieht man bei Halbprominenten wie veganen Köchen (Attila Hildmann, 39), die zunächst die Welt mit freundlichen Visionen vom moralisch guten Essen beglücken wollen und plötzlich und unerwartet mentales Fieber bekommen und sich von Bill Gates, Jens Spahn und Angela Merkel zugleich verfolgt fühlen.

Bei Attila H. wird auch eine typische Neigung zu Endzeitprophezeiungen deutlich. Ich habe daher den 15. Mai bei der Publikation dieses Artikels abgewartet; immerhin hatte Hildmann für diesen Tag das Ende der Demokratie in Deutschland vorausgesagt. Es ist nicht eingetreten (oder unbemerkt schon lange zuvor). Aber solche Beweise haben Endzeitvisionäre seit Tausenden von Jahren nicht geschert; sie haben einfache neue Daten für das Ende aller Tage in Umlauf gebracht.

„Wir können davon ausgehen, dass ganz zufällig in den nächsten Wochen hier irgendwo auf der Welt ’ne Bombe hochgeht mit ’nem gefährlicheren Virus, und dann ist Jens Spahn der mächtigste Mann im Land.“ Attila Hildmann, Conspi-infizierter Halbstarkoch

Was hilft bei der Verbreitung des Conspi-Virus?

Das Conspi-Virus hat beste Verbreitungschancen über schon länger besetzte Reservate hinaus in unsicheren Zeiten, wo rationale Strategien ihre Grenzen offenbaren. Das eine Virus (Corona) begünstigt also den anderen. Damit wird das Conspi zum politischen Problem. Das betrifft nicht den Chemtrail-Glauben meiner Nachbarin. Sie glaubt an die Kanzlerin und wählt CDU. Aber schon Spekulationen von Herrn Trump, ob die Chinesen mit Corona nicht globale virologische Kriegsführung betreiben. Oder Aufrufe hochrangiger katholischer Geistlicher, in denen unterstellt wird, dass die Maßnahmen gegen Corona die globale Machtübernahme durch eine neue Weltregierung vorbereiten sollen.

Krisenzeiten sind also Verschwörungszeiten.  Für die Pest sollten schon vor 800 Jahren die Juden verantwortlich sein. So jedenfalls durch religiösen Wahn panikbereit konditionierte Menschen aus allen Schichten.  Die Bereitschaft zu solchen und ähnlichen Zuweisungen schlummert immer noch in vielen Menschen.

Kann man Verschwörungs-Infektionen eindämmen?

Kaum. Verschwörungsspekulationen existieren nur, weil sie von irgendwem kommuniziert werden. Das ist trivial, muss aber immer wieder bedacht sein. Die Vermehrung basiert schlicht auf den Wirkungen einer überaus dichten Mediensphäre, in der jeder seine Stimme erheben kann und ein Forum mit weit verstreuten Gleichgesinnten findet. Früher gab es Stammtische enghirniger Kleinbürger in Dorfkneipen, heut sind die (jünger gewordenen) Nachfolger global vernetzt.

Und weil die Gemeinschaft Gleichgesinnter die Gesinnung bestärkt, sind Conspis selbstgewisser und besserwisserischer als jemals zuvor. Sie finden immer hinreichend Zustimmung, das Conspi-Virus also auch ausreichend Nahrung, um aktiv zu bleiben.

Der Weiterverbreitungsfaktor von Conspi-Epidemien ist in einer Mediengesellschaft daher extrem. Pandemien sind wahrscheinlich, weil Medien immer zu wenig Material zum Weiterverbreiten haben. Conspi-Themen sind bei der Lösung dieses Medienproblems sehr praktisch: Wer daran glauben will, bekommt mentales Futter. Wer sich über die Wahnhaftigkeit von Menschen empören will, desgleichen. Die Kommentarfunktion sorgt dafür, dass jeder seinen passenden Empörungs-Sekret  (oft Nebenwirkung eines Conspi-Infektes) absondern kann.

Daher wird in seriösen Medien immer wieder darüber sinniert, dass man bestimmte Themen besser totschweigen solle. Zum Beispiel rechte Umtriebigkeiten oder eben Verschwörungsspekulationen. Nun ist genau diese – öffentliche – Diskussion wiederum das Gegenteil von Totschweigen. So befeuern mancherlei Paradoxa das pandemische Wuchern von Conspi-Viren.

Kann man Verschwörungsspekulationen voraussehen?

