Warum Öffentlich-Rechtliche Medien?

Der Zauber einer alten Radioskala
(Foto: Maximilian Schönherr / Wikimedia Commons)

Frequently Asked Questions, abgekürzt: FAQ, sind ein seit den frühen Internettagen bewährtes Format der Wissensvermittlung. Gerade hat die Heinrich-Böll-Stiftung eine Broschüre des Mediensoziologen Volker Grassmuck herausgegeben, die verspricht, “Auskunft zu einigen häufig gestellten Fragen” über öffentlich-rechtliche Medien zu geben. Eine Leseempfehlung.


Wer mich kennt, weiß, dass ich ein hartnäckiger Anhänger des öffentlich-rechtlichen Mediensystems bin. Ich halte die Idee einer verfassungsmäßig garantierten, solidarfinanzierten Grundversorgung an Information, Kultur und Unterhaltung für eine große und überzeugende zivilisatorische Errungenschaft, die es gegen alle Anfechtungen von außen und innen zu verteidigen gilt.

Nach drei re:publica-Vorträgen, einem Forschungssemester und diversen Seminaren mit Bachelor- und Masterstudenten zu diesem Thema weiß ich inzwischen auch, dass es vor allem Unkenntnis ist, die dieser Einsicht immer wieder im Wege steht. Denn immer wieder gelingt es, auch Personen, die in den Dialog mit einer zunächst ablehnenden Haltung einsteigen, von den Vorteilen des öffentlich-rechtichen Systems zu überzeugen, wenn man sie nur hinreichend darüber informiert. Allerdings gehört zu dieser Lektion auch das Eingeständnis, dass das System in vielen Punkten dringend reformbedürftig ist, und dass es uns als Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes niemand abnehmen kann, diese Reformen einzufordern.

Einer der wesentlichen Weggefährten und Sparringspartner in solchen Diskussionen ist für mich immer der Mediensoziologe Volker Grassmuck gewesen. Wie kaum ein anderer kennt Grassmuck sich in dem Thema aus, er verbindet wissenschaftliche Gründlichkeit mit zivilgesellschaftlicher Leidenschaftlichkeit, ich habe unheimlich viel von ihm gelernt. Zusammen mit Hermann Rotermund leitete er zwischen 2012 und 2015 das Projekt “Grundversorgung 2.0” an der Leuphana Universität in Lüneburg und wird auch seither immer wieder als Experte zu Wort gebeten.

Nun hat die Heinrich-Böll-Stiftung eine gut 80seitige Broschüre herausgegeben, in der Grassmuck das öffentlich-rechtliche Mediensystem in Form eines an das Internetformat der “Frequently Asked Questions” angelehnten Kompendiums noch einmal grundlegend erklärt. Anders als die zuckersüßen Imagebroschüren der Sender oder die staubtrockenen Abhandlungen aus den meist juristisch geprägten medienpolitischen Expertendiskursen geht dieser Text von der zivilgesellschaftliche Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer aus und wahrt dabei eine Balance zwischen Sympathie und kritischer Distanz.

Wie immer bei Volker Grassmuck erfährt man viel auch über Geschichte, politische Motivation und kulturelle Bedeutung eines Systems, das darauf abzielt, einen wesentlichen Teil der Medien den Zugriffen sowohl des Staates als auch den Diktaten des Marktes zu entziehen. Immer wieder wird der Blick auch über die Grenzen hinaus geöffnet, Erfahrungen aus den USA werden ebenso angesprochen wie aktuelle Entwicklungen in europäische Nachbarländern. Dabei wird deutlich, dass das öffentlich-rechtliche Mediensystem starke Argumente auf seiner Seite hat, die sich auch wissenschaftlich belegen lassen, dass weder Staat noch Markt alleine einen vergleichbaren Beitrag zu einer informierten Öffentlichkeit hinbekommen würden. Ein sehr lesenswertes abschließendes Kapitel widmet sich der Frage, wie öffentlich-rechtliche Medien zu einer gesamteuropäischen Öffentlichkeit beitragen können.

