Vagabundenkongress in Berlin – Impressionen und Gespräche

1929, 1981, 2020: Fast hundert Jahre nach dem Original fand wieder ein Vagabundenkongress statt, dieses Mal vom 21. bis 23. August 2020 in Berlin. Organisiert hatte ihn „Unter Druck – Kultur von der Straße e.V.“. Laut eigenen Angaben handelt es sich hierbei um einen Verein für Wohnungslose und sozial ausgegrenzte Menschen, Menschen am Existenzminimum und Menschen, die sich mit ihren Ideen und Eigeninitiativen für ihre Belange selbst einsetzen. Der Verein hat eine eigene Theatergruppe, die dann auch beim Vagabundenkongress auftreten durfte. Doch eins nach dem anderen.

Foto: Maik Eimertenbrink

Gehen wir knappe hundert Jahre in der Geschichte zurück. Der „Internationale Vagabundenkongress 1929“ fand an Pfingsten, dem 21.–23. Mai 1929, in Stuttgart statt. Trotz Bemühungen von außen den Kongress zu unterbinden, nahmen damals circa 500 selbsternannte Vagabunden teil. Die damalige Idee kam von der „Künstlergruppe der Bruderschaft der Vagabunden“, bestehend aus den (Wander-)Malern Hans Tombrock (1895 – 1966), Hans Bönnighausen (1906 – 1988) und Gerhart Bettermann (1910 bis 1992). Alle drei Künstler sahen sich als Vagabunden und waren über längere Zeiträume auf Wanderschaft.

Zwei Jahre vor dem 1929er Vagabundenkongress, also bereits 1927, war die „Bruderschaft der Vagabunden“ entstanden. Als Schutzpatron wurde Till Eulenspiegel gefunden. Der Bruderschaft der Vagabunden gab Gregor Gog, Herausgeber von „Der Kunde“, ihren Namen. Die Bezeichnung „Kunde“ war die damalige Eigenbezeichnung der Vagabunden – heute würde man wohl sagen, der „Kunde“ war eine Straßenzeitung, vergleichbar mit der heutigen Motz in Berlin, Hinz und Kunzt in Hamburg oder BISS in München (auch wenn all diese Straßenzeitungen bezüglich ihrer redaktionellen Beiträge, Vertriebswege etc. Unterschiede aufweisen). Der 1929er Vagabundenkongress bot Redebeiträge zu Themen wie u. a. „Der Kampf um die Freiheit“, „Kapitalistische Gesellschaft und Kunde“, „Justiz und Kunde“ und „Der Kunde als revolutionärer Agitator“, also Themen der Selbstermächtigung.

Berber verstehen sich als nichtsesshafte Wohnungslose

1981 fand dann der Berberkongress in Stuttgart statt – über 50 Jahre nach dem Original. Stuttgarter Hoteliers, Gastronomen und Einzelhandel sahen dem Ereignis mit Argwohn entgegen, berichtete Der Spiegel: „Die Tagungsgäste wollten kein einziges Hotelzimmer buchen und keine geregelten Mahlzeiten einnehmen.“ Die Zeiten hatten sich im Vergleich zu 1929 geändert und auch die Selbstbezeichnungen. Aus „Vagabund“ und „Kunde“ wurde „Berber“. Berber verstehen sich als nicht sesshafte Wohnungslose, die nach Tagen oder Wochen an einem Ort weiterziehen. „Berber“ verdienen ihren Lebensunterhalt selbst oder versuchen z. B. beim Pastor, beim Fleischer oder beim Bäcker gezielt nachzufragen, ob sie etwas Lebensmittel oder auch Geld oder einen Platz zum Schlafen bekommen können. Berber war ursprünglich eine Sammelbezeichnung für bestimmte indigene Ethnien nordafrikanischer Länder. Diese lehnen den Begriff für sich aber ab und bezeichnen sich selbst lieber als „imazighen“, das arabische Wort für „Freie“.

Bei dem Berberkongress 1981 waren 5.000 Besucher angemeldet. Wie viele wirklich da waren, kann nicht angegeben werden. Angeblich waren weit weniger da, als erwartet. Und die, die da waren, waren eher Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, als Obdachlose selbst. So jedenfalls die Aussage von jemanden, der dabei war, und den ich auch beim Vagabundenkongress 2020 interviewen durfte.