Nein. Im Wesen des Wahns liegt die schier unbegrenzte Fähigkeit, alles mit allem zu verquicken. Es gilt schließlich das magische Prinzip der tiefen analogen Verbindung von Allem und Jedem und nicht das von Kausalität und Empirie.

So haben in Großbritannien Leute Mobilfunkmasten angezündet, weil sie glauben, dass in ihren Kraftfeldern das Corona-Virus gut gedeiht. Strahlen haben es Conspis schon immer angetan. Sie sind nicht zu spüren, sind also per se magischer Wirkung verdächtig. In vorindustriellen Zeiten unterstellten Paranoiker Strahlen, die vom Himmel (Göttern, Engeln, Dämonen) ausgingen und sie beeinflussten, in den 1950er Jahren waren es eher Außerirdische, die die ganze Menschheit verstrahlen. Heute sind es seit Jahrzehnten die Smartphone-Netze und das WLAN. (Und wie so oft, vermengen sich auch hier rationale Kritik und hysterische Panikbereitschaft zu einer schwer entwirrbaren Mixtur.)

Warum sind Prominente empfänglich
für das Conspi-Virus?

Weil sie Angst haben, an Prominenz zu verlieren. Das geht bei Prominenten in einer überhitzten Mediengesellschaft sehr schnell und ist kaum berechenbar. Kein Wunder, dass vor allem gebeutelte Halbstars mit hohem Image-Gefahrenfaktor anfällig sind. Siehe neben Attila Hildmann auch Ken Jebsen, qua Presseausweis „Journalist“ Er flog nach einem Antisemitismusvorwurf beim Rundfunk Berlin-Brandenburg raus, verlor seine durchaus beliebte Radiosendung und eröffnete daraufhin seinen eigenen Youtube-Kanal. (Posts in sozialen Medien sind dann gleichsam die medialen Hustenanfälle, mit denen sich das Virus auszubreiten trachtet.)

Können Verschwörungsspekulanten zum Star werden?

Ohne Zweifel. In einer digitalen Mediengesellschaft kann jeder Idiot zum Star werden, wenn er irgendein Mittel findet aufzufallen.

Wie verführen Conspis andere Menschen?

Zwei Tricks sind gängig: Der erste besteht darin, zu fragen, ob man nicht mal mehr fragen dürfte. Wer sagt darauf schon „Nein“? Infragestellendürfen gilt ja als Ausweis von Meinungsfreiheit. Was daraus gemacht wird, demonstriert sehr schön Donald Trump, der eben nicht behauptet, dass die Chinesen Corona in einem Labor erbrütet haben, sondern einfach mal fragt, ob das Virus nicht auch aus einem Labor stammen könnte.

Der zweite Trick ist die Nennung isolierter Fakten. Darauf springen vor allem Menschen an, die durch zusammenhängende und vielleicht noch kommentierte Fakten überfordert sind. Also Mehrheiten. Da isolierte Fakten als Beweise für krudesten Unsinn herhalten können, können gut informierte Verschwörungsinfizierte nahezu alles infrage stellen.

Warum ist das Impfen so ein beliebtes Verschwörungsthema?

Was mag da drin sein? Wie mag es wirken? Impfungen bieten für Conspi-Infizierte das ideale Futter. (Foto: Wikimedia Commons)

Impfungen gibt es erst seit 200 Jahren. Impfgegner daher auch. Auseinanderhalten sollten wir Skeptiker (wie Immanuel Kant, der wissenschaftlich angesichts unzureichender Testreihen bei Pockenimpfungen argumentierte) und Menschen, die sich auf Religion oder offensichtlichere Formen der Paranoia stützen.

Für vorwissenschaftlich-magisch Konditionierte sind Impfungen ideal. Diese sollen mit einem schwer fasslichen Stoff und durch schwer verständliche Wirkungen ein unsichtbares Wesen bekämpfen, das für oft tödliche Krankheiten verantwortlich sein soll. Da ist das Modell „Gott will uns bestrafen“ viel einfacher zu verstehen.

Dies Wahnmodell ist heute seltener; Gott wurde durch die chinesische Parteispitze oder eine Gruppe Mächtiger (darunter Bill Gates) ersetzt, die Menschen unter Kontrolle bringen wollen, um ihre Produkte besser verkaufen zu können. (Zu diesem Zweck gibt es aber seit langem bessere Mittel.)

