Die Uni aus der Ferne. Über Hürden telematischen Studierens

Video-Konferenz: Viele Einblicke in fremde Zimmer | Foto: Unsplash

Die sorgsame Glättung meiner Bettdecke auf dem Überzug, um unschönes Hervorlugen zu vermeiden, ein halbherziges Aufschütteln der Kissen und finales Drapieren sind Bestandteile meiner morgendlichen Routine geworden. Ein aufgewühltes Bett würde meinen Video-Background ruinieren.

Und nein, ich bin keine YouTuberin/Influencerin/TikTok-Bekanntheit, die ihre Follower abstimmen lässt, ob die kleine Plastikpflanze in dem roségoldfarbenen Töpfchen zum Interieur passt oder ein Stilbruch der verwerflichen Sorte ist. Ich bin vielmehr dazu gezwungen, so wie derzeit noch alle anderen StudentInnen, mein Studium von zu Hause aus zu managen. Und das seit gut sechs Wochen.

Akademische Verzögerungen

Am 20. April startete meine erste Videokonferenz 30 Minuten später als anberaumt und endetet 15 Minuten später als geplant. Anfängerprobleme, vor allem beim Lehrpersonal. Dass Internet-Verbindungen je nach Anbieter unterschiedlich stabil sind, Lernplattformen wie Moodle Überlastungsphänomene zeigen, wenn sich Zehntausende von Studierenden deutschlandweit gleichzeitig einloggen wollen, und Video-Konferenz-Systeme nicht in jedem Browser funktionieren, ist wohl Erfahrungssache.

In meinem ersten virtuellen Seminar lernte ich die Auswirkungen von Licht und Schatten von einer neuen Seite kennen. Das Gegenlicht im Zimmer ließ mich hell erstrahlen. Bis die nächste Konferenz (vielleicht) beginnen sollte, hatte ich eine Stunde Zeit. Also wurden Möbel gerückt, bis mein Schreibtisch eine Position einnahm, die mir keinen Heiligenschein verpassen würde. Nur eröffnet die Zimmeraufteilung bedauerlicherweise einen sehr weiten Kamerawinkel. KommilitonInnen und Lehrkräfte können seither meine Inneneinrichtung genauestens inspizieren: vom Wäschekorb (gut verschlossen?) über das Bücherregal (Titel leserlich?) bis zur intimeren Zone des Bettes.

Neben meinem frisch reanimierten Ordnungszwang habe ich durch den Technikeinsatz auch eine Steigerung meines Arbeitseifers beobachtet. An dieser Stelle ist es wohl nicht unwesentlich, mein Studienfach einordnen zu können. Meine Freunde denken, ich studiere „irgendwas mit Kunst“. Andere sagen „Kommunikationsdesign“, verstehen aber auch nicht mehr.

Vor jeder Sitzung, bei der ich natürlich nur – wie es das Klischee will – oben herum adäquat angekleidet bin, habe ich eine akribisch durchdachte Präsentation ausgearbeitet, die ich meinem Dozenten einen Tag im Voraus zuschicken muss. So gut vorbereitet war ich in den Präsenzveranstaltungen der Vor-Corona-Zeit selten. Dort konnte ich mich mehr auf mein Auftreten verlassen, zu dem neben der nicht durch Verbindungsstörungen leidenden Sprache auch Gestik und Körpereinsatz gehören. Verbale und visuelle Argumente für diese oder jene Gestaltungsidee lege ich mir nun genauer zurecht. Und Ausreden für mangelnde Vorbereitung zu finden, ist bei einem massiv eingeschränkten Sozialleben natürlich auch keine einfache Sache.

Ganz neue Aufmerksamkeitsverteilung

Im letzten Semester, als wir alle noch körperlich an einem Tisch saßen, war es kaum möglich, sich mental den Vorträgen zu entziehen. Jetzt aber an meinem Schreibtisch, kilometerweit von den anderen entfernt, fällt es mir schwer, mich auf die Präsentationen der anderen zu konzentrieren. Denn die finden nur auf einem Bildschirm statt. Ich und mein Projekt sind da viel präsenter. Also bleibe ich der Konferenz zugeschaltet, arbeite aber in einem anderen Fenster parallel weiter an meinen eigenen Dateien oder recherchiere. Was ich mit Maus und Tastatur anfange, sieht schließlich niemand.