Es wurde getanzt, geradelt, gemalt, gesungen – die Polizei war auch mal da

Auf dem Berliner Vagabundenkongress war ich am Samstag, 22. August, für ein paar Stunden am Nachmittag. „Spießer wirst Du hier nicht antreffen“, so die Aussage einer Professorin für Soziale Arbeit, die ich zufällig dort antraf. Es wurde getanzt, auf innovativen, möglicherweise selbstgebastelten Gerätschaften im Kreis geradelt, gemalt, gezeichnet, musikalisch improvisiert, gesungen, Protestschreiben wurden auch formuliert. Die Polizei war zwischendurch mal da, verschwand aber wieder, nachdem sie mit einem Vagabunden mit Matrosenmütze ausgiebig diskutierte.

Jemand drückte mir zwei Liedblätter zum Mitsingen in die Hand: das „Widerstandslied“ und „Heldenthema“. Es geht in diesen Liedern u. a. um Unbeugsame, die sich der Invasion der Investoren entgegenstellen (Heldenthema) und um ein Elixier, das stärker ist als Geld („Widerstandslied“).

Foto: Maik Eimertenbrink

Ich habe versucht ein paar Interviews zu führen mit den Vagabundierenden vor Ort. Wollte wissen, wie sie sich selbst sehen, z. B. als Berberin, als Vagabund oder als Nomade. Ich wollte wissen, warum sie ohne festen Wohnsitz unterwegs sind und ob es eine freiwillige und bewusste Entscheidung war. Ich habe gefragt, wie zufrieden sie mit ihrer Situation und ihrer Stellung in der Gesellschaft sind. Mich interessierte, welche positiven und negativen Erlebnisse sie hatten in ihrem vagabundierenden Leben und ob sie sich gesellschaftlich akzeptiert fühlen. Ich wollte wissen, wie man, ihrer Meinung nach, gegebenenfalls eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft erreichen kann.

Gossenkind, Heimkind, Gangmitglied

Insgesamt konnte ich vier Interviews hierzu führen. Im ersten Interview war viel von Gott die Rede. Das Gespräch ging um die Fragen, was man darf und was man muss. Gefragt danach, wie die Person sich selbst bezeichnen würde, kam „Gossenkind“, „Heimkind“, „Gangmitglied“ und „Knastbruder“ zur Antwort.

Mein zweiter Interviewpartner lebte in den 1990er Jahren in besetzten Häusern in Berlin. Man fand, so seine Aussage, immer irgendwo eine Bleibe. Wenn man mal mit anpackte, aufräumte, seine Fahrdienste anbot etc., durfte man schon mal ein Auto zum Einkauf benutzen, durfte mitessen und schlafen, wo Platz war. Mein Interviewpartner, nennen wir ihn Ulf, ist heute Ende 40. Er lebte auch schon mal für ein paar Wochen in Südspanien mit den Pferden, arbeitete dort in Kneipen, schlief da, wo es sich ergab. Sein Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben, mit Menschen, die friedlich zusammenleben, gern auf einem Wagenplatz. Ein Leben in einer Wohnung oder einem Haus kann er sich nur schwer vorstellen, es wird nicht von ihm angestrebt. Er hatte schon negative, aber auch immer wieder positive Erfahrungen auf der Straße. Er wurde einmal, an einem U-Bahnhof in Berlin, zusammengeschlagen und mit Messerstichen verletzt. Glücklicherweise wurde er sofort von einem vorbeifahrenden Taxifahrer verarztet. Zur Polizei oder ins Krankenhaus wollte er damals nicht.

Er sucht weiterhin nach einem Wagenplatz oder sonst einer Möglichkeit unterzukommen. Eine Wohnungslosenunterkunft mit Gemeinschaftsküche und –toiletten kann er sich nicht vorstellen. Auf die Frage, wie eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz für ein nicht sesshaftes Leben hergestellt werden könnte, antwortet er: „Die bedürftigen Menschen müssen befragt werden, ob sie in einem Tipi, in eine WG oder in einer Partnerschaft leben wollen. Die Sozialarbeiter sollen nur machen, was abgesprochen ist und keine Deals, wie Wohnungsvermittlungen machen, die gar nicht gewünscht von uns sind“.