“Wundert euch nicht, wenn er euch in Zukunft mit einer Spritze krank macht, sterilisiert oder tötet.“ Attila Hildmann, veganer Halbstarkoch, über unterstellte Pläne von Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Etwas „vernünftiger“ scheint die Impf-Aversion zu sein, die Jens Spahn bei seinen Masern-Impfzwang-Plänen entgegenschlug. Sie beruft sich gerne auf Werte wie das Selbstbestimmungsrecht oder die Verantwortung von Eltern gegenüber ihren Kindern.

Das sind in der Tat beachtenswerte Werte. Man muss sie gegen den Nutzen und die Schutzpflicht des Staates abwägen. Wer das nicht tut, sondern sich emotional erst sperrt und dann öffentlich aufpumpt (Erregungsbürger), spielt bereits Verschwörern in die Hände. Und ist selbst gefährdet.

Ganz kompliziert wird es, weil in Deutschland Meinungs- und Versammlungsfreiheit einen hohen Wert darstellen. Letztere wurde durch Corona zwar eingeschränkt, aber gerade der öffentliche Streit über diese Einschränkungen beweist unsere Meinungsfreiheit. (In autoritären Ländern wird nicht öffentlich gestritten.)

Bei uns darf sich auch das Irrationale offen manifestieren. Fügt sich Politik dem, gibt sie zu, dass Menschen nicht durchgängig rational zu erreichen sind. Das weiß Politik, es ist eine banale Erkenntnis. Politik darf dies aber nicht laut sagen, da es dem Ideal des mündigen, demokratischen Bürgers widerspricht, das um jeden Preis aufrechterhalten werden muss. Selbst wenn dadurch Conspi-Infektionen sich leichter verbreiten.

Sind Conspis ein politisches Problem?

Im Kern nein, im Prinzip schon. Im Kern: Sie sind durchgeknallt, also ein Thema für Psychologen und Therapeuten. Im Prinzip schon. Denn wir leben in einer Gesellschaft der Rede- und Versammlungsfreiheit. Die Durchgeknallten schaffen sich Öffentlichkeit. Und damit sind wir in der politischen Sphäre. Dummerweise lässt sich politisch, rational, gar wissenschaftlich mit Conspis nicht reden, weil – siehe Kernproblem – sie halt durchgeknallt sind. Damit gedeihen sie in einer Grauzone des Gesellschaftlichen. Wir müssen sie tolerieren, weil wir demokratische Prinzipien auch für Durchgeknallte nicht aufgeben wollen. Wir können aber nicht mit ihnen „vernünftig“ reden. Und Gegendemonstrationen sind auch eher lächerlich, weil sie den Conspis noch mehr Öffentlichkeit verschaffen.

Ungelöst ist das Problem, wie mit den neuen Protest-Cocktails umzugehen ist. Hier trifft der esoterische Wahn (Chemtrails) auf den rechten Wahn (siehe unten). Die hier entstehenden Mischungsverhältnisse sind auch distanzierter rationaler Analyse nur sehr schwer zugänglich.

Sind Rechte Conspi-gefährdeter als Linke?

Ja. Warum? Wegen der Basics rechter Gesinnung. Rechte Wähler sind – sehr grob sortiert – entweder Jüngere, die ihre Ich-Schwäche (oft mit Größenwahn gepaart) mit Clan-Kultur kompensieren (idealtypisch: Hooligans; frischer: ein Teil der Rapper-Szene) oder identitätsschwache Senioren mit restvölkischen Idealen oder sozialstaatsenttäuschte Kleinbürger aller Altersgruppen mit Zukunftsängsten (gerne AfD-AnhängerInnen). Mischungen sind möglich. Gemeinsam ist ihnen ein Mix aus Ohnmachtsgefühlen, Minderwertigkeitsempfinden, Wut und schweren rationalen Defiziten. Das führt zu Rassismus (Wir sind besser), Sehnsucht nach Volksgemeinschaft (Wir sind wir), einem Ideal „harter“ Politik (Wir sind stark).

Linke sind deutlich weniger gefährdet (aber nicht gefeit), weil Linkssein ein Minimum an gedanklicher Durchdringung des gesellschaftlichen Geschehens benötigt. Auf höherem Reflexionsniveau mag sich dann doch ein Infekt herausbilden. So war Marx‘ Doktrin vom zwangsläufig sich entwickelnden Kommunismus eine Heilslehre, seine Kapitaltheorie aber eine wissenschaftlich anspruchsvolle Theorie. Beide wurden gerne von Linken vermengt, die für Heilslehren empfänglich waren.

Sind kirchliche Würdenträger verschwörungsanfälliger?