Einzig die eingangs angesprochene Frage nach Reformansätzen und Innovationsstrategien kommt in dem Text aus meiner Sicht etwas zu kurz. Abgesehen von dem schon erwähnten Kapitel über die mögliche Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit und einem kürzeren Abschnitt über Mediatheken und den Umgang mit kommerziellen Plattformen werden konstruktive Kritiklinien (z.B. Verbesserungsbedarf bei der Medienaufsicht oder in der Programmplanung) ebenso wie auch Zukunftsperspektiven (z.B. Lektionen aus dem Erfolg des Content-Netzwerks funk) oder die schmerzhafte Frage nach der Innovationsfähigkeit der Häuser eher ausgespart. Es geht Grassmuck offensichtlich zunächst um das grundlegende Verständnis des bestehenden Systems und die Abwehr destruktiver Kritik.

Insgesamt ist die Broschüre dennoch eine immens hilfreiche Handreichung, deren Lektüre jedem dringend empfohlen sei, der sein eigenes Wissen auffrischen oder sich für die immer häufiger notwendigen Debatten mit den Gegnern von “Staatsfunk”, “Systemmedien” und “Zwangsgebühr” wappnen möchte. Nach der Lektüre sollten wir dann allerdings auch alle gemeinsam daran arbeiten, das öffentlich-rechtliche Mediensystem nicht nur zu schätzen, sondern auch konstruktiv-radikal voran zu bringen.

Volker Grassmuck: Öffentlich-Rechtliche Medien. Auskunft zu einigen häufig gestellten Fragen. Berlin 2020, Heinrich-Böll-Stiftung (pdf-Download)

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Lorenz Lorenz-Meyer
Lorenz Lorenz-Meyer ist seit 2004 Professor für Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt. Nach seiner philosophischen Promotion an der Uni Hamburg arbeitete er von 1996 bis 2001 als Onlineredakteur bei Spiegel Online und Zeit Online. Im Anschluss war er Internetberater für die Bundeszentrale für politische Bildung und die Deutsche Welle.

2 Kommentare

  1. Die Studie von Volker Grassmuck wie auch ihre Präsentation auf bruchstuecke.info sind wertvolle Beiträge, die helfen, zwischen destruktiver und konstruktiver Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu unterscheiden. Ich will hier nur unterstreichen, was beide Texte zwar ansprechen, aber – weil sie eine andere Aufgabenstellung haben – nicht so deutlich aussprechen: Gute Argumente in der Sache können nur der Anfang sein, denn die Auseinandersetzungen stehen in zwei Kontexten, die Sachargumenten viel von ihrer Wirksamkeit rauben.

    Öffentliche Kommunikation als Kontext eins: Journalismus ist nur ein Programm öffentlicher Kommunikation. Werbung, Public Relations (also Selbstdarstellung für die Augen der anderen) und Unterhaltung sind die anderen und ihr Anteil steigt und steigt. Journalismus als unabhängiges und aktuelles Angebot von (wichtigen und richtigen) Informationen hatte es nie leicht in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit, in der er sich mit den drei anderen Programmen befindet. Seit das Internet als Verbreitungsmedium hinzugekommen ist, gerät er noch stärker an den Rand einer Öffentlichkeit, die von Werbung, Selbstdarstellungen und Unterhaltung beherrscht wird. Es geht also darum, die Qualitäten einer demokratischen Öffentlichkeit zu retten, die es ohne Journalismus nicht geben kann.