Punk, Hausbesetzer und Zeckenprinz

Das dritte Gespräch führte ich mit, nennen wir ihn, Olaf. „Punk, Hausbesetzer und Zeckenprinz“, so lauten seine Selbstbezeichnungen. Er treibt sich hauptsächlich in Berlin rum, ist aber auch mal woanders. Er hat die Wohnungslosigkeit gewählt und möchte wohnungslos bleiben, solange er Single ist. Er lebte in Berlin-Erkner als Vater zweier Töchter. Eine Tochter starb, die andere Tochter zog nach Österreich. Seitdem lebte Olaf auf verschiedenen Wagenplätzen und in besetzten Häusern. Der schönste Wagenplatz, so Olaf, ist in Hannover.

Heute lebt er in „stiller Besetzung“, d. h. er hat eine Wohnung besetzt, aber hat kein Banner oder sonst etwas am Fenster hängen, um auf die Besetzung aufmerksam zu machen. In einer Miet- oder Eigentumswohnung zu leben, kann er sich nur bedingt vorstellen, nämlich dann, wenn er eine Partnerin hat. Am meisten an seiner Lebensweise stört ihn, dass immer mal wieder „Uniformen“ auftauchen, so wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Polizei und Ordnungsamt nennt. Sein Leben ist hart, aber macht Spaß, sagt er. Und er habe mehr geschafft als Silvio Meier. Zur Erinnerung, Silvio Meier (1965 bis 1992) war ein Aktivist der links-alternativen Szene in Berlin und Hausbesetzer. In Berlin-Kreuzberg wird seit 2016 der Silvio-Meier-Preis an Menschen, Vereine, Initiativen und Projekte vergeben, die sich in herausragender Weise gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung einsetzen.

… weil der Berber kein Schmarotzer ist

Das vierte und letzte Interview führte ich mit, nennen wir ihn Ralf. Er flüchtete aus der DDR in die BRD. Er ließ seine Frau und seine sechs Kinder zurück und begann in der BRD ein Leben als Arbeitnehmer bei der Bundesbahn im Schwarzwald. Als er die Anstellung und damit auch seine Unterkunft in einer bahneigenen Wohnung verlor, machte er sich auf, als Berber die Welt zu erkunden. Heute lebt Ralf wieder in einer Wohnung, aber zu den „Normalos“ gehöre er nicht, darauf besteht er. Ihm würde kein geordnetes Leben gefallen. Er hat jetzt zwar eine „Bude“ zum Schlafen, zu den Sesshaften zählt er sich trotzdem nicht. Er muss immer wieder „Sack und Pack“ nehmen und Raus gehen. Er setzt sich dann an die S-Bahn und wartet, was da kommt.

Er hat während seiner Zeit als Berber aber durchaus festgestellt, dass es ein verdammt hartes Leben ist. Die Kälte und der „Suff“, der niemals ausgehen durfte, machten ihm zu schaffen. Als er auf der Straße lebte, hatte er immer einen Knüppel in seiner „Penntüte“. Mit Penntüte meint er seinen Schlafsack. Im Bayern wurde er einmal mit einem Gewehr bedroht, wurde ausgeraubt. Um Großstädte, empfiehlt er, sollte man als Berber einen Bogen machen. Als positiv empfindet er die Lebens- und Arbeitserfahrung, die er als Berber gesammelt hat. Er hat immer wieder handwerklich in verschiedenen Betrieben gearbeitet, fast wie auf einer Gesellenwanderung, auf der Walz, nur ohne Zunft. Die Freiheit, das Draußen sein, das hat ihm gefallen. Als Berber wird man mehr oder weniger in Ruhe gelassen, sagt er, und das liege daran, weil der Berber kein „Schmarotzer“ ist. Wenn er sich „festgemacht“ hätte, dann hätte er auch Hilfe von den Ämtern haben können, aber das wollte er nicht. Er wollte immer weiterziehen. Irgendwann hat es ihm dann doch gereicht. Aber zehn Jahre seines Lebens hat er es ohne festen Wohnsitz ausgehalten.