Päpste beten bei Hubert van Eyck. Aber sie glauben auch an den Teufel. Immerhin pflegt der amtierende Papst Franziskus sogar noch diesen Glauben: „Der Teufel ist der Vater der Lügen. Oft verbirgt er seine Fallen hinter dem Anschein der Kultiviertheit, hinter der Verlockung, ‚modern‘ und ‚wie alle anderen‘ zu sein. Er lenkt uns ab mit dem Köder kurzlebiger Vergnügen, oberflächlichen Zeitvertreibs. Und so vergeuden wir unsere gottgegebenen Geschenke, indem wir uns mit Schnickschnack beschäftigen; wir verschwenden unser Geld für Spiel und Getränke und drehen uns um uns selbst.“ (Abbildung: Wikimedia Commons)

Da Religionen kultivierte Wahnsysteme sind, sind deren Vertreter grundsätzlich gefährdet. Außer es handelt sich um Jesuiten, die ihrer eigenen Religion eine reflektierte bis zynische Haltung gegenüber aufbringen.

Mehrere katholische Bischöfe aus diversen Ländern, darunter der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, haben Zweifel an der Ansteckungsgefahr des Coronavirus geäußert und Kritik an den Corona-Regeln geübt. Sie seien Panikmache und der „Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht“.

Das ist klassisch paranoid. Und weist nebenher auf die Quelle der wahnhaften Idee: Die weltweit beherrschenden Religionen, Christentum und Islam, sind beide bekehrende Religionen mit universalem Geltungsanspruch. Es ging und geht hier immer noch um „Weltregierungs“-Ansprüche, wenn auch beim Christentum nurmehr mit transzendentem Heiligenschein, der sich symbolisch in Aktionen wie dem Segen „Urbi et orbi“ ausdrückt. Wer sein Seelenheil von Weltgeltung abhängig macht, sieht natürlich überall Konkurrenten am Werk, die das Gleiche wollen (hier: Jens Spahn).

(Natürlich spricht der Autor hier als ein Agnostiker. Der will Gläubigen keinesfalls ihren Glauben untersagen, aber doch auf die Wahn-Gefahren hinweisen.)

Welche Conspis sind die Gefährlichsten?

Natürlich die Mächtigsten. Also die üblichen nicht nur Verdächtigen, sondern seit langem des Wahns Überführten: Donald Trump (USA), Recep Tayyip Erdoğan (Türkei), Victor Orban (Ungarn), Jair Messias (!) Bolsonaro (Brasilien). (Es gibt mehr; ich nenne nur die bekannten.)

Ihr Grundprinzip: Paranoia verbreiten und sich als Retter aufspielen. Ein passendes Orban-Zitat: „Man will uns unser Land nehmen. Migranten werden europäische Großstädte besetzen.“ (Rede zur Lage der Nation, 19. Februar 2018)

Erdogan setzt auf Verschwörer im weltweiten Finanzsystem. Er unterstellt ein Komplott globaler Banken, die die Türkei in den Abgrund ziehen wollen. (Ein altbekanntes Muster; es sei an die Fiktion eines jüdischen Bankierskomplotts unter den Nazis erinnert.) So hat Erdogan in der ersten Maiwoche drei globalen Banken das Recht entzogen, die türkische Währung zu handeln. Ist das schon Verschwörung oder noch Realismus? Dummerweise eine Mixtur, die schwer auseinander zu dröseln ist. Immerhin gibt es genug Beispiele, wo Banken und Großanleger wie George Soros ganze Länder ins Wanken gebracht haben.

Der globale Paranoia-Virtuose ist jedoch Trump. Er ist Messias und Prophet des Untergangs. Er liefert im täglichen Wechsel Heilsversprechen und Visionen von der Apokalypse, der nur zu entgehen ist, wenn er als Heilsbringer weiter wirken darf.

Im Moment zeigt er immer wieder nach China und sagt, dass das Virus aus einem Labor in der Nähe des berüchtigten Großmarktes entwichen sei. Dafür gibt es keinen Beweis. Aber weil US-Geheimdienste in alle Richtungen ermitteln, reicht die Äußerung Trumps schon. Wo ermittelt wird, gibt es Verdacht, und Verdacht produziert, oftmals wiederholt, Wirklichkeit. (Nebenbei: China kann man vieles zutrauen, auch Virenlabore. Aber es geht um die Methode der Wahrheitsfindung. Selbst Verdächtigungen können rational geäußert werden, wie die Arbeit der Polizei meist demonstriert.)