    Privatisierung/ Kommerzialisierung als Kontext zwei: Alles, alles Materielle wie auch Immaterielle, käuflich zu machen, es zu bewirtschaften und in eine potentielle Geldquelle zu verwandeln – und das heißt immer auch, es dafür zuzurichten –, fällt unter die Megatrends der Gegenwartsgesellschaft. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist einer der wenigen verbliebenen Dornen in den Augen der Wirtschaftsreligiösen und deren hohen Priestern. Für diese Glaubensgemeinschaft zählen Sachargumente nicht, schon gar nicht solche, die in Bürgerinnen und Bürgern mehr sehen als kauffreudige Konsumenten und arbeitsfrohe, möglichst fleißige, flexible, billige Beschäftigte. Mündige, demokratische, vielleicht sogar solidarische Bürgerinnen und Bürger gelten in der Wirtschaftswunderwelt als potentielle Störenfriede.

    Soll heißen, das Engagement für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird in der Sache nicht erfolgreich bleiben, wenn es sich nicht auch in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung stark macht und bewährt.

    1. Lieber Hans-Jürgen,

      danke für diese Rückmeldung. In deiner Schlussfolgerung gebe ich dir natürlich recht.

      Zu deinem ersten Kontext melde ich jedoch milden Widerspruch an. Ich glaube, dass du dort mit einem zu engen Öffentlichkeitsbegriff arbeitest. Die ‘Programme öffentlicher Kommunikation’ umfassen nicht nur Journalismus, PR, Werbung und Unterhaltung. Schon deine Interpretation des PR-Begriffs als ‘Selbstdarstellung für die Augen anderer’ greift in meinen Augen zu kurz. PR umfasst neben dieser eher unidirektionalen Aufgabe (die zweifellos dazugehört) auch andere, eher dialogische Komponenten. Denke an den Kundendialog und -support, die Mitarbeiterkommunikation, die Pflege der Investorenbeziehungen. Das ist wesensgemäß natürlich alles interessengesteuerte Kommunikation und unterscheidet sich damit vom Journalismus, der idealerweise von keinen wirtschaftlichen Interessen beeinflusst sein sollte. Aber es ist eben auch nicht nur Selbstdarstellung, sondern basiert ganz wesentlich auf Interaktion.

      Darüber hinaus aber blendest du in meinen Augen einen großen Teil öffentlicher Kommunikation aus, der überhaupt nicht in dein oben genanntes Quartett (Journalismus, PR, Werbung und Unterhaltung) passt, und der gerade durch das Internet und die damit verbundenen Kommunikationswege und -plattformen potentiell eine Aufwertung erfahren hat. Ich meine den zivilgesellschaftlichen Diskurs, die öffentliche Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgern. In der Abgrenzung zur PR würde ich hier das Bild der Bürgerversammlung statt des Marktplatzes verwenden. Natürlich werden hier auch Interessen artikuliert, aber es sind nicht per se kommerzielle Interessen, und das Kommunikationsziel ist die Aushandlung des Gemeinwohls.

      Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht – auch mit seinen journalistischen Anteilen – mit einem Bein in dieser Sphäre, und es ist weniger die Schwäche des Journalismus, die dem öffentlich-rechtlichen Projekt im Moment zu schaffen macht, als eine Schwäche dieser zivilgesellschaftlichen Sphäre, sowie ein Disconnect der öffentlich-rechtlichen Medien mit ihren eigentlichen Eigentümern, den Bürgerinnen und Bürgern.

      Wie verträgt sich das nun mit meiner Behauptung oben, dass die zivilgesellschaftliche Sphäre durch das Internet eine potentielle Aufwertung erfahren hat? Im Grundsatz bietet das Netz der Zivilgesellschaft so viele Möglichkeiten der Kommunikation und Deliberation, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Nachbarschaftsforen, Blogs wie unseres, Wissensressourcen wie die Wikipedia und offene Bildungsangebote, Debattentools wie sie die großartige taiwanesische Cyberministerin Audrey Tang mit Erfolg in den öffentlichen Debatten seines Landes einsetzt, und vieles mehr.

      Und damit knüpfe ich in voller Zustimmung an den Appell im letzten Absatz deines Kommentars an: Genau auf dieser zivilgesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen Ebene müssen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken, indem wir ihn uns buchstäblich – als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes – wieder aneignen.

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