Am Sonntag ging der Vagabundenkongress dann nach drei Tagen zu Ende. Wann und wo wird der nächste Vagabundenkongress stattfinden? Werden wieder fünfzig Jahre vergehen bis dahin?

Maik Eimertenbrink
Maik Eimertenbrink
Maik Eimertenbrink ist Dipl. Kommunikationswirt und arbeitet im Internationalen Anpassungslehrgang soziale Professionen (ApaLe) an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen. 2001 bis 2003 war er Mitglied beim Nachhaltigen Filmblick, 2008 gründete er zusammen mit Freunden den gemeinnützigen Verein Nachhaltigkeitsguerilla e. V. Er hat mit seinem Blog zahlreiche Preise gewonnen. Während seines Kommunikationsstudiums hat er sich auf Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation spezialisiert und war freiberuflich für Nachhaltigkeitsprojekte bei Werbeagenturen wie ‘Die goldenen Hirschen Berlin’ tätig.

3 Kommentare

  1. Gruss – “Gemeinde/Leidensgenoss” :
    Zur, Vertiefung/Richtigstellung, dies/es :
    a. Gossenjung/e, (-Erziehungs-) Heimkind, Gangmitglied, Knastbruder, Hausbesetzer : Gottesmensch – sind, Lebensstationen.
    Erst, durch die/meine “Eigenstaedige Gottesbeziehung” die, ich durch Lebensfuerst Jesus einging fand, ich/wurde, mir “Geistige Heima(r)t”, zuteil. Innere, Leere/Irrung waren/wurden, beendet – Freu! Freu/nd – Jesus, l(i)lebt!

    b. Zu, dem Muss/Darf soviel, berichtigt.
    MANN, (-Eigenverantwortung-) sein – ist :
    Ich, KANN ich, BIN.
    KIND, (-Fremdbestimmung-) sein – ist :
    Ich, MUSS ich, DARF.
    Wie, gesagt ueber und durch das Ursache-Wirkungs Prinzip kamm, ich zur KANN/BIN ERKENNTNIS zur, geistigen, Heima(r)t. Zum, Erwachsen/Frei, sein.
    Ist, mir wichtig das, nochmals zu erwaehnen den, Armut/Mord, Todschlag/Raubbau und wie auch, immer – Verteufelung/Ausgrenzung, fangen im Kopf an und, wohnt Unwissenden/r im, Herzen.
    Meine, erste Armutskonferenz war, fuer mich ein Highligth ein, Erfolgserlebnis mit, Gott/Gott Vater.

    c. Falls, Jemand unter Euch ist der, auch Gottglaeubig und Obdachlosigkeit/Verteufelung, Ausgrenzung innere, Leere/Armut erlebt/e hat solche/r, moege es mich doch bitte bzglch. Erfahrungsaustausch/Schriftwechsel ueber, Redaktion wissen, lassen – Danke!

    Gruss – Seit, mir Gott durch, lieb/st Jesus dem Seelentriester/Herzensheiler, befohlen. Bleibt, sauber, gesund – Ihr, selbst/autark.
    Gottesmensch/Menschenkind, B.W.

  2. Vielen Dank für den schönen Bericht vom VAGA 2020, an dem ich als Teil des Wiener Papiertheaterkollektivs Zunder auch teilgenommen habe.
    Eine kleine Anmerkung hab’ ich zu den imazighen: Die Bezeichnung stammt nicht aus dem Arabischen – dann wäre es auch keine Selbst-Bezeichnung – sondern aus dem Tamazight.

Hier kann kommentiert werden. Bitte beachten Sie dabei den folgenden Hinweis: Wir wünschen uns eine Diskussion, die kontrovers und radikal sein kann, aber dabei am Thema orientiert bleibt und zielführend (konstruktiv) ist. Im Sinne einer solchen konzentrierten Diskussion auf unserem Blog nehmen wir uns als Gastgeber die Freiheit, die Kommentare zunächst gegenzulesen und zu entscheiden, was auf dieser kleinen Bühne öffentlich erscheint.

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