Lügen, Fälschungen, Verzerrungen dieser Figuren sind zu Tausenden gesammelt. Die pure Zahl mag manchen erschüttern; sie besagt aber nur, dass sich hier ein Prinzip der Manipulation erfolgreich durchgesetzt hat, für dass es hinreichend viel empfängliche – also Conspi-infizierte – Menschen gibt. Gehört Putin zu den Conspis unter den Mächtigen?

Nein. Putin nutzt zwar die Bereitschaft von Menschen, an Verschwörungen zu glauben. Er selbst glaubt aber nicht daran. Das unterscheidet ihn von oben genannten Wahn-Quartett der Mächtigen. Der Ex-Geheimdienstchef ist ein cleverer Zyniker. Damit ist er berechenbarer als ein gängiger Paranoiker und immer noch ein akzeptabler politischer Gesprächspartner. Zynisch war und ist Machtpolitik immer schon. Unter westeuropäischen demokratischen Verhältnissen musste das nur seit dem 2. Weltkrieg eher versteckt betrieben werden, weil Politik unter verschärfter Wählerbeobachtung steht.

Hilft mehr Aufklärung gegen Conspi-Infektionen?

„Die meisten aufgeklärten Menschen leben in einer irrealen Welt, da sie nur mit ihren Freunden verkehren und sich einbilden, heutzutage seien nur ein paar komische Käuze nicht aufgeklärt.“ Bertrand Russell: Warum ich kein Christ bin. München 1963, S. 158

Es gibt Tausende von Artikeln, in denen Journalisten beweisen, dass die gegenwärtig aktiven Conspis aller Lager falsch liegen. Dafür sammeln sie Fakten, decken Lügen und Verfälschungen auf. Das ist sehr fleißig und lobenswert. Aber eher wirkungslos. (Ich nehme aus: Sophie Passmann, die 1Live-Moderatorin und Youtuberin. Sie ist so amüsant, dass Wahnkritik schon wieder Vergnügen bereitet. Bitte ansehen.)

Aktive wie passive Conspis werden durch klassische Aufdeckung nicht erreicht. Die aktiven produzieren einfach beharrlich weitere Conspi-Konstrukte. Die passiven saugen sie ebenso beharrlich auf.

Von aufklärerischen Fakten und Argumenten ist nicht automatisch Gutes zu erwarten. Im Gegenteil. Wer wahnhafte Entscheidungen trifft, um damit rationale Schwächen auszugleichen, kann nicht durch mehr Vernunft erreicht werden. Die Überforderung nähme zu, die Abwehr des bereits Abgewehrten würde sich verfestigen. (Jeder, der aus Glauben an eine grundlegende Vernunft seines humanen Gegenüber schon einmal länger mit Sektenmitgliedern diskutiert hat, wird dem zustimmen.)

Aber Menschen verhalten sich – auf lange Sicht betrachtet – heute doch rationaler als im abergläubischen Mittelalter? Hat aufklärerisches Denken und Argumentieren also nicht doch etwas gebracht? Das hat es ohne Zweifel. Genau besehen aber nicht als die direkte Wirkung guter, kluger, einsichtiger Argumente. Sondern diffus. Oder anders: Als schleichende Veränderung von Sitten, Normen und Institutionen.

Wer hat in den letzten 250 Jahren schon Kant, Locke, Hume, später Hegel, Horkheimer oder Habermas in selbstaufklärerischer Absicht gelesen? Vernunft steckt weniger in den Köpfen als den Systemen, die wir seither geschaffen haben. Eine funktionierende Verwaltung ist daher in einem Staat wichtiger als die Denkerfahrungen der Bürger. Läuft der Laden reibungsarm, ist das aber allererst die Voraussetzung für wünschenswerte Denkerfahrungen. Ein Staat mit vernünftigen Institutionen liefert gleichsam den Angebotsrahmen für seine Bewohner, sich der Zumutung von Selbstaufklärung zu stellen.

Vernünftig ist auch die Medizin, die sich von magischem Denken verabschieden konnte, weil die Ausbildung von Ärzten professionalisiert wurde. Und weil das ganz gut geklappt hat, können wir uns auch den Luxus von Naturheilverfahren und Homöopathie gönnen, ohne dass wir Angst haben müssten, das ganze System würde wieder auf den Level archaischen Schamanismus zurückfallen. (Das wünschen sich zwar manche. Und wenn der Wunsch nicht erfüllt wird, mögen sie zu Conspis mutieren, die an eine Verschwörung der WHO glauben, die wiederum von Bill Gates gekauft worden sein soll.)