Ein BWL-Freund nutzt die Situation der Live-Schaltung, um auf einem Bildschirm durch virtuelle Welten zu jagen und parallel auf seinem Laptop die stummgeschaltete Konferenz zu „verfolgen“. Amateure des neuen Multitasking ertappt man bei Konferenzen beim Blick nach unten, wo natürlich ins Smartphone getippt wird. Mein Tipp: Wer seinen liebsten Begleiter direkt vor dem Bildschirm auf einem Ständer deponiert, dessen Blickrichtung erweckt keinen Verdacht.

Die virtuelle Konferenz-Kompetenz der Lehrkräfte weist – wie zu erwarten – deutliche Unterschiede auf. Der eine zeigt in der ersten Liveschaltung sein kleines Konferenz-Studio, das er sich eigens für die aktuelle Lehrsituation zuhause eingerichtet hat. Er präsentiert gelassen, wie er zwischen mehreren Kameras wechseln und sein Bild vom Hintergrund freistellen kann. An diese Stelle passte rhetorisch ein extremes Gegenbeispiel von desolatem Medienumgang. Aber zu meinem (und unser aller) Glück verzweifeln die Dozenten höchstens an den Bild- und Tonstörungen, die auf schlechte Internetverbindungen zurückzuführen sind.

Mitleid habe ich mit jenen, die sich immer wieder erkundigen, ob ihre Schützlinge noch da sind, weil sie fürchten, nur ins Leere sprechen. Bei Konferenzen mit mehr als fünfzehn Leuten schalten wir schließlich Mikros und Kameras aus, um wenigstens Bild und Ton des Redners sauber empfangen zu können.

Bei derartigen Massen-Veranstaltungen handelt es sich an meiner Uni meist um Wissenschaft-Kurse. Der Normalfall in Vor-Corona-Zeiten sah so aus: Kaum einer erscheint zu den Veranstaltungen; wer doch präsent ist, hat sich nicht vorbereitet; am Ende wird eine Hausarbeit geschrieben. Dieses Semester dagegen gibt es zu den wöchentlichen Texten digitale Aufgabenblätter, die ausgefüllt und abgeschickt werden müssen. So kann man sich nicht vor einer genauen Lektüre drücken. Damit Lehrkräfte nicht mit allzu langen Texten zugeschüttet werden, kommen digitale Formulare zum Einsatz, die die Maximallänge eines Textes deckeln. Das trainiert klare Argumentation. . Ich muss zugeben, ein solcher Kurs ist mehr wert als ein paar Credit-Points. An anderen Unis der Region, wie Freunde berichten, wird eher noch mehr, aber nicht besser als sonst geschrieben. (Und ein Prof soll zugegeben haben, dass er alles über 20 Seiten mit einer 1 bewertet, auch ohne es ganz gelesen zu haben. Aber das dürfte weniger mit Corona als mit langwierigeren Problemen des Studienbetriebs zu schaffen haben.)

Mit mehr Zeit und weniger Geld klarkommen

In meinem Freundeskreis – zu gefühlten 99 Prozent Studierende – ist die finanzielle Sicherheit in Corona-Zeiten sehr unterschiedlich. Die einen haben wie ich das Glück, von Eltern unterstützt zu werden, die anderen jagen Stipendien hinterher oder achten mehr als sonst auf die Preisschilder im Supermarkt. Noch im Mai hatte eine Umfrage unter gut 15.000 Studierenden in Deutschland (studitemps.de) ergeben, dass gut die Hälfte unter finanziellen Einbußen leidet und darüber hinaus fürchtet, durch die schwierigen Studienbedingungen bei Prüfungen schlechtere Noten zu bekommen. Erst seit den Lockerungen in der Gastronomie können viele wieder aufatmen, da sie ihre Überlebens-Jobs als KellnerInnen zurückhaben.

Mein Nebenjob als Lokaljournalistin pausierte lange Wochen. Es finden halt kaum Veranstaltungen statt, über die ich berichten könnte. (Jetzt geht es langsam wieder los, mit exotischen Events, bei denen Musiker von Schlossfenstern aus performen. Kultur ist zwar bedroht, zeigt sich aber erfindungsreich.) Und da ich meine Kontakte jenseits von Social Media sehr eingeschränkt habe, ist die Extra-Zeit, die mir im Moment zur Verfügung steht, immens. Die Ersparnis, durch den nicht mehr anfallenden Weg zur Uni und zurück, habe ich genau berechnet: Ich habe ein Zeit-Plus von je 120 Minuten an drei Tagen, die ich dieses Semester zur Uni müsste. An 39 Tagen müsste ich im Sommer-Semester mit dem ÖPNV zur Uni. Das sind 78 Minuten oder umgerechnet 3,25 Tage. Und dazu kommen täglich eigentlich auch noch 45 Minuten zum Anziehen und Duschen, dann das Warten an der Bushaltestelle, weil ich den Bus auf keinen Fall verpassen möchte. Und eigentlich müsste ich auch noch die Pausen einrechnen, die ich einlege, nachdem ich von der Fahrt leicht angestrengt zuhause ankomme.