Was können wir also tun? Eine krisenarme Welt schaffen. Beim Durchmarsch echter Viren ist das schwer. An anderen Stellschrauben wie Umwelt, Wohlstand und befriedigendem Alltagsleben können wir drehen, wenn wir es wollen. Tun wir es, erhalten all die Conspi-Infizierten keinen Anstoß, ihr inneres Virus ausbrechen zu lassen. Wie bei Corona gilt: Wir müssen mit dem Conspi-Virus leben. Halten wir Abstand von allem, was uns in die Irre treiben will. Der Mensch, in humaner Umgebung lebend, gewöhnt sich an Vieles. Auch an die Vernunft.

Jo Wüllner
Jo Wüllner
Jo Wüllner, studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie, arbeitete als freier Journalist und Chefredakteur (PRINZ), Umschulung zum Medienentwickler in Mailand und New York (Roger Black). Seit 1993 Umbau und Neukonzeption von gut 100 Zeitungen, Zeitschriften und Unternehmensmagazinen. Bücher zu Medientheorie und Sprachentwicklung.

7 Kommentare

  1. Auf den Punkt, aber am Ende allzu optimistisch:

    »Die große Masse der Menschen sind Gefühlsmenschen, wirklicher Verstand ist bei den wenigstens vorhanden.«
    August Bebel, Sozialist, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie in seiner Reichstagsrede vom 17. Juni 1872. Man stelle sich vor, heute würde ein Politiker Ähnliches in der Tagesschau verlauten lassen.

  2. Hallo Jochen,

    sehr schöner Text, der nur ein Manko hat: Er geht zu sehr von der Annahme aus, es walte sonst die Vernunft, außer in den Köpfen von Verschwörern. Aber wie mein “Vorschreiben” schon anmerkte: Die meisten Menschen sind Gefühlsmenschen. Und 80-90 Prozent unseres Tuns ist ein Tun aus Gewohnheit und die Entscheidungen fallen “aus dem Bauch heraus”. Daher fehlt dem Text genau das, worüber ich denke, aber nicht so richtig weiterkomme: Wie erreicht man die Mitläufer von Verschwörern über Emotion, um sie dann für die Vernunft zu öffnen?

    1. Ich denke, das ist eine sehr gute Frage und ein fruchtbarer Ansatz. Meine vorläufige Antwort wäre: Vieles was wir im Moment sehen, lässt sich mit einem massiven gefühlten Defizit auf der Ebene des “Wir”-Gefühls erklären. Für den Zusammenhalt von Stamm oder, böser gesagt, Horde werden zurzeit an vielen Orten Einsicht und Rationalität geopfert. Wir kommen also nicht umhin, starke Angebote der ZUGEHÖRIGKEIT zu machen, nicht nur in dem abstrakten Sinn, dass wir Solidarität als politischen Wert preisen, sondern fühlbar schon auf der Ebene der Bewegung und des Alltags. Anders werden wir keine überzeugenden Alternativen zum Sog populistischer Bewegungen zustande bringen.

      1. Danke für die Antwort, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass sie den Kern meines Gedankens trifft. Ich sehe eher ein großes Angstreservoir in der Gesellschaft, das letztlich das Vertrauen untergräbt. Hier wäre ein Ansatzpunkt, den ich gern verfolgen möchte.