Darauf würde ich eigentlich ungern verzichten. Problematisch wird es bei mir nur gegen Ende des Corona-Semesters werden, wo ich meine Projekte eigentlich in den Werkstätten der Uni umsetzten würde. Ob das dieses Jahr möglich sein wird, ist noch unklar.

Falls ich in naher Zukunft wieder die Uni betreten kann, werde ich natürlich freudig in die Hallen des Wissens eilen und meine KommilitonInnen aus frisch trainierter Gewohnheit nicht in die Arme schließen. Aber sind Präsenzveranstaltungen auch bei Vorlesungen, die nur aus Frontalunterricht bestehen, wirklich notwendig? Für mich und eine wohl nicht repräsentative Gruppe an befreundeten Studierenden keinesfalls. Fern-Vorlesungen haben Vorteile; vor allem weil sie beliebig und wiederholt abrufbar sind. Natürlich ist es motivationsfördernd, einen Austausch in geregelten Abständen auch real in der Uni stattfinden zu lassen. Die aktuelle Situation könnte jedoch eine Chance sein, das Online-Modell mit dem Vor-Ort-Betrieb klug zu verbinden.

Global Learning nach Corona

Viele Universitäten aus aller Welt stellen schon lange die Vorlesungen von renommierten Lehrkräften ins Netz. Zertifikate sind dabei leider nur selten zu erwerben; hier wäre eine konsequente Globalisierung der Wissensvermittlung ein sinnvoller Schritt. Die amerikanischen Unis sind hier viel weiter. Sie bieten Alternativen zum klassischen Seminar an: sogenannte MOOCs. Das sind „Massive Open Online Courses“, also webbasierte Lehrveranstaltungen, die für alle offen und kostenlos sind. 2011 gründete die Stanford University „Udacity“, eine Online-Akademie, die aber derzeit noch vorwiegend Informatik-Kurse anbietet.

In Deutschland startete 2013 „Iversity“ (iversity.org) mit MOOCs. Die Online-Plattform arbeitete dafür mit einzelnen Lehrkräften wie mit Universitäten zusammen. Trotz großen Zuspruchs ging das Projekt 2016 pleite und wurde daraufhin von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck übernommen. Kurse sind weiterhin kostenlos, finanziert wird das Projekt über die Gebühren für Zertifikate. Immerhin werden für die meisten Kurse Punkte nach dem ECT-System vergeben, einem europaweit gültigen System zur Übertragung von Studienleistungen, das zunächst für Auslandsstudienaufenthalte geschaffen wurde. Zu hoffen ist, dass nach Corona mehr Unis mehr Veranstaltungen in einen nicht nur europäischen Online-Bildungspool einbringen.

Elena Wüllner
Elena Wüllner
Elena Wüllner studiert Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Seit dem zarten Alter von 16 Jahren schreibt sie für Lokalzeitungen ihrer Region, die sie auch mit Fotos beliefert.

1 Kommentar

  1. Danke, Elena, für diesen Erlebnisbericht ‘von der anderen Seite’. Ich selbst bin Fachhochschulprofessor mit Online-Schwerpunkt und musste mir trotz langjähriger Erfahrung mit digitalen Medien diese neue Welt der Videokonferenzen tatsächlich erst etwas mühsam erarbeiten.

    Es ist in der Tat etwas deprimierend, auf ZOOM nur oder überwiegend schwarze Rechtecke anzusprechen, wenn die Studierenden ihre Kameras abgeschaltet haben. Das ist eine psychologische Hürde, man kann sich zwar daran gewöhnen, aber es macht einfach weniger Spaß. Ich bitte die Teilnehmer*innen trotzdem nur bei der Verabschiedung oder wenn wir Gäste haben, ihre Kameras einzuschalten (und auch dann ohne Verpflichtung).

    Ich denke, man könnte zukünftig einen Kompromiss finden zwischen echter Präsenzlehre und digitaler Distanzvermittlung. Frage ist nur, ob unsere übereifrigen Hochschulverwaltungen uns das durchgehen lassen…

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