  3. Was das politische Fazit angeht, stimme ich mit dem Kollegen Wüllner voll und ganz überein: Yoga soll bitte Yoga bleiben und Politik Politik. Auch richtig: Wer sich freiwillig mit Rechten und Verschwörungsaposteln auf eine Demonstration begibt, weiss, was er oder sie tut und kann sich hinterher nicht rausreden mit „wollte nur spielen“. Das eigentliche Problem verbirgt sich für mich allerdings in dem, was in dem Conspi-Virus-Text so hübsch anzüglich als „privates Vorspiel“ daher kommt und am Ende ebenso neoliberal individualisiert an Therapeuten verwiesen wird: Das sind alles Durchgeknallte, die deshalb nicht politikfähig sind.
    Als demokratisches Menschenbild finde ich das mindestens mal problematisch und würde gerne nach der Teilhabe-Vision fragen für, beispielsweise, Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Die privat natürlich völlig legitime Konsequenz mit der auf Essigwasser schwörenden Nachbarin nicht mehr zu reden, verweist strukturell auf etwas, was meiner Ansicht nach Teil der Ursache und nicht Teil der Lösung ist: Vereinsamung, Vereinzelung, ja geradezu Ent-Gesellschaftung. Sie lassen persönliche Ängste, Verunsicherungen und anderes derart ungezügelt ins Kraut schießen, dass sie irgendwann dann eben an „die da oben“ adressiert werden. Ehe gar keiner zuhört.
    Stammtisch, Sportverein, Ortsgruppe, Kreisverband, Bürgerinitiative, Betriebsgruppe, und, ich traue es mich kaum zu schreiben, Partei – vielleicht waren die eben auch Klärstufen, in denen dann so manches hängenblieb, was sich nach kürzerer oder längerer Debatte eben doch nur als individuelles oder Kleingruppenanliegen entpuppte. Was ja nicht bedeuten muss, dass es unwichtig ist, für den oder die jeweils einzelne. Aber eben doch nicht automatisch: politisch.
    Bloß dafür braucht es eben das, was ich in Ermanglung eines schöneren Wortes das Soziale nenne, wo Menschen auch mit irrationalen Ängsten, Hoffnungen, Glauben, mit schwachen Körpern und wirren Phantasien dazugehören – also mit dem ganzen Kram, der neben dem vermeintlich immer so klaren aufgeklärten Verstand den Menschen ausmacht. Wusste schon Mary Wollstonecraft, nur um der illustren Riege der Aufklärer noch einen Namen zuzufügen. Ohne das Soziale bleibt zwischen dem Privaten und dem Politischen, auch wenn es aus noch so guten Systemen besteht, ein Abgrund, in dem die Verschwörungsphantasien nur so blühen werden. Und abgebrühte Kerle mit knallharten Argumenten stehen immer bereit sie zu pflücken. Meistens am rechte Rand, aber nicht nur dort. Weswegen es vielleicht eine Strategie wäre, die Nachbarin zu fragen, warum ihr die Kondensstreifen solche Sorgen machen, aber ganz klar zu sagen, dass man nicht an Essigwasser glaubt, und an Verschwörungspredigten schon gar nicht. Wohingegen ich die Frage, warum staatliche Zahlungen nur noch 20 Prozent des WHO Budgets ausmachen, durchaus auch politisch interessant finde.

    1. Ja, Sigrun, so sehe ich es auch. In der Vereinzelung und Vereinsamung, in der Vernachlässigung des Sozialen liegen die Wurzeln der Angst und des Misstrauens. Das meinte ich auch mit “Angeboten der Zugehörigkeit”. Das Politische beginnt nämlich schon in der Hausgemeinschaft, Nachbarschaft, am Kantinentisch, im Café – und der Weg führt dann durchaus auch in die Betriebsgruppe, Gewerkschaft oder Partei. Aber erst wenn ich wieder bereit bin, den Kolleg:innen auch einen Teil meines vermeintlich ‘privaten’ Lebens zu öffnen, wird das Politische dem echten Gespräch und damit der Vernunft wieder zugänglich werden.

    2. (Eine Antwort die die Kommentare von Sigrun Matthiesen und Lorenz Lorenz-Meyer inkludiert.)
      Liebe Kommentatorin,
      Zur verschwörungsneigenden Nachbarin: Nein, die ist überhaupt nicht vereinsamt. 3-Generationen-Familie auf drei Etagen im komfortablen 1920er-Jahre-Haus mit parkähnlichem Großgarten. (Aber nicht großbürgerlich-verkrampft, um einem möglichen anderen “Erklärungsansatz” vorzubeugen. Eher erfolgreiche Handwerker-Szene.) Die Lady ist eigentlich total locker drauf, schmeißt Gartenpartys mit akzeptablem Oldie-Mix als Soundtrack. Die hat nur einen zwanghaften Komplex in einer ihrer Partialpersönlichkeiten aufgebaut.

      Ich erinnere da an den berühmten Senatspräsidenten (und Autor) Daniel Paul Schreber, den Sigmund Freud in seiner fulminanten Studie porträtiert hat. Der erfolgreiche Jurist war schwer zwanghaft und paranoid – kein Wunder, war ja auch der Sohn des Schrebergarten-Erfinders, der seinen Filius mit selbst erfundenen Orthopädie-Geräten traktiert hat. Also echtes Großbürger-Familiendrama. Also dieser Schreber junior hat es geschafft, in einem berühmt gewordenen Prozess trotz erwiesener schwerer psychischer Störung seine Mündigkeit wiederzuerlangen. Er konnte darlegen, dass man in einem Teil seiner Persönlichkeit „durchgeknallt“ sein, aber dennoch finanziell autonom agieren kann. Um die Ecke gedacht sind großbürgerliche Familienszenarien natürlich nicht gesellschaftsfrei zu verstehen; bei der Therapie sollte es dennoch auch individuell zugehen dürfen. Was nicht automatisch als „neoliberal“ einzusortieren ist. Würden alle individualtherapeutisch behandelten Menschen heute zugunsten „gesellschaftlicher Veränderung“ nach Hause geschickt, hätte das üble Folgen.

      Dass „Durchgeknallte“ nicht politikfähig sein sollen, hatte ich nicht geschrieben. Näher bedacht sind sie es aber auch nicht, wenn Kriterien von Mündigkeit, Reflexionsfähigkeit, mittlerer Wohlinformiertheit gelten sollen, so es um Politikfähigkeit geht. Natürlich dürfen all die, die formalrechtlich mündig sind, in Deutschland wählen. Aber Wahlrecht und Politikfähigkeit sind nicht identisch. Immerhin funktionieren die weiteren Filter des deutschen Politikbetriebs – gut 20 Jahre Parteizugehörigkeit bis zur Bundestagsreife – so ordentlich, dass der Anteil wahnhafter Figuren auf den hohen Rängen unauffällig bleibt. (Oder umgekehrt: Dass wahnhafte Neigungen zu parteikompatiblen Ordnungsidealen mutieren, die dann wieder Ordnungsneigungen gewisser Wählergruppen entsprechen.)

      Gefragt wird nach Menschen mit kognitiven Beschränkungen. Heikel. Wer blind ist, der kann sich von einem Betreuer zu Wahlurne bringen lassen. Rollstuhlfahrer finden schon lange sanfte Rampen. Allgemeine soziale Desorientiertheit ist schon problematischer. Ich habe als Zivildienstleistender in einem Altenpflegeheim vor vielen Jahren mitbekommen, wie katholische Geistliche halbdemente, aber wahlberechtigte Senioren am Wahlsonntag zur Urne bugsiert haben, um ihnen beim christlich-demokratischen Kreuz zu helfen. Unterstellen wir heute parteineutrale Begleiter, bleibt dennoch die Frage, warum da jemand was wählt. Die Frage darf aber meist nicht gestellt werden, weil sie sofort als anti-inklusiv / contra-partizipativ gebrandmarkt wird.

      Kurzes Outing: Partizipation um jeden Preis ist nicht mein Ding. Ich will nicht an allen/allem partizipieren. Und ich will auch nicht, dass überall da, wo ich partizipiere, alle partizipieren können. In meiner Stammbar möchte ich die sehen, die ich sehen möchte. Wenn nicht, suche ich mir was Anderes zum Abhängen. Glücklicherweise funktioniert milieuspezifische Selektion. Menschen sollen schließlich gemäß Neigungen leben können, ohne dass Abneigungen entstehen müssen. Locations für alle, das ist maximal ein Tchibo-Kaffeeausschank oder eine metropolitane Pommesbude. Mit meiner Nachbarin werde ich wohl auch in Zukunft nicht mehr reden. Wie im Artikel angedeutet: Als juvenil Engagierter habe ich regelmäßig mit Sektierern aller Art (religiös, esoterisch, politisch) höchst verständnisgeneigt debattiert. Das hat sich glücklicherweise gelegt. (Und es gibt auch keine staatsbürgerliche Dienstverpflichtung zu solchem wirkungsarmen Investment.) Da greife ich dann doch lieber zum gesellschaftlichen Strohhalm und sage (wie schon im Artikel): In einer krisenarmen Welt bekommt der Conspi-Virus wenig Futter. Das Fieber sinkt, der Wahn regelt sich auf Unauffälligkeits-Level herunter. Dass er gänzlich verschwindet, ist aber auch in der besten aller Welten nicht denkbar. Der Mensch müsste ein angstfreies Wesen werden. Soziale Verbesserungstheorien unterstellen natürlich, dass dies möglich ist. Ich folge da eher skeptischen Anthropologen und systemisch distanzierten Soziologen. In diesem Sinne:

      „Für mich ist es ein Zeichen von Urbanität, dass Menschen, die eng an einem Ort leben, sich auch in Ruhe lassen können. Das ist das Tolle an Urbanität. Ich gehe auf einen großen Platz mit vielen Menschen, und keiner will was von mir.“ So Armin Nassehi in einem Interview der Süddeutschen Zeitung vom 22. April dieses Jahrs. Ich habe daneben unseren Garten. Mit Zaun und Hecke. Und genug Abstand, um den Essigdunst nicht wahrzunehmen.

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